
{"id":10555,"date":"2026-02-11T10:58:56","date_gmt":"2026-02-11T09:58:56","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=10555"},"modified":"2026-03-12T12:47:16","modified_gmt":"2026-03-12T11:47:16","slug":"internationales-flair-in-deutschen-kuechen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2026\/02\/11\/internationales-flair-in-deutschen-kuechen\/","title":{"rendered":"Internationales Flair in deutschen K\u00fcchen"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Internationales Flair in deutschen K\u00fcchen: TV-Kochsendungen der 1950er\/-60er Jahre<\/h1>\n\n\n\n<p>Ursula Heinzelmann | 11. Februar 2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Natur geht durch den Magen: Welche Speisen wo und wie auf den Tisch kommen, verr\u00e4t h\u00e4ufig viel \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Gesellschaften zur Natur. In der Nachkriegszeit galten Obst und Gem\u00fcse aus der Dose als weltl\u00e4ufige K\u00f6stlichkeit, deren Zubereitung Fernsehk\u00f6che in Ost- und Westdeutschland vormachten. Gegessen wurde nun auch vor der Mattscheibe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:#becafa\" class=\"has-inline-color has-black-color\"><strong>Rezept f\u00fcr Toast Hawai<\/strong><br>Wei\u00dfbrot in Kastenform, magerer Schinken, B\u00fcchsenananas, d\u00fcnne K\u00e4sescheiben, entsteinte Sauerkirschen. Wei\u00dfbrot leicht toasten, d\u00fcnn mit Butter bestreichen, nacheinander 1&nbsp;Scheibe Schinken, 1 Scheibe Ananas, 1 Scheibe K\u00e4se darauf legen. Das Ganze \u00fcbertoasten, mit einer Sauerkirsche garnieren, hei\u00df servieren. \u2014 Liesel Friese-Fickenscher, \u201eWir haben G\u00e4ste, wir feiern Feste!\u201d (1961)<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p>Das erste gedruckte Rezept f\u00fcr den Toast Hawai(i) \u2013 sp\u00e4ter auch \u201eFloridatoast\u201d genannt \u2013 erschien 1955 in der Edeka-Kundenzeitschrift \u201eDie kluge Hausfrau\u201d. Die gratinierte Kreation aus gekochtem Schinken, Dosenananas, K\u00e4se und \u2013 gegebenenfalls \u2013 einem Tupfer Tomatenketchup auf wei\u00dfem Toastbrot ist ein Vorl\u00e4ufer der heute popul\u00e4ren Pizza Hawaii. Der Schichttoast steht beispielhaft f\u00fcr den pseudo-internationalen Kochstil der Wirtschaftswunderjahre. Erfunden hatte den Toast Hawaii zwei Jahre zuvor angeblich der erste westdeutsche Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, mit b\u00fcrgerlichem Namen Carl Clemens Hahn. Sch\u00e4rfster Konkurrent im Anspruch auf die Urheberschaft war Hans Karl Adam, ein Kochprofi, der sp\u00e4ter ebenfalls im Fernsehen auftrat und dessen Rezept \u201eAdams Toast\u201d den zus\u00e4tzlichen Klecks Tomatenketchup enthielt. Wilmenrod war von Hause aus Schauspieler. Er trat zwischen 1953 und 1964 zun\u00e4chst alle zwei Monate, sp\u00e4ter monatlich live im NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) auf. Ohne Ber\u00fchrungs\u00e4ngste produzierte er in zehn bis f\u00fcnfzehn Minuten ganze Men\u00fcs aus Halbfertigprodukten und lie\u00df bei Namen und Geschichten seiner Fantasie freien Lauf. Munter kalauernd erfand er auch \u201eArabisches Reiterfleisch\u201d und \u201eGef\u00fcllte Erdbeeren\u201d. Seine Kombination aus Weltl\u00e4ufigkeit (Hawaii) und Alltag (Scheibenbrot, Dosenobst) kam bei Hausfrauen gut an. Rezeptnamen und Zutaten stillten die Reisesehnsucht im heimischen Wohnzimmer. Bereits 1950 hatte ein italienischer Salat f\u00fcr ein Silvesterb\u00fcffet den neuen Internationalismus in der \u201eKlugen Hausfrau\u201c eingel\u00e4utet. Der kulinarische Horizont erweiterte sich \u2013 zumindest in den Rezeptnamen&nbsp;\u2013 zuerst um Italien und Frankreich, gelegentlich um weitere europ\u00e4ische L\u00e4nder. Die Bezeichnung \u201eMail\u00e4nder Art\u201d wurde f\u00fcr Schweinefilet, Kalb, W\u00fcrstchen und sogar Spargel genutzt und signalisierte meist den Einsatz von Tomatenp\u00fcree und Reibek\u00e4se (ab 1958 explizit Parmesan).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFranz\u00f6sisch\u201d stand f\u00fcr unterschiedlichste Kombinationen aus Cognac, Knoblauch und Rotwein. 1953 lernten westdeutsche Hausfrauen erstmals ein freiz\u00fcgig adaptiertes \u201echinesisches\u201d Nasi Goreng kennen, das eigentlich aus Indonesien stammt. \u00c4hnliche international verbr\u00e4mte Gerichte stellte alle zwei Wochen im Deutschen Fernsehfunk auch der ostdeutsche Kurt Drummer von 1958 bis 1983 in der 30-min\u00fctigen Sendung \u201eDer Fernsehkoch empfiehlt\u201d vor. Drummer war wie Adam Profi und leitete die K\u00fcchen der gro\u00dfen Interhotels. Seine Aufgabe im Fernsehen schien unter anderem darin zu bestehen, die Aufmerksamkeit des Publikums auf im sozialistischen Staat verf\u00fcgbare Zutaten zu lenken. Die Gerichte passte er entsprechend an. Mit gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit tauchen in Drummers Kochb\u00fcchern zur Sendung neben Rezepten aus Kuba und der Sowjetunion auch solche aus Italien und \u00d6sterreich auf. Hier wie dort ver\u00e4nderte das Fernsehen nicht nur die abendliche Freizeitgestaltung, sondern auch die Essgewohnheiten. Vor der Mattscheibe lie\u00df es sich bequem essen und trinken. An langen TV-Abenden sa\u00df die Familie mit reichlich H\u00e4ppchen und Schnittchen beisammen. Knabbereien wie Salzstangen, Erdn\u00fcsse und \u00c4hnliches waren auf dem Sofatischchen ein Muss. 1959 wurden in Westdeutschland erstmals Kartoffelchips hergestellt. Die einst strikte Mahlzeitenordnung begann aufzuweichen. 1953 wurde in der \u201eKlugen Hausfrau\u201c auf die kurze Zubereitungszeit bei den vorgestellten Rezepten hingewiesen. M\u00f6glichst wenig Zeitaufwand beim Kochen und der gro\u00dfz\u00fcgige Einsatz von Convenience-Produkten \u2013 ein Trend, der sich bis heute gehalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Text erschien zuerst in der <\/em><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/publikation\/natur-und-deutsche-geschichte\/\"><em>Publikation zur Ausstellung \u201eNatur und deutsche Geschichte. Glaube \u2013 Biologie \u2013 Macht\u201d<\/em><\/a><em>, die in der Reihe \u201eNaturkunden\u201c bei Matthes &amp; Seitz Berlin ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Internationales Flair in deutschen K\u00fcchen: TV-Kochsendungen der 1950er\/-60er Jahre<span><\/h2>\n<p>Natur geht durch den Magen: Welche Speisen wo und wie auf den Tisch kommen, verr\u00e4t h\u00e4ufig viel \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Gesellschaften zur Natur. 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