Die zweite Tafel gliedert sich, etwas übersichtlicher als die erste, in zwei deutlich voneinander getrennte Zonen. Auf der linken Seite blickt man in zwei übereinander angeordnete Innenräume, rechts in eine weite Landschaft.
In der Szene links oben wird die Erzählung zunächst in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers, des mächtigen Gegenspielers Johann Friedrichs, fortgesetzt.
|
In einem palastartigen Raum sehen wir Kaiser Karl V., zu erkennen an der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, der drei schwarz gekleidete Herren empfängt. Das Anliegen dieser Gesandtschaft läßt sich aus dem Vergleich mit dem Holzschnitt erschließen, der im Feld 8 ebenfalls den Kaiser mit drei Gesandten zeigt. Aus der Bildunterschrift geht hervor, daß die Abordnung im Namen katholischer Fürsten über die Durchsetzung der Reformation in Kursachsen Klage führt.
![]() |
Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554,
Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 8) |
![]() |
In dem darunterliegenden Innenraum ist die Anwerbung von Söldnern dargestellt. Die Analogie zu Feld 10 des Holzschnittes ergibt sich unter anderem durch die pittoresken Trommler.
![]() |
Unbekannter Künstler:
Vorbereitung und Beginn des Schmalkaldischen Krieges, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 147 x
260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/13) (Detail) |
![]() |
In den Versen der Bildunterschrift heißt es, daß man »Kriegsleut annam umb ein sold«. Dieser Aspekt ist im Gemälde durch die Übergabe der Münze an einen Offizier oder Truppenführer hervorgehoben. Das gelb-schwarze Gewand des anwerbenden Offiziers zeigt die kursächsischen Farben und unterstreicht damit, daß hier die Vorbereitungen Johann Friedrichs für den Schmalkaldischen Krieg gemeint sind. Diese Vorgänge werden im Hintergrund von einem hinter einem Vorhang verborgenen Spitzel beobachtet.
Der Schmalkaldische Krieg brach im Spätsommer 1546 aus. Im rechten Teil des Bildes sind, in die Landschaft eingebettet, sechs verschiedene Phasen und Ereignisse dieses Krieges dargestellt, ohne daß jedoch die Komposition den chronologischen Ablauf des Geschehens berücksichtigt. Den Auftakt bildet das kaiserliche Lager am unteren Bildrand. Entsprechend zu Feld 12 des Bilderbogens, das das umfangreiche kaiserliche Kriegsaufgebot veranschaulicht, soll diese Szene den Eindruck erwecken, daß Johann Friedrich durch die Aggression des Kaisers in den Krieg verwickelt wurde. (Die den Schmalkaldischen Krieg auslösende Reichsachterklärung gegen Johann Friedrich und Philipp von Hessen wurde aufgrund der militärischen Aktion des Schmalkaldischen Bundes gegen Herzog Heinrich von Braunschweig ausgesprochen.) Im beigefügten Text des Bilderbogens wird jede Schuld Johann Friedrichs am Ausbruch des Krieges zurückgewiesen: »Hernach thet Er ein gegenweer / Wider den Keyser mit eim heer. / Darzu Er auch gezwungen wardt / Von seinen Pundtgenossen hart.«
![]() |
|
Unbekannter Künstler:
Vorbereitung und Beginn des Schmalkaldischen Krieges, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 147 x
260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/13) (Detail) |
![]() |
Chronologisch betrachtet, fährt die Schilderung fort mit einer Begebenheit, die im Holzschnitt nicht dargestellt ist. Über dem kaiserlichen Feldlager ist im Bildhintergrund die Einnahme der Ehrenberger Klause (bei Reutte in Tirol) durch den kursächsischen Hauptmann Sebastian Schärtlin festgehalten. Nachdem Karl V. am 20. Juli 1546 die Reichsacht gegen Johann Friedrich und Philipp von Hessen verhängt und damit den Krieg gegen sie eröffnet hatte, war der sächsische Kurfürst mit seinen Truppen nach Süddeutschland gezogen. Ziel war zunächst, die Vereinigung des kaiserlichen Heeres mit den Truppen aus Italien und den Niederlanden zu verhindern. Mit der Besetzung der strategisch wichtigen Grenzfestung in Tirol versuchte Schärtlin den Weg für die italienischen Hilfstruppen zu blockieren. Man erkennt die berühmte Befestigungsanlage an den landschaftlich prägnanten Felsen, die auch auf einem Kupferstich von Gabriel Bodenehr aus dem 18. Jahrhundert hervorstechen.
![]() |
Unbekannter Künstler:
Vorbereitung und Beginn des Schmalkaldischen Krieges, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 147 x
260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/13) (Detail) |
![]() |
Im chronologischen Ablauf folgt nun die Szene rechts im Vordergrund mit dem Überfall von böhmischen und ungarischen Soldaten auf die im Land verbliebenen sächsischen Bauern. Diese versuchen vergeblich, sich mit Dreschflegeln gegen die Angreifer zu wehren, die mit Schwertern in großer Brutalität gegen sie vorgehen. Es ist aufschlußreich, daß hier die wegen ihrer Grausamkeit besonders gefürchteten Böhmen und Husaren dargestellt sind, obgleich auch andere Abteilungen des kaiserlichen Heeres an dem Einfall in das kursächsische Territorium beteiligt waren. In der Form, wie hier der ungleiche Kampf zwischen Soldaten und Bauern geschildert ist (vgl. Feld 13 des Holzschnittes), wird zugleich Anklage gegen das unehrenhafte Vorgehen der Gegner Johann Friedrichs erhoben.
|
|
Dieser Angriff hinter dem Rücken des Kurfürsten, der mit seinem Heer noch in Süddeutschland stand, wurde von seinem Vetter Moritz (1521-1553) aus der albertinischen Linie der Wettiner, dem neuen Herrscher des Herzogtums Sachsen, angeführt. Dem Kaiser war es gelungen, den Protestanten Moritz an sich zu binden, indem er ihm die Schutzherrschaft von Magdeburg und Halberstadt versprach, was Moritz den Schimpfnamen »Judas von Meißen« eintrug. Der Überfall auf die Bauern brachte die Wende im Schmalkaldischen Krieg, weil der Kurfürst nun gezwungen war, zum Schutz seines Landes heimzukehren.
Das Anrücken der kurfürstlichen Truppen ist hinter der Kampfszene, abgegrenzt durch eine dunkle Hügellinie, gezeigt. In voller Rüstung führt Johann Friedrich, begleitet von Hakenbüchsenschützen, einen Reiterzug heran (vgl. Feld 14 des Holzschnittes).
![]() |
|
Zwei weitere Ereignisse dieses Rückzugs sind im Mittel- und Hintergrund zu sehen. Rechts in der Tiefe der Landschaft erkennt man eine große, dicht bebaute Stadt, die von einem Belagerungsring der kurfürstlichen Truppen umgeben ist. Die entsprechende Szene des Bilderbogens (Feld 15) macht deutlich, daß hier die Belagerung von Leipzig im Januar 1547 gemeint ist.
![]() |
Unbekannter Künstler:
Vorbereitung und Beginn des Schmalkaldischen Krieges, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 147 x
260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/13) (Detail) |
![]() |
Nicht zuletzt aus Rache, doch auch, um seine Truppen durch Beutezüge zu entschädigen, hatte Johann Friedrich bereits einen Teil des Landes seines Vetters Moritz erobert. Hatte er kleine Orte leicht einnehmen können, mußte er nun nach dreiwöchiger Belagerung Leipzigs erfolglos abziehen. Die Verse auf dem Holzschnitt merken an, daß Johann Friedrich dadurch den Spott seiner Gegner auf sich zog. Die ungesattelten Pferde, die rechts neben dem Zelt stehen, in dem der Kurfürst zu erkennen ist, sollen wohl andeuten, daß Johann Friedrich den Sturmangriff, der ihn vermutlich zum Sieg geführt hätte, nicht wagte.
Unterhalb des Zeltes treffen in einer Senke zwei Ritterheere aufeinander. Es handelt sich um die Schlacht gegen den Markgrafen Albrecht von Brandenburg, der sich dem Kurfürsten bei Rochlitz entgegenstellte (Feld 16 des Holzschnittes).
![]() |
|
Noch bevor er durch Moritz unterstützt werden konnte, überfiel Johann Friedrich ihn in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1547 und errang den Sieg in einer Reiterschlacht.
Das Anliegen der zweiten Tafel ist es somit zu zeigen, wie Johann Friedrich unschuldig in den Konflikt mit dem Kaiser verwickelt wurde. Der Kaiser und seine Verbündeten werden als Kriegstreiber mit unehrenhaftem Verhalten angeklagt, während der Kurfürst nur sein Schicksal auf sich genommen habe und sich mit wechselndem Kriegsglück gegen den übermächtigen Gegner zur Wehr setzen mußte.