
{"id":1197,"date":"2017-09-25T16:24:18","date_gmt":"2017-09-25T14:24:18","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1197"},"modified":"2017-09-25T16:25:39","modified_gmt":"2017-09-25T14:25:39","slug":"wieso-kommt-es-zu-einer-revolution","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/09\/25\/wieso-kommt-es-zu-einer-revolution\/","title":{"rendered":"Blogparade: Wieso kommt es zu einer Revolution?"},"content":{"rendered":"<h1>Wieso kommt es zu einer Revolution?<\/h1>\n<p><strong>Es gibt sie auf vielen Ebenen und in unterschiedlichen Kontexten: Revolutionen. Zum Start der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/vorschau\/1917-revolution.html\" target=\"_blank\">\u201e1917. Revolution. Russland und Europa\u201c<\/a> am 18. Oktober 2017 m\u00f6chten wir gemeinsam mit Bloggerinnen und Bloggern der Frage nachgehen: \u201eWieso kommt es zu einer Revolution?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Heute starten wir dazu eine Blogparade und laden herzlich dazu ein, sich mit den politischen, gesellschaftlichen, historischen, den wirtschaftlichen oder auch den pers\u00f6nlichen Revolutionen und ihren Auswirkungen, Folgen und Hinterlassenschaften auseinanderzusetzen. Das Spektrum, das sich dabei an Themen anbietet, ist riesig: die politischen Umbr\u00fcche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Auswirkungen des Internets auf die Gesellschaft, das Aufkommen \u201eveganer\u201c Ern\u00e4hrung oder auch die Abkehr vom physisch vorhandenen Geld hin zur Krypto-W\u00e4hrung \u2013 die Vokabel \u201eRevolution\u201c kommt uns heute oft schnell \u00fcber die Lippen, und oft trifft sie auch zu. Neue Entwicklungen krempeln bestehende Verh\u00e4ltnisse um, sorgen f\u00fcr modifizierte Strukturen und ver\u00e4nderte Spielregeln. Wenn man also genau hinschaut, versteckt sich \u201eRevolution\u201c in vielen Dingen.<\/p>\n<p>Exemplarisch wollen wir in diesem Beitrag das Thema anhand der Russischen Revolution 1917 beleuchten. Weitere Hinweise zum Ablauf der Blogparade gibt es am Ende des Textes. Aber jetzt tauchen wir erst einmal in die Ereignisse im Zarenreich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ein.<\/p>\n<h3>Die Russische Revolution<\/h3>\n<p>Einen Aufbruch in allen Teilen der Gesellschaft \u2013 das war es, was die Russische Revolution mentalit\u00e4ts- und kulturgeschichtlich zun\u00e4chst bewirkte: Sie f\u00fchrte zu neuen Formen in Wirtschaft, Bildung und Kultur, f\u00f6rderte nationale, politische und soziale Befreiungsbewegungen, inspirierte K\u00fcnstler und Kulturschaffende. Von Anfang an geh\u00f6rten zum Aufbau der neuen Gesellschaft aber auch Terror, Gewalt und Repression.<\/p>\n<p>Doch es gab nicht \u201edie eine Revolution\u201c, sondern vielmehr verschiedene, zeitlich versetzte oder parallele, teilweise widerspr\u00fcchliche revolution\u00e4re Prozesse, in denen soziale, politische und nationale Gruppen versuchten, ihre unterschiedlichen Ziele durchzusetzen.<\/p>\n<h3>Russland vor der Revolution<\/h3>\n<p>Zu Beginn stand ein Irrtum. Denn entgegen allen Vorhersagen der marxistischen Ideologie brach die Revolution nicht in einem der weit entwickelten Industriel\u00e4nder aus, sondern in dem von Agrarwirtschaft und d\u00f6rflichen Strukturen gepr\u00e4gten Russischen Reich. Um 1900 z\u00e4hlte die Bev\u00f6lkerung rund125 Millionen Menschen, zwischen 85 und 90 Prozent von ihnen waren Bauern und lebten auf dem Land. Ihr Leben war von Armut und Hunger gepr\u00e4gt, die auf eine hohe Abgabenlast, Hungersn\u00f6te und Missernten zur\u00fcckzuf\u00fchren waren. Erschwert wurde die Lage der Menschen zudem durch einen rapiden Bev\u00f6lkerungsanstieg, wodurch jedem Einzelnen immer weniger Land f\u00fcr die eigene Bewirtschaftung zur Verf\u00fcgung stand. Auch f\u00fcr die Adligen wurde es zunehmend schwieriger, das Land gewinnbringend zu bewirtschaften. Insbesondere der Hochadel hielt an seiner ausschweifenden Lebensf\u00fchrung fest. Im Zentrum der Aristokratie, die sich aus dem alten, erblichen sowie dem erworbenen, pers\u00f6nlichen Adel zusammensetzte, stand der Hof des Zaren. Dar\u00fcber hinaus geh\u00f6rten das Offizierskorps der Armee und die Russisch-Orthodoxe Kirche zu den staatstragenden S\u00e4ulen. Mit den Modernisierungsbem\u00fchungen unter Alexander II. in den 1860er Jahren waren ein wirtschaftlicher Wandel und soziale Ver\u00e4nderungen in Gang gekommen. Infolge des Wirtschaftaufschwungs entstand eine \u2013 wenn auch zahlenm\u00e4\u00dfig sehr geringe \u2013 heterogene b\u00fcrgerliche Schicht, zu der neben Unternehmern, Kaufleuten, Kleinb\u00fcrgern und Handwerkern auch handel- und gewerbetreibende Bauern geh\u00f6rten. Auch die Arbeiterschaft nahm durch die Industrialisierung und den Zuzug von Bauern in die St\u00e4dte und Produktionszentren deutlich zu. Intellektuelle und politische Aktivisten, die sogenannte Intelligenzija, prangerten Missst\u00e4nde und fehlende Mitbestimmung an, wodurch sie sich Repressionen und Verfolgung ausgesetzt sahen. Die meisten von ihnen konnten nur im Untergrund oder im Exil agieren, sodass keine breite Protestbewegung entstehen konnte. Letztlich war es daher auch eine kleine Gruppe von Berufsrevolution\u00e4ren um <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-wladimir-i-lenin.html\" target=\"_blank\">Wladimir I. Lenin<\/a>, die entgegen der Marx\u2019schen Lehre die proletarische Revolution in einem vorindustriellen Staat herbeif\u00fchrte.<\/p>\n<h3>Die Februarrevolution: Der Sturz des Zaren<\/h3>\n<p>Anfang 1917, mitten im <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\" target=\"_blank\">Ersten Weltkrieg<\/a>, st\u00fcrzten Hungerunruhen und Massenstreiks in der russischen Hauptstadt St. Petersburg, die sich seit Kriegsbeginn 1914 Petrograd nannte, die zarische Autokratie. Die Dynastie der Romanows, die noch wenige Jahre zuvor glanzvoll ihr 300-j\u00e4hriges Thronjubil\u00e4um gefeiert hatte und \u00fcber ein Vielv\u00f6lkerreich herrschte, das von der Ostsee bis zum Pazifik, vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer und nach Mittelasien reichte, dankte ab. Eine Provisorische Regierung, hinter der die Mehrheit der Duma, der Parlamentsabgeordneten, stand, \u00fcbernahm die F\u00fchrung der Staatsgesch\u00e4fte. Sie verk\u00fcndete die b\u00fcrgerlichen Grund- und Freiheitsrechte und versprach die Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung, auf der Grundlage freier, gleicher und geheimer Wahlen. Doch die neue Regierung, obwohl mehrfach umgebildet, bekam das Geschehen auf der Stra\u00dfe und drau\u00dfen im Lande nicht in den Griff; mit der Ungeduld wuchs das Chaos.<\/p>\n<h3>Von der Oktoberrevolution zur Weltrevolution<\/h3>\n<p>Die sich ausbreitende Anarchie machten sich im Herbst 1917 die Bolschewiki, die radikalen Anh\u00e4nger Lenins, zunutze. Sie st\u00fcrzten in einem bewaffneten Aufstand die Provisorische Regierung und riefen eine sozialistische R\u00e4terepublik aus: Nun sollten die Banken verstaatlicht, das Land des Adels, der Kirche und der Krone nationalisiert, in den Fabriken und Betrieben eine umfassende Arbeiterkontrolle eingef\u00fchrt und sofort Frieden geschlossen werden. Alle Staatsgewalt war auf die \u201eR\u00e4te\u201c (russisch: sovety, eingedeutscht: Sowjets) zu \u00fcbertragen, die sich basisdemokratisch auf die Interessenvertretungen der Arbeiter und Soldaten st\u00fctzten, die weder ein stehendes Heer noch ein Berufsbeamtentum brauchten und den alten Polizei- und Justizapparat abschaffen w\u00fcrden. In einer Flut von Dekreten versuchte die neue F\u00fchrung, dieses Sofortprogramm umzusetzen.<\/p>\n<p>Zwar war Russland noch immer ein Land der Bauern, die Industriearbeiterschaft eine kleine Minderheit. Doch die neue F\u00fchrung setzte darauf, dass die \u201eFunken\u201c der Revolution von Russland auf die fortgeschritteneren Staaten Westeuropas (Deutschland, Gro\u00dfbritannien, Frankreich) \u00fcberspringen, die Dinge \u201eim Weltma\u00dfstab\u201c wieder zurechtr\u00fccken, eine proletarische \u201eWeltrevolution\u201c ausl\u00f6sen werde. Insofern war die bolschewistische Revolution auch eine Kampfansage an die Regierungen der kapitalistischen Staaten des Westens, denen man den Untergang voraussagte. Mit dieser politischen Zielsetzung wurde im M\u00e4rz 1919 in Moskau eine \u201eKommunistische Internationale\u201c ins Leben gerufen, ein weltweiter Zusammenschluss aller kommunistischen Parteien.<br \/>\nSelbst wenn die erwartete \u201eWeltrevolution\u201c vorl\u00e4ufig \u2013 und wie sich zeigen sollte: auf Dauer \u2013 ausblieb: Die bolschewistische Politik trieb das Land in einen blutigen B\u00fcrgerkrieg, in dem sich Gegenregierungen bildeten, ausw\u00e4rtige M\u00e4chte (Gro\u00dfbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan und die USA) intervenierten, in dem \u201eRote\u201c gegen \u201eWei\u00dfe\u201c, Stadt gegen Land, Peripherie gegen Zentrum k\u00e4mpften, Terror mit Terror beantwortet und manche Region mehrfach von den wechselnden Fronten \u00fcberrollt wurde, marodierende Soldaten die Zivilbev\u00f6lkerung drangsalierten und massakrierten, Hunderttausende in antij\u00fcdischen Pogromen umkamen, mehr als eine Million Menschen von Seuchen und Epidemien dahingerafft wurden. Die Grundschw\u00e4che der Gegner war, dass sie nie eine politische Einheit bildeten; sie brachten die Bolschewiki zwar mehrfach an den Rand einer Niederlage, letztendlich aber obsiegte die Rote Armee. Dem Sieg folgte eine Hungerkatastrophe, der erneut Millionen Menschen zum Opfer fielen.<\/p>\n<p>Die Revolution \u2013 begonnen mitten im Weltkrieg \u2013 war von Anfang an nicht nur ein innerrussisches Projekt. Nicht nur, weil die im Februar 1917 ins Amt gebrachte Provisorische Regierung den Krieg an der Seite der Westalliierten fortsetzte, die Bolschewiki nach dem Oktoberaufstand einen Frieden fast um jeden Preis schlossen und beide Seiten in den nachfolgenden B\u00fcrgerkrieg eingriffen. Lenin und seine Parteig\u00e4nger wollten mehr als nur einen Umsturz der Verh\u00e4ltnisse in Russland, sie sagten dem \u201ekapitalistischen Weltsystem\u201c den Kampf an, sie wollten die europ\u00e4ische, die Weltrevolution. Wie reagierten die Regierungen der europ\u00e4ischen Nachbarstaaten auf die Ereignisse, ihre Herausforderungen, ihre Drohungen und Verhei\u00dfungen? Wie ihre Bev\u00f6lkerungen, nach diesem m\u00f6rderischen Krieg mit Millionen von Toten, nach all den Entbehrungen, entt\u00e4uschten Erwartungen und bisher nie dagewesenen materiellen und mentalen Verw\u00fcstungen? Wie die Soldaten, Arbeiter und Intellektuellen, auf die die revolution\u00e4re Propaganda besonders abzielte? So vielschichtig wie das Geschehen, so unterschiedlich wie die Bilder und Botschaften der Revolution, so grundverschieden fielen auch die Reaktionen und Antworten in den europ\u00e4ischen Staaten aus. Das Fazit aber bleibt: Das hier beschriebene Geschehen ver\u00e4nderte Russland und Europa f\u00fcr Jahrzehnte, mit Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.<\/p>\n<h3>Die Blogparade \u201eWieso kommt es zu einer Revolution?\u201c<\/h3>\n<p><strong>Wir freuen uns, wenn sich Bloggerinnen und Blogger mit den unterschiedlichsten thematischen Hintergr\u00fcnden des Themas \u201eRevolution\u201c annehmen. Durch die pers\u00f6nliche Schwerpunktsetzung und eine individuelle Betrachtungsweise entsteht eine Themenvielfalt, die sowohl die Teilnehmenden als auch die Lesenden begeistert.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wer zum Thema bloggt, sollte diesen Blogpost verlinken, so dass alle in den Kommentaren jeweils den Link zum eigenen Post sehen k\u00f6nnen. Gern darf nat\u00fcrlich der Beitrag auch mit einem pers\u00f6nlichen Hinweis direkt hier in den Kommentaren verlinkt und \u00fcber die eigenen Social-Media-Kan\u00e4le geteilt werden. Wir werden jeden Beitrag ebenfalls hier verlinken und \u00fcber unsere verschiedenen Accounts (Twitter, Instagram, Facebook) publik machen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Termine: Die Blogparade startet am 25.9. und endet am 18.10.2017<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hashtag: #DHMRevolution<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hier sind wir im Netz zu finden:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Webseite: <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\" target=\"_blank\">dhm.de<\/a><\/strong><br \/>\n<strong> Blog: <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/blog\" target=\"_blank\">dhm.de\/blog<\/a><\/strong><br \/>\n<strong> Twitter: <a href=\"http:\/\/twitter.com\/DHMBerlin\" target=\"_blank\">twitter.com\/DHMBerlin<\/a><\/strong><br \/>\n<strong> Facebook: <a href=\"http:\/\/facebook.com\/DeutschesHistorischesMuseum\" target=\"_blank\">facebook.com\/DeutschesHistorischesMuseum<\/a><\/strong><br \/>\n<strong> Instagram: <a href=\"http:\/\/instagram.com\/dhmberlin\" target=\"_blank\">instagram.com\/dhmberlin<\/a><\/strong><br \/>\n<strong> YouTube: <a href=\"http:\/\/youtube.com\/user\/dhmchannel\" target=\"_blank\">youtube.com\/user\/dhmchannel<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir freuen uns auf viele, vielf\u00e4ltige und interessante Beitr\u00e4ge!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wieso kommt es zu einer Revolution?<span><\/h2>\n<p>Es gibt sie auf vielen Ebenen und in unterschiedlichen Kontexten: Revolutionen. 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