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00:00:00.240 --> 00:00:02.240
Mein Name ist Peter Hallamma,
ich bin Historiker

00:00:02.240 --> 00:00:05.679
an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne
in Frankreich

00:00:05.679 --> 00:00:10.119
und arbeite zur Zeitgeschichte Europas
und Ostmitteleuropas.

00:00:10.359 --> 00:00:11.640
Heute befinden wir uns im

00:00:11.640 --> 00:00:14.720
Deutschen Historischen Museum in
der Ausstellung Gewalt ausstellen.

00:00:15.160 --> 00:00:17.960
In dieser geht es um frühe historische

00:00:17.960 --> 00:00:21.800
Ausstellungen direkt nach 1945 zur
NS-Besatzung in Europa.

00:00:27.760 --> 00:00:31.199
Eine der Stationen hier in dieser Ausstellung
im Deutschen Historischen Museum

00:00:31.199 --> 00:00:35.719
widmet sich der Ausstellung im
Grand Palais in Paris.

00:00:36.039 --> 00:00:39.640
Crimes hitlériens, also
die Hitlerverbrechen.

00:00:40.039 --> 00:00:43.880
Einer der Höhepunkte dieser Ausstellung
waren die sogenannten Dioramen.

00:00:43.880 --> 00:00:47.399
Das war ein Gang - der Ausstellungskurator
Jacques Billier nannte es auch

00:00:47.399 --> 00:00:49.880
den Leidensweg
eines Patrioten

00:00:49.880 --> 00:00:52.679
- man ging einen Gang entlang,
einen relativ dunklen Gang,

00:00:52.679 --> 00:00:56.520
wo mehrere Objekte nachgebaut,
rekonstruiert wurden,

00:00:56.520 --> 00:00:58.600
teilweise mit authentischen Objekten,

00:00:58.600 --> 00:01:01.240
authentischen Objekten vor allem
aus dem KZ Natzweiler Struthhof,

00:01:01.240 --> 00:01:04.159
dem einzigen Konzentrationslager
auf französischem Boden.

00:01:04.159 --> 00:01:06.760
Und diese Rekonstruktionen in 3D,

00:01:06.760 --> 00:01:09.280
teilweise eben wie gesagt
mit authentischen Objekten,

00:01:09.280 --> 00:01:13.400
sind wirklich auch Teil unseres heutigen
sozusagen ikonografischen Gedächtnisses

00:01:13.400 --> 00:01:17.439
des Zweiten Weltkriegs, der Deportation
und des Holocaust.

00:01:24.200 --> 00:01:26.200
Einer der bemerkenswerten Aspekte

00:01:26.200 --> 00:01:28.920
Ausstellung Crimes hitlériens ist
die europäische Dimension.

00:01:29.200 --> 00:01:30.879
Und die wird sofort deutlich, wenn die

00:01:30.879 --> 00:01:33.159
Besucher und Besucherinnen in
die Ausstellung gehen.

00:01:33.359 --> 00:01:38.359
Der allererste Raum, in den sie treten,
ist ein großer Raum mit einer

00:01:38.359 --> 00:01:41.000
überdimensionalen, mit einer
riesigen Europakarte.

00:01:41.879 --> 00:01:47.280
Auf dieser Karte wurden die besetzten
Gebiete Europas grau hervorgehoben.

00:01:47.280 --> 00:01:49.200
Aber wozu überhaupt diese Ausstellungen?

00:01:50.000 --> 00:01:54.280
In Paris sind auf jeden Fall zwei
Aspekte wesentlich.

00:01:55.000 --> 00:01:58.120
Das eine ist die juristische Aufarbeitung
der NS-Verbrechen.

00:01:58.319 --> 00:02:01.920
Das andere ist auch die Nationen wieder zu
einem nach dem Zweiten Weltkrieg.

00:02:04.519 --> 00:02:06.359
Im September 1946 wurde in der

00:02:06.359 --> 00:02:09.879
Tschechoslowakei das Denkmal der
Nazi-Barbarei eröffnet.

00:02:10.120 --> 00:02:11.919
Dazu wählte man den Ort Liberec.

00:02:11.919 --> 00:02:13.360
Warum Liberec?

00:02:14.120 --> 00:02:19.400
Liberec, zu Deutsch Reichenberg, war Teil
der sogenannten Sudetengebiete.

00:02:19.919 --> 00:02:23.520
In dieser Ausstellung ging es also
einerseits um die Darstellung der

00:02:23.520 --> 00:02:27.879
nationalsozialistischen Verbrechen an den
Tschechen, an der Tschechoslowakei.

00:02:27.879 --> 00:02:31.599
Aber eben unter diesem Blickwinkel der

00:02:31.599 --> 00:02:35.400
Auseinandersetzung zwischen Tschechen
und Sudetendeutschen.

00:02:35.400 --> 00:02:39.879
Es ging also in dieser Ausstellung vor allem
darum zu zeigen, wie die deutsche

00:02:39.879 --> 00:02:43.439
Minderheit in der Tschechoslowakei den tschechoslowakischen
Staat verraten hatte.

00:02:43.439 --> 00:02:45.439
Und diese Darstellung machte natürlich

00:02:45.439 --> 00:02:48.120
Sinn, wenn man sich den Kontext
vor Augen hält.

00:02:48.120 --> 00:02:53.039
1946 war die Vertreibung der Deutschen aus
der Tschechoslowakei noch voll im Gange.

00:02:56.199 --> 00:03:00.240
Wie in anderen Ausstellungen wurde auch im
Denkmal der Nazi-Barbarei in Liberec

00:03:00.240 --> 00:03:03.599
der Holocaust und die jüdischen Opfer
völlig marginalisiert.

00:03:03.599 --> 00:03:05.879
Dies kann man schon am Standort
selbst zeigen.

00:03:05.879 --> 00:03:10.319
Die sogenannte Henlein Villa,
war eigentlich vor 1938 im

00:03:10.319 --> 00:03:12.879
Eigentum einer jüdischen Familie,
der Familie Hersch,

00:03:13.159 --> 00:03:18.159
die noch vor dem Münchner Abkommen
1938 emigriert ist.

00:03:18.159 --> 00:03:21.599
Die Villa wurde danach arisiert,
das heißt zwangsenteignet.

00:03:22.039 --> 00:03:26.599
Und diese Tatsache wurde im Museum völlig
ignoriert, nicht angesprochen.

00:03:27.479 --> 00:03:31.400
Das zweite Beispiel ist die Thematisierung,
die Repräsentation Theresienstadts.

00:03:31.400 --> 00:03:35.080
Rekonstruktionen aus Theresienstadt spielen
in diesem Denkmal eine wichtige Rolle.

00:03:35.800 --> 00:03:40.719
Aber nur ein Teil Theresienstadts wurde hier
repräsentiert, nämlich die kleine Festung

00:03:40.719 --> 00:03:42.319
das ehemalige Gestapo-Gefängnis.

00:03:42.960 --> 00:03:45.879
Aber das Ghetto Theresienstadt,
in dem wesentlich mehr

00:03:45.879 --> 00:03:50.080
Menschen interniert wurden, 140.000
Juden und Jüdinnen,

00:03:50.520 --> 00:03:54.360
wurde in der Ausstellung in Liberec
völlig ignoriert, nicht behandelt.
