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Rainer Rother

Der Olympia-Film 1936


Auch der Film war Teil der propagandistischen Selbstdarstellung während der Olympischen Spiele 1936. Das gilt vor allem für den Film über die Sommerspiele. Anders als "Die Jugend der Welt", Carl Junghans' Film über die Winterspiele, der als gut 30 Minuten dauernde Produktion bald nach dem Ereignis in die Kinos kam, sollten die Sommerspiele mit einem Film neuer Art gewürdigt werden. Für dieses Unterfangen gab es im Bereich des Sportfilms keinen Vorgänger, allenfalls die gleichermaßen von Leni Riefenstahl verantworteten Filme über die Reichsparteitage der NSDAP waren vom Umfang der Aufnahmen und dem Montagekonzept her vergleichbar. Die Übereinstimmung mit einer bereits an sich durchorganisierten und in wesentlichen Teilen inszenierten Veranstaltung war die Basis, auf der die Aufnahmen möglich wurden. So auch im "Olympia"-Film: Nicht den Bedingungen des Großereignisses, auch nicht seinen alltäglichen Seiten galt das Interesse der Filmemacherin. Schon in dieser Reduktion liegt die Anpassung an die Propaganda-Absicht. Die propagandistische Präsentation sollte zudem durch den Film fortgesetzt und in gewisser Hinsicht vollendet werden, wie die Produktionsumstände belegen.

In einer wiederum beispiellosen Gründlichkeit wurde die Arbeit bereits lange vor Beginn der Spiele aufgenommen: Im August 1935 erhielt Leni Riefenstahl den Auftrag zum Olympia-Film, im Oktober wurde der Vertrag geschlossen, im November die Olympiade-Film GmbH gegründet. Bis zum Beginn der Spiele waren in der Vorbereitungsphase die besten Kamerapositionen festgelegt worden, hatte es Tests mit verschiedenen Filmmaterialien gegeben und war ein Team verpflichtet worden, groß genug, um die zu erwartende Menge belichteten Filmmaterials zu ordnen.

Die eigentlichen Dreharbeiten begannen mit den in Griechenland aufgenommenen Szenen des Prologs, der eine mythisierende Szenerie zur Verbindung der neuzeitlichen mit den antiken Spielen bemüht. Die Betonung des schönen, kräftigen Körpers ist für die Darstellung der meisten Wettkämpfe verbindlich. Mit dem Eintreffen der Athleten wurden erste Bilder vom Training gedreht; etliche Szenen im Film zeigen dieses Material, allerdings ohne die Herkunft offenzulegen. Solche "Trainings-Szenen" wurden zum Beispiel beim Rudern eingesetzt, um die während der Wettkämpfe nicht möglichen nahen und dynamischen Einstellungen zu erhalten. Beim Marathonlauf zeigen einige Bilder die Füße der Laufenden aus einer vertikalen Perspektive; auch dies sind Trainingsaufnahmen. Der Olympia-Film ist nicht primär ein Report der Wettkämpfe -- sollte es auch von Beginn an nicht sein. Sogar einige nachträglich inszenierte bzw. nachgestellte Wettkampfentscheidungen erschienen daher unproblematisch. Entscheidend war, daß sich der Film zu einem "künstlerisch geformten" Gesamteindruck der Spiele verdichtete, die ausschließlich als "Fest der Schönheit" aufgefaßt waren. Insofern geht der Film über sein Ereignis weit hinaus: Er dokumentiert es nicht, sondern idealisiert es. Gerade diese Idealisierung machte ihn als Propagandavehikel tauglich.

Die verschiedenen Sportarten wurden, soweit es die Lichtverhältnisse und die Vorgaben der Kampfrichter erlaubten, umfassend dokumentiert. Am Ende waren 400.000 Meter Film belichtet -- mehr als 200 Stunden. In über einem Jahr Arbeit wurde der Film auf eine Länge von gut 4 Stunden gebracht, vertont und mit synchronisierten Geräuschen unterlegt. Am 20. April 1938 -- dem 49. Geburtstag Hitlers und in seiner Anwesenheit -- wurde der Film uraufgeführt. Die logistische Leistung, die hinter den Aufnahmen und der Postproduction stand, mußte sich nun dem Urteil stellen, ob die 1,5 Millionen Reichsmark, die der Film mindestens gekostet hatte, im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda gut angelegt waren. Die Premiere und die weiteren Vorstellungen in Deutschland gerieten zu enthusiastischen Feiern. Der Erfolg und die publizierte Zustimmung hätten größer nicht sein können.

Der Film tut sein Bestes, die Gemeinschaft zwischen Volk und Führer zu beschwören. Hitler wird fast ausschließlich in Zusammenhang mit deutschen Sportlern gezeigt. So dokumentierte Leni Riefenstahl seine Freude beim Sieg des Kugelstoßers Woellke. Mit Ausnahme der Staffelentscheidung bei den Frauen wird nie seine Reaktion auf eine Niederlage gezeigt. Das gilt auch für den Weitsprung, der vom Kommentar als "Zweikampf" zwischen Jesse Owens und Lutz Long dargestellt wird. Die spannungsreiche Abfolge immer neuer Bestleistungen, die beide Sportler abwechselnd in Führung gehen läßt, wird bis zu Longs letztem Sprung mit den Reaktionen Hitlers verbunden. Auf den Weltrekord von Owens, mit dem er den Wettbewerb gewann, folgen Aufnahmen der begeisterten ausländischen Zuschauer. Tatsächlich findet Riefenstahl nicht nur die Montage reizvoll, in der Hitler zum Inspirator des Erfolges von Woellke wird, sondern sie stellt auch Angehörige anderer Nationen heraus. Owens Erfolg leugnet sie nicht. Ihre Faszination scheint der Leistung des schönen Körpers zu gelten, auch ausländische Athleten erscheinen im Bild. Sprechend wird der Film vielmehr durch seinen nationalistischen Kommentar und die Präsentation Hitlers. Denn Riefenstahls Verehrung galt dem Führer, dessen Fürsprache den Film erst möglich gemacht hatte.

Der Olympia-Film sollte, wie schon die Olympischen Spiele selbst, auch im Ausland günstig auf das Bild Deutschlands wirken. Die nationalsozialistische Presse verzeichnete die ausländischen Reaktionen auf die Vorführungen aufmerksam; die fast überall positiven Kritiken ließen die Vorstellungen zu einem propagandistischen Erfolg werden. Die Anwesenheit von Regierungsmitgliedern und Honoratioren bei den Premieren im Ausland wurde gewürdigt, die verschiedenen Preise, die der Film und Leni Riefenstahl erhielten, verzeichnet. Daß in den deutschen und deutschfreundlichen Zeitungen diese Resonanz zugleich als Bestätigung des deutschen Regimes gewertet wurde, macht ein Bericht der Licht-Bild-Bühne über die Vorstellung des Olympia-Films in Paris deutlich: "Abend für Abend bis spät nach Mitternacht ist das riesige Filmtheater ausverkauft, und man muß sich einmal als stiller Beobachter unter die französischen Zuschauer mischen und die Urteile der unbekannten Kritiker belauschen, um zu verstehen, was dieses Werk für das deutsche Ansehen im Ausland bedeutet. Den hiesigen Emigranten hat der Erfolg die Sprache verschlagen, und das Hetzblättchen der Pariser Emigration hat angesichts des großen Triumphes bisher keine bessere Lösung gefunden, als das Ereignis einfach totzuschweigen. Daß die ganze Pariser Presse von links bis rechts, überwältigt von der Größe des Geschauten und der unerhörten Leistung der deutschen Filmschöpferin diesen im besten Sinne des Wortes nationalsozialistischen Film so verherrlichte, hatte man in diesen Kreisen nicht erwartet, und in die Enttäuschung der hiesigen Greuelmärchen-Fabrikanten mischt sich noch eine starke Wut über die Nutzlosigkeit einer nun fast fünfjährigen Hetzkampagne. Vor diesem Zeitdokument zerplatzt in der Tat gar manches Lügengespinst und viele Ausländer werden ihr Urteil über das Dritte Reich gründlich ändern" (Licht-Bild-Bühne, 7. Juli 1938).

Doch der Erfolg des Olympia-Films war durchaus nicht ungebrochen: Die deutsche Politik ließ 1938 immer deutlicher erkennen, wie wenig das im Film gezeigte Antlitz des "Neuen Deutschland" bedeutet. Als Mißerfolg der Propaganda ist zu verbuchen, daß der Film in England und in den USA nicht gezeigt wurde.

 

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