
{"id":1365,"date":"2017-12-01T14:34:48","date_gmt":"2017-12-01T13:34:48","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1365"},"modified":"2018-01-25T10:28:57","modified_gmt":"2018-01-25T09:28:57","slug":"das-empathische-museum-wie-kunst-alle-erreicht","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/12\/01\/das-empathische-museum-wie-kunst-alle-erreicht\/","title":{"rendered":"Kolumne: Das empathische Museum"},"content":{"rendered":"<h1>Das empathische Museum: Wie Kunst alle erreicht<\/h1>\n<p><strong>Der 3. Dezember wurde von den Vereinten Nationen als &#8222;Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung&#8220; ins Leben gerufen. Seit 2014 schon setzt sich das Deutschen Historische Museum (DHM) verst\u00e4rkt f\u00fcr die Umsetzung eines barrierefreien Angebots in seinen Ausstellungen ein. Auch in der j\u00fcngst er\u00f6ffneten Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/1917-revolution\/?nomobile=1\" target=\"_blank\">&#8222;1917. Revolution. Russland und Europa&#8220;<\/a> laden inklusive Angebote zu einem partizipativen Einstieg in jeden Themenbereich ein. Kernst\u00fcck des inklusiven Konzepts ist eine sechseckige, drehbare &#8222;Trommel&#8220;, die das DHM speziell entworfen hat und die auf jeder Seite eine Informationsebene bedient: Ob deutsche oder englische Texte, Texte in Leichter Sprache und Brailleschrift, Videos mit Deutscher Geb\u00e4rdensprache sowie Audiotexte mit Audio-deskriptionen \u2013 die Ausstellung wird \u00fcber diese sechs gleichberechtigten Vermittlungsebenen vielen Menschen zug\u00e4nglich gemacht. <\/strong><strong>In ihrer Kolumne anl\u00e4sslich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung beleuchtet Nadia S. Zaboura die neuen Wege, die empathische Museen und andere Kultureinrichtungen mit diesem Angebot beschreiten.<\/strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1c8d68b7360847b0b417e9281aa33ef0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>Stephen Wiltshire greift nach seinem schwarzen Stift und beginnt zu zeichnen. Aus ersten feinen Silhouetten formt er meterbreite, detailreiche Stadtansichten auf Papier \u2013 mit erstaunlicher Akkuratesse zum Original, zur gesehenen Szenerie, von New York City bis Madrid, von Tokio bis Frankfurt. Als Autist mit Inselbegabung reicht ihm ein Gang \u00fcber eine Stra\u00dfe oder ein Helikopterflug \u00fcber eine Stadt, um sie aus dem Ged\u00e4chtnis kunstvoll auf die Leinwand zu bringen.<\/p>\n<p>Viele andere K\u00fcnstler mit Behinderungen haben die Kunst- und Kulturwelt gepr\u00e4gt, darunter namhafte wie Ludwig van Beethoven, Vincent van Gogh oder Henri de Toulouse-Lautrec.<\/p>\n<p>Ein Leben mit Behinderungen beinhaltet oft besondere Wahrnehmungsweisen, einen speziellen Blick auf die Welt und die zwangsl\u00e4ufige Auseinandersetzung mit Normen und Nicht-Normiertem \u2013 Rahmenbedingungen, die das kreative Potenzial auf besondere Weise f\u00f6rdern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch wie steht es auf der anderen Seite mit dem Kunstbetrachtenden, dem konsumierenden Besucher, <a href=\"\/blog\/2017\/05\/19\/braucht-es-das-museum-oder-kann-es-weg\/\" target=\"_blank\">ohne den ein Museum nichts ist<\/a>?<\/p>\n<div id=\"attachment_1369\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1369\" class=\"wp-image-1369 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/\u00a9-visitBerlin-Foto-Andi-WeilandGesellschaftsbilder.de_.jpg\" alt=\"Menschen mit H\u00f6rbehinderungen im Deutschen Historischen Museum \u00a9 visitBerlin, Foto Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/\u00a9-visitBerlin-Foto-Andi-WeilandGesellschaftsbilder.de_.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/\u00a9-visitBerlin-Foto-Andi-WeilandGesellschaftsbilder.de_-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/\u00a9-visitBerlin-Foto-Andi-WeilandGesellschaftsbilder.de_-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1369\" class=\"wp-caption-text\">Menschen mit H\u00f6rbehinderungen im Deutschen Historischen Museum 2016 \u00a9 visitBerlin, Foto Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de<\/p><\/div>\n<p>Oft haben wir hier ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn wir an den typischen Museums-Gast denken. Und dieses Bild l\u00e4sst beileibe nicht so viel Verschiedenheit zu, wie es K\u00fcnstlern zugestanden wird. Wem wir seltener begegnen, wenn wir im Geiste durch die Kunstr\u00e4ume wandern: Menschen mit Demenz. Menschen mit Seheinschr\u00e4nkung oder Gehbehinderung. Oder ist Ihnen schon einmal jemand mit einem wei\u00dfen Stock begegnet, der neben Ihnen einen Monet oder Braque per Audioguide &#8222;betrachtet&#8220; oder eine Skulptur Giacomettis mit den H\u00e4nden erf\u00e4hrt?<\/p>\n<h3>Diversit\u00e4t als Normalzustand<\/h3>\n<p>Es ist der Anspruch aller Kultur- und Bildungsinstitutionen: ein Ort der Offenheit, der Vielfalt zu sein. Nicht nur mit Blick auf die Werke. Sp\u00e4testens seitdem 2009 das Recht auf kulturelle Teilhabe zum Menschenrecht erkl\u00e4rt wurde, r\u00fcckt neben der Diversit\u00e4t der Kunstschaffenden auch die Vielfalt der Besucherschaft in den Fokus von Ausstellungsh\u00e4usern und -machern.<\/p>\n<p>Was aber passiert, wenn nicht die gro\u00dfe, spannende, notwendige Vielfalt unterschiedlichster Menschen in unsere Museen strebt, sondern die sorgsam best\u00fcckten R\u00e4ume nur von den immer gleichen Publika durchschritten werden?<\/p>\n<p>Welche Auswirkungen \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 hat das auf die Arbeit der Kuratoren, auf die Auswahl und Inszenierung der Kunstwerke durch Raumdesign, Beleuchtung oder H\u00e4ngung der Werke, kurz: auf die sinnliche Erfahrbarkeit der Werke?<\/p>\n<p>Wenn Museen neue Wege einschlagen, sich selbst eine inklusive Arbeitsweise und einen inklusiven Ethos auferlegen, der sich \u00fcber alle Gewerke spannt, er\u00f6ffnen sie damit auch die Chance, sich selbst zu hinterfragen und neu zu entdecken. Diese Museen inszenieren ihre Werke anders, neu und vielschichtiger erlebbar, teils auch: interaktiver. Und schlie\u00dflich nutzen sie ihre hauseigene personelle und strukturelle Vielfalt als Basis, um wichtige Diskussionen \u00fcber Norm und Normalit\u00e4t, Anderssein und Akzeptanz anzusto\u00dfen \u2013 ganz &#8222;im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung&#8220;, so wie es das International Council of Museums (kurz: ICOM) in seinen ethischen Richtlinien f\u00fcr Museen definiert.<\/p>\n<h3>Empathische Ausstellungsformen und -erfahrungen<\/h3>\n<p>Um ein Publikum mit und ohne Behinderungen gleichzeitig anzusprechen, braucht es den Perspektivwechsel in andere Wahrnehmungswelten, kurz: Empathie. Blicken wir gemeinsam auf aktuelle Ausstellungskonzepte und k\u00fcnftige Szenarien, die tats\u00e4chlich empathisch sind, da sie sich vor niemandem verschlie\u00dfen, sondern alle zur Kunst einladen:<\/p>\n<p>\u2022 Kunstwerke werden f\u00fcr Sehbehinderte nacherz\u00e4hlt, aus der Narration entsteht wiederum eine eigene Kunstform, die Farbwelten, die Eleganz eines Pinselstrichs und die Oberfl\u00e4che eines Objekts auditiv erlebbar macht.<\/p>\n<p>\u2022 Skulpturen werden der Ber\u00fchrung zug\u00e4nglich gemacht, ihre Formen aktiv erkundet, um Kunst \u00fcber Fingerspitzen erfahrbar zu machen, beispielsweise durch Augmented Touch und 3D Imaging.<\/p>\n<p>\u2022 Bilder werden bei F\u00fchrungen zeitgleich durch Geb\u00e4rdensprachler erkl\u00e4rt und kunsthistorisch eingeordnet \u2013 und alle Nicht-Geb\u00e4rdensprachler in der Gruppe, im Raum sehen fasziniert dem ausdrucksstarken Tanz der H\u00e4nde zu.<\/p>\n<p>\u2022 Der Museumsguide wird erweitert um Interpretationen f\u00fcr verschiedene Zielgruppen: Nicht nur verschiedene Sprachen, sondern zus\u00e4tzliche individualisierbare Komplexit\u00e4tsgrade begleiten alle unterschiedlichen Bedarfe, von leichter Sprache bis hin zur detaillierten kunsthistorischen Version.<\/p>\n<p>\u2022 Neben der einzigartigen Erlebbarkeit im physischen Raum erm\u00f6glicht die digitale Darstellbarkeit neue Formen der Teilhabe, beispielsweise durch Vorab-Kuration f\u00fcr \u00e4ltere, weniger mobile Menschen, die sich bestimmte Kunstwerke in einer eigenen Tour selbst zusammenstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Idealerweise w\u00fcrden diese Angebote zwar gekennzeichnet, aber nicht als &#8222;spezieller Service&#8220; bezeichnet. Denn indem \u00f6ffentliche R\u00e4ume wie Museen auf diese Weise Gruppen in Silos separieren, trennen sie die Besucher automatisch sprachlich in &#8222;normkonform&#8220; und &#8222;andersartig&#8220;. Genau das vermeiden empathische Museen. Sie f\u00fchren als Ort der Begegnung verschiedene Zielgruppen zusammen und begr\u00fc\u00dfen Individualit\u00e4t und Einzigartigkeit. Denn an wenigen anderen Ort kann der Besucher so sein, wie er ist, muss er nichts leisten, sich nicht darstellen, sondern kann ganz bei sich und seiner Kunsterfahrung sein, kann sich inspirieren lassen und die Alltagswelt da drau\u00dfen mit ihren Segregationserfahrungen weit hinter sich lassen.<\/p>\n<p>Das Wichtigste: Neue Darstellungsmethoden und Vermittlungsformen m\u00fcssen mit divers besetzten Gruppen gemeinsam von den Museen erarbeitet werden. Gegen blinde Flecken, f\u00fcr Einf\u00fchlung in diverse Formen der Wahrnehmung und eine wahrhaft inklusive Erfahrung auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>\u2022 ICOM \u2013 Ethische Richtlinien f\u00fcr Museen von ICOM<br \/>\n\u2022 Vereinte Nationen \u2013 Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte, Artikel 27<br \/>\n\u2022 Tanja Praske \u2013 Braucht es das Museum oder kann es weg?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Portrait_Nadia_S_Zaboura.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Nadia S. Zaboura<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">ist freie Strategie- und Kommunikationsberaterin sowie Fach-Moderatorin \u2013 im Auftrag von Wirtschaft, Politik und Forschung. Neben strategischer und standortpolitischer Beratung in den M\u00e4rkten Medien, IT, Games und Gesundheit bietet sie themen\u00fcbergreifende Expertise f\u00fcr die digitale Wirtschaft und Gesellschaft \u2013 als Fach-Moderatorin und Referentin (Fraunhofer, ZDF, ZKM, BMFSFJ etc.). Dar\u00fcber hinaus ist Nadia S. Zaboura regelm\u00e4\u00dfig t\u00e4tig als Managerin und Kuratorin f\u00fchrender Kongresse (u.a. SXSW Interactive, CREATIVE.HEALTH, Gamescom Congress).<br \/>\nIm Jahr 2015 berief sie die Europ\u00e4ische Kommission zur Evaluatorin. In dieser Funktion entscheidet sie \u00fcber Horizon 2020, das europ\u00e4ische Rahmenprogramm f\u00fcr Forschung und Innovation. Zuvor war Zaboura berufene Juryvorsitzende und Jurorin des \u201eGrimme Online Award\u201c (2012 bis 2015) sowie Jurorin des \u201eDeutschen Radiopreis\u201c (2013 bis 2015).<br \/>\nIhr Portfolio, aktuelle Projekte und Texte finden sich unter <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.zaboura.de\" target=\"_blank\">www.zaboura.de<\/a>.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Das empathische Museum: Wie Kunst alle erreicht<span><\/h2>\n<p>Der 3. Dezember wurde von den Vereinten Nationen als &#8222;Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung&#8220; ins Leben gerufen. Seit 2014 schon setzt sich das Deutschen Historische Museum (DHM) verst\u00e4rkt f\u00fcr die Umsetzung eines barrierefreien Angebots in seinen Ausstellungen ein. Auch in der j\u00fcngst er\u00f6ffneten Ausstellung &#8222;1917. Revolution. Russland und Europa&#8220; laden inklusive Angebote zu einem partizipativen Einstieg in jeden Themenbereich ein. 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