WEBVTT

1
00:00:00.000 --> 00:00:07.080
Was ist Liebe? Liebe ist nicht nur eine Sehnsucht, eine Begierde,

2
00:00:07.080 --> 00:00:11.280
sondern Liebe ist ein ganz, ganz tiefes Gefühl von Akzeptanz.

3
00:00:13.040 --> 00:00:18.440
Und diese Entwicklung macht sie. Und sie sagt eben auch:

4
00:00:20.840 --> 00:00:23.720
Tristan kann nur quasi seine Liebe ausdrücken,

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00:00:23.720 --> 00:00:30.240
in der Nacht, im Tod, das sind diese gesellschaftlichen Umstände,

6
00:00:30.240 --> 00:00:31.920
die es nicht anders erlauben.

7
00:00:31.920 --> 00:00:35.880
Und dadurch ist dann auch für Isolde es ganz klar.

8
00:00:35.880 --> 00:00:38.880
Und sie macht diese Entwicklung, dass sie sagt:

9
00:00:38.880 --> 00:00:41.880
Sie muss mit ihm in den Tod mit hineingehen.

10
00:00:42.520 --> 00:00:43.920
Das ist so ihre Entwicklung.

11
00:00:45.000 --> 00:00:48.000
Nur dann bleibt die Liebe vollendet.

12
00:00:49.240 --> 00:00:52.360
Sterben ist nicht immer was Schlimmes!

13
00:00:52.360 --> 00:00:54.720
Genauso der Liebestod.

14
00:00:54.720 --> 00:00:59.360
Liebestod ist ein Aufgehen in etwas Größeres,

15
00:00:59.360 --> 00:01:03.160
in des Welt-Atems ewigem All.

16
00:01:03.160 --> 00:01:08.160
„Ertrinken, versinken, unbewusst höchste Lust“.

17
00:01:08.160 --> 00:01:10.000
Mein Gott, was gibt es Schöneres?

18
00:01:11.720 --> 00:01:15.840
Das ist… Die meisten Opern von Wagner oder eigentlich alle,

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00:01:15.840 --> 00:01:20.360
die ich jetzt so kenne,  enden mit einer Utopie einer besseren Welt.

20
00:01:21.560 --> 00:01:27.000
Ich glaube ja, dass diese Ohnmacht der Liebe oder Lieblosigkeit

21
00:01:27.000 --> 00:01:31.600
der Macht, um die es da geht, immer relevant sein muss.

22
00:01:31.600 --> 00:01:38.720
Und zwar geht es ja eigentlich um unsere Voraussetzungen

23
00:01:40.480 --> 00:01:42.920
Wenn man das jetzt mit Safranskis Idee vom „Bösen“

24
00:01:42.920 --> 00:01:45.760
zum Beispiel jetzt gleichsetzt,

25
00:01:45.760 --> 00:01:50.480
dann sind wir tatsächlich auch dort, wo in der Ästhetik

26
00:01:50.480 --> 00:01:53.480
eine Ethik sich abspielen muss und umgekehrt.

27
00:01:53.480 --> 00:01:55.160
Und das finde ich höchst interessant:

28
00:01:55.160 --> 00:02:00.120
Im Laboratorium Richard Wagners aktiv zu werden und

29
00:02:00.120 --> 00:02:02.920
genau diese Rezeptions strukturen infrage zu stellen, weil es ja hier

30
00:02:02.920 --> 00:02:09.480
um eine ganz penetrante Art der Verführung in Musik geht.

31
00:02:09.480 --> 00:02:13.920
Also gerade das Mittel der unglaublichen irrationalen Würde

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00:02:13.920 --> 00:02:17.320
des Musikalischen verbirgt auch tausend Gefahren,

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00:02:17.320 --> 00:02:19.600
natürlich gerade in der Manipulierbarkeit

34
00:02:19.600 --> 00:02:23.000
der Masse und da glaube ich, …

35
00:02:23.960 --> 00:02:28.120
bleibt halt Wagner auch ein Dämon und in gewisser Hinsicht

36
00:02:28.120 --> 00:02:30.040
auch ein Verklärter – nach wie vor.

37
00:02:30.040 --> 00:02:32.640
Und ich glaube, das ist ein Mechanismus, der weitgehend auch

38
00:02:32.640 --> 00:02:35.160
seine Kunst aufrechterhält – nach wie vor.

39
00:02:35.160 --> 00:02:36.960
Und dass wir da in keinster Weise eigentlich

40
00:02:36.960 --> 00:02:38.160
dem Aufklärer Richard Wagner

41
00:02:38.160 --> 00:02:41.880
gerecht werden konnten durch die Rezeption seiner Kunst.

42
00:02:41.880 --> 00:02:46.840
Oder, dass wir uns sehr, sehr… also wir flüchten da vielleicht

43
00:02:46.840 --> 00:02:48.400
auch sehr stark ins Ungenaue immer wieder.

44
00:02:49.280 --> 00:02:54.240
Der Widerspruch ist per se Konsens in diesem Werk und

45
00:02:54.240 --> 00:02:56.120
das lässt sich nirgendwo besser erkennen als

46
00:02:56.120 --> 00:02:57.960
anhand dieses Brünnhilde- und Wotan-Konflikts.

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00:02:59.400 --> 00:03:02.240
Da kommt man auch natürlich in größte Verlegenheiten,

48
00:03:02.240 --> 00:03:06.160
gerade was die Idee einer weiblichen Emanzipation betrifft.

49
00:03:06.600 --> 00:03:08.640
Aber auch dort muss man einfach immer wieder

50
00:03:08.640 --> 00:03:09.600
psychologisch sehen:

51
00:03:09.600 --> 00:03:13.440
Es geht dann doch auf anderen Ebenen.

52
00:03:13.440 --> 00:03:15.080
Also Mann ist nicht Mann, Weib ist nicht Weib,

53
00:03:15.080 --> 00:03:19.080
sondern es geht die ganze Zeit um die Idee einer Einheit, die hier in

54
00:03:19.080 --> 00:03:21.320
unterschiedlichsten Perversionen auseinandergesprengt wurde und

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00:03:21.320 --> 00:03:25.200
seitdem versucht, sich neu zu konstituieren oder zu finden.

56
00:03:25.400 --> 00:03:28.840
Das ist ja alles vorfreudianisch, was wir hier lesen und

57
00:03:28.840 --> 00:03:30.640
führt eben kulminiert in Freud,

58
00:03:30.640 --> 00:03:33.800
der sich dann wiederum in ganz anderen Ebenen und

59
00:03:33.800 --> 00:03:35.080
Richtungen verschachtelt, aufgrund der Tatsache,

60
00:03:35.080 --> 00:03:38.080
dass jemand ein bisschen Emanzipation weitergeht,

61
00:03:38.080 --> 00:03:41.400
aber auch… ich glaube, das ist auch der Preis,

62
00:03:41.400 --> 00:03:42.720
den wir dafür zahlen mussten.

63
00:03:42.720 --> 00:03:44.640
Und das spiegelt sich auch im 20. Jahrhundert.

64
00:03:45.040 --> 00:03:49.080
Also, dass der Mensch zu weit kam und uns eigentlich

65
00:03:49.080 --> 00:03:51.560
die Pandoras Büchse insofern öffnete,

66
00:03:51.560 --> 00:03:54.400
ohne zu wissen, wie man das je wieder zumachen kann.

67
00:03:54.560 --> 00:03:55.280
Und ich glaube,

68
00:03:55.280 --> 00:03:56.880
in diesem Punkt vielleicht bedenkenlos nach wie vor,

69
00:03:56.880 --> 00:04:01.640
aber die ganzen Vorahnungen sind ja so was von akkreditiert und

70
00:04:01.640 --> 00:04:04.880
vorhanden und artikuliert in Wagners Werk und

71
00:04:04.880 --> 00:04:07.440
zwar mit den Mitteln des noch harmonischen,

72
00:04:07.440 --> 00:04:09.960
aber immer an der Grenze gehend,

73
00:04:09.960 --> 00:04:12.960
immer und das macht es so ambivalent und

74
00:04:12.960 --> 00:04:17.440
so reizvoll und gibt uns aber auch immer wieder Sicherheit darin,

75
00:04:17.440 --> 00:04:20.160
eigentlich uns fallen und gehen lassen zu können.

76
00:04:20.160 --> 00:04:23.200
Und das, das ist die Verführung, die dahinter steckt und

77
00:04:23.200 --> 00:04:26.120
die große religiöse Gefahr, die ich auch damit verbinde.

78
00:04:26.120 --> 00:04:30.040
Aber ich glaube, ohne dass so lange diese Sehnsucht besteht und

79
00:04:30.040 --> 00:04:31.560
diese Art Sinnsuche,

80
00:04:31.560 --> 00:04:34.800
werden wir dem extrem viel abgewinnen können,

81
00:04:34.800 --> 00:04:37.720
ohne in Gefahr zu stehen, uns hinters Licht zu führen.

82
00:04:37.720 --> 00:04:41.920
Insofern das Thema ja immer Widerspruch bleibt und ist.

83
00:04:41.920 --> 00:04:45.280
Es geht ja nie um die tatsächliche Erfüllung in dieser Kunst,

84
00:04:45.280 --> 00:04:47.640
sondern um die Chance, die Sehnsucht danach und

85
00:04:47.640 --> 00:04:48.520
die damit verbundenen Gefahren.

86
00:04:49.520 --> 00:04:55.640
Venus steht für mich für ein Lebensmodell oder

87
00:04:55.640 --> 00:04:59.880
überhaupt ein Existenzmodell. Sie ist nicht so menschlich,

88
00:04:59.880 --> 00:05:03.280
sie ist ja sowieso die Göttin der Liebe, ganz klar.

89
00:05:03.800 --> 00:05:08.240
Aber bei Wagner sind es auch immer so Prototypen

90
00:05:08.240 --> 00:05:11.280
für eine menschliche Existenz.

91
00:05:11.280 --> 00:05:17.400
Also insofern ist jetzt die Venus nicht die Frau Schmidt

92
00:05:17.400 --> 00:05:21.440
von nebenan sondern natürlich stellt sie das Höhere,

93
00:05:21.440 --> 00:05:22.800
das Sinnliche,

94
00:05:22.800 --> 00:05:30.520
das Begierdenhafte oder auch den Überfluss und Überdruss dar.

95
00:05:30.520 --> 00:05:33.960
Also deswegen will ja dann auch Tannhäuser irgendwann

96
00:05:33.960 --> 00:05:38.000
weg von ihr, weil es ihm einfach zu viel wird,

97
00:05:38.000 --> 00:05:41.240
zu viel vom Sinnlichen, zu viel vom Guten.

98
00:05:41.240 --> 00:05:43.880
Er möchte einfach wieder auch

99
00:05:43.880 --> 00:05:45.560
wie ein normaler Mensch eben leben.

100
00:05:46.720 --> 00:05:48.040
Dafür steht Venus.

101
00:05:48.120 --> 00:05:51.640
Also sowieso denke ich ja, dass jeder Mensch ganz,

102
00:05:51.640 --> 00:05:55.320
ganz viele verschiedene Seiten in sich hat und

103
00:05:55.320 --> 00:06:01.280
man ist ja nicht nur so einfarbig, sondern ich hoffe,

104
00:06:01.280 --> 00:06:04.120
man hat diese Verführung der Venus drin und

105
00:06:04.120 --> 00:06:09.000
ebendann auch etwas ganz Rationales oder eben auch diese…

106
00:06:09.000 --> 00:06:15.640
pure keusche Sinnlichkeit, die… Elisabeth dann hat.

107
00:06:16.640 --> 00:06:20.560
Für mich ist die Geschichte von Tristan und Isolde

108
00:06:20.560 --> 00:06:25.800
eine Geschichte vom Weg, von der Leidenschaft zur Liebe.

109
00:06:28.200 --> 00:06:34.840
Die Leidenschaft, die in sich birgt, die Verletzlichkeit,

110
00:06:34.840 --> 00:06:39.400
die Verletzung, die Wut, die dadurch entsteht,

111
00:06:39.400 --> 00:06:46.160
der Zorn, die Rache, die Empfindung von Betrug und

112
00:06:46.160 --> 00:06:49.000
darunter eben doch die Sehnsucht, die da ist,

113
00:06:49.000 --> 00:06:53.200
die Sehnsucht nach der Liebe, nach der Vereinigung.

114
00:06:53.200 --> 00:06:56.320
Und im zweiten Akt geschieht etwas ganz Wunderbares,

115
00:06:56.320 --> 00:06:59.360
das eben aus dieser verrückten Leidenschaft,

116
00:06:59.360 --> 00:07:03.320
wo sie endlich sich begegnen und endlich Zeit für einander haben,

117
00:07:03.320 --> 00:07:07.680
aber doch erst mal auch eine Aufarbeitung geschieht –

118
00:07:07.680 --> 00:07:14.440
der Dinge, die sie gegenseitig verletzt haben.

119
00:07:14.440 --> 00:07:15.720
Und das ist ganz wichtig.

120
00:07:15.720 --> 00:07:19.320
Es gibt nämlich wirklich auch einen Punkt im zweiten Akt,

121
00:07:19.320 --> 00:07:21.720
in dem berühmten Liebesduett,

122
00:07:21.720 --> 00:07:26.360
wo es noch einmal eigentlich auseinandergehen könnte.

123
00:07:26.360 --> 00:07:29.040
Also es ist so ein Moment da, wo man sagt:

124
00:07:29.040 --> 00:07:32.760
Wenn sie sich jetzt aber nicht irgendwie wieder fangen oder

125
00:07:32.760 --> 00:07:36.360
verstehen und akzeptieren, dann könnte die Liebe auch wieder

126
00:07:36.360 --> 00:07:37.720
then the love or the passion

127
00:07:37.720 --> 00:07:39.600
oder die Leidenschaft wieder zu Ende sein!

128
00:07:40.880 --> 00:07:45.000
Aber das ist eben das Geniale, was ich da sehe bei Wagner.

129
00:07:45.000 --> 00:07:49.240
Sie gehen durch diesen Moment durch und akzeptieren.

130
00:07:49.480 --> 00:07:54.040
Es beginnt damit, dass Tristan „Oh sink’ hernieder,

131
00:07:54.040 --> 00:07:58.600
Nacht der Liebe“ wiederholt, die Isolde ist.

132
00:07:58.600 --> 00:08:00.880
Das ist wie etwas: Ich bestätige es.

133
00:08:00.880 --> 00:08:03.120
Man sagt „Ja!“ zu etwas.

134
00:08:03.120 --> 00:08:07.000
Der zweite Schritt ist, er beginnt eine Phrase und

135
00:08:07.000 --> 00:08:09.360
sie vervollständigt die Phrase.

136
00:08:10.240 --> 00:08:14.960
Und am Schluss beginnt sie sogar die Phrase

137
00:08:14.960 --> 00:08:16.320
und er vervollständigt.

138
00:08:17.000 --> 00:08:19.200
Und ganz am Schluss kommt die Vereinigung und

139
00:08:19.200 --> 00:08:21.880
sie singen gemeinsam das Gleiche.

140
00:08:21.880 --> 00:08:26.200
Also das ist so genial komponiert,

141
00:08:26.200 --> 00:08:28.880
dass da schon cie Vereinigung stattfindet.

142
00:08:28.880 --> 00:08:34.280
Also deswegen ist für mich Tristan und Isolde

143
00:08:34.280 --> 00:08:39.480
ein ganz klares Beispiel von wirklich vollendeter Liebe.

144
00:08:40.760 --> 00:08:43.680
Ich weiß, es gab mal so eine Mode,

145
00:08:43.680 --> 00:08:45.520
eben auch unter Heiner Müller und so weiter,

146
00:08:45.520 --> 00:08:47.560
wo an dieser Liebe gezweifelt wurde,

147
00:08:47.560 --> 00:08:51.360
dass es immer vorausgesetzt wurde –

148
00:08:51.360 --> 00:08:56.640
eigentlich sind sie nur in das Phänomen der Liebe verliebt.

149
00:08:58.440 --> 00:09:00.800
Ich bin inzwischen überhaupt nicht mehr dieser Meinung.

150
00:09:00.800 --> 00:09:03.000
Ich denke: Nein, im Gegenteil!

151
00:09:03.000 --> 00:09:08.720
Durch eben dieses Akzeptieren des anderen in seinen Stärken,

152
00:09:08.720 --> 00:09:15.720
Schwächen, Ekelhaftigkeiten, Boshaftigkeiten –

153
00:09:15.720 --> 00:09:21.440
dann doch zu lieben. Das ist eben eigentlich dann die große Liebe

154
00:09:21.440 --> 00:09:24.440
und das beweisen uns Tristan und Isolde.

