
{"id":1038,"date":"2017-07-13T15:07:00","date_gmt":"2017-07-13T13:07:00","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1038"},"modified":"2017-07-27T10:40:22","modified_gmt":"2017-07-27T08:40:22","slug":"baedeker-vom-feldpostbrief-zum-reisefuehrer","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/07\/13\/baedeker-vom-feldpostbrief-zum-reisefuehrer\/","title":{"rendered":"Baedeker: Vom Feldpostbrief zum Reisef\u00fchrer"},"content":{"rendered":"<h1>Baedeker: Vom Feldpostbrief zum Reisef\u00fchrer<\/h1>\n<p><strong>Sommerzeit ist Reisezeit und selbst wenn es einen nicht in die Ferne zieht, ist man auf der Suche nach den Geheimtipps f\u00fcrs Umland. Ein Synonym f\u00fcr Reisef\u00fchrer schlechthin war lange Zeit die Marke \u201eBaedeker\u201c. Gepr\u00e4gt wurde sie insbesondere von Fritz Baedeker, einem der S\u00f6hne des Gr\u00fcnders. Seine pr\u00e4zise Art der Beobachtung und genauen Schilderungen von fremden Gegenden findet sich bereits in seinen <a href=\"http:\/\/dhm.de\/datenbank\/dhm.php?seite=5&#038;fld_0=ZD045089\">Briefen<\/a>, die er 1866 aus dem Deutschen Krieg an die Heimat schrieb, wie <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/sammlungen00\/dokumente\/kontakt.html\">Sammlungsleiter Thomas Jander<\/a> erkl\u00e4rt. Von ihnen konnte das Deutsche Historische Museum j\u00fcngst 13 erwerben.<\/strong><\/p>\n<p>Ihre Bl\u00fctezeit erlebten die Handb\u00fccher f\u00fcr fremde L\u00e4nder aus dem gleichnamigen Verlag bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen hatten das Reisen f\u00fcr sich entdeckt und der Baedeker sagte ihnen, wo es hinging, was dort zu sehen sei und wie man sich dort gab. So stiegen die Verkaufszahlen des Unternehmens bis 1913 auf 250.000 Exemplare und erzielten einen Umsatz von fast einer Million Reichsmark.<\/p>\n<h3>Knapp, sachlich, \u00fcbersichtlich \u2013 der \u201eBaedeker-Stil\u201c<\/h3>\n<p>Mit Fritz Baedeker entstand auch der typische \u201eBaedeker-Stil\u201c: telegrammartige, sachliche und knappe Beschreibungen, stichwortartige Hinweise, \u00fcbersichtliche Gliederung und vor allem pr\u00e4zises Kartenmaterial. Dieser ans Milit\u00e4rische erinnernde Stil passte einerseits zur Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs, in der eine Uniform immer auch Ausdruck eines gehobenen sozialen Status war. Gleichzeitig l\u00e4sst er sich auf die Erfahrungen Fritz Baedekers zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Einblick in diese Erfahrungen gew\u00e4hrt nun eine kleine Serie von 13 Briefen, die Baedeker zwischen Mai und Oktober 1866 als preu\u00dfischer Soldat im <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/reaktionszeit\/deutscher-bund\/deutscher-krieg-1866.html\">Deutschen Krieg<\/a> schrieb. Was diese kleine Serie zu einer Besonderheit macht, ist nicht nur die Prominenz ihres Verfassers. Es ist auch ihre Geschlossenheit, die Ausf\u00fchrlichkeit der Schilderungen sowie der bemerkenswert gute Erhaltungszustand der Dokumente. Nicht zuletzt aber ist es die Tatsache, dass in anderen deutschen Sammlungen nach heutigem Forschungsstand insgesamt nur weitere 14 Briefe existieren.<\/p>\n<h3>Berichte von der Front<\/h3>\n<p>Nachdem er aus Heidelberg an die Berliner Universit\u00e4t gewechselt war, diente Fritz Baedeker als Einj\u00e4hrig Freiwilliger bei der reitenden Abteilung des Garde-Feldartillerie-Regiments in der Friedrichstra\u00dfe. Im April 1866 setzte sich seine Einheit von der Kaserne am Oranienburger Tor in Marsch und zog in Richtung B\u00f6hmen. Dort wurde Baedeker im Juli Zeuge der <a href=\"\/blog\/2016\/07\/05\/mein-projekt-koeniggraetz\/\">Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz<\/a> (Hradec Kr\u00e1lov\u00e9), die er beim Dorf Sadowa (Sadov\u00e1) aus n\u00e4chster N\u00e4he miterlebte. \u201eOrdentlich leid taten mir die vielen gefallenen Sachsen, die weit von ihrer Heimat f\u00fcr eine Sache, f\u00fcr die sie doch kein Herz haben konnten, den Tod erlitten [\u2026]\u201c schrieb der 22j\u00e4hrige seiner Mutter kurz nach der Schlacht.<\/p>\n<p>Besonders eindringlich sind seine Beschreibungen der multiethnischen Bev\u00f6lkerung, auf die er im August im b\u00f6hmischen Ort D\u00fcrnholz (Drnholec) trifft und mehr noch die Schilderungen \u00fcber die Verheerungen, die die Cholera dort unter Einheimischen wie Soldaten dort anrichtete: \u201eDas Schauerlichste aber ist der Anblick, wie die Leichen weggebracht werden; man wartet n\u00e4mlich immer mit der Fuhre bis 4 oder 5 beisammen sind, dann wird ein Leiterwagen geholt auf den dieselben gelegt u. nur mit Stroh zugedeckt werden. [\u2026] Dann geht es ohne Sang und Klang u. ohne da\u00df jemand folgt, dem Felde zu, wo sie ruhig eingegraben werden.\u201c Die Ursache der Epidemie sah Baedeker nicht, wie es in den Zeitungen vermeldet wurde, im zu fetten Essen, sondern darin, dass die Soldaten zu wenig \u201eZuspeise\u201c zum Fleisch h\u00e4tten und daher in Massen die unreifen Kartoffeln von den Feldern holten und a\u00dfen. Zwar schrieb er nicht telegrammartig, blieb aber schon hier im Wesentlichen und fasste seine Eindr\u00fccke so zusammen, so dass die Briefe vieles an Informationen bieten und dennoch bemerkenswert kurze Texte sind.<\/p>\n<p>Nach dem Ende seines Milit\u00e4rdienstes ging Fritz Baedeker wieder ins Zivilleben zur\u00fcck, erlernte in Genf den Buchhandel und war seit 1869 Juniorpartner seines Bruders im Verlag. Doch wurde er im <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/das-reich\/deutsch-franzoesischer-krieg-187071.html\">Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg<\/a> wieder Soldat und wurde 1871 Offizier. Mit dieser Grundierung \u00fcbernahm der die Leitung des Familienunternehmens und pr\u00e4gte damit nicht nur dessen Stil, sondern beeinflusste auch die Art und Weise, wie die Leser seiner Reisef\u00fchrer die Welt wahrnahmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Baedeker: Vom Feldpostbrief zum Reisef\u00fchrer<span><\/h2>\n<p>Sommerzeit ist Reisezeit und selbst wenn es einen nicht in die Ferne zieht, ist man auf der Suche nach den Geheimtipps f\u00fcrs Umland. Ein Synonym f\u00fcr Reisef\u00fchrer schlechthin war lange Zeit die Marke \u201eBaedeker\u201c. Gepr\u00e4gt wurde sie insbesondere von Fritz Baedeker, einem der S\u00f6hne des Gr\u00fcnders. Seine pr\u00e4zise Art der Beobachtung und genauen Schilderungen von fremden Gegenden findet sich bereits in seinen Briefen, die er 1866 aus dem Deutschen Krieg an die Heimat schrieb. Von ihnen konnte das Deutsche Historische Museum j\u00fcngst 13 erwerben.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1040,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[947,949,951,480,755],"class_list":["post-1038","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-baedeker","tag-deutscher-krieg","tag-feldpost","tag-koeniggraetz","tag-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1038"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1050,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1038\/revisions\/1050"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1040"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}