WEBVTT

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Mein Name ist Natalia Romik,

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ich bin Architektin und forsche
außerdem zum Holocaust.

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In den letzten vier Jahren habe
ich Verstecke untersucht,

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in denen sich Juden während des
Zweiten Weltkriegs verborgen hielten.

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Diese Zeit war für mich sehr besonders,
weil ich begann,

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als Ausstellungsgestalterin
darüber nachzudenken,

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wie man so schwierige
Ausstellungen wie diese

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hier im Deutschen Historischen Museum
konzipieren kann.

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Die Sprache der Ausstellungen nach
1945 war eine völlig andere.

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Und ich habe den Eindruck, dass viele
Besucherinnen und Besucher schockiert sind,

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wie diese Ausstellungen damals
präsentiert wurden.

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Nicht nur in Bezug auf den reinen Ausstellungsinhalt, sondern auch in Hinblick auf die politische Situation.

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In der heutigen Welt erscheint
es uns kaum vorstellbar,

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etwa riesige SS-Zeichen oder große
Hakenkreuze auf Gebäuden zu zeigen,

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um den Holocaust zu thematisieren.

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Im Jüdischen Historischen Institut
wurde die Asche von Juden ausgestellt,

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die während des Holocausts
ermordet wurden.

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Für uns Ausstellungsgestalter ist es heute
absolut unanständig und unethisch,

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die Asche Gestorbener in
einer Ausstellung zu präsentieren.

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Damals, wenige Jahre nach dem Krieg, war
dies natürlich eine ungewöhnliche,

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zugleich aber auch sehr kraftvolle
und symbolische Geste.

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Ein hervorragendes Beispiel ist die
Ausstellung „Warschau klagt an“,

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die bereits 1945 entstand,

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als mehr als 80 Prozent
Warschaus in Trümmern lagen.

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Im Nationalmuseum in Warschau
entschied man sich damals,

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eine Ausstellung über das zu machen,

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was fehlte – nicht nur die gestohlenen
Kunstwerke wie Gemälde oder Skulpturen,

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sondern auch jüdische Objekte.

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In einer sehr eindrücklichen Nische

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zeigt das Ausstellungsteam
jüdische Gegenstände.

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Es gibt nur sehr wenige Ausstellungen,

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die sich so explizit mit den
jüdischen Objekten beschäftigen,

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die heute nicht mehr existieren und
vermutlich nie wieder auftauchen werden.

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Wir erfahren auch etwas über die Geschichte
des Büros für den Wiederaufbau Warschaus.

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Was bemerkenswert ist und
sehr selten thematisiert wird,

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ist, dass diese Ausstellung
„Warschau klagt an”

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auch zum Wiederaufbau
der Stadt selbst geführt hat.

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Einen ganz besonderen Platz
nimmt für mich persönlich

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der Ausstellungsteil über die Ausstellung
im Jüdischen Historischen Institut ein.

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Wie wir wissen, hat das
Jüdische Historische Institut

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fast als einziges Gebäude im Ghetto
den Zweiten Weltkrieg überlebt.

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Die große Tłomackie-Synagoge direkt
nebenan wurde in die Luft gesprengt.

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Das JHI blieb.

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Für mich ist dies wahrscheinlich
der wichtigste Ort,

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denn ich beginne dort
jede meiner Recherchen.

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Ein Objekt, das die Blicke vieler
Besucher auf sich zieht

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- ich habe es schon einige Male beobachtet -

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ist das Modell des Bunkers
(der Jüdischen Kampforganisation).

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Die Geschichte endete tragisch,

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wie bei vielen dieser Verstecke.

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Deshalb ist dieses materielle Zeugnis,

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wenn nur als Modell,

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besonders für deutsche Besucher
sehr aufschlussreich

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und zeigt die gesamte Infrastruktur
dieses sorgfältig konstruierten Verstecks.

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Ich weiß, dass gerade dieser Ort,

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den wir nie sehen werden,
weil er völlig zerstört ist,

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ein wichtiges Symbol für Warschau ist.

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Ich bin sehr froh, dass dieses Symbol
Warschaus hier im Museum ist.

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Darum lade ich Sie herzlich ein,
denn ich finde,

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es ist die beste Ausstellung
dieses Jahres in Berlin.

