AUSSTELLUNGSRUNDGANG


Das Sehen sehen

Der sorgfältig kontrollierende Blick auf Mitmenschen und Umwelt war
Überlebensmittel einer Gesellschaft im Umbruch. Das feste Gefüge,
das die Gesellschaft des Kaiserlichen Deutschland gestützt hatte,
war eingestürzt. Nichts war, wie es zuvor gewesen war. Die kollektive
Unsicherheit konnte man nur durch ständig wache Aufmerksamkeit
überwinden. Das Sehen wurde zum Problem. In der avancierten Kunst
stieg die Wahrnehmung zum wichtigsten Thema auf. Entscheidend war
nicht, was ein Bild zeigte, sondern die Art und Weise, wie es seine Sache
zeigte. Die Einsicht, dass jedes Ding zwei Seiten hat, gehörte zum
Rüstzeug der misstrauischen Überlebenden des Krieges. In der Fotografie
drückte eine Richtung, die man das „Neue Sehen“ genannt hat, diese
Haltung angemessen aus. Sie betrachtete das fotografische Bild nicht
länger als „wahres“ Abbild der realen Welt, sondern als eine visuelle
Konstruktion dank fotografischer Technik und der sie regierenden
Vorstellungen. Der Ungar László Moholy-Nagy und der Österreicher
Raoul Hausmann waren die bedeutendsten Vertreter des "Neuen
Sehens" in Deutschland. In ihren Bildern verschmelzen menschliches
Auge und fotografischer Apparat.

 


IM TESSIN · 1925 GALERIE BERINSON · BERLIN
© VG Bild-Kunst, Bonn 2004