
{"id":10459,"date":"2025-11-14T14:40:24","date_gmt":"2025-11-14T13:40:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=10459"},"modified":"2025-12-17T09:55:19","modified_gmt":"2025-12-17T08:55:19","slug":"natur-und-deutsche-geschichte-glaube-biologie-macht","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2025\/11\/14\/natur-und-deutsche-geschichte-glaube-biologie-macht\/","title":{"rendered":"Natur und deutsche Geschichte. Glaube \u2013 Biologie \u2013 Macht"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Natur und deutsche Geschichte. Glaube \u2013 Biologie \u2013 Macht<\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Er\u00f6ffnungsrede von Kuratorin Julia Voss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>14. November 2025<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seit heute ist die Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/natur-und-deutsche-geschichte-glaube-biologie-macht\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/natur-und-deutsche-geschichte-glaube-biologie-macht\/\">\u201eNatur und deutsche Geschichte. Glaube \u2013 Biologie \u2013 Macht\u201d<\/a> im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen. Im Rahmen der feierlichen Er\u00f6ffnung am 13. November 2025 hielt die Kuratorin Prof. Dr. Julia Voss folgende Rede:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte auf drei Aspekte der Ausstellung \u201eNatur und deutsche Geschichte. Glaube \u2013 Biologie \u2013 Macht\u201d eingehen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum beginnen wir, wie wir beginnen \u2013 n\u00e4mlich mit Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir beginnen mit Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert, in einer Zeit, die als \u201eGr\u00fcnderzeit\u201c beschrieben worden ist: Viele St\u00e4dte und Kl\u00f6ster werden gegr\u00fcndet, in sich ausbreitenden Kulturlandschaften. Auch Hildegard gr\u00fcndet ihr Kloster auf dem Rupertsberg mit etwa 50 Jahren bei Bingen am Rhein. Sie ist also in diesem Sinne eine typische Vertreterin dieses Wandels.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist aber auch eine Ausnahmefigur: Hildegard, eine Benediktinernonne, Komponistin und \u00c4btissin, berichtet, Visionen zu erleben, die sie als g\u00f6ttliche Botschaften versteht. Als erste Frau in der Geschichte erh\u00e4lt sie vom Papst in Rom die Erlaubnis, diese niederzuschreiben, nat\u00fcrlich auf Lateinisch. Das Wort \u201eNatur\u201c nimmt keine zentrale Rolle bei ihr ein, daf\u00fcr aber der Begriff \u201eviriditas\u201c, abgeleitet vom lateinischen Wort f\u00fcr Gr\u00fcn. Diese \u201eGr\u00fcnkraft\u201c versteht sie als g\u00f6ttliches Geschehen, das alles Lebendige durchwirkt. Hildegard setzt sich intensiv mit der Sch\u00f6pfung auseinander, den Tieren und Pflanzen, ihren Heilwirkungen. Es ist aber keine Einbahnstra\u00dfe: Pflanzen und Tiere, so ihre \u00dcberzeugung, k\u00f6nnen den Menschen heilen. Umgekehrt muss sich auch der Mensch in den Dienst der \u201eGr\u00fcnkraft\u201c stellen, um zur Heilung der Sch\u00f6pfung beizutragen. Wir haben hier also eine sehr vielseitig gelehrte Frau des Mittelalters, die sich fragt, was die Ordnung im Verh\u00e4ltnis zur Sch\u00f6pfung herstellt oder st\u00f6rt \u2013 das schien uns ein interessanter Ausgangspunkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHildegard von Bingen\u201c ist die erste Fallgeschichte oder das erste historische Fenster, die erste Vignette, mit der wir beginnen. Wir versammeln insgesamt fast zwei Dutzend solcher Beispiele oder Wendepunkte aus etwa 800 Jahren deutscher Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese historischen Fenster sind in f\u00fcnf chronologisch aufeinanderfolgenden R\u00e4umen angeordnet: Mittelalter, Fr\u00fche Neuzeit, Industrialisierung, Nationalsozialismus und geteiltes Deutschland (so ist auch die Ordnung des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/publikation\/natur-und-deutsche-geschichte\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.dhm.de\/publikation\/natur-und-deutsche-geschichte\/\">Begleitbands<\/a>, erschienen bei Matthes &amp; Seitz).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum enden wir, wie wir enden \u2013 n\u00e4mlich mit der Umweltpolitik der 1970er Jahre?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Ausstellung endet vor etwa f\u00fcnfzig Jahren, n\u00e4mlich etwa Mitte der 1970er Jahre: Ein neues Wort verfestigt sich in der deutschen Sprache, der \u201eUmweltschutz\u201c. \u201eUmweltschutz\u201c zieht in die ersten Parteiprogramme und als Abteilung in Ministerien ein \u2013 ich komme noch dazu. Gleichzeitig ist es ein Anliegen, das nun zunehmend von gro\u00dfen Protestbewegungen gefordert wird. Unser Beispiel ist die Anti-Atomkraft-Bewegung in Wyhl am Kaiserstuhl, eine b\u00fcrgerlich ausgerichtete Bewegung, bestehend aus Winzerfamilien, Pfarrern, Handwerkern und Akademikern, darunter viele Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wyhl wird wichtig f\u00fcr Gr\u00fcndungsmitglieder der Gr\u00fcnen sein. Und es beginnt eine neue \u00c4ra, in der \u201eUmweltschutz\u201c mehr und mehr als ein Thema des liberalen oder linken Parteienspektrums gesehen wird. In der Bewegung in Wyhl gab es jedoch noch eine ausgepr\u00e4gte konservative Str\u00f6mung. Wie wir in der Ausstellung zeigen, waren es au\u00dferdem Hans-Dietrich Genscher und die FDP, die auf Bundesebene die Umweltpolitik verankern wollten. Zuvor setzte sich auch Willy Brandt als Kanzlerkandidat der SPD daf\u00fcr ein. Die 1970er-Jahre im Zeichen des \u201eUmweltschutzes\u201c schienen uns also ein guter historischer Moment, um als historisches Museum zu enden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind die gliedernden Elemente der Ausstellung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von den gro\u00dfen chronologischen R\u00e4umen habe ich bereits gesprochen. Zu jedem dieser R\u00e4ume haben wir ein Interview mit einer Historikerin oder einem Historiker gef\u00fchrt. Diese Interviews sind als Videos in der Ausstellung in gek\u00fcrzter Form zu sehen \u2013 immer in die hellgelben Raumstele eingepasst \u2013 und in voller L\u00e4nge im Begleitband abgedruckt. Uns war wichtig, die Breite der historischen Forschung, aus der wir sch\u00f6pfen, auf diese Weise abbilden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzelnen historischen Fenster, die wir aufmachen, die Fallgeschichten oder Vignetten, leiten jeweils ein Tier oder eine Pflanze ein: Die Taube etwa f\u00fchrt zu Hildegard von Bingen. Der Wolf, der auf dem Plakat abgebildet ist, f\u00fchrt zum Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Weitere Tiere und Pflanzen sind die Kartoffel, die Eiche, das Moos oder auch der Pfau, die Sumpfschildkr\u00f6te, die Roterle oder der Belugawal. Jedes dieser Tiere und Pflanzen hat in der historischen Episode, die wir erz\u00e4hlen, eine besondere Rolle gespielt oder Bedeutung gehabt. Die Tiere und Pflanzen sind jeweils in diesem Rotton markiert und mit dem Einleitungstext versehen.<\/p>\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-10515 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-683x1024.jpg 683w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-768x1151.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-1025x1536.jpg 1025w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-1366x2048.jpg 1366w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Julia_Voss_01-scaled.jpg 1708w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Julia Voss<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Prof. Dr. Julia Voss ist die Kuratorin der Ausstellung \u201eNatur und deutsche Geschichte\u201c und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Natur und deutsche Geschichte. 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