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Die Bundesrepublik
im Kalten Krieg
(von Wolfgang Benz)

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Reise in den Westen
   

Vorder- und Rückseite eines Flugblattes, 1953Im März 1946 reiste ein jüngerer Historiker, Privatdozent für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Leipzig, nach München, um sich an der dortigen Universität, die ihm ein Angebot gemacht hatte, umzusehen. Der Gelehrte aus der Ostzone hielt sich zwei Wochen lang in München auf, er sah sich nicht nur in den Hörsälen gründlich um, er traf sich auch mit Politikern - Amerikanern und Deutschen - und verglich die Verhältnisse in München und Leipzig.

Nach seiner Rückkehr verfaßte er einen ausführlichen Reisebericht, dessen Adressaten man freilich nur vermuten kann. Wahrscheinlich war die Ausarbeitung für Jakob Kaiser bestimmt, den Vorsitzenden der CDU in Berlin und der Sowjetischen Besatzungszone. Die Denkschrift ist aber auch in den Akten der amerikanischen Militärregierung für Deutschland in den National Archives in Washington zu finden. Der Verfasser gehörte seit ihrer Gründung der CDU in Leipzig an, baute dann die dortige Hochschulgruppe der Partei auf und übernahm etwas später das Hochschulreferat in der Ostzonen-CDU. Er war also keineswegs Kommunist, er kam aus einer bürgerlichen Theologen- und Juristenfamilie, war in der Jugendbewegung engagiert gewesen und hatte dem Nationalsozialismus sehr ablehnend gegenübergestanden.

            

Der Verfasser des Reiseberichts war über die politische Rückständigkeit, mit der er sich in München konfrontiert sah, recht bestürzt. Der CDU-Mann aus Leipzig fand das politische Klima in München charakterisiert durch ein "fragwürdiges bürgerliches Selbstbewußtsein", durch die "Neigung zur Illusion", durch das Nichterkennen der wesentlichen politischen Fragestellungen der deutschen "Gesamtsituation". Da sich die Münchner Verhältnisse keineswegs von der politischen Stimmungslage in anderen Teilen der US-Zone unterschieden, lohnt es sich durchaus, bei der Quintessenz der Erfahrungen des Interzonenreisenden vom März 1946 noch einen Augenblick zu verweilen:

"Die erregendste Erfahrung meiner Reise deutete ich anfangs schon einmal an: die Zonen entwickeln sich mit gefährlicher Schnelligkeit auseinander. Es wird offensichtlich immer schwieriger, sich von den westlichen Zonen aus ein klares Bild von der Entwicklung der östlichen zu machen. Und umgekehrt gilt dasselbe. Die Vorstellungen von der russischen Zone, auf die man jenseits der Zonengrenze trifft, sind oftmals grotesk. Hier macht sich geltend, daß das Bild weithin bestimmt wird durch die Berichte derer, die als enteignete Grundbesitzer, von Verhaftung bedrohte Stabsoffiziere oder als sonstige Leidtragende der sozialen Umwälzung, die sich hier auf kaltem Wege abspielt, emigriert sind und nun in dem Bestreben, ihre Emigration vor sich und anderen zu rechtfertigen, ihrem sehr verständlichen Ressentiment freien Lauf lassen. Andererseits macht sich bei vielen, die mit der Entwicklung der Dinge in der amerikanischen Zone unzufrieden sind, die Neigung bemerkbar, den Weg der russischen Zone in verklärtem Licht zu sehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich da so eine Art Mythos von der russischen Zone gebildet hat. Dieser Neigung liegt einmal die in allen Zonen verbreitete und psychologisch so verständliche Meinung zugrunde, daß die Misere des eigenen Lebens eine Angelegenheit der Zone sei, in der man lebt, und daß man nur in die andere überwechseln müsse, um sich von ihr zu befreien - wobei man stillschweigend die jeweilige Besatzungsmacht für Verhältnisse verantwortlich macht, für die zunächst nicht diese, sondern der unglückliche Kriegsausgang verantwortlich ist. Zum anderen spielt wohl bei der relativ optimistischen Beurteilung unserer Zone, wie ich sie gerade bei einsichtigen und politisch modern denkenden Leuten öfters gefunden habe, das Mißvergnügen an der politischen Rückständigkeit der Amerikaner mit und das Unbehagen über soviel Illusionismus und Verschrobenheit, wie sie sich im Schatten dieser Rückständigkeit breitmachen könne. Man spürt ganz einfach, was sich auch mir während meiner Reise immer wieder bestätigt hat, daß man in der russischen Zone der Realität unendlich viel näher ist als in Bayern (wo man ihr allerdings ferner sein mag als in irgendeinem anderen Teil Deutschlands)."

(Wortlaut des Berichts bei Hermann Graml - Zur Frage der Demokratiebereitschaft des deutschen Bürgertums nach dem Ende der NS-Herrschaft. Hermann Maus Bericht über eine Reise nach München im März 1946 in: Miscellanea. Festschrift für Helmut Krausnick, hg. von Wolfgang Benz u. a., Stuttgart 1980, S. 162f)

                      

Die Münchner Eindrücke bestärkten den Reisenden in der Gewißheit, in der Sowjetischen Besatzungszone in dem Teil Deutschlands zu leben, der den anderen Zonen in der demokratischen Entwicklung um einig Schritte voraus war. Er sah die heimischen Zustände als Fegefeuer, das den anderen noch bevorstehe; an ein dauerhafte Trennung der Zonen glaubte er noch nicht.

"Es ist mir auf meiner Reise seltsam ergangen: ich fuhr ab, mißmutig, pessimistisch hinsichtlich meiner Existenzmöglichkeiten in dieser Zone, verärgert übe soviel deprimierende Erfahrungen im Täglichen und voller Hoffnung, in der anderen Zone andere Perspektiven zu finden. Was ich fand, war in mancher Hinsicht lockend: ein Leben, das soviel bunter, entspannter und bürgerlicher ist, als wir es hier in Leipzig haben, wo das Leben allerdings schon immer sehr viel grauer war als anderwärts; eine öffentliche Meinung die von Menschen meiner Art zu denken und zu sprechen bestimmt wird, und ein öffentliches Leben, in dem sich die Minderwertigkeit nicht so aufdringlich bemerkbar macht wie hierzulande. Und doch schier mir, im Vergleich zu meinem ersten Besuch vor fünf Monaten, über vieles, was mir damals als hoffnungserweckende Triebe zu einem neuen Leben erschien, der Frost gekommen und die allgemeine Stimmung sehr viel gedrückter."

                             

Plakat gegen antikommunistischen VerfolgungswahnDer Verfasser des Berichts, er hieß Hermann Mau, hatte sich damals entschlossen, in der Ostzone zu bleiben. (Hermann Mau, 1912-1952, Privatdozent für Geschichte in Leipzig, war Hochschulreferent in der CDU-Leitung der sowjetischen Besatzungszone gewesen, ab Januar 1948 Privatdozent in München und vom 1. Februar 1951 bis Oktober 1952 Generalsekretär des "Instituts für Zeitgeschichte" in München). Er hoffte auf eine Synthese östlicher und westlicher Ordnungsvorstellungen, auf die Verbindung der bürgerlichen Errungenschaften des Rechts- und Verfassungsstaates mit einer notwendigen Sozialreform, eine, partiellen Sozialisierung, wie sie gleichzeitig ja auch in der rheinischen CDU im Zeichen des christlicher Sozialismus vertreten wurde. Hermann Maus Biographie zeigte bald, daß die Illusion einer solchen Synthese, daß der Mittelweg zwischen einer Diktatur des Proletariats und einem klassen- und privilegienloser demokratischen Rechtsstaat den Realitäten nicht stand hielt. Mau, der im Frühjahr 1946 noch bewußt auf eine Option für das in den Westzonen sich etablierende Demokratiesystem verzichtet hatte, wurde im Herbst 1947 vom NKWD verhaftet. Am Jahresende wurde er wieder freigelassen, freilich unter der Bedingung, künftig Spitzeldienste für den sowjetischen Apparat zu leisten. Daraufhin übersiedelte er im Januar 1948 nach München.

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