Die dritte Tafel: Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs
Spiegelsymmetrisch zur zweiten Tafel ist die dritte Tafel wieder in eine Landschaftsdarstellung und zwei übereinander angeordnete Innenraumansichten gegliedert. Das zentrale Thema ist die Entscheidungsschlacht bei Mühlberg am 24. April 1547
Unmittelbar im Vordergrund ziehen kursächsische Reiter mit einem Troßwagen. Das Motiv ist Feld 17 des Holzschnittes entlehnt.
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Erst in diesem Zusammenhang erhält die figurenreiche Gruppe einen konkreten Sinn. Der Reiterzug steht für die Eroberungszüge, mit denen es Johann Friedrich gelang, seine Kriegskasse aufzufüllen. Damit wird zugleich eine strategische Schwäche des Kurfürsten angesprochen, denn die in Einzelunternehmungen gebundenen Truppen fehlten später im entscheidenden Moment.
Dahinter schließt sich die Darstellung der Schlacht bei Mühlberg mit der Gefangennahme Johann Friedrichs an, die von einer blutroten Sonne überstrahlt wird, deren flammender Strahlenkranz die Wolken in ein unwirkliches Licht taucht. Auch auf dem Holzschnitt (Feld 18) ist die Bedeutung des Ereignisses durch diese ungewöhnliche Erscheinung hervorgehoben.
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Der Ereignisbericht auf unserer Tafel konzentriert sich auf das Ende der Schlacht und die Gefangennahme des Kurfürsten und überspringt dabei das vorhergehende Geschehen. Nachdem Johann Friedrich nämlich vom Heranrücken des Gegners informiert worden war, hatte er den Rückzug über die Elbe angeordnet, da sein Heer in dieser Situation für eine Schlacht zu schwach war. Am Morgen des 24. April 1547 - der Kurfürst hatte sich nach der Predigt gerade zur Mahlzeit begeben - marschierte überraschend am gegenüberliegenden Elbufer das gesamte kaiserliche Heer auf. Noch einmal mußte Johann Friedrich den Befehl zum Rückzug geben; die Schiffsbrücke über die Elbe ließ er verbrennen, um das kaiserliche Heer am Überschreiten des Flusses zu hindern. Während der Abmarsch des kursächsischen Heeres über die Lochauer Heide nur schleppend voranging, konnten der Kaiser und seine Verbündeten die Elbe jedoch durch eine Furt überqueren und die Verfolgung aufnehmen.
Unsere Tafel setzt mit der Erzählung erst nach dem Übergang Karls über die Elbe ein. Wir sehen die spanische Reiterei unter der Führung Herzog Albas, die bereits die Verfolgung des kursächsischen Heeres in der Lochauer Heide aufgenommen hat. Den orientalisch anmutenden Reitern stellen sich nur wenige, schwer gerüstete Ritter entgegen, während eine größere Zahl nach links flieht. Auf dem Holzschnitt (Feld 18) ist dieses entscheidende Gefecht anders dargestellt: Ohne Rücksicht auf sein Leben kämpft Johann Friedrich hier an der Spitze seiner Reiterei.
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Unbekannter Künstler: Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
Die nächste Szene auf dem Gemälde zeigt bereits am rechten Bildrand die persönliche Kapitulation Johann Friedrichs, der bei diesem Kampf unterlag: Der geschlagene Kurfürst kniet im Wasser vor Thilo von Trotta und übergibt ihm als Zeichen der Niederlage seinen Ring.
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Tatsächlich erfolgte die Gefangennahme in der Lochauer Heide, nicht in der Elbe, wie das Gemälde vorgibt, und als Besiegter mußte Johann Friedrich sein Schwert und nicht seinen Ring abgeben. Hier folgt die Darstellung offensichtlich einer Überlieferung, die von dem Zeitgenossen Hans Sachs in einem Gedicht über den Schmalkaldischen Krieg festgehalten wurde:
"Da wert er sich, doch hart petrengt
Von seinen veinden ubermengt,
Wart er wunt in ein packen neben,
Wolt sich doch keim gefangen geben
Den eim Deutschen hern Thil von Drot.
Dem er zwen ring zu zeugnus pot."
(Hans Sachs, Spruch auf die Schlacht bei Mühlberg 1547)
Zwischen der Reiterschlacht und der Ringübergabe sehen wir dann, wie Johann Friedrich von Herzog Alba zum Kaiser geführt wird.
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Daran schließt die Szene in der Bildmitte an. Der gefangene Kurfürst sitzt in einem großen Zelt und spielt mit seinem spanischen Bewacher Schach. Ein Bote des Kaisers tritt ein und überreicht ihm einen Brief, der das Todesurteil enthält. Im Holzschnitt (Feld 19) ist nur die Übergabe dieses Briefes an Johann Friedrich dargestellt.
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Unbekannter Künstler:
Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz,
146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
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Mit der Erweiterung um die Schachspielszene wird im Gemälde eine verbreitete Anekdote aufgegriffen, nach der der Kurfürst ungerührt die Partie fortsetzte, als ihm die Nachricht überbracht wurde, daß er zum Tode verurteilt sei. Diese Episode, die Ausdruck seines Gleichmutes und Gottvertrauens sein sollte, ist auch auf dem Gemälde dargestellt, das Johann Friedrich selbst während der Gefangenschaft bei einem niederländischen Künstler in zwei Fassungen in Auftrag gab. Ein Bild erhielt sein spanischer Spielpartner, das andere schickte er an seine Familie.
Jan Cornelisz Vermeyen
(zugeschrieben): Johann Friedrich beim Schachspiel, nach 1548, Holz, 65 x 92 cm (Gotha,
Schloßmuseum, Inv.-Nr. 751/705) Johann Friedrich gab das Bild das ihn beim
Schachspiel mit seinem spanischen Bewacher zeigt, während seines Aufenthaltes als
Gefangener Karls V. in Brüssel selbst in Auftrag. |
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Rechts neben dem Zelt sehen wir Sibylle von Cleve, die kniend den Kaiser um Gnade für ihren Mann bittet. Sie hatte sich mit ihren Söhnen in das stark befestigte Wittenberg zurückgezogen, das der Belagerung des Kaisers aber nicht standhielt und am 19. Mai 1547 kapitulierte. Die Silhouette der Stadt ist gut an der Doppelturmfassade der Marienkirche mit dem charakteristischen Brückengang zu erkennen.
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| Unbekannter Künstler: Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
Obwohl sich zahlreiche Persönlichkeiten für die Freilassung Johann Friedrichs verwendeten (übrigens auch sein Hofmaler Lucas Cranach d. Ä.), blieb er Gefangener des Kaisers und mußte diesem zunächst nach Augsburg folgen. Hinter der Ansicht von Wittenberg ist ein spanischer Reiterzug zu erkennen, der den Wagen mit dem entmachteten Kurfürsten auf dem Weg in die Gefangenschaft begleitet (vgl. den Holzschnitt Feld 21).
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Unbekannter Künstler:
Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz,
146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
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Der großen Landschaft schließen sich rechts zwei Innenraumansichten an. Beide zeigen Szenen aus der fünfjährigen Gefangenschaft Johann Friedrichs, die ihn nach Augsburg, in die Niederlande und schließlich nach Innsbruck und Villach führte. Im oberen Raum, einer riesigen, durch schlanke Säulen gegliederten Halle, ist eine Audienz Johann Friedrichs bei Karl V. dargestellt. Der Kaiser, der von dem links neben ihm stehenden Minister Granvella beraten wird, folgt vom Thron aus den Ausführungen Johann Friedrichs. Etwas weiter vom Thron entfernt stehen zwei schwarz gekleidete, in einen Disput vertiefte Herren, bei denen es sich um Johann Friedrichs Kanzler Erasmus von Minckwitz und den Hofprediger Aurifaber handeln könnte, die ihm in die Gefangenschaft gefolgt waren. Im Sinne von Feld 24 des Holzschnittes läßt sich die dargestellte Disputation zwischen Kaiser und Kurfürst als Glaubensstreit interpretieren. Karl V. versuchte Johann Friedrich zur Annahme des Augsburger Interims zu bewegen. Mit diesem, vom Augsburger Reichstag 1548 verabschiedeten, vorrangig die katholische Position vertretenden Beschluß beabsichtigte der Kaiser selbst - unabhängig vom päpstlichen Konzil in Trient - die Lösung der Kirchenfrage herbeizuführen. Schon der Holzschnitt betont jedoch, daß Johann Friedrich »wolt nichts anders nemen an / Dan das mit der schrifft künd bestahn«.
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Unbekannter Künstler:
Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz,
146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
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Durch seine Standfestigkeit wurde er zum Vorbild für zahlreiche protestantische Fürsten, die ebenfalls die vom Kaiser geforderte Anerkennung des Interims ablehnten.
Im unteren Raum ist Johann Friedrich zweimal dargestellt. In der linken Szene hat er sich mit einer Gruppe von Spaniern, möglicherweise seinen Bewachern, auf eine lebhafte Debatte eingelassen. Tatsächlich weiß man, daß die Gespräche Johann Friedrichs während seiner Gefangenschaft auch bei Anhängern der katholischen Partei einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Rechts oben steht der Kurfürst zwischen zwei schwarz gekleideten Protestanten, von denen einer das Gewand eines Predigers trägt. Sie stehen stellvertretend für die protestantischen Geistlichen, die nach der Gefangennahme Johann Friedrichs aus ihren Ämtern in Kursachsen entfernt wurden und sich nun um Rat bittend an ihn wandten.
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| Unbekannter Künstler: Schlacht bei Mühlberg und Gefangenschaft Johann Friedrichs, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 260 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/16) (Detail) |
Die zentrale Aussage der dritten Tafel ist, daß Johann Friedrich sich trotz der katastrophalen Niederlage in der Schlacht bei Mühlberg nicht entmutigen ließ und auch in der Gefangenschaft den Forderungen des Kaisers nicht nachgab, sondern weiterhin für den Protestantismus kämpfte. Aufgrund dieser Festigkeit im Glauben wurde er schon von den Zeitgenossen als Märtyrer seines Glaubens verehrt.