
{"id":1157,"date":"2017-09-13T14:36:21","date_gmt":"2017-09-13T12:36:21","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1157"},"modified":"2018-01-25T13:44:09","modified_gmt":"2018-01-25T12:44:09","slug":"mit-kindern-macht-beanspruchen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/09\/13\/mit-kindern-macht-beanspruchen\/","title":{"rendered":"Kolumne: Mit Kindern Macht beanspruchen"},"content":{"rendered":"<h1>Mit Kindern Macht beanspruchen<\/h1>\n<p><strong>M\u00e4chtige und Herrscher lie\u00dfen sich immer wieder im Kreise ihrer Familie abbilden. In Deutschland halten sich Politiker heute eher zur\u00fcck mit der Ver\u00f6ffentlichung von privaten Bildern. Im Gegensatz zu den USA und Kanada, wo die M\u00e4chtigen ihre Familienfotos durchaus als Instrument einsetzen, wie der Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Ullrich beobachtet.<\/strong><\/p>\n<p>In der politischen Ikonografie von Monarchien spielten Kinder oft eine zentrale Rolle. Standen sie allgemein f\u00fcr Zukunft, so verhie\u00df es auch Kontinuit\u00e4t und Stabilit\u00e4t, ja den Fortbestand der jeweiligen Dynastie, lie\u00df ein Herrscher sich zusammen mit eigenen Kindern abbilden. Exemplarisch wird das auf dem Gem\u00e4lde &#8222;Die kaiserliche Familie im Park zu Sanssouci&#8220; von 1891 deutlich, das in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/epochenbereiche\/1871-1918.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist, auf dem William Pape <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-wilhelm-ii.html\" target=\"_blank\">Kaiser Wilhelm II.<\/a>, seine Gattin Auguste Viktoria sowie f\u00fcnf ihrer Kinder portr\u00e4tiert hat. Diese nehmen den Vordergrund ein, und in ihrer stattlichen Anzahl lassen sie gar nicht erst Zweifel aufkommen, es k\u00f6nnte einmal kein passender Thronfolger zur Verf\u00fcgung stehen. Zugleich folgt das Gem\u00e4lde einer Adelslogik, der zufolge nicht nur die Zukunft, sondern genauso die Herkunft gut abgesichert sein muss. Den Kindern korrespondiert daher im Hintergrund ein Reiterstandbild von Friedrich dem Gro\u00dfen \u2013 dem ber\u00fchmtesten Vorfahren aus dem Haus Hohenzollern. So ist die Macht des Kaisers doppelt legitimiert. Salopp formuliert: Er hat beste Gene, und er ist vital genug, sie weiterzugeben.<\/p>\n<p>Aber auch in Demokratien kommt es zu \u00e4hnlichen Ikonografien. Dynastisches Denken ist hier keineswegs verschwunden; vielmehr gibt es in vielen L\u00e4ndern Beispiele daf\u00fcr, dass Familien \u00fcber mehrere Generationen hinweg entscheidende Positionen besetzen oder zumindest danach streben. Aktuell bringt kaum ein Politiker seine Familie st\u00e4rker ins Spiel als US-Pr\u00e4sident Donald Trump. Familienmitgliedern \u00fcbertr\u00e4gt er semioffizielle Funktionen, l\u00e4sst sich bei Konferenzen sogar kurzzeitig von seiner Tochter Ivanka vertreten und macht immer wieder deutlich, dass er verwandtschaftliche Beziehungen \u00fcber alles stellt. So braucht nicht zu wundern, dass auch Bilder entstehen, die an Papes Portr\u00e4t der Familie von Wilhelm II. erinnern. Als Trump etwa im Zuge seiner Amtseinf\u00fchrung im Januar 2017 zusammen mit seiner Familie das Lincoln Memorial in Washington besuchte, platzierte man sich ebenfalls so, dass Kinder und Enkel den Vordergrund einnehmen. Das soll signalisieren, dass seine Pr\u00e4sidentschaft zwar nach vier oder acht Jahren enden mag, das aber noch lange nicht das Ende des Trump-Clans zu bedeuten braucht. Durch den Hintergrund erf\u00e4hrt das dynastische Denken hier allerdings einen Gegenpol: Statt einen eigenen Vorfahren im R\u00fccken zu haben, muss Trump sich mit Lincoln auf einen seiner wichtigsten Amtsvorg\u00e4nger beziehen. Nicht die Gene, sondern demokratische Wahlen entscheiden also dar\u00fcber, wer US-Pr\u00e4sident wird.<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BPdz5a0A5u7\/<\/p>\n<p>Doch gibt es mittlerweile mehr und st\u00e4rkere M\u00f6glichkeiten als zu Zeiten von Monarchie und Adelsherrschaft, um die eigenen Kinder als Mittel der Sympathiest\u00e4rkung einzusetzen, aber auch um dynastische Machtanspr\u00fcche zu untermauern. Zunehmend werden die Kan\u00e4le der Sozialen Medien daf\u00fcr genutzt; vor allem Instagram erweist sich als Plattform, auf der sich wirksam Imagebildung betreiben l\u00e4sst. Das liegt nicht zuletzt daran, dass oft vermeintlich Privates gezeigt und so der Eindruck vermittelt wird, man d\u00fcrfe etwas sonst Exklusives sehen \u2013 als Follower sei man privilegiert und wisse mehr als andere. Entsprechend wird dieses spezielle Wissen auch mehr gesch\u00e4tzt, ernster genommen und als besonders wahrhaftig empfunden.<\/p>\n<p>Gerade die Trump-Familie geh\u00f6rt zu den ersten unter Politikern, die Instagram systematisch nutzt, um ihren besonderen Rang unter Beweis zu stellen. Nicht nur Trump selbst und seine Gattin, auch seine S\u00f6hne und T\u00f6chter sowie einige der Schwiegerkinder haben Accounts, auf denen sie t\u00e4glich aus ihrem Leben berichten, den eigenen Lifestyle dokumentieren \u2013 und vor allem den eigenen Nachwuchs vorf\u00fchren. Niedliche Kindergesichter k\u00f6nnen von Trumps oft aggressiver Politik ablenken (h\u00e4ufen sich daher auch, wenn mal wieder ein besonders kontroverses politisches Ereignis passiert ist); zugleich machen die vielen Fotos von Kindern bewusst, dass der Pr\u00e4sident Teil einer gro\u00dfen Familie ist, die ganz selbstverst\u00e4ndlich an seiner Macht teilhat. Man sieht die Kinder also im Wei\u00dfen Haus und sogar beim Spielen im Oval Office, so als handle es sich dabei um ein ganz normales Wohnzimmer. Anders als zu Zeiten h\u00f6fischer Malerei beschr\u00e4nkt sich ein Machtanspruch auch nicht auf wenige, ikonografisch besonders verdichtete Bilder, sondern kann auf eine Vielzahl von Fotografien und Accounts verteilt, in jeweils kleiner Dosis bekundet werden. Aufnahmen, die privaten Fotoalben zu entspringen scheinen, besitzen damit eine politische Dimension wie nie zuvor.<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BQngOAIlSOX\/<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BPto1qmAq9r\/<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BSmhDSajlai\/<\/p>\n<p>Auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau nutzt Instagram und verleiht seinem Privatleben damit eine politische Dimension. Selbst Sohn eines ehemaligen Premierministers, zeigt er seine Kinder, w\u00e4hrend sie in seinem B\u00fcro die Hausaufgaben erledigen oder sogar schon einmal auf dem Regierungsstuhl des Papas Platz nehmen. Sosehr die Kinder dadurch als gleichsam nat\u00fcrliche Nachfolger aufgebaut und mit politischen Ambitionen assoziiert werden, so sehr nutzen Trudeau die Kinderfotos zugleich, um nicht nur als Premierminister, sondern genauso als passionierter Vater in Erscheinung zu treten. Auch damit steht er in <a href=\"http:\/\/www.cbc.ca\/news\/politics\/justin-and-pierre-an-electoral-tale-of-two-trudeaus-1.3274922\" target=\"_blank\">der Tradition seines Vaters<\/a>, der das ebenfalls schon machte, pr\u00e4sentiert sich aber noch viel konsequenter als Politiker neuen Stils, der trotz aller Amtspflichten immer Zeit f\u00fcr seine Kinder hat. Die Work-Life-Balance funktioniert hier also musterg\u00fcltig, wie auch ein zum Vatertag gepostetes Foto belegt, das Trudeau und zwei seiner Kinder vergn\u00fcgt auf einem Sofa zeigt. Der Politiker definiert also sich nicht nur \u00fcber sein Amt, sondern bezieht Lebenssinn genauso aus seiner Rolle als Familienvater. Das soll ihn als frei von Machthunger erscheinen lassen: als guten Demokraten, der wei\u00df, dass er nur auf Zeit gew\u00e4hlt ist und sich allein deshalb nicht nur mit seinem Amt identifizieren darf.<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BLvzI7ZAp6e\/<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BNw53eIBKOa\/<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BT7nYH1BrKG\/<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BVe4D1lBqTK\/<\/p>\n<p>Zeugen Trudeaus Bildinszenierungen davon, dass sich mit Kindern also gleicherma\u00dfen ein dynastisches wie ein demokratisches Amtsverst\u00e4ndnis artikulieren l\u00e4sst, herrschen in Europa \u2013 und gerade in Deutschland \u2013 andere Bedingungen. Hier ist es in den letzten Jahrzehnten zur festen Regel geworden, Kinder aus der politischen Ikonografie komplett zu verbannen. Es gilt als Verletzung von Pers\u00f6nlichkeitsrechten, Kinder \u2013 und damit Minderj\u00e4hrige \u2013 zum Sujet zu machen, die das nicht selbst entscheiden und erst recht nicht die Folgen davon absch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Selbst und gerade Politiker, die sich \u00e4hnlich wie Trudeau genauso als M\u00fctter und V\u00e4ter begreifen, zeigen auf Plattformen wie Instagram h\u00f6chstens indirekt, wie sehr ihr Leben von ihren Kindern gepr\u00e4gt wird. So tituliert sich die CSU-Politikerin und Finanzstaatssekret\u00e4rin Dorothee B\u00e4r zwar oft mit dem Hashtag #momeofthree, ist also stolz darauf, neben ihrer politischen Karriere drei Kinder auf die Welt gebracht zu haben, doch wenn sie etwa von einem Kindergeburtstag berichtet, sieht man nur die Spielsachen und S\u00fc\u00dfigkeiten, aber keinesfalls die Kinder. Und sofern doch einmal Kinder auf dem Bild sind, werden ihre Gesichter konsequent verdeckt.<\/p>\n<p>https:\/\/www.instagram.com\/p\/BXAqFMBF3-h\/<\/p>\n<p>Daher wurde es von vielen als Tabubruch empfunden, als die AfD-Vorsitzende Frauke Petry f\u00fcr den Bundestagswahlkampf 2017<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/frauke-petry-wahlplakat-zeigt-afd-politikerin-mit-ihrem-baby-a-1159095.html\" target=\"_blank\"> ein Plakat<\/a> in Umlauf brachte, auf dem man sie zusammen mit ihrem j\u00fcngsten Kind \u2013 dem erst im Mai desselben Jahres geborenen Sohn Ferdinand \u2013 sieht. Das Baby ist auch nicht von hinten, sondern gut erkennbar abgebildet. Und die durch den Text auf dem Plakat noch unterst\u00fctzte Botschaft ist klar: Wer Kinder hat, wird umso engagierter und verantwortlicher handeln, um dem eigenen Nachwuchs eine m\u00f6glichst gute Zukunft zu bereiten. Petry bedient aber zugleich unter ihren Anh\u00e4ngern sowie in anderen rechten und rechtsextremen Milieus beliebte Unterstellungen. Ihnen zufolge ist Europas Identit\u00e4t und Tradition gef\u00e4hrdet, da es \u00fcberwiegend von Politikern regiert wird, die selbst keine Kinder haben: Angela Merkel, Emmanuel Macron, Theresa May. Damit aber erf\u00fcllt Petrys Baby einmal mehr eine \u00e4hnliche Funktion wie die Kinder auf dem Gem\u00e4lde von William Pape: Es soll beweisen, dass Zukunft und Kontinuit\u00e4t gesichert sind, wenn gen\u00fcgend eigene Nachkommen vorhanden sind.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Ullrich-Foto.jpg\" width=\"140\" \/><\/p>\n<p><sup>\u00a9 Annekathrin Kohout<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Wolfgang Ullrich<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Wolfgang Ullrich, geb. 1967, lebt als freier Autor in Leipzig, war zuvor Professor f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Karlsruhe. Er forscht und publiziert zu Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, bildsoziologischen Fragen und Konsumtheorie. Mehr unter: <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.ideenfreiheit.de\" target=\"_blank\">www.ideenfreiheit.de.<\/a><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Mit Kindern Macht beanspruchen<span><\/h2>\n<p>M\u00e4chtige und Herrscher lie\u00dfen sich immer wieder im Kreise ihrer Familie abbilden. In Deutschland halten sich Politiker heute eher zur\u00fcck mit der Ver\u00f6ffentlichung von privaten Bildern. 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