WEBVTT

1
00:00:00.040 --> 00:00:01.480
Eine Ausstellung über Richard Wagner im

2
00:00:01.480 --> 00:00:03.400
Deutschen Historischen Museum

3
00:00:03.400 --> 00:00:06.720
ist eine sehr interessante Herausforderung.

4
00:00:06.840 --> 00:00:10.400
Richard Wagner ist ohne Zweifel eine große Figur

5
00:00:10.960 --> 00:00:14.440
der Moderne, eine große Figur des 19. Jahrhunderts.

6
00:00:14.880 --> 00:00:23.960
Was wir zeigen wollen, ist Wagner als Erfinder der Moderne,

7
00:00:24.400 --> 00:00:30.160
Wagner hauptsächlich als Erfinder des

8
00:00:30.160 --> 00:00:33.120
sogenannten Mythos der Moderne.

9
00:00:33.120 --> 00:00:36.840
Mythos der Moderne heißt,

10
00:00:36.840 --> 00:00:44.280
eine Gefühlswelt zu erfinden und auszustatten.

11
00:00:44.280 --> 00:00:47.600
Wie fühlt man sich im 19. Jahrhundert?

12
00:00:47.640 --> 00:00:54.960
Wie lernt man zu fühlen, neu zu fühlen und dann auch Deutsch zu fühlen?

13
00:00:54.960 --> 00:00:58.560
Das ist die zweite Ebene der Frage.

14
00:00:59.920 --> 00:01:04.840
Wir arbeiten mit dem Titel „Richard Wagner und das deutsche Gefühl”

15
00:01:05.320 --> 00:01:10.840
und wir denken an das Gefühl auf zwei Ebenen.

16
00:01:10.840 --> 00:01:19.040
Erstens hat Wagner sein Publikum gelehrt, durch Musik zu fühlen

17
00:01:19.360 --> 00:01:22.000
und zweitens Deutsch zu fühlen.

18
00:01:22.800 --> 00:01:29.360
Das heißt, Wagner hat sich, als er älter geworden ist,

19
00:01:30.160 --> 00:01:32.720
mehr und mehr dem Nationalismus verschrieben.

20
00:01:33.640 --> 00:01:38.560
Und tiefer noch hat Wagner gedacht,

21
00:01:38.560 --> 00:01:43.080
dass Musik selbst eine nationale Sache sei,

22
00:01:44.080 --> 00:01:53.800
dass nur Deutsche eine Fähigkeit von echter Innerlichkeit haben

23
00:01:54.120 --> 00:02:01.440
und Musik als Kunst der Innerlichkeit eine echte deutsche Kunst sei.

24
00:02:02.520 --> 00:02:07.280
Wagner sagt gleichzeitig tiefe Wahrheiten und tiefe,

25
00:02:07.880 --> 00:02:11.840
wichtige, politisch und künstlerisch wichtige, Lügen.

26
00:02:12.240 --> 00:02:16.520
Und man kann Wagners Wahrheiten

27
00:02:16.520 --> 00:02:20.800
und Wagners Lügen nicht voneinander trennen.

28
00:02:21.760 --> 00:02:23.280
Sie gehören zusammen.

29
00:02:23.280 --> 00:02:26.600
Man kann sozusagen den guten Wagner

30
00:02:26.600 --> 00:02:31.720
und den bösen Wagner nicht separat voneinander sehen.

31
00:02:31.720 --> 00:02:36.600
Deswegen hat das Museum vielleicht eine andere Pflicht als ein Opernhaus.

32
00:02:36.640 --> 00:02:42.760
Wir müssen als Kulturhistoriker alle zusammen Wagner richtig verstehen.

33
00:02:43.600 --> 00:02:47.800
Und wir hoffen, dass die Besucher und Besucherinnen

34
00:02:48.360 --> 00:02:54.000
mindestens für ein paar Stunden mit uns Kulturhistoriker werden können.

