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    Alfred Rosenberg eröffnet eine Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek, 1934

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Philosophie im NS-Regime

Der intellektuelle Aderlass durch die Emigration linker oder jüdischer Philosophen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 schränkte das geistige Spektrum der deutschen Philosophie ein. Von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) wurde diese Entwicklung begrüßt. NS-Ideologen wie Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg zeigten ein gespaltenes Verhältnis zu den Geisteswissenschaften. Einerseits lehnten sie die akademische "Systemphilosophie" als "artfremd" ab und stellten ihr die "intuitive, ganzheitliche Weltanschauung" des Nationalsozialismus gegenüber, die Überzeugung und Tat verbinde. Andererseits versuchten sie die Philosophie für den nationalsozialistischen Staatsaufbau in die Pflicht zu nehmen. Dem "Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler" im März 1933 schlossen sich unter anderen so bekannte Philosophen wie Martin Heidegger, Hans Georg Gadamer (1900-2002), Erich Rothacker (1888-1965) und Arnold Gehlen (1904-1976) an. Der Kongress der Deutschen Philosophischen Gesellschaft (DPhG) im Oktober 1933 erfuhr durch ein Grußtelegramm Adolf Hitlers eine außergewöhnliche Beachtung. Die Teilnehmer selbst waren sich, nach den Worten ihres Vorsitzenden Felix Krüger (1874-1948), bewusst, einen Beitrag zur neuen Ordnung zu leisten. Selbst angesehene Zeitschriften wie die Kant-Studien veröffentlichten noch 1935 Ergebenheitsadressen.

Nach dem Austritt des Philosophen Alfred Baeumler (1887-1968), Amtsleiter Wissenschaft in der für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP zuständigen Kanzlei Rosenberg, aus der DPhG 1936 schwand das Interesse der Nationalsozialisten an der Philosophie. Gab es in der Weimarer Republik 56 Ordinariate für Philosophie an den Universitäten, so reduzierte sich die Zahl in der NS-Zeit auf 36. Bereits 1934 wandte sich Rosenberg in seinem Tagebuch gegen "philosophische Grundlagen der [nationalsozialistischen] Bewegung". Eine nationalsozialistische Philosophie hätte nur den Status seines "Mythus des 20. Jahrhunderts" geschmälert. Neben Hitlers "Mein Kampf" war dieses 1930 erschienene Werk eine ideologische Hauptschrift der Nationalsozialisten. In ihr vereinfachte Rosenberg Ansätze der Lebensphilosophie hin zu einer rassischen Lehre vom Blut, die Erkenntniskritik deformierte er zu einem platten Irrationalismus. Baeumler, der in den zwanziger Jahren noch Artikel für die Zeitschrift "Widerstand" des Nationalbolschewisten Ernst Niekisch geschrieben hatte, beschränkte seine Lehre auf die "soldatische Erziehung" der deutschen Jugend. Obwohl um 1940/41 an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin ein neuer Versuch unternommen wurde, die NS-Ideologie philosophisch zu systematisieren, konnte nicht von einer ernstzunehmenden nationalsozialistischen Philosophie gesprochen werden.

Anerkannte philosophische Größen, die sich von sich aus den NS-Ideologen anboten, hatten wenig Erfolg. Arnold Gehlen kündigte zwar 1935 an, eine "Philosophie des Nationalsozialismus" zu schreiben. Trotz einer steilen akademischen Karriere und aktiver Parteimitarbeit fand 1940 sein anthropologisches Hauptwerk "Der Mensch" keinen Anklang. Obwohl Gehlen am Schluss einen Kotau vor der Idee des "Zuchtbildes" von Rosenberg machte, lehnten die NS-Ideologen die Annahme einer allgemeinen Anthropologie vor jeder Rassenlehre ab. Die Ablehnung bewirkte einen verhaltenen Rückzug Gehlens, 1941 ließ er sich zum Wehrdienst einziehen. Auch der bereits in der Philosophie der 20er Jahre etablierte Martin Heidegger versuchte auf die NS-Ideologie Einfluss zu nehmen. Sein Programm einer neuen "Führeruniversität" scheiterte aber am Widerstand in der nationalsozialistischen Bildungsbürokratie. Meistens reagierten Goebbels und Rosenberg zurückhaltend, wenn nicht mit Repression, wenn ihre willkürliche Deutungshoheit von Philosophen beschränkt werden sollte. Auch geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus und einstige Weggefährten aus der Zeit der Weimarer Republik, wie Oswald Spengler oder Othmar Spann, konnten nach 1933 nicht reüssieren. Der Österreicher Spann kam nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 sogar in Gestapo-Haft und erblindete infolge der Folter.

Wolfgang Scheuermann-Peilicke, Arnulf Scriba
22. März 2002

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