
{"id":1452,"date":"2018-01-18T11:25:51","date_gmt":"2018-01-18T10:25:51","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1452"},"modified":"2019-04-16T13:59:13","modified_gmt":"2019-04-16T11:59:13","slug":"der-nansen-pass","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/01\/18\/der-nansen-pass\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Der &#8222;Nansen-Pass&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>Der &#8222;Nansen-Pass&#8220;<\/h1>\n<p><strong>Infolge des Ersten Weltkrieges waren um 1920 insgesamt bis zu 9,5 Millionen Menschen auf der Flucht, unter ihnen auch die gro\u00dfe Gruppe der aus Russland Gefl\u00fcchteten. Die hohe Zahl an Fl\u00fcchtlingen stellte Europa vor gro\u00dfe Herausforderungen. Aufgrund ihres unsicheren Status setzte sich der norwegische Diplomat Fridtjof Nansen als Hochkommissar f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen des V\u00f6lkerbundes f\u00fcr ein international g\u00fcltiges Reise- und Ausweisdokument ein. Am 5. Juli 1922 beschloss der V\u00f6lkerbund in Genf, einen Ausweis einzuf\u00fchren: den &#8222;Nansen-Pass&#8220;. Julia Franke, Kuratorin der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/1917-revolution.html\" target=\"_blank\">&#8222;1917. Revolution.&#8220;<\/a> beschreibt in ihrem Beitrag, wie es zu dem Pass kam.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Vladimir Nabokov nannte ihn ein &#8222;h\u00f6chst minderwertiges Dokument von kr\u00e4nklich gr\u00fcner Farbe&#8220;. Der russische Schriftsteller war 1922 nach Berlin gekommen und erlebte die mit der Antragstellung verbundenen Formalit\u00e4ten als m\u00fchevolle Last:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>&#8222;Sein Inhaber war wenig mehr als ein auf Bew\u00e4hrung entlassener Verbrecher und hatte die gr\u00f6\u00dften Strapazen auf sich zu nehmen, wenn er etwa ins Ausland reisen wollte \u2013 je kleiner die L\u00e4nder, desto mehr Umst\u00e4nde machten sie.&#8220;<\/em> <\/strong><\/span><\/p>\n<p>Auch wenn der Nansen-Pass seinem Inhaber also keinen dauerhaften Aufenthalt garantierte, so gew\u00e4hrte er ihm dennoch gewisse Rechte und konsularische Hilfen wie etwa die amtliche Beglaubigung seiner Identit\u00e4t oder seines Familienstandes. Damit war er eine erste L\u00f6sung auf supranationaler Ebene f\u00fcr einen international anerkannten Identit\u00e4tsnachweis und ein international g\u00fcltiges Reisedokument.<\/p>\n<p>Wie aber kam es \u00fcberhaupt zum Nansen-Pass? Mit der Februarrevolution, der Abdankung des Zaren und dem Herrschaftsantritt der Bolschewiki im Oktober 1917 sahen sich zahlreiche gesellschaftliche Gruppen Verfolgung, Enteignung und Repressionen ausgesetzt. Der anschlie\u00dfende B\u00fcrgerkrieg und die Gr\u00fcndung der Sowjetunion 1922 versch\u00e4rften die Situation noch einmal. Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklungen war die Emigration aus Russland: Weit mehr als eine Million Menschen \u2013 einigen Sch\u00e4tzungen zufolge sogar bis zu zwei Millionen \u2013 gingen ins Exil. Nach der Gr\u00fcndung der Sowjetunion 1922 wurden alle Personen, die das Land zuvor verlassen hatten, formal zu Staatenlosen. Auf Initiative des prominenten norwegischen Polarforschers und damaligen Hochkommissars f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen des V\u00f6lkerbundes, Fridtjof Nansen, wurde deshalb 1922 der sogenannte Nansen-Pass als internationales Reise- und Ausweisdokument eingef\u00fchrt. Ziel war es, Menschen ohne Staatsangeh\u00f6rigkeit ein Mindestma\u00df an Schutz und Freiz\u00fcgigkeit zu gew\u00e4hren. Der j\u00e4hrlich zu erneuernde Pass gestattete zwar keinen dauerhaften Aufenthalt, aber die Wiedereinreise in das ausstellende Land.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen beim <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/aussenpolitik\/voelkerbund.html\" target=\"_blank\">V\u00f6lkerbund<\/a> gingen zun\u00e4chst von einer sp\u00e4teren Repatriierung aus, doch diese Annahme erwies sich als Illusion. Denn viele Gefl\u00fcchtete konnten oder wollten nicht mehr in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcckkehren. Die russischen Emigranten beispielsweise hatten nach der Gr\u00fcndung der Sowjetunion keine Staatsangeh\u00f6rigkeit mehr und konnten sich ihre Identit\u00e4t nicht durch einen anerkannten Staat best\u00e4tigen lassen.<\/p>\n<p>Der zun\u00e4chst nur f\u00fcr die russischen Emigranten geltende Pass wurde sukzessive auf andere Fl\u00fcchtlingsgruppen ausgeweitet: 1924 auf die Armenier und 1928 auf andere christliche Minderheiten aus dem ehemaligen Osmanischen Reich. Sein Initiator Fridtjof Nansen wurde 1922 f\u00fcr sein humanit\u00e4res Engagement mit dem <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/wissenschaft-und-forschung\/nobelpreis.html\" target=\"_blank\">Friedensnobelpreis<\/a> ausgezeichnet.<\/p>\n<div id=\"attachment_1466\" style=\"width: 578px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1466\" class=\"size-full wp-image-1466\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20012100.jpg\" alt=\" Internationaler Fl\u00fcchtlingsausweis mit Visa f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder auf der Grundlage eines Abkommens von 1922, 26. November 1937 \u00a9 DHM\" width=\"568\" height=\"826\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20012100.jpg 568w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20012100-206x300.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><p id=\"caption-attachment-1466\" class=\"wp-caption-text\">Internationaler Fl\u00fcchtlingsausweis mit Visa f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder auf der Grundlage eines Abkommens von 1922, 26. November 1937 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>In der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/1917-revolution.html?nomobile=1\" target=\"_blank\">&#8222;1917. Revolution. Russland und Europa&#8220;<\/a> des Deutschen Historischen Museums ist derzeit der &#8222;Nansen-Pass&#8220; von Tamara Matul zu sehen. Die 1905 in Moskau geborene Tamara Matul kam vor 1920 mit ihren Eltern und ihrem Bruder Sergej nach Berlin. Die Familie lebte in der Nachodstra\u00dfe 26 in Wilmersdorf. Matul arbeitete sp\u00e4ter als Komparsin beim Film. Dort lernte sie Rudolf Sieber, den Ehemann <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-marlene-dietrich.html\" target=\"_blank\">Marlene Dietrichs<\/a>, kennen und wurde seine Lebensgef\u00e4hrtin. Fortan reiste sie mit der Familie Sieber\/Dietrich. Ihr Nansen-Pass erm\u00f6glichte die Reisen \u2013 so auch in die USA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der &#8222;Nansen-Pass&#8220;<span><\/h2>\n<p>Infolge des Ersten Weltkrieges waren um 1920 insgesamt bis zu 9,5 Millionen Menschen auf der Flucht, unter ihnen auch die gro\u00dfe Gruppe der aus Russland Gefl\u00fcchteten. Die hohe Zahl an Fl\u00fcchtlingen stellte Europa vor gro\u00dfe Herausforderungen. Aufgrund ihres unsicheren Status setzte sich der norwegische Diplomat Fridtjof Nansen als Hochkommissar f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen des V\u00f6lkerbundes f\u00fcr ein international g\u00fcltiges Reise- und Ausweisdokument ein. Am 5. Juli 1922 beschloss der V\u00f6lkerbund in Genf, einen Ausweis einzuf\u00fchren: den &#8222;Nansen-Pass&#8220;. Julia Franke, Kuratorin der Ausstellung &#8222;1917. 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