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Olympia in den 1960er,
70er
und 80er
Jahre
Andreas Michaelis
Die DDR und Olympia
Wer in den Annalen der Olympischen Spiele blättert, wird immer wieder auf drei Buchstaben stoßen, die in der Sportwelt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Respekt und Erstaunen, aber auch Mißtrauen auslösten: DDR. Die Deutsche Demokratische Republik mit ihren knapp 17 Millionen Einwohnern brachte über zwei Jahrzehnte sportliche Höchstleistungen hervor, die in keinem Verhältnis zur politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Bedeutung des Landes standen. Zwischen 1956 und 1988 gewannen Sportlerinnen und Sportler der DDR neben zahlreichen Welt- und Europameistertiteln nicht weniger als 578 olympische Medaillen, davon 203 Goldene (vgl. Seifert, Anhang). Auch wenn nach dem politischen Bankrott der DDR Enthüllungen über zweifelhafte Praktiken bei der Auswahl der Elitesportler, den Trainingsmethoden und vor allem der sportmedizinischen Betreuung viele Kehrseiten der Medaillen offenlegten, waren die Leistungen ihrer Sportlerinnen und Sportler bemerkenswert.
Das Verhältnis der DDR zu den Olympischen Spielen war von Anfang an durch politische Ambitionen der Staats- und Parteiführung geprägt. In kaum einem anderen Land waren Sport und Politik so eng verflochten wie in der DDR. Wurde der Leistungssport in den 50er und 60er Jahren noch als Bestandteil des Kampfes um internationale Anerkennung gesehen, so trat in den 70er und 80er Jahren das Bestreben in den Vordergrund, auf diesem Gebiet die absolute Weltspitze zu erringen.
Zunächst begann jedoch alles sehr bescheiden: Die erste Olympia-Teilnahme von DDR-Sportlern im Rahmen einer gesamtdeutschen Mannschaft -- bei den Winterspielen 1956 in Cortina d'Ampezzo -- brachte lediglich eine Bronzemedaille durch den Klingenthaler Skispringers Harry Glass. Bei den Sommerspielen in Melbourne 1956 stand mit dem Boxer Wolfgang Behrendt erstmals ein DDR-Sportler auf dem olympischen Siegerpodest ganz oben, was jedoch außerhalb der DDR kaum registriert wurde. Für die internationale Sportöffentlichkeit war Behrendt "Deutscher", in den Siegerlisten erschien "Deutschland" als Herkunftsland des Olympiasiegers. Dieser Umstand paßte den Polit- und Sportfunktionären der um politische Emanzipation ringenden DDR natürlich nicht ins Konzept. Sie unternahmen -- ermuntert und unterstützt von der Sowjetunion -- immer wieder neue Anläufe, um beim IOC die vollständige gleichberechtigte Anerkennung ihres NOK zu erreichen, was 1965 schließlich gelang (Krüger 1981, S. 1059). Bis dahin hatten DDR-Sportler bei Olympischen Spielen 53 Medaillen für "Deutschland" errungen.
Mit dem IOC-Beschluß von 1965 war die Zeit des endlosen Streitens der beiden deutschen NOK um die gemeinsamen Olympiamannschaften vorbei, die kraft- und nervenaufreibenden Ausscheidungskämpfe fielen weg. Ging das Bestreben der Sportverbände auf beiden Seiten bis dato hauptsächlich dahin, möglichst viele ihrer Aktiven und Funktionäre in die jeweilige Olympiadelegation zu bringen, so wurden 1968 in Grenoble erstmals aus ehemaligen "Teamkollegen" sportliche Rivalen, die lediglich noch eine gemeinsame Flagge -- Schwarz-Rot-Gold mit den Olympischen Ringen -- und eine gemeinsame neutrale Hymne verband.
Mit der vollen Anerkennung des NOK der DDR war auf sportlichem Gebiet ein Schritt vollzogen, der im politischen Bereich noch ausstand. Fast zwangsläufig fiel dem Hochleistungssport damit eine Vorreiterrolle im Kampf um die internationale Anerkennung der DDR zu. Der Begriff vom "Diplomaten im Trainingsanzug" wurde geboren; die Spitzensportler wurden -- ob sie wollten oder nicht -- zu Aushängeschildern des "Arbeiter-und-Bauern-Staates". In den 70er Jahren verhärtete sich auch der mehr politische denn sportliche Auftrag, die Sportler der Bundesrepublik als Hauptrivalen zu sehen. Der Kampf um die sportliche Vormachtstellung und der damit verbundene Druck waren eine entscheidende Triebfeder für den gewaltigen Aufschwung des Leistungssports in der DDR.
Nachdem die erstmals eigenständigen DDR-Olympioniken 1968 in Grenoble und Mexiko-Stadt insgesamt 30 Medaillen erkämpft hatten, rückten die bevorstehenden Spiele in München in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Im Herzen des politischen und sportlichen Hauptgegners sollte -- dann auch mit eigener Flagge und Hymne -- bewiesen werden, wer die deutsche Sportmacht Nummer 1 war. Mit einer generalstabsmäßigen Planung und einem gewaltigen finanziellen Aufwand wurde die Vorbereitung in Angriff genommen. Selbst das Politbüro des ZK der SED befaßte sich intensiv mit der Strategie und Taktik für das Ziel, in München 1972 die Bundesrepublik sportlich zu überflügeln. Es wurden 22 Sportarten (inklusive Wintersport) ausgewählt, in denen sich DDR-Athleten Chancen auf olympische Medaillen ausrechnen konnten (Seifert). Sie wurden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gefördert. Die Spartakiade-Bewegung wurde ausgebaut und perfektioniert, ein umfassendes System der Sichtung und Erfassung potentieller Olympiakader aufgebaut. An den Kinder- und Jugendsportschulen und an der bereits 1950 gegründeten Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig arbeiteten die effektivsten Trainer und Sportwissenschaftler an der Aufgabe, künftige Olympiasieger hervorzubringen. Dafür wurden die ausgewählten Sportler aus ihrem normalen Lern- oder Arbeitsprozeß herausgelöst. Es entstanden neue Sportstätten, die ausschließlich den Spitzensportlern vorbehalten waren und diesen optimale Trainingsbedingungen boten. Darüber hinaus wurden für die Besten spezielle Trainingslager im Ausland organisiert.
Diese Anstrengungen zahlten sich aus: Zu den Spielen der XX. Olympiade in München präsentierte die DDR eine bestens vorbereitete und hoch motivierte Olympiamannschaft. Die Athleten erfüllten alle in sie gesetzten Erwartungen. DDR-Sportlerinnen und Sportler standen 66mal auf dem Siegerpodest, und -- was den Funktionären und Politikern zu Hause noch wichtiger war -- 20mal erklang die Nationalhymne der DDR bei der Ehrung der Olympiasieger, ebensooft wurde die schwarz-rot-goldene Flagge mit dem Staatsemblem der DDR gehißt. Was jedoch nach Meinung von Politikern und Medien ein gewaltiger Schlag ins Gesicht des "Klassenfeindes" war, wurde in der bundesdeutschen Öffentlichkeit eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Das "Sportwunder DDR" konnte die überwiegend an anderen Werten orientierten Bundesbürger nicht in dem gewünschten Maße beeindrucken.
Trotzdem intensivierte die DDR die Förderung des Spitzensports und steigerte 1976 in Innsbruck und Montreal ihre Medaillenausbeute nochmals. Nach einer inoffiziellen Länderwertung, der von den Funktionären zunehmend Bedeutung beigemessen wurde, gelang es in Montreal sogar, die USA zu übertreffen. Daß diese Medaillenhascherei und Zahlenspielerei ganz und gar nicht im Sinne des Begründers der Olympischen Idee lag, störte wenig. Vielleicht träumte mancher DDR-Funktionär sogar davon, 1980 in Moskau auch noch die UdSSR zu überflügeln.
Zu den Spielen in Moskau traten die westlichen Hauptrivalen wegen des Krieges in Afghanistan nicht an, so daß die DDR ihre erneuten Erfolge nicht als "Sieg über das kapitalistische Gesellschaftssystem" feiern konnte. Vier Jahre später boykottierte die UdSSR mit der Mehrzahl der sozialistischen Länder die Spiele in Los Angeles. Wie eng in der DDR die Spitzensportler an die Partei und den Staat gebunden waren, bewiesen deren veröffentlichte Meinungsäußerungen. Obwohl durch die Politik um den Lohn jahrelangen harten Trainings gebracht, bekundeten sie durchweg Zustimmung für den Boykott der Olympischen Spiele in den USA (vgl. Ullrich 1986, S. 157 ff.).
So kam es erst in Seoul wieder zu einem olympischen Kräftemessen zwischen Ost und West. Als die DDR-Mannschaft am 17. September 1988 ins Stadion einzog, ahnte sicher niemand, daß dies ihr letzter olympischer Auftritt unter dem Banner mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz sein sollte. Ungeachtet aller Schwierigkeiten zu Hause, wo Stagnation und Krise schon fast sämtliche Bereiche des Lebens erfaßt hatten, schafften es die Sportlerinnen und Sportler der DDR in Seoul, die Medaillenausbeute von Montreal noch einmal zu übertreffen. Längst gab es jedoch auch im eigenen Land Stimmen, die die Widernatürlichkeit dieser Entwicklung erkannten und Defizite auf nahezu allen anderen gesellschaftlichen Gebieten dem Höhenflug des Leistungssports entgegenstellten.
Am 2. Oktober 1988 wehte zum letztenmal die DDR-Flagge an einem olympischen Siegermast. Die Selbstaufgabe der DDR als Staat und der Zusammenbruch der Sowjetunion beendeten auch auf dem Gebiet des Sports eine Ära, die vom Ost-West-Gegensatz geprägt war. Die Anzahl der Olympiasiege war eben kein Beweis für die "Überlegenheit des sozialistischen Systems".
Abb.1: Abzeichen der gemeinsamen deutschen Mannschaft zu den Olympischen Spielen in Rom 1960
Abb.2: Trainingsjacke der DDR-Mannschaft in München 1972 (von Wolfgang Nordwig)
Abb.3: Kopfbedeckung der offiziellen Olympiakleidung 1988 (mit Autogrammen)
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