
{"id":1097,"date":"2017-08-17T15:21:44","date_gmt":"2017-08-17T13:21:44","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1097"},"modified":"2018-01-25T14:49:28","modified_gmt":"2018-01-25T13:49:28","slug":"presse-bilder-oeffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/08\/17\/presse-bilder-oeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Kolumne: Presse, Bilder, \u00d6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<h1>Presse, Bilder, \u00d6ffentlichkeit \u2013 Vom wandelnden Wert der Fotografie im digitalen Zeitalter<\/h1>\n<p><strong>Am 19. August wird weltweit j\u00e4hrlich der internationale Tag der Fotografie gefeiert. Er geht zur\u00fcck auf das Event des australischen Fotografen Korske Ara aus dem Jahr 2009, der dieses Datum w\u00e4hlte, weil am 19. August 1839 die Pariser Akademie der Wissenschaften und der sch\u00f6nen K\u00fcnste das Patent f\u00fcr die Daguerreotypie erhielt und der Allgemeinheit zur Verf\u00fcgung stellte. Unsere Kolumnistin Nadia S. Zaboura nimmt diesen Tag zum Anlass, um nach dem heutigen Wert der Fotografie im digitalen Zeitalter zu fragen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#8222;Das Wesen der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild.&#8220; Martin Heidegger<\/p>\n<p>Leicht hat sie es derzeit nicht: die Presse. Viele Ver\u00e4nderungen r\u00fctteln an der vierten Gewalt und ihrem Auftrag: der freien Beschaffung und Verbreitung von Information. Der Wandel, dem die nationale und globale Presselandschaft unterliegt, ist gleichzeitig Gefahr und Chance. Er kann demokratische Strukturen destabilisieren aber auch reformieren. Er kann den Fluss an Inhalten transparenter aber auch opaker, undurchsichtiger machen. Und er kann die Deutung der Welt in Informationsmonopolen uniform b\u00fcndeln aber auch auf vielen Schultern mit diversen Perspektiven verteilen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/ce8e82c2be7441daa83ad42636dddbd5\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<h3>Pressefotografie: Von Blickwinkeln und Vertrauen<\/h3>\n<p>Besonders anschaulich kristallisieren sich diese Entwicklungen anhand einer Disziplin: der Pressefotografie. War die rein-textbasierte Presse vor 1880 noch Standard, sind Publikationen ohne Fotografien heutzutage undenkbar. Man stelle sich dazu nur eine beliebige Zeitung, Zeitschrift oder News-Seite ohne Bilder vor \u2013 unendliche, bleierne Text-W\u00fcsten, so weit das Auge reicht.<\/p>\n<p>Dabei verlangt das Leserhirn stets nach Kontext und damit auch nach Visualisierung. So definierte die Schriftstellerin und Publizistin Susan Sontag in ihrem Standardwerk &#8222;\u00dcber Fotografie&#8220;: &#8222;Ein Ereignis, das wir durch Fotografien kennen, erlangt fu\u0308r uns zweifellos mehr Realita\u0308t, als wenn wir diese Bilder nie gesehen ha\u0308tten.&#8220;<\/p>\n<p>Damit beleuchtete Sontag eine wichtige Dimension und Relation zwischen Pressefotograf und Rezipient \u2013 das Vertrauen. Mit jedem Blick geht ein Vertrauensvorschuss einher, dass das Gezeigte tats\u00e4chlich ein unverf\u00e4lschtes und angemessenes Abbild eines realen Geschehens sei. Doch wo f\u00e4ngt die reine Abbildung an und wo beginnt die Inszenierung? Ab wann reden wir von Manipulation durch Bildmacht und welche verbindlichen Kriterien werden dabei angewandt?<\/p>\n<p>Diesen epistemologischen Spagat muss die Pressefotografie \u2013 mit jedem Ausl\u00f6serklick, mit jedem gew\u00e4hlten Blickwinkel, mit jedem gesetzten Bildausschnitt neu t\u00e4tigen, sich neu verdienen \u2013 mehr denn jede andere fotografische Disziplin. Und das seit Anbeginn des 19. Jahrhunderts, als eine fortschreitende Technik erst Bildnachrichten und sukzessive den Beruf des Pressefotografen erm\u00f6glichte.<\/p>\n<h3>Es werde Licht! Blitze aus Magnesium und Erkenntnis<\/h3>\n<p>Wie stark Bilder, Verantwortung und Geschichte nun miteinander verwoben sind und welchen erheblichen Einfluss Pressefotos als Medium der visuellen \u00d6ffentlichkeit aus\u00fcben, das erkennt man schnell an ikonischen Werken:<\/p>\n<p>Der niedergestreckte Sonny Liston, \u00fcber dem ein siegender, energetisierter Muhammad Ali seinen roten Boxhandschuh schwingt. Der &#8222;Tank Man&#8220;, dieser einzelne Mann vor vier Panzern stehend, eingefangen von Jeff Widener am Tag nach dem Tian&#8217;anmen-Massaker. John Dominis\u2019 kraftvolles &#8222;Black Power Salute&#8220; zweier Sportler auf der Olympia-Siegertreppe im Jahr 1968 oder auch das komplexe Foto &#8222;Migrant Mother&#8220; \u00fcber ein stellvertretendes Schicksal w\u00e4hrend der Great Depression von Dorothea Lange, aktueller denn je.<\/p>\n<p>Diese Momentaufnahmen sind Bestandteil des kollektiven Ged\u00e4chtnisses, mit einer vereinenden Eigenschaft: Pressefotos bringen auf besondere Art und Weise komplexe Inhalte visuell auf Punkt und Pixel, sie verdichten Informationen, rahmen Zusammenh\u00e4nge und: sie erschaffen und ver\u00e4ndern Geschichte. Ein hohes Ma\u00df an Verantwortung also gegen\u00fcber der Historie und ihrer Interpretation.<\/p>\n<p>Fast romantisch mutet da die griechische Wortwurzel dieses Berufsfeldes an, wird der Fotograf im Moment des verewigten Augenblicks doch zum &#8222;Lichtzeichner&#8220;. Nutzte er dabei zu Beginn noch das Blitzlichtpulver (nicht stets sicher) und sp\u00e4ter die Blitzlichtbirne (lang und grell), stehen ihm in der heutigen digitalen \u00c4ra diverse M\u00f6glichkeiten zur Beleuchtung einer Situation zur Verf\u00fcgung \u2013 im doppelten Wortsinn. Gegen\u00fcber der fr\u00fchen Fotografie und ihren Methoden wie dem Abwedeln oder dem Einsatz von Vaseline und Nylonstr\u00fcmpfen zwecks Weichzeichnung, lassen sich Fotos heute deutlich leichter ver\u00e4ndern. Dank nachgelagerter Bildbearbeitung mit Photoshop, Lightroom &amp; Co. geschieht das in deutlich k\u00fcrzerer Zeit und mit minimalem Aufwand am Monitor.<\/p>\n<p>Und manchmal erlangen Bilder dort auch eine vollkommen neue Bedeutung. So hat sich die visuelle Kultur im &#8222;Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit&#8220; neue Rahmenbedingungen geschaffen: Das ehemals aufw\u00e4ndig erstellte Einzelexemplar wird erg\u00e4nzt um digitale Massenware (Stockphotos) und massenhaft verbreitbare Fotos, oftmals ohne Verifizierungsm\u00f6glichkeit oder pr\u00fcfbare Bildquelle. Zus\u00e4tzlich treten Profis zunehmend in Konkurrenz zu Autodidakten \u2013 potenziell jede Person, die eigenes Fotoequipment oder ein Smartphone mit Kamerafunktion besitzt \u2013 und zunehmend auch mit k\u00fcnstlicher Intelligenz, die Bilder und Bildsequenzen simuliert, teils in Echtzeit.<\/p>\n<h3>Neue Formate, neue Verantwortung und eine Ethik des Bildes<\/h3>\n<p>Die Pressefotografie befindet sich also wie die gesamte Presse in einer Umbruchsituation. Was gezeigt und was gesehen wird, das obliegt nicht mehr ma\u00dfgeblich dem Fotograf, einer Redaktion und einem Verlag. Die ehemalige Deutungshoheit verteilt sich neu, das Informationsgesch\u00e4ft erh\u00e4lt neue Protagonisten.<\/p>\n<p>Die demokratische Herausforderung dieser Entwicklung ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Noch aktueller, noch virulenter stellen sich Fragen nach der Macht der Bilder: Welche gesellschaftlichen, politischen, marktwirtschaftlichen Akteure tummeln sich mit welchem Ziel in der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung? Welches Bild verordnet dem Leser Blindheit, weil ein wichtiger Aspekt au\u00dferhalb des gew\u00e4hlten Ausschnittes liegt, ein relevanter Kontext verschleiert wird? Und ganz praktisch: Welche Bedeutung tragen statische Print-Fotografien, w\u00e4hrend sich im Web neue News- und Bild-Formate rasant verbreiten? (Beispielhaft genannt seien an dieser Stelle GIFs, diese kleinen Bildsequenzen, die Momentaufnahmen kontextuell erweitern aber auch eine Bedeutungsverschiebung auf minimalste Gesten vornehmen.)<\/p>\n<p>In der Reflexion dieser Fragen ruht eine nicht gehobene Chance f\u00fcr die Pressefotografie: Sie kann sich wieder gewahr werden, dass sie nie reine Dokumentation, sondern immer auch Interpretation ist. Sie kann mit professionellem Anspruch ihre Interpretationsma\u00dfst\u00e4be hinterfragen, fortlaufend pr\u00fcfen und situativ anpassen. Sie kann sich gegen hochgejazzte Motive und f\u00fcr neue Situationen fernab etablierter politischer und gesellschaftlicher B\u00fchnen entscheiden, f\u00fcr \u00fcberraschende Blickwinkel. (Nichts anderes verfolgt die so genannte Street Photography als Bewegung des Authentischen, des Moments.)<\/p>\n<p>Und nicht zuletzt vermag eine transparente, authentische Bildberichterstattung neues Vertrauen zu erwecken. Die Pressefotografie erfindet sich neu als Foto-Kreator und als Foto-Kurator mit hohem Qualit\u00e4tsanspruch, entwickelt sich zum Begleiter durch die fortw\u00e4hrende, ansteigende Bilder- und Bedeutungsflut. Vertrauen also als kostbares Gut und Orientierungsma\u00dfstab, Vertrauen als altes neues Alleinstellungsmerkmal unter privatwirtschaftlichen Entscheidern dessen, was gesehen werden darf und was nicht (am Beispiel von Facebook\u2019s umstrittener Zensur des Fotos &#8222;The Terror of War&#8220; von Nick \u00dat, die den Blick auf rennende Kinder nach einem Napalm-Angriff unweit von Saigon tempor\u00e4r verbot).<\/p>\n<p>Mit dem selbst gelebten Respekt vor den Bildern entsteht fruchtbarer Grund f\u00fcr eine neue Bildethik und Kurationsethik. Und wenn alles gut l\u00e4uft, f\u00fchrt dies automatisch zu einer gr\u00f6\u00dferen Betrachtungskompetenz beim Rezipienten. Vielleicht kommen wir dann wieder zu einer Sehmethode, die Schiller 1789 im Gedicht &#8222;Die K\u00fcnstler&#8220; als &#8222;denkend weilet&#8220; beschrieb.<\/p>\n<p>Eine besondere M\u00f6glichkeit, den eigenen Blick weilend zu testen und die eigene Betrachtungskompetenz an 345 ausgew\u00e4hlten Bildern der Pressefotografie zu sch\u00e4rfen, bietet die aktuelle Ausstellung &#8222;<a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/die-erfindung-der-pressefotografie.html\" target=\"_blank\">Die Erfindung der Pressefotografie<\/a>&#8220; im Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>\u2022 Walter Benjamin \u2013 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit<br \/>\n\u2022 Georg Kurscheidt et al. \u2013 Schillers Werke. Nationalausgabe: Historisch-kritische Ausgabe<br \/>\n\u2022 Susan Sontag \u2013 \u00dcber Fotografie: Essays<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Portrait_Nadia_S_Zaboura.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Nadia S. Zaboura<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">ist freie Strategie- und Kommunikationsberaterin sowie Fach-Moderatorin \u2013 im Auftrag von Wirtschaft, Politik und Forschung. Neben strategischer und standortpolitischer Beratung in den M\u00e4rkten Medien, IT, Games und Gesundheit bietet sie themen\u00fcbergreifende Expertise f\u00fcr die digitale Wirtschaft und Gesellschaft \u2013 als Fach-Moderatorin und Referentin (Fraunhofer, ZDF, ZKM, BMFSFJ etc.). Dar\u00fcber hinaus ist Nadia S. Zaboura regelm\u00e4\u00dfig t\u00e4tig als Managerin und Kuratorin f\u00fchrender Kongresse (u.a. SXSW Interactive, CREATIVE.HEALTH, Gamescom Congress).<br \/>\nIm Jahr 2015 berief sie die Europ\u00e4ische Kommission zur Evaluatorin. In dieser Funktion entscheidet sie \u00fcber Horizon 2020, das europ\u00e4ische Rahmenprogramm f\u00fcr Forschung und Innovation. Zuvor war Zaboura berufene Juryvorsitzende und Jurorin des \u201eGrimme Online Award\u201c (2012 bis 2015) sowie Jurorin des \u201eDeutschen Radiopreis\u201c (2013 bis 2015).<br \/>\nIhr Portfolio, aktuelle Projekte und Texte finden sich unter <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.zaboura.de\" target=\"_blank\">www.zaboura.de<\/a>.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Presse, Bilder, \u00d6ffentlichkeit \u2013 Vom wandelnden Wert der Fotografie im digitalen Zeitalter<span><\/h2>\n<p>Am 19. 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