Deutsches Historisches MuseumBoheme & Diktatur
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Landschaft mit Argonauten

Patchwork der Freiräume: Die intellektuelle Subkultur in Thüringen war geprägt von rebellischen Einzelgängern und autonomen Kunstoasen

»Im Gegensatz zu Berlin hatten wir in Thüringen noch diesen Heimatbegriff, eine ganz andere Sozialstruktur. Hier war es immer wichtig, sich wegzuschleichen zur Kunst - aus diesen öffentlichen Freundlichkeiten."(1) Gabriele Stötzer, prägende Kraft in der Erfurter Subkultur der 80er Jahre, deutet die spezielle Verlaufsform alternativer Lebensentwürfe in Thüringen an. Räumliche Enge und weitläufige Landschaft, kirchlich geprägter Gemeinschaftssinn und rebellisches Aufbegehren. Trotz historischer Prägungen - von der Weimarer Bauhaus-Boheme bis zur rebellischen Universitätstradition in Jena -wird Thüringen in der DDR nicht zum ausstrahlenden Zentrum kultureller Gegenwehr. Eher zu einem lockeren Patchwork verschiedenartiger Rückzugs- und Freiräume, belebt von unterschiedlichsten Naturellen, Typologien und Stilen.

Ein Grund für diese Marginalisierung liegt in der despotischen SED-Kulturpolitik, die Thüringen in den frühen DDR- Jahren zur devastierten Kunstprovinz, (2) macht. Die politisch motivierte Schließung renommierter Ausbildungszweige und Institute dünnt das Territorium bereits in den 50er Jahren entscheidend aus - die bis dahin akzentsetzende Weimarer Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst wird zur reinen Architekten-Kaderschmiede umprofiliert und das Deutsche Theaterinstitut-Institut zur methodischen Erneuerung des deutschen Theaters unter Maxim Vallentin in Weimar geschlossen. Ebenso werden die Erfurter Fachschule für Angewandte Kunst und die Thüringer Meisterschule für Handwerk und angewandte Kunst in Weimar liquidiert. Damit setzt ein Exodus kritischer Intelligenz ein, der die institutionellen Strukturen und künstlerischen Wertregulative zerstört, an denen alternative Kunst wachsen und sich hätte messen können. Ein zweiter Grund liegt in der DDR-Gebietsreform, die 1952 anstelle der historisch gewachsenen Länder eine Bezirksstruktur einführt. Sie nimmt den Thüringern das Land, jedoch nicht das gemeinsame Grundgefühl. Zwei kleine und eher unbedeutende Städte, Suhl und Gera, werden fortan mit hohem Ressourceneinsatz neben der Domstadt Erfurt zu führenden Verwaltungs- und Industriezentren ausgebaut.

Eine kulturelle Erfrischung bringt das nicht. Im Gegenteil: Das einstmals lebendige Weimar verkommt zunehmend zur verstaubten Museumskommune trotz einiger Gegenwehr von Studenten der verbliebenen Weimarer Hochschulen 1957/1958 und dann wieder zu Beginn der 70er Jahre. Das kulturelle Leben in Jena wird von Funktionären auf Kreisstadtniveau gedrosselt, was zu Fluchten ins Freie und zum sprichwörtlichen Eigensinn lokaler Matadore führt. Starke Individualitäten mit beachtlichem Raumgewinn wurzeln hier wie sonst nirgends im Land. Das Spektrum reicht dabei vom umstrittenen Dingelstedter » Kunstmüller« Karl-Walter Strozynski über den agilen Pfarrer Walter Schilling in Braunsdorf bis zum Altenburger Künstlersolitär Gerhard Altenbourg, der in seiner nobel gelebten Distanz zu den intellektuell minderbemittelten Kulturverwaltern für viele der Jüngeren zum verehrten Vorbild und Anreger wird. Karl-Walter Strozynski erkämpft sich als Kunstsammler, Mäzen und rhetorisch beschlagener Eigenbrötler einen wichtigen Freiraum. Seine Wassermühle, ein Familienbetrieb im katholischen Eichsfeld, wird zum Asyl für verpönte Maler und Grafiker. Er kauft sächsische und thüringische Kunst, beteiligt sich zugleich an inoffiziellen Pleinairs und Künstlertreffen. Strozynskis grafische Neujahrsgrüße werden zu bizarren Zeichen starrsinniger Selbstbehauptung. Nach der Wende steigt er kurzzeitig mit CDU-Mandat zum Worbiser Kreistagspräsidenten auf, bevor er wegen Stasi-Vorwürfen (3) seinen politischen Dienst quittiert.

Auch Walter Schilling hat gegen Repressionen zu kämpfen - er übernimmt 1955 eine kleine Pfarre in Braunsdorf bei Dittrichshütte, die schon bald als Keimzelle widerständigen Verhaltens fungiert. Dort etabliert Schilling ein kirchliches Rüstzeitheim, das in den 70er und 80er Jahren zu einem wahren Pilgerort für »Ratlose, Gestrauchelte, von der Gesellschaft mißverstandene und ausgestoßene Jugendliche« (4) wird, wie das MfS wutschnaubend vermerkt und den mutigen Pfarrer zum Operativvorgang »Spinne« erklärt. Trotz immenser Schikanen gegen seine Person führt Schilling seine Arbeit unverdrossen fort - er wird zur prägenden Figur der Offenen Arbeit in der Evangelischen Kirche, die zu Großveranstaltungen in Thüringen Ende der 70er Jahre mehrere Tausend Leute anzieht.

Zwei Beispiele individueller Landnahme, die für Thüringens Alternativmilieus typischer sind als die Inbesitznahme maroder Stadtbezirke wie etwa in Leipzig-Connewitz, Dresden-Neustadt oder am Ost-Berliner Prenzlauer Berg. »Anders als in den Großstädten«, berichtet der Weimarer Fotograf Claus Bach, »existierten kaum Querverbindungen -selten gab es Projekte, bei denen zusammengearbeitet wurde.« (5) Die sonst für die künstlerische Subszene der DDR auffällige genre- und grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Literaten, Musikern und bildenden Künstlern ist in Thüringen tatsächlich kaum zu finden. Überhaupt fällt die Dimension städtischer Aktionen eher bescheiden aus. Nur in Erfurt und Jena entsteht eine selbsttragende Szene, wie in den nachfolgenden Beiträgen zu besichtigen ist. Sie rekrutiert sich zum großen Teil aus künstlerischer und technischer Intelligenz, lokalen Autodidakten sowie der temporär wechselnden Studentenschaft. In der Zeiss-Stadt kommt es zu einer seltenen Allianz politisch aktiver und kulturell inspirierter Gruppen, die Jena vor allem in den 70er Jahren zu einem Zentrum der >Kulturopposition< macht. (6)

Daneben avanciert Thüringen zu einem Eldorado der Blues- und Folkszene, DDR-typische Ausläufer der Hippiebewegung, die bei Open-air-Konzerten in den thüringischen Burgruinen oder bei Festivals wie etwa dem Rudolstädter beachtlichen Zulauf finden. Mit Beginn der 80er Jahre schlagen Punkbands in Erfurt und Weimar härtere Saiten an -Gruppen wie die bereits 1980 gegründete Erfurter Band Schleimkeim und die Weimarer Band Der Rest schaffen es, als erste DDR-Punkbands ihre in Hinterhofstudios aufgenommenen Titel konspirativ im Westen auf Vinylpressen zu lassen. (7) Mitte der 80er Jahre meldet sich auch das fast eingeschlafene Weimar ins subkulturelle Leben zurück. Die einzige nennenswerte thüringische Untergrund-Zeitschrift entsteht 1988 - Reizwolf genannt und maßgeblich vom Fotografen Claus Bach bestimmt. Bands wie Timur und sein Trupp (8) ironisieren das überlieferte Pathos der zahnlos gewordenen Staatsideologie. Inoffizielle Privatgalerien wie die von Conny und Udo Dietrich gegründete Galerie Schwamm (9) in einer Wohnung in der Karl-Liebknecht-Straße ziehen nach. Späte Sumpfblüten, die bereits als Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels zu verstehen sind.

 


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