
{"id":1324,"date":"2017-11-17T11:25:31","date_gmt":"2017-11-17T10:25:31","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1324"},"modified":"2018-01-25T10:25:20","modified_gmt":"2018-01-25T09:25:20","slug":"von-tieren-und-wandtellern","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/11\/17\/von-tieren-und-wandtellern\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Von Tieren und Wandtellern"},"content":{"rendered":"<h1>Von Tieren und Wandtellern. Was Staatsbesuche mit Bob Marley und dem Saarland zu tun haben<\/h1>\n<p><strong>Stellen Sie sich vor, ein entfernter Bekannter l\u00e4dt Sie zu einem Essen ein. Sie freuen sich und planen Ihren Besuch. Nat\u00fcrlich sollten Sie auch ein Gastgeschenk mitbringen, nur was k\u00f6nnte das sein, jenseits von Wein und Pralinen? Das Geschenk soll ja m\u00f6glichst etwas \u00fcber Ihre Pers\u00f6nlichkeit aussagen, Sie interessant machen und gleichzeitig den Geschmack des Gastgebers treffen. Es soll deutlich werden, dass Sie sich Gedanken bei der Auswahl gemacht haben. Schenken wird da schnell zu einer komplexen Aufgabe, meint der Historiker Robert Kluth.<\/strong><\/p>\n<p>Vor \u00e4hnlichen Problemen stehen die protokollarischen Abteilungen von Regierungen, wenn Staatsoberh\u00e4upter die Bundesrepublik Deutschland besuchen oder Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier heute die Slowakei besucht. Solch ein Staatsbesuch mag zwar formaler sein als ein privater Besuch, aber Gastgeschenke gibt es zu beiden Gelegenheiten. Was schenkt man also bei Staatsbesuchen?<\/p>\n<h3>Elefanten f\u00fcr den Kaiser<\/h3>\n<p>1954, die Bundesrepublik ist noch jung, k\u00fcndigt sich hoher Besuch an. Ein Kaiser kommt nach Bonn! Es handelt sich um Haile Selassie, Oberhaupt Abessiniens, dem heutigen \u00c4thiopien, damals der \u00e4lteste Staat der Erde.<\/p>\n<p>Bonn war bisher keine Staatsbesuche gew\u00f6hnt. Haile Selassie war das erste Oberhaupt, das \u00fcberhaupt die Bundesrepublik besucht. Am Bahnsteig, damals reisten auch Kaiser mit dem Zug, warten die Spitzen der Bundesrepublik: Aufgereiht stehen Bundespr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/theodor-heuss.html\" target=\"_blank\">Theodor Heuss<\/a>, Bundeskanzler <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/konrad-adenauer.html\" target=\"_blank\">Konrad Adenauer<\/a> und einige Ministerpr\u00e4sidenten der L\u00e4nder nebeneinander. \u00dcber ihnen ist \u2013 um den Kaiser standesgem\u00e4\u00df zu empfangen \u2013 ein 80 Meter langer Baldachin aufgespannt, unter ihnen liegt k\u00fcnstlicher Rasen. Vom Zirkus Hagenbeck, der gerade in der Stadt gastierte, hat man Elefanten, Kamele und Ponys organisiert. Der Zug f\u00e4hrt ein, der Kaiser steigt aus und ist irritiert: Eine gr\u00fcn-wei\u00df-rote Fahne flattert im Wind! Warum h\u00e4ngt hier die Flagge Italiens, seinem Erzfeind, gegen den er sein Reich im <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg.html\" target=\"_blank\">Zweiten Weltkrieg<\/a> verteidigen musste, fragt Haile Selassie. Nachdem man ihm erkl\u00e4rt hat, dass es sich um die Landesfarben Nordrhein-Westfalens handelt, ist er beruhigt.<\/p>\n<p>Sein Gastgeschenk ist eine Tischzier: Eine kleine Triumphs\u00e4ule. Sie besteht aus edlem Material, Elfenbein, Gold und Silber. Sp\u00e4ter, bei seiner Rundreise durch Deutschland, wird Haile Selassie immer wieder damit irritieren, dass er Passanten Almosen in Form von Goldm\u00fcnzen gibt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1325\" style=\"width: 2813px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1325\" class=\"size-full wp-image-1325\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/JU005275.jpg\" alt=\"Tischzier in Form einer Triumphs\u00e4ule, Gastgeschenk des \u00e4thiopischen Kaisers Haile Selassi, November 1954 \u00a9 DHM\" width=\"2803\" height=\"3545\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/JU005275.jpg 2803w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/JU005275-237x300.jpg 237w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/JU005275-768x971.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/JU005275-810x1024.jpg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 2803px) 100vw, 2803px\" \/><p id=\"caption-attachment-1325\" class=\"wp-caption-text\">Tischzier in Form einer Triumphs\u00e4ule, Gastgeschenk des \u00e4thiopischen Kaisers Haile Selassi, November 1954 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Heute steht das Geschenk in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/?nomobile=1\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museum. Die S\u00e4ule wird gekr\u00f6nt von einem L\u00f6wen. Es ist der L\u00f6we von Juda, einer messianischen Figur aus der Offenbarung des Johannes. Er ist einer der biblischen Titel des &#8222;K\u00f6nigs der K\u00f6nige&#8220;, der sich selbst als 225. Nachfolger des alttestamentarischen K\u00f6nigs Salomons bezeichnet. Bob Marley \u2013 der Musiker verehrt den Kaiser als schwarzen Messias \u2013 wird sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HIL1AOMcX2w\" target=\"_blank\">ein Lied zu Ehren des L\u00f6wen aus \u00c4thiopien<\/a> verfassen.<\/p>\n<h3>Eine Reise ins Saarland<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend sich die junge Bundesrepublik mit bunten Herrscherbesuchen schm\u00fccken konnte, kommt 30 Jahre sp\u00e4ter ein Herrscher mit recht profanem Titel zu Besuch. Am 7. September 1987 besucht der &#8222;Generalsekret\u00e4r des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik&#8220;, <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/erich-honecker.html\" target=\"_blank\">Erich Honecker<\/a> die Bundesrepublik. Ein Mann, der mit seiner Hornbrille, der Halbglatze und den grauen Haaren das Idealbild eines sozialistischen Anf\u00fchrers verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Erneut handelt es sich um eine Premiere. Noch nie hatte ein DDR-Vertreter die Bundesrepublik besuchen d\u00fcrfen. Der Gast reist mit dem Flugzeug an, <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/bestand\/objekt\/foto-staatsbesuch-honecker-kohl.html\" target=\"_blank\">Honecker betritt zum ersten Mal nach 40 Jahren wieder westdeutschen Boden<\/a>. Ihm werden alle protokollarischen Ehren zuteil: man spielt die <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/bestand\/objekt\/druckgut-nationalhymne-der-ddr.html\" target=\"_blank\">DDR-Hymne<\/a> und hisst die DDR-Flagge neben der Flagge der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Der Gastgeber, Bundeskanzler <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/helmut-kohl.html\" target=\"_blank\">Helmut Kohl<\/a>, berichtet in seinen Erinnerungen dass er die Szene wie versteinert erlebt habe, da &#8222;das bislang Unvorstellbare wahr wurde&#8220;. Die Bundesrepublik hatte bisher stets an der Idee einer zuk\u00fcnftigen Wiedervereinigung der deutschen Staaten festgehalten, die DDR wurde nicht als rechtm\u00e4\u00dfiger Staat anerkannt. Den offiziellen Besuch Honeckers interpretierte der Schriftsteller Friedrich D\u00fcrrenmatt dementsprechend als &#8222;inszenierte Beerdigung der deutschen Wiedervereinigung&#8220;. Ein Zusammengehen beider deutscher Staaten schien ferner denn je.<\/p>\n<p>Honecker besucht auch seine Heimat, das Saarland. Die Symbolperson des SED-B\u00fcrokratismus verwandelt sich hier zu dem Bergmannssohn, der sein Gl\u00fcck in der Fremde gemacht hat. Mit der Staatslimousine f\u00e4hrt er vor seinem bescheidenen Elternhaus in Wiebelskirchen vor. Im Garten pfl\u00fcckt er einen Apfel, dann trifft er sich mit seiner Schwester zu Kaffee und Streuselkuchen. Die B\u00fcrger der Stadt, die ihn oft noch aus seiner Zeit beim kommunistischen Jugendverband kennen, s\u00e4umen seinen Weg. Es ist ein Triumphzug. Er, der von 1935 bis 1945 im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, kehrt zur\u00fcck als Oberhaupt des zweiten deutschen Staates. Als Erinnerung schenkt ihm die Stadt einen Wandteller.<\/p>\n<div id=\"attachment_1326\" style=\"width: 389px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1326\" class=\"size-full wp-image-1326\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/SO001528.jpg\" alt=\"Wandteller mit Ansicht von Wiebelskirchen, 1987 \u00a9 DHM\" width=\"379\" height=\"400\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/SO001528.jpg 379w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/SO001528-284x300.jpg 284w\" sizes=\"auto, (max-width: 379px) 100vw, 379px\" \/><p id=\"caption-attachment-1326\" class=\"wp-caption-text\">Wandteller mit Ansicht von Wiebelskirchen, 1987 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Er h\u00e4ngt in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums und erinnert dort an die Kr\u00f6nung von Honeckers Lebenswerk: 1987 schien die DDR als zweiter deutscher Staat durch die Bundesrepublik akzeptiert. Zwei Jahre sp\u00e4ter zerf\u00e4llt die DDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Von Tieren und Wandtellern. Was Staatsbesuche mit Bob Marley und dem Saarland zu tun haben<span><\/h2>\n<p>Stellen Sie sich vor, ein entfernter Bekannter l\u00e4dt Sie zu einem Essen ein. Sie freuen sich und planen Ihren Besuch. Nat\u00fcrlich sollten Sie auch ein Gastgeschenk mitbringen, nur was k\u00f6nnte das sein, jenseits von Wein und Pralinen? Das Geschenk soll ja m\u00f6glichst etwas \u00fcber Ihre Pers\u00f6nlichkeit aussagen, Sie interessant machen und gleichzeitig den Geschmack des Gastgebers treffen. Es soll deutlich werden, dass Sie sich Gedanken bei der Auswahl gemacht haben. 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