
{"id":1055,"date":"2017-07-19T12:20:06","date_gmt":"2017-07-19T10:20:06","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1055"},"modified":"2018-01-25T14:51:13","modified_gmt":"2018-01-25T13:51:13","slug":"warum-die-nazis-angst-vor-moderner-kunst-hatten","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/07\/19\/warum-die-nazis-angst-vor-moderner-kunst-hatten\/","title":{"rendered":"Kolumne: Warum die Nazis Angst vor moderner Kunst hatten"},"content":{"rendered":"<h1>Warum die Nazis Angst vor moderner Kunst hatten<\/h1>\n<p><strong>Am 19. Juli 1937 wurde in M\u00fcnchen die Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> mit rund 650 konfiszierten Kunstwerken aus 32 deutschen Museen er\u00f6ffnet. Anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags diskutiert der Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Ullrich die Beurteilung der in dieser Schau zusammengetragenen Werke.<\/strong><\/p>\n<p>Als 2012 der 75. Jahrestag der Ausstellung Entartete Kunst anstand, wunderte sich die Kunstkritikerin Julia Voss <a href=\"https:\/\/volltext.merkur-zeitschrift.de\/article\/mr_2012_12_1171-1178_1171_01\">in einem Beitrag im Merkur<\/a>, dass allein an das Datum ihrer Er\u00f6ffnung erinnert werde. Des Beginns von etwas zu gedenken, sei eigentlich nur bei \u201efreudigen Ereignissen\u201c angebracht. Zwar wird die nationalsozialistische Kunstpolitik nachtr\u00e4glich keineswegs gutgehei\u00dfen, aber sp\u00e4testens seit der <em>Documenta 1<\/em> im Jahr 1955 reduziere man die Debatte um die \u201eEntartete Kunst\u201c, so Voss, auf ein blo\u00df \u201estilgeschichtliches Ph\u00e4nomen\u201c, so als sei es damals nur darum gegangen, wie expressionistisch oder abstrakt ein Werk sein d\u00fcrfe. Daraus sei sogar regelrecht ein wohlfeiler \u201eAblasshandel\u201c entstanden. So markiere die Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> einen willkommenen \u201eTiefpunkt der Stilgeschichte\u201c und stelle eine bis heute verbindliche negative Referenz dar: Je lauter man sich zu den Stilen bekennt, die die Nazis verdammten, desto fortschrittlicher und integrer steht man selbst da.<\/p>\n<p>Zurecht legt Voss dar, dass zur Klassifizierung eines K\u00fcnstlers als \u201aentartet\u2019 stilistische Belange f\u00fcr die Nazis weniger z\u00e4hlten als rassische und politische Kriterien. Einem Juden half es nicht, wenn er in einem altmeisterlichen Stil malte, w\u00e4hrend Franz Marcs <em>Turm der blauen Pferde<\/em> nach einer Intervention des Deutschen Offiziersbunds aus der Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> herausgenommen wurde. Immerhin war Marc im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat den Heldentod gestorben.<\/p>\n<h3>Die Rolle der Kunst innerhalb der NS-Rassenpolitik<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich lassen sich stilbezogene und rassisch-biologistische Begr\u00fcndungen daf\u00fcr, warum die Nazis etwas als \u201aentartet\u2019 deklarierten, nicht voneinander trennen. Vielmehr hing das eine mit dem anderen f\u00fcr sie unmittelbar zusammen. W\u00e4re es anders gewesen, h\u00e4tte die Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em>, historisch ohne Vorbild, vermutlich gar nicht stattgefunden. Nur aufgrund einer tief sitzenden Angst und Verunsicherung konnte man darauf kommen. Dass die Ausstellung rund vier Jahre lang durch zw\u00f6lf St\u00e4dte wanderte und man viel daf\u00fcr tat, hohe Besucherzahlen zu erzielen (allein in M\u00fcnchen mehr als zwei Millionen), zeugt ebenfalls davon, wie wichtig den Nazis das Thema war. Sie glaubten einerseits, in moderner Kunst klarer und drastischer als irgendwo sonst Ph\u00e4nomene rassischer Degeneration erkennen zu k\u00f6nnen, andererseits aber f\u00fcrchteten sie, dass die Werke einen negativen Einfluss auf die Sch\u00f6nheitsideale und damit auf den eugenischen Ehrgeiz der Menschen haben k\u00f6nnten, damit also zu weiterem Rassenverfall beitr\u00fcgen. So sehr man somit dem Topos anhing, dass Kunst ein Seismograph ist und viel \u00fcber den Zustand einer Zeit verr\u00e4t, so sehr attestierte man ihr zugleich manipulativ-pr\u00e4gende Kr\u00e4fte. Und deshalb hatte man Angst vor ihr.<\/p>\n<p>Obwohl die Ausstellung kurzfristig und hastig binnen weniger Wochen zusammengestellt wurde, lie\u00df man sich einiges einfallen, um das Publikum sowohl zu alarmieren als auch die bef\u00fcrchteten negativen Wirkungen der Kunst zu bannen. Man pferchte rund 650 Werke in kleinen, engen R\u00e4umen zusammen, die nie f\u00fcr Kunstausstellungen vorgesehen waren, und h\u00e4ngte sie zum Teil sogar schief an die W\u00e4nde, auf die man zus\u00e4tzlich Schm\u00e4hparolen anbrachte, mit denen die Rezeption massiv beeinflusst wurde.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig aber ist vor allem, dass die Ausstellung \u00fcberproportional viele Darstellungen von Menschen enthielt, hingegen kaum Werke abstrakter Kunst, aber auch nur weniges aus Gattungen wie der Landschaftsmalerei oder des Stilllebens. Mit dieser Auswahl sollte deutlich werden, wie sehr dem Menschen in der Moderne zugesetzt wurde. Dabei warf man den K\u00fcnstlern der verschiedenen Spielarten von Expressionismus weniger vor, Gesichter und K\u00f6rper mit ihren Stilmitteln zu verunstalten, als man vielmehr unterstellte, diese seien Folge davon, dass Kretins, Kranke und Idioten als Vorbilder gedient h\u00e4tten, ja dass es zunehmend mehr missgebildete Menschen gebe. Statt dem aber entgegenzuwirken und sich an den Sch\u00f6nheiten der Vergangenheit zu orientieren, w\u00fcrden die K\u00fcnstler, selbst schon degeneriert, den Verfall nicht einmal als solchen bemerken oder sich sogar daran erg\u00f6tzen.<\/p>\n<h3>Beschr\u00e4nkung auf Stilfragen<\/h3>\n<p>K\u00fcnstlerische Stilfragen wurden von den Nazis also in rassenpolitische und sozialdarwinistische Zusammenh\u00e4nge gebracht. Das unterschied sie von vielen anderen Gegnern moderner Kunst, die es schon vor ihnen gab und bis heute noch gibt. Daher aber ist es doch auch mehr als nur Ablasshandel, wenn man die Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> zum Anlass nimmt, um sich speziell von den Stil-Verdikten der Nazis zu distanzieren. Vielmehr kann man so demonstrieren, dass sich Kunstwerke auch unabh\u00e4ngig von anderen Diskursen und apokalyptischen Geschichtsbildern betrachten lassen. Je mehr man Stilfragen einfach nur als Stilfragen ansieht, desto besser wird man der Kunst sogar gerecht, erkennt man sie dann doch in ihrer eigenen Entwicklung \u2013 ihrer Autonomie \u2013 an, statt sie aus etwas anderem heraus zu erkl\u00e4ren. So sehr es also die nationalsozialistische Kunstpolitik verk\u00fcrzt darstellt, wenn man sie auf Stilfragen beschr\u00e4nkt, so sehr befreit man damit die Kunst von falschen Anspr\u00fcchen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Ullrich-Foto.jpg\" width=\"140\" \/><\/p>\n<p><sup>\u00a9 Annekathrin Kohout<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Wolfgang Ullrich<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Wolfgang Ullrich, geb. 1967, lebt als freier Autor in Leipzig, war zuvor Professor f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Karlsruhe. Er forscht und publiziert zu Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, bildsoziologischen Fragen und Konsumtheorie. Mehr unter: <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.ideenfreiheit.de\" target=\"_blank\">www.ideenfreiheit.de.<\/a><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Warum die Nazis Angst vor moderner Kunst hatten<span><\/h2>\n<p>Am 19. Juli 1937 wurde in M\u00fcnchen die Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> mit rund 650 konfiszierten Kunstwerken aus 32 deutschen Museen er\u00f6ffnet. Anl\u00e4sslich des 80. 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