
{"id":1130,"date":"2017-08-31T13:14:39","date_gmt":"2017-08-31T11:14:39","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1130"},"modified":"2017-09-05T10:52:44","modified_gmt":"2017-09-05T08:52:44","slug":"der-terror-und-die-oeffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/08\/31\/der-terror-und-die-oeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Der Terror und die \u00d6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<h1>Der Terror und die \u00d6ffentlichkeit<\/h1>\n<h2>40 Jahre Deutscher Herbst<\/h2>\n<p><strong>Die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG J\u00fcrgen Ponto, Arbeitgeberpr\u00e4sident Hanns Martin Schleyer \u2013 <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/jahreschronik\/1977.html\" target=\"_blank\">1977 versetzte die Terrorwelle der Roten Armee Fraktion (RAF)<\/a> die damalige Bundesrepublik in Angst und Schrecken. In zahlreichen Medien wird das Gef\u00fchl der Angst und Polarisierung des heutigen Terrors mit dem vor vierzig Jahren verglichen. Laut aktueller Literatur geht die Taktik des Terrors aber noch weiter zur\u00fcck und basiert auf den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, eng verbunden mit der Entwicklung der Massenmedien und der \u00d6ffentlichkeit. Es sind die Reaktionen von Staat und \u00d6ffentlichkeit, die den Terror zu einem Erfolg oder Misserfolg werden lassen.<\/strong><\/p>\n<h3>Die Bundesrepublik Deutschland im Ausnahmezustand<\/h3>\n<p>In der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums steht im Abschnitt zur Bundesrepublik ein Kinderwagen, der am 5. September 1977 von der Roten Armee Fraktion (RAF) f\u00fcr den Anschlag auf den damaligen Arbeitgeberpr\u00e4sidenten Hanns Martin Schleyer genutzt wurde. Mit den im Kinderwagen versteckten Waffen er\u00f6ffneten die Terroristen das Feuer, das vier der Begleiter Schleyers t\u00f6tete. Die RAF wollte mit der Entf\u00fchrung Schleyers die Freilassung ihrer inhaftierten Mitglieder erzwingen. Als auch die Entf\u00fchrung eines Flugzeugs durch sympathisierende Pal\u00e4stinenser die Bundesregierung nicht dazu bewegen konnte, den Terroristen nachzugeben, ver\u00fcbten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gef\u00e4ngnis in Stuttgart-Stammheim, wo sie inhaftiert waren, Selbstmord. Schon im April desselben Jahres hatte die RAF den Generalbundesstaatsanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter erschossen, im Juli den Sprecher der Dresdner Bank, J\u00fcrgen Ponto. Das Jahr 1977 war damit der H\u00f6hepunkt und der Wendepunkt der linksradikalen Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland, die insgesamt f\u00fcnfzig Tote zu verantworten hatte.<\/p>\n<h3>Die Reaktionen der Angegriffenen sind Erfolg oder Misserfolg des Terrors<\/h3>\n<p>In ihrem Anfang 2017 erschienenen Buch zur <a href=\"http:\/\/www.his-online.de\/verlag\/9010\/programm\/detailseite\/publikationen\/die-erfindung-des-terrorismus-in-europa-russland-und-den-usa-1858-1866\/\" target=\"_blank\">Erfindung des Terrorismus<\/a> zeigt Carola Dietze, dass Terror sich in der Moderne als politisches Instrument in den Gesellschaften des europ\u00e4ischen Westens und der USA entwickelt hat. Am Beginn dieser Entwicklung steht nach Dietze das Attentat auf Napoleon III. Felice Orsinis im Januar 1858. Nach Orsini entwickelte sich Terror zu einer Handlungsoption f\u00fcr die politischen Aktivisten, die aus einer sich abschw\u00e4chenden sozialen und politischen Bewegung kamen, die durch den Terror neue Unterst\u00fctzung bekommen sollte. Mediale Berichterstattung und \u00fcbernationale Aufmerksamkeit waren eine Voraussetzung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu Nachahmungstaten in den Vereinigten Staaten und Europa f\u00fchrten. Anschl\u00e4ge und die Reaktionen auf diese z\u00e4hlen auch zur Motivation f\u00fcr terroristische Anschl\u00e4ge. Laut Dietze gehe es darum, &#8222;einen machtvollen Gegner vorzuf\u00fchren, die Legitimit\u00e4t seiner Macht zu bestreiten und ihn zu einer Reaktion zu provozieren [\u2026] Das hei\u00dft jedoch auch, dass die Reaktionen ein machtvolles Mittel im Kampf gegen Terrorismus sein k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Terror aus dem Untergrund heraus wollte die Rote Armee Fraktion gegen den von ihnen als \u00fcberm\u00e4chtig wahrgenommenen deutschen Staat vorgehen \u2013 und gegen den Kapitalismus, dem sie eine immanente Tendenz zum Faschismus vorwarfen. Die Gewalttaten sollten schockieren, aber auch Sympathien erzeugen und so ihr politisches Ziel voranbringen. Vor allem aber sollten sie erreichen, dass sich das angegriffene System in seiner Reaktion auf den Terror selbst moralisch diskreditierte.<\/p>\n<h3>Die Medien als Antriebsmotor des Terrors<\/h3>\n<p>Dieser Logik folgend lassen sich Terroristen als Verfechter einer Protestideologie, einem Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft, begreifen. Egal um wen es sich handelt, ein Terrorist braucht eine B\u00fchne, um seine Botschaften in die Welt zu tragen. Ein n\u00fctzliches Hilfsmittel hierf\u00fcr ist die mediale Berichterstattung, die f\u00fcr die gew\u00fcnschte Aufmerksamkeit und gleicherma\u00dfen Verbreitung der Angst sorgt. Bettina R\u00f6hl, die sich in ihrem <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/30198\/die-raf-und-die-bundesrepublik-essay\" target=\"_blank\">Essay<\/a> mit der RAF und der Bundesrepublik auseinandersetzt, beschreibt die Aktivit\u00e4ten der RAF als &#8222;ein nicht ungef\u00e4hrliches Medienprodukt&#8220;. Ferner schlussfolgert sie: &#8222;Die Medien waren die <em>Conditio sine qua non<\/em> f\u00fcr das Entstehen und die Fortexistenz der RAF, und dabei haben sie verantwortungslos die Terroristen zu Kultfiguren gemacht: eine Art Dallas-Show in Sachen Weltrevolution.&#8220;<\/p>\n<h3>Abw\u00e4gung der Grundrechte<\/h3>\n<p>Die gesellschaftliche und mediale Reaktion auf den Terror macht seinen Erfolg aus \u2013 heute wie 1977. \u00c4ndern wir aus Angst unsere Lebensweise? Wird der angegriffene Staat die Grundrechte aufgegeben, um sich zu sch\u00fctzen? 1977 ging die Bundesregierung nicht auf die Forderungen der Terroristen ein. Sie wertete damit ihren demokratischen Auftrag h\u00f6her als das Leben des Entf\u00fchrten. Die Grundrechteabw\u00e4gung fiel den Beteiligten schwer: War es wichtiger, die Unversehrtheit der Person zu sch\u00fctzen oder das Recht auf Freiheit? Was galt das Recht der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung, wenn doch die Verbreitung radikaler Ideologien verhindert werden sollte? Der Grat, auf dem die Bundesrepublik Deutschland 1977 wanderte, war sehr schmal.<\/p>\n<p><em>Mehr \u00fcber politische Morde in der deutschen Geschichte erfahren Sie in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/kalender\/terminansicht.html?tx_cal_controller[view]=event&amp;tx_cal_controller[type]=tx_cal_phpicalendar&amp;tx_cal_controller[uid]=3581&amp;tx_cal_controller[lastview]=view-list|page_id-45&amp;tx_cal_controller[year]=2017&amp;tx_cal_controller[month]=09&amp;tx_cal_controller[day]=06&amp;cHash=e0a352b81ef14dad9b55e6671b2d67f6\" target=\"_blank\">F\u00fchrung<\/a> am 6. September 2017 um 18 Uhr mit Andreas Ziepa in unserer <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der Terror und die \u00d6ffentlichkeit<br \/>\n40 Jahre Deutscher Herbst<span><\/h2>\n<p>Die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG J\u00fcrgen Ponto, Arbeitgeberpr\u00e4sident Hanns Martin Schleyer \u2013 1977 versetzte die Terrorwelle der Roten Armee Fraktion (RAF) die damalige Bundesrepublik in Angst und Schrecken. In zahlreichen Medien wird das Gef\u00fchl der Angst und Polarisierung des heutigen Terrors mit dem vor vierzig Jahren verglichen. Laut aktueller Literatur geht die Taktik des Terrors aber noch weiter zur\u00fcck und basiert auf den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, eng verbunden mit der Entwicklung der Massenmedien und der \u00d6ffentlichkeit. 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