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German Historical Museum
 
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REIHE "POLITISCHE IKONOGRAPHIE"/
Zur Eröffnung des neuen Ausstellungshauses
 

Idee Europa - Entwürfe zum "Ewigen Frieden"

Idee Europa -
Entwürfe zum "Ewigen Frieden"

Ordnungen und Utopien für die Gestaltung Europas
von der pax romana zur Europäischen Union

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums
Kuratorin: Dr. Marie-Louise von Plessen

 

Marie-Louise von Plessen

Die Ausstellung folgt der Gestaltung eines Vereinten Europa zu Kriegs- und Friedenszeiten, die die Veränderungen der Topographie Europas über 2000 Jahre bis in die Gegenwart geprägt haben. Aus Erstschriften zitiert, werden jene Vorstellungen im historischen Kontext vom antiken ‚Raub der Europa' bis zur aktuellen Aufgabe der Realisierung der Europaunion eingefügt. Leitlinie der Konzeption ist die mit der Europavision eng verknüpfte Friedensidee, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur politischen Einheit Europas führt.
Unter dem Protektorat der Europäischen Kommission und des Europarats präsentiert die Ausstellung in originalen Schriftquellen mit Zitaten der Fürsprecher von Einigung und Einheit Entwürfe und Visionen für eine neue Ordnung der europäischen Staatenwelt: als Konvent oder Konzil, als Zivilisationsprojekt, als Bundesstaat oder Staatenbund. Die Chronik der Zeugnisse zeigt die Ideale der Utopie, die ihrer Gegenwart vorauseilten, im Kontrast mit Konflikten, überliefert von erstrangigen Künstlern und Zeitzeugen in allegorischen und realistischen Bildwerken der Klage und Beschwörung, der Hoffnung und Verzweiflung. Sie verdeutlicht, dass die Bedrohung durch äußere Feinde und die Prägung außereuropäischer Feindbilder die europäische Identität wie die Dramatik der Integration und nach den Katastrophen zweier Weltkriege den Prozess der Einigung bedingten.

Die Idee einer europäischen Union ist nicht im 20. Jahrhundert geboren. Das Ideal einer Gemeinschaft ohne Krieg verknüpfte christliche Versöhnungs- und Einigungsideen; Kriege und nationalstaatliche Konflikte waren Bedingung für die Annäherung der Völker und, angesichts massenwirksamer Vernichtungswaffen, Voraussetzung für die europäische Einigung. In Krieg und Frieden hat die‚ Idee Europa' Hochzeiten und Niederungen, Verräter, Fürsprecher, Vorkämpfer und Handlungsagenten gefunden: Missions- und Kreuzzüge, Unabhängigkeits- und Erbfolgekriege, dynastische Dualismen und territoriale Spaltungen, das europäische Mächtekonzert oder

 

der napoleonische Hegemonialanspruch der Grande Armée, die Friedensschlüsse in Versailles von 1871 und 1919, Hitlers Propagandafeldzug für das ‚Neue Europa'; Blockbildung und Westbindung im Kalten Krieg; das Europa der Gemeinschaften und de Gaulle's 'Europa der Vaterländer' sind im ‚Europäischen Haus' verwirklichte Geschichte geworden.

Die Ausstellung zeigt die Konfliktfelder von Friedens-perspektiven und deren Scheitern: Der Wunsch nach Stärkung des inneren Friedens für äußere Sicherheit, der Beschränkung

von Waffengewalt und Abrüstung vereint politische und diplomatische Konzepte quer durch die Nationen, da ‚Friede' trotz geltender Verträge immer neu erfunden werden musste.

Der Ausstellungsweg führt mit dem Kompass der Schriftzeugnisse von Eireine, der ersten Friedensgöttin der Griechen, flankiert von der friedensbringenden Siegesgöttin Victoria und ihrer römischen Partnerin ‚Italia' vom Ara Pacis Bogen des Friedenstempels, den Kaiser Augustus im Jahre 13 n. Chr. auf das Marsfeld setzen ließ, in die Gegenwart von Maastricht und Nizza. Der Gang durch die europäische Geschichte orientiert sich an Leitmotiven, die wie Wirbelkörper die Leitlinie der Zeitachse im epochalen Schnitt gliedern.

Es sind Ansichten des Kontinents Europa, allegorische Darstellungen der Heldin und ihres Mythos von der Antike bis in die Gegenwart; Kriegs- und Friedensallegorien und historische Ereignisbilder, Beurkundung und festliche Begehung wesentlicher Friedensschlüsse; illuminierte und bebilderte Handschriften und Holzschnitte; originale Autografen und Erstschriften von Leittexten der Friedens- und Versöhnungsideen vom 14. bis in das 20. Jahrhundert, seit dem Ersten Weltkrieg in Ablösung der Schriftquellen Originalreden als Film- und Tondokumente sowie für die jüngste Gegenwart Europadebatten als Video.

Den Weg durch das Raumbild Europa begleiten Kernzitate der Primärquellen zum Europagedanken seit seiner Ersterwähnung im sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Wie ein Röntgenbild spiegeln sie

Krisen und Konfliktherde ihrer Zeit. Resigniert konstatiert Erasmus angesichts der Türkenkriege und wechselnder Allianzen, den Islam zu besiegen : "Wenn die Christen Glieder an einem Leibe sind, warum freut sich da nicht jeder am Glück des anderen ? " Jener wiederholten ‚Klage Europas' geht die Ausstellung in Bild, Kunstwerk und Wort als Genesis des Europagedankens nach. Seine Friedensschrift, die Erasmus 1515 als Rat Herzog Karls von Burgund verfasste, reflektiert über die Tugend des Krieges, welche die Sicherheit der europäischen Staaten gefährde und deren eigennützige Interessen fördere, sie richtet über die Türken und die territoriale Ordnungspolitik der christlichen Fürsten, die ,Despoten gleich, den Erdkreis aus fadenscheinigen Rechtstiteln 'mit Krieg überziehen'. 'Querela pacis' ist ein leidenschaftlicher Appell für den Frieden, gerichtet an die Könige Frankreichs und Spaniens. Der Wunsch nach Einigung ist die europäische Dimension.

Neben der Eröffnungsausstellung in Berlin plant das Deutsche Historische Museum eine Wanderversion mit Reproduktionen, die für Schulzwecke und als allgemeine Information zur Geschichte der Europaidee in Städten der Europaunion und anderswo gezeigt werden kann. Auf diese Weise wird die Reiseversion der Ausstellung selbst eine Topographie der Erinnerungsorte beschreiben.

Die Ausstellung gliedert sich in neun Abschnitte

 

 

 

1. Mappae mundi: Oriens - Occidens

Das antike Europa: von der Geographie zur Geschichte
Die Geographen der Antike entdeckten zunächst Europa in Abgrenzung von Asien. Herodot stellte sich im 6. Jahrhundert v.Chr. die Frage, warum ihr Name einem Territorium verliehen wurde: "Am merkwürdigsten ist, daß die Tyranerin Europa asiatischer Geburt war und niemals auf dieses Land gekommen ist, das die Griechen jetzt Europa nennen" Der erste Begriff von Europa bezeichnete die Ausdehnung eines nach Norden hin unbekannten Territoriums jenseits des mare nostrum, des Mittelmeers. Die Griechen gaben dem von den "Säulen des Herkules", der Meerenge von Gibraltar, bis zum Schwarzen Meer bekannten Kontinent den Namen der von Zeus in Stiergestalt den Phöniziern geraubten Prinzessin.

 

 

 

 

2. Kontinent des Glaubens
Orbis christianus: Europa als Heimat der Christenheit

Die mittelalterliche Kartographie spiegelt mit der Weltsicht ihrer Interpreten zugleich die Ordnung dieses Kontinents. Nach der biblischen Überlieferung der Völkertafel in Genesis 10 entstand Europa als dritter der Kontinente, die Stammvater Noah unter seinen Söhnen aufteilte: Sem erhielt Asien, Ham Afrika, Japhet Europa. Im 9. und 10. Jahrhundert verkommt ‚Europa' zu einem geografischen Begriff. Die äußere Bedrohung des Kontinents durch Mongolen und Türken bewirkt das Wiederaufleben der Idee im Kampf der nach Einheit und Frieden strebenden Christenheit. Die Kreuzzüge zur Befreiung der heiligen Stätten von islamischer Herrschaft ergreifen als erste geschichtliche Bewegung ganz Europa

im Geist des vom Hl. Augustinus propagierten "gerechten Krieges" gemäss Papst Urban II. Aufruf zum Kreuzzug 1095: "Kein Christ streite mehr wider den anderen, damit das Christentum selbst nicht untergehe, sondern verbreitet und gefördert werde. Es höre auf Mord und Feindschaft und Bedrückung".

 

 

 

 

3. Souveränität und Ordnung der Welt
Protestantismus, Religions- und Türkenkriege in der ‚res publica christiana'

Nach den Kreuzzügen gegen den Islam sind es nun Häretiker und Türken, die die Europäer im Kampf um Kultur und Religion einen. Als Forum der Nationen um die Wahrung des Friedens vermitteln Kirchenkonzilien in Kontroversen und Konflikten. Das Basler Konzil von 1431-57, das unter dem Humanisten Aeneas Silvius Piccolomini die Friedensstiftung der Völker Europas erstrebte, antwortet 1453 auf die türkische Eroberung von Konstantinopel. Als Papst Pius II. ruft Piccolomini im Oktober 1454 auf dem Reichstag zu Frankfurt für eine europäische Armee gegen die Türken auf: "Jetzt aber wurden wir in Europa, also in unserem Vaterland, in unserem eigenen Haus, an unserem eigenen Wohnsitz aufs schwerste getroffen". Die Unionsvision des Böhmenkönigs Georg von Podiebrad von einem "Fürstenbund der Christenheit gegen die Türken" (1464) als Staatenbund mit nationalem Votum gründet auf dem Europa der entstehenden Nationen, der Eintracht wahren und innerem Zerfall wehren soll. Die in konfessionellen Spaltungen und Glaubenskriegen

vollzogene Säkularisierung entthront das einheitsstiftende Gebot der Christenheit: Mit der lutherischen Reformation siegt die Autarkie der modernen Staatsidee über die Perspektive einer Einigung durch die Religion.

 

 

 

 

4. Gleichgewicht und Konzert der Nationen
Europa in der Neuen Welt

Als Mächte der neuentdeckten Kontinente schaffen Portugal, Spanien, die Niederlande und England für den Handel mit Luxusgütern neue geopolitische Allianzen. Machtpolitik wird zum bestimmenden Faktor europäischer Spaltungen. Nach der Devise des ‚Ius in bello' heißt Wahrung des Friedens jetzt auch Erhaltung des Gleichgewichts der Kräfte, das immer wieder durch Kriege justiert werden muss. Auf die Religionskriege des 15. und 16. Jahrhunderts folgen Kriege um Unabhängigkeit und Erbfolge nach der Vereinheitlichung der Territorien durch die Landesherren, die ihre Souveränität auf "göttliches Recht" begründen und die einigungsstiftende Christenheit als souveräne Gemeinschaft leugnen. Friedensschriften haben Konjunktur. Der französische Mönch Emeric Lacroix (Crucé) fasst die Utopie der Versöhnung 1623 zusammen: "Wir können uns leicht die Bequemlichkeit und den Vorteil vorstellen, mit dem Reisepaß eines beliebigen Landes durch die Staaten Europas zu reisen, wobei dieser Paß durch die Liga des Friedensstaates legitimiert wird". Nicht mehr der Papst noch der Kaiser garantieren den Frieden, sondern die souveränen Staaten selbst nach dem Grundsatz "cuius regio eius religio". Als "Grand dessin d'Henri IV", auf das sich Winston Churchill 1948 in seiner Eröffnungsrede am 7. Mai 1948 zum ersten Kongress für die Einheit Europas in Den Haag beruft, präsentiert der Staatsminister Heinrichs IV. Graf von Sully 1641 zur Befriedung Europas die "République très chrétienne", derzufolge die Deutschen sich nach der Rekonstitution des Reichs Karls des Grossen einigen sollen, um sodann ihr Reich in 15 "Dominationsgebiete" aufzuteilen: Eine protestantische Fürstenallianz soll die Vormacht Habsburgs abwenden. Nach Sullys Vorbild stellt auch Abbé de St. Pierre 1728 seine Schrift zum Ewigen Frieden unter den versöhnlichen Schutz Henri IV.: Alle 18 europäischen Souveraine sollten zur Friedenssicherung und ewigem Handel einen Unionsvertrag schließen. Kants Schrift "Zum Ewigen Frieden" von 1795 folgt dem Utrechter Vorbild von 1713 für einen dauerhaften Friedenskongress.

 


 

 

 

 

5. Manifest Europas
Französische Revolution und Nationalitätenprinzip

Nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1776 gilt im revolutionsfreundlichen Europa das Selbstbestimmungsrecht der Völker für zukünftige Staatsrechtsverträge. So schreibt George Washington an General La Fayette: "Je suis citoyen de la grande République de l'humanité. Je vois le genre humain uni comme une grande famille par des liens fraternels. Nous avons jeté une sémence de liberté et d'union qui germera peu à peu dans toute la terre. Un jour, sur le modèle des Etats-Unis d'Amérique se constitueront les Etats/Unis d'Europe. Les Etats-Unis seront le législateur de toutes les nationalités". (Ich bin Bürger der großen Menschheitsrepublik. Ich sehe die Menschen in einer großen Familie durch brüderliche Bande vereint. Wir haben ein Korn der Freiheit und Einheit gesät, das nach und nach auf der ganzen Erde keimen wird. Eines Tages werden sich nach dem Modell

der Vereinigten Staaten von Amerika die Vereinigten Staaten von Europa bilden. Die Vereinigten Staaten werden der Gesetzgeber aller Nationalitäten sein). Das auf der Solidargemeinschaft des Volkes beruhende Nationalitätenprinzip leitet eine neue Epoche ein.
Das Europa der Nationalstaaten strebt nach der Freiheit seiner Völker, die Menschenrechte bedrohen das Recht der Souveräne. Napoleon, als Vollstrecker der Revolution "Kaiser der Volkssouveränität", ist für den österreichischen Staatskanzler Fürst Metternich 1809 der "Souverain de l'Europe", ein "Charlemagne du Jacobisme", der die Seelen der Völker für das Nationalgefühl ausnutzt. Der Wiener Kongreß und die Heilige Allianz der Souveräne, die sich nach dem Gesetz der Heiligen Dreieinigkeit auf die wahre Herrschaft Gottes beruft, schafft den Frieden ‚für Europa' durch Neuordnung der Territorien, aber gegen das Prinzip der Volkssouveränität und für die restaurative Ordnung der Legitimität. Metternichs restaurative Politik der Konferenzen und Konventionen zugunsten der Stabilität wahrt während vierzig Jahren zumindest den äußeren Frieden in Europa.

 

 

 

6. Vom Europa der Utopien zum Europa der Nationen
Jenseits der Romantik: Das Europäische Konzert und seine Allianzen

Nach dem Völkerfrühling von 1830 werben militante Pazifisten für die bürgerliche Emanzipation der Menschenrechte und Grundrechte: Im Exil in Marseille ruft Giuseppe Mazzini 1843 mit dem Manifest ‚Giovane Europa' für das 'Comité révolutionnaire européenne' zur Gründung einer europäischen "Föderation der Republiken" ohne supranationale Institutionen auf. Der Apostel der italienischen Einheit in der Republik entwirft darin einen Bruderschaftsvertrag zwischen den Völkern für die Stammzellen des 'Jungen Italien, des Jungen Polen und des Jungen Deutschland' im Schweizer Exil. Victor Hugo spricht 1850 als erster von den "Etats Unis de l'Europe, se tendant la main par dessus des mers" (Den Vereinigten Staaten von Europa, die sich über die Meere hinweg die Hand reichen). 1847 verkündet er auf dem von Mazzini in Paris organisierten Friedenskongreß und wird dafür ausgelacht: "Un jour

viendra ou, vous France, vous Russie, vous Italie, vous Angleterre, vous Allemagne, vous toutes nations du continent, sans perdre vos qualités distinctes et votre glorieuse individualité, vous vous fondrez dans une unité supérieure et vous constituerez la fraternité européenne (...) Un jour viendra ou les boulets et les bombes seront remplacées par les votes, par le suffrage universel des peuples, par le vulnérable arbitrage d'un grand Sénat souverain qui sera à l'Europe ce que le Parlement est à l'Angleterre, ce que la Diète est à l'Allemagne, ce que l'Assemblée législative est à la France". (Ein Tag wird kommen, wo Ihr Frankreich, Ihr Russland, Ihr Italien, Ihr England, Ihr Deutschland, all ihr Nationen des Kontinents, ohne Eure jeweiligen Unterschiede und Eure ruhmreiche Individualität zu verlieren, Euch einer höhere Einheit einordnen und die europäische Brüderschaft begründen werdet (...) Ein Tag wird kommen, wo das universelle Wahlrecht der Völker Kugeln und Bomben durch Wahlzettel in der gewissenhaften Vermittlung eines großen souveränen Senats ersetzen wird, der für Europa das sein wird, was für England das Parlament, für Deutschland der Reichstag, die gesetzgebende Versammlung für Frankreich ist.). Zur Verhinderung einer Wiederbelebung der heiligen Allianz der Monarchien entwirft der Sozialist Proudhon 1863 ein Konzept der Föderation von Föderationen. Sein Schüler Charles Lemonnier gründet 1867 die "Ligue de la Paix et de la Liberté", für die Garibaldi und Victor Hugo auftreten. 1872 begründet Lemonnier ein Journal mit dem Titel "Les Etats-Unis d'Europe", aus deren Impulsen 1898 auf Initiative Zar Nikolaus II. unmittelbar nach dem Russisch-türkischen Krieg die erste Haager Friedenskonferenz hervorgeht. Auf den Wogen des Internationalen Sozialismus und Kommunismus erfasst die Friedensbewegung Europa. Doch das uneinige Konzert der Großmächte und die Blutbäder der Nationalkriege haben den Europagedanken nach 1870 zerstört.

 

 

 

 

7. Volksbund und Paneuropa-Idee
Vom Mächtekonzert zur Blockbildung

Das Scheitern der Bündnispolitik als Rückversicherung für Frieden und Machterhalt im Wettrüsten eskaliert im Ersten Weltkrieg: "In ganz Europa gehen die Lichter aus", so der britische Aussenminister Sir Edward Grey. Romain Rolland bezeichnete im September 1914 den Krieg als 'Verbrechen gegen Europa'. In der Tat waren die Bemühungen um Frieden, Versöhnung und Abrüstung zerrüttet. Präsident Wilson's 14 Punkte Programm reagiert auf Lenins Friedensschrift zur Propagierung des bolschewistischen Sieges von 1917. Wilsons Vorschläge begründen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker die Idee eines Völkerbundes mit Garantien politischer Unabhängigkeit und territorialer Integrität. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges und den territorialen Neugliederungen des Versailler Vertrages fragte Paul Valéry: "Wird Europa zu dem werden, was es eigentlich ist, nämlich ein kleines Vorgebirge des asiatischen Kontinents? Oder wird es bleiben, was es scheint, nämlich der edelste Teil des Universums, die Perle der Welt, das Hirn eines großen Körpers?" (1924) Mit einem transnationalen Netzwerk für den Frieden gründet Graf Coudenhove-Calergi 1923 die Paneuropa-Bewegung mit Sitz im Wiener Kaiserpalais.
1929 gewinnt er den französischen Außenminister Aristide Briand für den Vorsitz. Dessen Plädoyer ‚Dans la voie de la paix' (Auf dem Weg zum Frieden) für den Aufbau einer supranationalen europäischen Föderation findet jedoch vor dem Völkerbund in Genf kein Gehör.
Mit einem antibolschewistischen Kreuzzug im Namen des "Neuen Europa" zerrüttet der deutsche Faschismus derart idealistische Einigungsideen in dem Bestreben, den Kontinent der germanophilen Hegemonie des Dritten Reiches zu unterwerfen. Goebbels' Apparat entfaltet zur 'Beseitigung der Schmach von Versailles' die europaweit Frieden verheißende " Neue Ordnung " und propagierte seit Sommer 1941 den " Aufbruch Gesamteuropas gegen den Bolschewismus ", der sich als Kreuzzug mit " Hitler als Heerführer für die gemeinsame Kultur " gerierte. Hitler gestattete die Verwendung des vielsagenden Begriffs erst, nachdem er Europa rassisch als erweitertes " Germanisches Reich Deutscher Nation " definiert hatte: " Europa ist kein geographischer sondern ein blutsmäßig bedingter Begriff ", die wirkliche Grenze zwischen Asien und Europa die, " die die germanische von der slawischen Welt trennt ", weshalb es " unsere Pflicht ist, sie dahin zu legen, wo wir sie haben wollen ".
Die Nachkriegspläne der Widerstandsbewegungen entwerfen einen anderen ‚Europäischen Kreuzzug gegen den Nazismus' und suchen den demokratischen Wiederaufbau Europas mittels Selbstverwaltung der Länder und Regionen gegen den Totalitätsanspruch der Nationalstaaten zu erreichen. Für die Rekonstruktion Europas propagiert Winston Churchill bereits 1943 die Einrichtung eines europäischen Rates.

 

 

 

 

 

8. Baustelle Europa
Von der Europäischen Gemeinschaft zur europäischen Union

Das Ende des Zweiten Weltkrieges forciert zur Vermeidung neuer Vernichtungsschläge die Perspektive eines Friedensprozesses. Zunächst jedoch vollzieht sich mit der Blockbildung des Eisernen Vorhangs die Spaltung Europas im Kalten Krieg. Churchill wiederholt in seiner Zürcher Rede am 19.9.1946 die Einrichtung eines europäischen Rats zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa als Voraussetzung für den Wiederaufbau und reflektiert über die Westverschiebung Deutschlands als Konsequenz von Jalta. De facto teilten die Alliierten den alten Kontinent in Einflussphären unter sich und restituierten das alte Nationalstaatssystem.
Mit der Idee der 'Generalstände von Europa' tagt ein erster Europa-Kongreß 1947 in Montreux unter Vorsitz von Paul Henri Spaak, de Gasperis, Churchill und Léon Blum sowie dem französischen Außenminister Robert Schuman. 1948 folgt die Gründung des Europarats in Den Haag. Die erste Sitzung findet 1949 in Strassburg mit 12, später mit 16 Nationenvertretern statt. Der Dollarsegen des Marshallplans fördert mit dem European Recovery Program zeitgleich den moralischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau in sechs Nationen, die zu Kernländern der künftigen Europäischen Gemeinschaft werden.
Am 18. April 1951 schufen Jean Monnet und Robert Schuman mit Italien, Benelux, Frankreich und der jungen Bundesrepublik in der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, dem nucleus der EWG und EURATOM, einen Rahmen für Rüstungskontrolle und Interessensausgleich im Kontext der europäischen Integration. Zwischen EVG, NATO und Warschauer Pakt leistet das Konzept der strategischen Abrüstung im Gleichgewicht des Schreckens einen gewaltigen Beitrag zur Vermeidung von Krieg in Europa und vermittelt der Gemeinschaft der Europäer zugleich transnationale Werte. 1967 fusionieren Euratom, EWG und die Montanunion zur Europäischen Gemeinschaft.
Dieser und der letzte Ausstellungsteil präsentiert mit originalen Tondokumenten und Dokumentarfilmbildern die Stationen vom Mouvement Européen von 1947 bis in die Gegenwart.

 

 

 

9. Vereintes Europa
Idee Europa als Staatenföderation

Die Europapolitik der seit 1989/90 nach Osten erweiterten Staatengemeinschaft müht sich um nationalen Ausgleich der inneren Verfassung des alten Kontinents in einer global agierenden Welt. ,Wird das Reizwort ‚Föderation', dessen kulturhistorische Wurzeln bis zu Pierre Dubois' Staatenbund der zu einigenden Christenheit' von 1306 weisen, in der Debatte um die Verfassung der EU eine für alle Nationen befriedigende Form finden? Jürgen Habermas konstatiert in seiner Hamburg Lecture vom 26. Juni 2001: Warum braucht Europa eine Verfassung ?: " Im Verlaufe von schmerzhaften und oft schicksalhaften Verstrickungen hat Europa gelernt, mit der Konkurrenz zwischen geistlichen und säkulären Mächten, mit der Spaltung zwischen Glauben und Wissen, mit dem endemischen Streit der Konfessionen, am Ende auch mit der Feindschaft und Rivalität zwischen kriegslüsternen Nationalstaaten fertig zu werden. Das ist uns dadurch gelungen, dass wir die Konflikte nicht etwa aufgelöst, sondern durch Ritualisierung auf Dauer gestellt und zur Quelle von innovativen Ideen gemacht haben. "

Der derzeit gültige Kompass der Europäischen Einigung heißt Integration. Die jüngste Konstellation der globalen Staatenwelt bietet neue Chancen für den Aufbau kooperativer Sicherheitsstrukturen innerhalb existenter Grenzen. Der Kontinent Europa erweitert sich.

 


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