WEBVTT

1
00:00:00.360 --> 00:00:02.960
Musik und Worte sind bei Wagner immer eins.

2
00:00:04.480 --> 00:00:08.240
Die Worte bei Wagner sind schon Musik,

3
00:00:08.240 --> 00:00:13.200
das ist ganz wichtig, dass man das immer herausarbeitet.

4
00:00:16.080 --> 00:00:21.800
Klar, wenn man den Wagner-Text einfach mal so liest, ohne Musik,

5
00:00:21.800 --> 00:00:25.240
erscheint er einem schon manchmal ein bisschen strange,

6
00:00:25.240 --> 00:00:26.760
gebe ich zu.

7
00:00:26.760 --> 00:00:34.640
Aber wenn man der Musik innerhalb des Wortes nachhört

8
00:00:34.640 --> 00:00:38.360
und schon hört, wie er Vokale benutzt, gebraucht,

9
00:00:38.360 --> 00:00:44.200
dass dieschon eine Musik an sich sind, ob er einen

10
00:00:44.200 --> 00:00:49.360
dunklen Vokal gebraucht- ein O, ein U, ein Ö –

11
00:00:49.360 --> 00:00:52.440
ist schon was Anderes als ein A und ein E und ein I.

12
00:00:52.960 --> 00:00:58.040
Und er setzt so etwas unglaublich bewusst ein. Dann kommen

13
00:00:58.040 --> 00:01:00.840
noch die ganzen Behandlungen der Konsonanten.

14
00:01:00.840 --> 00:01:06.720
Die Konsonanten, die klingen, sind ein W

15
00:01:06.720 --> 00:01:08.880
wie in Wehmut, Wonne.

16
00:01:08.880 --> 00:01:13.080
Alle diese Dinge oder dieses L. Gerade bei Wagner -

17
00:01:13.080 --> 00:01:17.200
ich weiß gar nicht, wie oft ich das Wort „Lust“ gesungen habe –

18
00:01:18.280 --> 00:01:20.880
und da ist dieses L so wichtig.

19
00:01:20.880 --> 00:01:24.160
Und das muss man auskosten. Und das ist schon Musik.

20
00:01:24.560 --> 00:01:27.400
Man muss Vokale und Konsonanten

21
00:01:27.400 --> 00:01:30.400
mit Gefühl und mit Empfindung singen…

22
00:01:31.240 --> 00:01:33.560
Nur so geht’s. Nur so kann man es ja darstellen.

23
00:01:34.560 --> 00:01:40.400
Wenn ich sage „Die Lust“– das muss von innen heraus kommen.

24
00:01:41.520 --> 00:01:47.720
Ich denke, was Wagner mehr als Religion interessiert hat,

25
00:01:47.720 --> 00:01:48.840
war die Mystik,

26
00:01:50.680 --> 00:01:56.560
die eben über allen Religionen irgendwo drüber steht

27
00:01:56.560 --> 00:01:57.480
oder alle vereint.

28
00:02:00.120 --> 00:02:02.960
Das hat ihn, glaube ich, wesentlich mehr beeinflusst

29
00:02:02.960 --> 00:02:04.120
in all seinen Werken,

30
00:02:04.120 --> 00:02:06.960
also besonders dann natürlich auch in Parsifal,

31
00:02:06.960 --> 00:02:09.960
da kam dann noch der Einfluss von Buddhismus dazu.

32
00:02:11.440 --> 00:02:17.000
Aber so ganz eindeutig und konkret ist er ja nirgendwo.

33
00:02:17.000 --> 00:02:20.720
Und ich glaube auch nicht, dass das so seine Welt war.

34
00:02:20.720 --> 00:02:23.680
Ich glaube wirklich, dass er sich wesentlich mehr

35
00:02:23.680 --> 00:02:27.480
mit der Mystik beschäftigt hat.

36
00:02:29.040 --> 00:02:29.680
Ich will nicht sagen:

37
00:02:29.680 --> 00:02:35.800
Spiritualität? Nein, aber Mystik, das war wichtig für ihn.

38
00:02:36.600 --> 00:02:38.720
„Prima la musica e poi le parole“,

39
00:02:38.720 --> 00:02:40.560
das ist immer auch der grundsätzliche Konflikt,

40
00:02:40.560 --> 00:02:43.280
mit dem wir in der Oper seit Jahrhunderten zu kämpfen haben.

41
00:02:43.280 --> 00:02:46.680
Bei Wagner hebt sich der sozusagen allein dadurch auf,

42
00:02:46.680 --> 00:02:48.440
dass er sagt: „Ich mache beides.“

43
00:02:48.440 --> 00:02:50.920
Also es gibt den Widerspruch überhaupt nicht mehr.

44
00:02:50.920 --> 00:02:53.960
Das hat natürlich zur Folge, dass er mit

45
00:02:53.960 --> 00:02:55.400
seiner unglaublichen Hybris, wenn man so will,

46
00:02:55.400 --> 00:03:00.000
eine bahnbrechende Reinkultur seiner eigenen Sprache

47
00:03:00.000 --> 00:03:02.080
kreiert und sucht.

48
00:03:02.080 --> 00:03:04.400
Ganz interessant im Gegensatz

49
00:03:04.400 --> 00:03:06.560
zum Kosmopoliten Giuseppe Verdi

50
00:03:06.560 --> 00:03:09.200
zum Beispiel, der sich total als Weltbürger sieht und

51
00:03:09.200 --> 00:03:12.120
sich auf die vorhandene literarische Tradition des Theaters

52
00:03:12.120 --> 00:03:14.800
immer bezieht – Schiller, Shakespeare und so weiter

53
00:03:14.800 --> 00:03:18.240
immer wieder benutzt für seine Werke –, kreiert Wagner

54
00:03:18.240 --> 00:03:21.320
sozusagen ganz neue Voraussetzungen und schafft ja

55
00:03:21.320 --> 00:03:23.280
eigentlich eineeigene neue Kunstsprache,

56
00:03:23.280 --> 00:03:24.320
die für Musik gedacht ist.

57
00:03:25.200 --> 00:03:32.200
Im unglaublichen Wahn könnte man beinahe sagen:

58
00:03:32.200 --> 00:03:35.200
Der Glaube, dass er tatsächlich in der Lage wäre,

59
00:03:35.200 --> 00:03:39.720
den Zuschauern alles vereint sozusagen zu vermitteln,

60
00:03:39.720 --> 00:03:45.560
sodass die hermeneutische Ebene der Sprache sozusagen

61
00:03:45.560 --> 00:03:47.680
eigentlich überhaupt nicht mehr als Problem sich darstellen kann,

62
00:03:47.680 --> 00:03:50.400
weil sie immer aufgefangen wird von Musik und vice versa.

63
00:03:51.240 --> 00:03:55.080
Man muss ja ein Land, ob Deutschland oder Italien,

64
00:03:55.080 --> 00:03:57.880
in diesem Zusammenhang eigentlich egal,

65
00:03:57.880 --> 00:03:58.920
man muss erst mal fragen: Was ist die Bühne?

66
00:03:58.920 --> 00:04:01.960
Das gilt für die politische Bühne, das gilt aber für die Bühne per se

67
00:04:01.960 --> 00:04:07.520
und für die Möglichkeit überhaupt, sich mitzuteilen und ...

68
00:04:07.520 --> 00:04:09.760
für einen Gedanken, der sozusagen tragen soll für

69
00:04:09.760 --> 00:04:11.640
neue gesellschaftliche Strukturen und das alles natürlich

70
00:04:11.640 --> 00:04:14.280
im Kielwasser einer Revolution,

71
00:04:14.280 --> 00:04:15.840
die Europa auf den Kopf gestellt hat …

72
00:04:19.000 --> 00:04:21.440
(Steinberg) Zugehörigkeit und …

73
00:04:21.440 --> 00:04:22.800
(wieder Herheim) und Identifikation.

74
00:04:22.800 --> 00:04:27.520
… aber definitiv ist ja immer eine fast fatalistische Sehnsucht nach

75
00:04:27.520 --> 00:04:29.320
einer grundsätzlichen Veränderung,

76
00:04:29.320 --> 00:04:31.840
die Voraussetzungen schaffen muss für das,

77
00:04:31.840 --> 00:04:33.960
was ein ‚Wir‘ ausmachen könnte.

78
00:04:33.960 --> 00:04:37.040
Also dieses ‚Wir‘ ist ja immer bedroht bei Wagner,

79
00:04:37.040 --> 00:04:37.840
ganz grundsätzlich.

80
00:04:38.400 --> 00:04:41.520
Und das wird sowohl im Gesellschaftlichen wie in dem Individuellen

81
00:04:41.520 --> 00:04:42.680
immer wieder ausgearbeitet.

82
00:04:42.680 --> 00:04:44.280
Und das impliziert, glaube ich,

83
00:04:44.280 --> 00:04:46.160
auch tatsächlich eine Art Schizophrenie

84
00:04:46.160 --> 00:04:49.000
in jeder Hinsicht, nicht nur zwischen Mensch und Künstler.

85
00:04:49.000 --> 00:04:51.080
Die Brücken, die man da immer wieder zwischen sich

86
00:04:51.080 --> 00:04:52.240
und der Welt bauen muss,

87
00:04:52.240 --> 00:04:56.040
sondern ganz grundsätzlich auf der Suche nach ‚Wir‘,

88
00:04:56.040 --> 00:04:58.520
auf der Suche nach Gott, auf der Suche nach Ich.

89
00:05:00.520 --> 00:05:06.480
Und insofern bin ich bestimmt sehr geprägt oder mein Ansatz war

90
00:05:06.480 --> 00:05:10.240
wahrscheinlich immer wieder geprägt von diesem Blickwinkel,

91
00:05:10.240 --> 00:05:13.480
den ich als Norweger auf Deutschland hatte.

92
00:05:14.640 --> 00:05:16.520
Zwar mit einer einerseits absoluten

93
00:05:16.520 --> 00:05:18.720
Identifikation mit Deutschtum,

94
00:05:18.720 --> 00:05:22.360
so wie mir das beigebracht wurde, aber eben draußen,

95
00:05:22.360 --> 00:05:24.240
also nicht von innen heraus.

96
00:05:24.240 --> 00:05:25.680
Und ich bin ja auch gar nicht Deutsch geschult.

97
00:05:26.160 --> 00:05:28.440
Das ist ja nie meine Muttersprache gewesen,

98
00:05:28.440 --> 00:05:31.000
sondern die habe ich mir dann später erst zugelegt.

99
00:05:31.240 --> 00:05:33.600
… weil das ja alles Menschen sind, das sind ja nicht nur Deutsche,

100
00:05:33.600 --> 00:05:35.120
sondern da kommt auch alle Welt zusammen,

101
00:05:35.120 --> 00:05:37.160
um Wagner an diesem Ort zu feiern.

102
00:05:37.160 --> 00:05:38.880
Und ich glaube, da kommen auch

103
00:05:38.880 --> 00:05:41.640
sehr viele Fragen diesbezüglich auf:

104
00:05:41.640 --> 00:05:43.800
Wer sind ‚Wir‘ als Deutsche in diesem Kontext?

105
00:05:43.800 --> 00:05:46.600
Und dass man das genau versucht hat,

106
00:05:46.600 --> 00:05:49.280
wenigstens in dem Bilderbogen sozusagen

107
00:05:49.280 --> 00:05:50.480
als eine Art Diskontinuität,

108
00:05:50.480 --> 00:05:57.280
die immer wieder auf uns als offene Frage zurückfällt, artikuliert,

109
00:05:57.280 --> 00:06:01.560
erzeugte sehr viele Emotionen, auf die ich bauen konnte.

