WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:01.520
<b>Mein Name ist Dr. James Bulgin.</b>

00:00:01.879 --> 00:00:04.960
<b>Ich bin Leiter des Bereichs Public History an den Imperial War Museums in Großbritannien,</b>

00:00:05.120 --> 00:00:09.480
<b>aber ich war Head of Content der neuen Holocaust Galleries an den Imperial War Museums.</b>

00:00:09.480 --> 00:00:11.759
<b>Und heute bin ich im Deutschen Historischen Museum</b>

00:00:11.759 --> 00:00:14.199
<b>in der neuen Ausstellung „Gewalt ausstellen“.</b>

00:00:17.600 --> 00:00:20.359
<b>„The Horror Camps“ war eine Ausstellung,
die in London eröffnete</b>

00:00:20.440 --> 00:00:22.199
<b>sehr kurz nach dem Ende des Krieges,</b>

00:00:22.320 --> 00:00:26.280
<b>und sie zeigte großformatige Bilder der Befreiung,</b>

00:00:26.280 --> 00:00:29.960
<b>vor allem von Belsen, als zentrales Ausstellungsmittel.</b>

00:00:30.000 --> 00:00:32.600
<b>Und natürlich war die Idee dahinter,</b>

00:00:32.600 --> 00:00:35.880
<b>die Besucher*innen in dieselbe Welt zu versetzen.

00:00:40.240 --> 00:00:43.079
<b>Gegenwärtig gibt es eine Vielzahl von Positionen dazu,</b>

00:00:43.280 --> 00:00:46.600
<b>wie Bilder dieser Art verwendet werden sollten,</b>

00:00:46.600 --> 00:00:48.359
<b>oder ob sie überhaupt gezeigt werden sollten.</b>

00:00:48.359 --> 00:00:49.560
<b>Manche sagen,</b>

00:00:50.000 --> 00:00:53.759
<b>man sollte die Bilder bedingungslos und ungefiltert zeigen,</b>

00:00:53.880 --> 00:00:56.799
<b>denn sie existieren, sie sind Teil des historischen Archivs,</b>

00:00:56.880 --> 00:00:59.520
<b>und sie zu unterdrücken wäre eine bedeutungslose Geste.</b>

00:00:59.799 --> 00:01:01.600
<b>Andere sagen: Man sollte diese Bilder
niemals zeigen,</b>

00:01:01.960 --> 00:01:03.799
<b>unter keinen Umständen, sie dürfen nicht verwendet werden.</b>

00:01:04.079 --> 00:01:07.079
<b>Es wäre ein grobes Versäumnis gegenüber
unserer ethischen Verantwortung</b>

00:01:07.799 --> 00:01:10.239
<b>den abgebildeten Menschen gegenüber,</b>

00:01:10.239 --> 00:01:12.439
<b>und Museen sollten sie niemals verwenden.“</b>

00:01:13.040 --> 00:01:16.599
<b>Und dann gibt es eine ganze Bandbreite</b>
<b>an Positionen dazwischen.</b>

00:01:19.359 --> 00:01:22.640
<b>Der Eingangsbereich der Ausstellung</b>
<b>heißt „The Horror Camps“,</b>

00:01:22.640 --> 00:01:25.760
<b>und dieser Titel stammt direkt</b>
<b>aus der Geschichte selbst.</b>

00:01:25.760 --> 00:01:28.920
<b>Das war der Begriff, den die britischen Medien</b>
<b>damals verwendeten,</b>

00:01:29.280 --> 00:01:31.079
<b>um Belsen zu beschreiben.</b>

00:01:31.680 --> 00:01:34.840
<b>Aber was interessant ist:</b>
<b>Wie schon damals,</b>

00:01:34.920 --> 00:01:37.799
<b>geht es nicht nur um „The Horror Camp“</b>
<b>als Beschreibung für Belsen,</b>

00:01:37.799 --> 00:01:39.560
<b>sondern um „The Horror Camps“.</b>

00:01:39.560 --> 00:01:42.519
<b>Und das deutet auf eine</b>
<b>Art Verallgemeinerung</b>

00:01:43.200 --> 00:01:44.840
<b>der Lagererfahrung hin.</b>

00:01:45.040 --> 00:01:48.920
<b>Die Spezifik des Ortes geht also</b>
<b>beinahe sofort verloren.</b>

00:01:49.640 --> 00:01:54.120
<b>Was wir hier ebenfalls sehen,</b>
<b>ist der Prozess, in dem die Identität </b>

00:01:55.120 --> 00:01:59.400
<b>der befreiten Menschen definiert</b>
<b>wird – bzw. eben nicht definiert wird.</b>

00:01:59.400 --> 00:02:02.640
<b>Hier wird das als eine Art</b>
<b>Unsichtbarkeit beschrieben.</b>

00:02:02.640 --> 00:02:06.280
<b>Denn natürlich war ein großer Teil</b>
<b>der in Belsen Befreiten jüdisch.</b>

00:02:06.959 --> 00:02:11.439
<b>Es ist wohltuend zu sehen, dass diese Menschen</b>
<b>hier wieder ins Bild gerückt werden,</b>

00:02:11.439 --> 00:02:15.280
<b>eine Art Korrektur dieses Auslassens.</b>

00:02:15.639 --> 00:02:18.080
<b>Und aus interpretativer Sicht ist es interessant,</b>

00:02:18.080 --> 00:02:19.439
<b>dass sie in dieser Höhe positioniert sind.</b>

00:02:19.439 --> 00:02:22.280
<b>So begegnen wir ihnen effektiv auf Augenhöhe.</b>

00:02:22.879 --> 00:02:27.639
<b>Ein Teil ihrer Menschlichkeit,</b>
<b>oder unserer Reaktion darauf,</b>

00:02:27.639 --> 00:02:30.120
<b>resultiert daraus, dass wir ihnen</b>

00:02:30.800 --> 00:02:35.039
<b>auf eine fast unerwartete Weise</b>
<b>direkt in die Augen blicken.</b>

00:02:41.240 --> 00:02:45.280
<b>Bei der Geschichte des Zweiten Weltkrieges</b>
<b>und des Holocaust</b>

00:02:45.639 --> 00:02:48.599
<b>denken viele Menschen an das Ende</b>
<b>des Krieges – und dort hört es für sie auf.</b>

00:02:48.800 --> 00:02:51.360
<b>Dabei ist die Realität natürlich eine andere:</b>

00:02:51.360 --> 00:02:55.280
<b>Es gab Zehntausende Überlebende,
die keinen Ort hatten, an den sie gehen konnten.</b>

00:02:55.280 --> 00:02:56.759
<b>Also lebten sie an diesen Orten weiter.</b>

00:02:56.800 --> 00:03:00.360
<b>Und diese Orte wurden zu</b>
<b>wichtigen Schauplätzen</b>

00:03:00.360 --> 00:03:04.400
<b>von Selbstbehauptung, Selbstfindung,</b>
<b>dem Versuch,</b>

00:03:04.400 --> 00:03:06.680
<b>verschiedene Zukunftsvorstellungen</b>
<b>zu entwickeln, usw.</b>

00:03:09.680 --> 00:03:13.960
<b>Die Ausstellung im Belsen DP Camp ist besonders,</b>

00:03:14.159 --> 00:03:19.120
<b>weil sie nicht nur die Erfahrungen</b>
<b>der Menschen darstellt,</b>

00:03:19.120 --> 00:03:22.840
<b>sondern selbst ein Produkt ihrer</b>
<b>eigenen Anstrengung ist.</b>

00:03:23.280 --> 00:03:25.759
<b>Sie haben sie selbst geschaffen.</b>

00:03:25.759 --> 00:03:28.840
<b>Sie sprechen nicht objektiv</b>
<b>über etwas mit Abstand,</b>

00:03:28.840 --> 00:03:31.960
<b>sondern über sich selbst,</b>
<b>über das, was sie erlebt haben</b>

00:03:32.080 --> 00:03:35.240
<b>und was sie in diesem unmittelbaren,</b>
<b>gegenwärtigen Moment erleben.</b>

00:03:38.520 --> 00:03:41.479
<b>Es ist auch interessant,</b>
<b>in einer Ausstellung zu stehen</b>

00:03:41.479 --> 00:03:45.000
<b>und zu sehen, wie eine Ausstellung</b>
<b>in der Nachkriegszeit</b>

00:03:45.280 --> 00:03:48.919
<b>ein Mittel wurde, um diese</b>
<b>Gemeinschaft zu definieren –</b>

00:03:49.400 --> 00:03:52.879
<b>nicht nur was ihnen widerfahren ist</b>
<b>oder wo sie waren,</b>

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<b>sondern auch, wie sie in die Zukunft blickten.</b>

