Vom Ende des Prager Frühlings

Vor 50 Jahren, in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 marschierten Truppen des „Warschauer Pakts“, genauer der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein. Was Anfang der 1960er Jahre auf vielfältigen Ebenen an Bemühungen um eine Reformierung und Liberalisierung des sozialistischen Systems begonnen hatte und in eine Neuausrichtung des Kommunismus münden sollte, kam damit zu einem Ende. Den Hoffnungen auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, den Alexander Dubček, der reformorientierte Erste Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der ČSSR, im April 1968 ausgerufen hatte, hatten die sozialistischen Bruderstaaten eine Absage erteilt. Auf den kurzen „Prager Frühling“ von ‘68 folgte der lange „Prager Herbst“ der sogenannten „Normalisierung“, der Wiederherstellung des Status quo ante.

Mit der Zurücknahme der Reformideen, die auf kulturellem Gebiet etwa eine stärkere Kontrolle der Produktionsabläufe und die Wiedereinführung staatlicher Zensur bedeuteten, kam auch eine der lebendigsten Erneuerungsbewegungen der europäischen Filmgeschichte der 1960er Jahre zum Erliegen. Filme von Věra Chytilová, Miloš Forman, Jiří Menzel, Evald Schorm, Karel Kachyňa, Vojtěch Jasný und vielen anderen hatten seit Ende der 1950er Jahre die Tschechoslowakische Neue Welle ausgelöst – eine Revitalisierung des Films, die nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, dafür umso experimentier- und risikofreudiger war: Realistik und Fantastik, Satire und Ironie, Alltagsgeschichten und historische Stoffe, Arbeit mit Laiendarstellern und Mut zur Improvisation. In handwerklicher Hinsicht den westlichen Neuen Wellen oft überlegen und getragen sowohl von einer neuen wie auch einer aufbruchsbegeisterten Generation älterer Regisseure, feierten die tschechoslowakischen Filme auf internationalen Festivals Erfolge. Mit dem Ende des Prager Frühlings wurde diese Welle liquidiert. Bereits produzierte Filme fielen dem Verbot anheim. Regisseure wie Evald Schorm und Věra Chytilová wurden jahrelang mit einem Arbeitsverbot belegt, andere wie Miloš Forman, Ivan Passer und Vojtěch Jasný emigrierten.

Anlässlich des 50. Jahrestags des Prager Frühlings präsentiert die Reihe Vom Ende des Prager Frühlings vor allem Filme, die in den letzten Jahren der Tschechoslowakischen Neuen Welle, in den Jahren 1966 bis 1969 entstanden sind. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten mit einem historischen oder historiografischen Interesse – sei es, indem sie sich der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung, der Shoah oder der stalinistischen Phase der Nachkriegszeit zuwenden. Ergänzend zeigen wir drei später nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstandene Filme, die nun ihrerseits auf den Prager Frühling und seine Nachgeschichte zurückblicken. Der 50. Jahrestag der Okkupation, der 21. August 2018, ist jedoch den historischen Dokumente vorbehalten, den einzigartigen filmischen Zeugnissen der Invasion und des Protests.

Eine Filmreihe in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum Berlin.