Rundfunkansprache des Reichskanzlers vom 4. November 1932 zu den Reichstagswahlen
"Meine deutschen Landsleute, der Wahlkampf nähert sich
dem Ende. Da ist es Aufgabe des verantwortlichen Staatsmannes,
dem deutschen Volke noch einmal kurz ein klares Bild der Lage
und seiner Zukunft zu geben. Tiefste Trauer muß die Brust
jedes Patrioten erfüllen, wenn er die geistige Zerrissenheit
seines Volkes sieht, tiefste Trauer, wenn er sieht, wie Haß
und Verleumdung, Lüge und Ehrabschneidung tiefe Furchen durch
die deutsche Volksseele ziehen. Und das alles in einem Augenblicke,
wo nationale Sammlung höchstes Gebot patriotischer und wirtschaftlicher
Klugheit sein sollte. Um was geht der Streit? Er geht um die
Herstellung einer neuen Staatsführung, die uns aus dem Sumpf
der letzten Jahre heraus und der nationalen Wiedergeburt zuführen
soll, einer Staatsführung des Zusammenvvirkens eines arbeitsfähigen
Parlaments mit einer autoritären Regierung. Da ist es freilich
nicht verwunderlich, daß diese Parteibürokratie, die
bis heute geherrscht, sich aufbäumt und einen Kampf aller
gegen alle inszeniert. [...] Diese Parteibürokratie hat Deutschland
in zwei große Lager gespalten, auf der einen Seite die Marxisten
aller Schattierungen und auf der anderen Seite der Rest des deutschen
Bürgertums. Wie hatten wir seinerzeit den Kampfruf Hitlers
gegen den Marxismus und für die nationale Erneuerung begrüßt!
Wie hatten wir gehofft, daß er die der bolschewistischen
Lehre verfallene Arbeiterschaft der nationalen Sammlung zuführen
sollte! Indes, sein Einbruch in die Reihen der Roten Front ist
nur gering geblieben. Und das ist sicherlich nicht die Schuld
dieser Regierung, die ihm und seinen Propagandamethoden zum letzten
Wahlkampf und auch heute so freie Hand wie nur möglich gelassen
hat. Aber es ist nicht verwunderlich, daß Herr Hitler in
jenen Reihen keine Eroberungen macht, wenn er für die nationale
Sammlung die gleichen Methoden des Klassenkampfes, der Verleumdung
und Verhetzung anwendet, in denen jene ihm weit überlegen
sind. in der Tat, der gottesleugnerische Bolschewismus, der uns
um Religion, Familie und Eigenrecht der Persönlichkeit betrügen
will, um uns in die Zwangsjacke kollektivistischer Methoden zu
stecken, der ist der Tod unserer jahrtausende alten Kultur. Kein
Mittel kann scharf genug sein, die Lehre seiner falschen Propheten
in Deutschland mit Stumpf und Stil auszurotten. Und wir werden
auf dem Vorposten europäischer Kultur, auf den uns die Vorsehung
gestellt hat, unsere Pflicht als staatserhaltende Regierung restlos
erfüllen. Dieser grenzenlosen Verhetzung unserer Jugend,
dieser Aufreizung zum Klassenhaß, dieser Vorbereitung einer
proletarischen Weltrevolution werden wir alle geistigen und materiellen
Machtmittel des Staates gegenüberstellen. Darüber kann
nicht der geringste Zweifel sein. [...] Man kann nicht in fünf
Monaten sechs Millionen Arbeitslose von der Straße bringen,
die zerrütteten Finanzen ordnen, den aufgeblähten öffentlichen
Apparat zusammenschweißen, staats- und wirtschaftspolitische
Reformen durchfuhren, auf die das Volk seit Jahren wartet. Aber
überall ist der Anfang gemacht, die Resultate der Parteiherrschaft
zu beseitigen. In Preußen ist mit eiserner Hand zugegriffen,
um durch rigorose Sparsamkeit in der Verwaltung oben und unten
die unerträglichen Lasten zu senken. Für die Landwirtschaft
und die Gesundung des Binnenmarktes sind Milliarden aufgewendet.
Das gesamte Finanz- und Wirtschaftsprogramm ist ein Beweis eigener
Kraft, denn nicht um einen Pfennig sind unsere Auslandsschulden
vermehrt. Alldiese Arbeit soll gekrönt werden durch
die Reform der Verfassung, die wir mit den Ländern und den
Parlamenten durchzufahren hoffen. Diese Erneuerung muß
unser Ziel sein, wenn wir am 6. November wählen."
Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main