
{"id":1496,"date":"2018-01-25T11:57:50","date_gmt":"2018-01-25T10:57:50","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1496"},"modified":"2018-01-25T11:57:50","modified_gmt":"2018-01-25T10:57:50","slug":"die-macht-des-bildes","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/01\/25\/die-macht-des-bildes\/","title":{"rendered":"Kolumne: Die Macht des Bildes"},"content":{"rendered":"<h1>Die Macht des Bildes<\/h1>\n<p><strong>In unserer Kolumne ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Andreas Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die er zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/gier-nach-neuen-bildern.html\" target=\"_blank\">&#8222;Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip&#8220;<\/a> am 28. September 2017 im Schl\u00fcterhof des Deutschen Historischen Museums hielt. Die Ausstellung ist noch bis zum 8. April 2018 zu sehen.<\/strong><\/p>\n<p>Gestatten Sie mir zu Beginn ein Wort in eigener Sache. Auch meine Gier nach neuen Bildern ist enorm. Das mag seltsam klingen aus dem Munde eines Redakteurs f\u00fcr Literatur und literarisches Leben, also von jemandem, der beruflich der Belletristik verpflichtet ist, den &#8222;belles lettres&#8220;, sch\u00f6nen Buchstaben. Doch nicht nur, dass ja auch die Rhetorik die Rede von Bildern, Sprachbildern n\u00e4mlich, Metaphern, Metonymien, Allegorien, kennt, wir Literaturliebhaber uns also durchaus auch an &#8222;belles images&#8220; berauschen, an den Werken der Bellimagier des Wortes \u2013 nein, ich pers\u00f6nlich bin, wie Sie vielleicht wissen, st\u00e4ndig auf der Suche nach neuen Meisterwerken aus den Bereichen Comic, Cartoon und Karikatur. Und \u2013 weil es keine Zukunft ohne Vergangenheit gibt, keine Neuentdeckungen ohne Vorleistungen, keine Aufkl\u00e4rung ohne Verkl\u00e4rung \u2013 nach Alten Meistern dieser K\u00fcnste. Diese Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die wir heute er\u00f6ffnen, ist f\u00fcr mich deshalb ein Augen\u00f6ffner. Und das wird sie auch f\u00fcr Sie sein.<\/p>\n<h3>Comic, Cartoon, Karikatur: Ein demokratisches Medium in Zeiten der M\u00e4rzrevolution<\/h3>\n<div id=\"attachment_1505\" style=\"width: 823px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1505\" class=\"size-full wp-image-1505\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/01_0124_GR102801.jpg\" alt=\"&quot;BERLIN am 18. und 19. M\u00e4rz 1848.&quot;, Julius Steinmetz, Mei\u00dfen 1848 \u00a9 DHM\" width=\"813\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/01_0124_GR102801.jpg 813w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/01_0124_GR102801-244x300.jpg 244w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/01_0124_GR102801-768x945.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 813px) 100vw, 813px\" \/><p id=\"caption-attachment-1505\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;BERLIN am 18. und 19. M\u00e4rz 1848.&#8220;, Julius Steinmetz, Mei\u00dfen 1848 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Nehmen wir etwa dieses Blatt, das sich meines Wissens nur im Bestand des Deutschen Historischen Museums erhalten hat. Es stammt aus dem Jahr 1848, und wenn Sie ein bisschen mit der Vor- und Fr\u00fchgeschichte des deutschen Comics vertraut sind, dann wissen Sie, dass es noch vor wenigen Jahren gro\u00dfe Schwierigkeiten bereitet h\u00e4tte, dessen Existenz zu erkl\u00e4ren. Vor Wilhelm Busch, so lautete ein scheinbar allgemeing\u00fcltiges Verdikt, kein Comic in Deutschland. Wobei das insofern immer noch stimmt, als es den Begriff &#8222;Comic&#8220; damals f\u00fcr das, was er heute bezeichnet \u2013 Bildersequenzen mit integriertem Text \u2013, tats\u00e4chlich noch gar nicht gab. Und wenn wir die Bezeichnung &#8222;integrierter Text&#8220; als das betrachten, was sie aussagen will: nicht einfach erg\u00e4nzte Schriftelemente, sondern solche, die mit den Abbildungen eine \u00e4sthetische Einheit ergeben, also Bestandteil der Graphik sind, dann sind weder Wilhelm Buschs gezeichnete Geschichten noch dieses Blatt hier Comics. Aber wenn auch keine Fr\u00fch-, so haben wir es hier doch zumindest mit deren Vorgeschichte zu tun.<\/p>\n<p>Die beiden Serienpublikationen, in denen Wilhelm Busch seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts vor allem ver\u00f6ffentlichen sollte \u2013 die &#8222;Fliegenden Bl\u00e4tter&#8220; und die &#8222;M\u00fcnchener Bilderb\u00f6gen&#8220;, jeweils aus dem Verlag Braun und Schneider \u2013, entstanden 1845 und 1848, also fast zum selben Zeitpunkt wie diese Bildergeschichte aus unserer Ausstellung. Vorm\u00e4rz und Achtundvierziger-Revolution w\u00e4lzten damals in ganz Deutschland nicht nur die Politik, sondern auch die Publizistik um; die Karlsbader Beschl\u00fcsse, die den zahlreichen deutschen Einzelstaaten seit 1819 eine rigide Zensur beschert hatten, wurden gelockert und schlie\u00dflich mit dem M\u00e4rz 1848 obsolet. Comic, Cartoon, Karikatur als Erben der entfesselten Bilder jener Zeit sind deshalb bis heute der Dreiklang der Aufkl\u00e4rung. Wo sie sind, sehen wir klarer: uns selbst und das, was um uns ist, die Gesellschaft. Es sind, lange bevor es diesen Begriff gab, soziale Medien. Ihr Prinzip ist Teilen: Meinung, Wissen, Witz. Und das im Bild, also im demokratischsten Medium. Es gibt zwar Analphabeten, aber keine Anikoniker. Um zu wissen, was ein Bild ist, braucht man keine Bildung.<\/p>\n<h3>Die Revolution 1848 als Bildergeschichte<\/h3>\n<p>Das hei\u00dft indes nicht, dass sie schadete. Unser Blatt hier erz\u00e4hlt eine faszinierende Geschichte neben der faszinierenden Geschichte, um die es darauf eigentlich geht. Denn diese Bilderschilderung \u2013 und h\u00f6ren Sie den Doppelsinn? Das deutsche Wort &#8222;Schilderung&#8220; kommt ja vom mittelniederdeutschen &#8222;schilderen&#8220;, also malen, wie ja auch im Niederl\u00e4ndischen heute noch ein Maler &#8222;schilder&#8220; hei\u00dft \u2013, diese Schilderung also der Berliner Ereignisse vom 18. und 19. M\u00e4rz 1848, dem scheinbar erfolgreichen b\u00fcrgerlichen Aufstand gegen die absolutistische K\u00f6nigsherrschaft in Preu\u00dfen, erschien nicht in dem Land, von dessen Umkrempelung sie erz\u00e4hlt, sondern wurde im s\u00e4chsischen Mei\u00dfen verlegt, bei der sonst auf Regionalia spezialisierten Lithographieanstalt von Julius Steinmetz. In Preu\u00dfen selbst n\u00e4mlich h\u00e4tte das Blatt gar nicht erscheinen k\u00f6nnen, weil die Revolution, wie wir alle wissen, rasch gescheitert war. K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV., der angebliche &#8222;Romantiker auf dem Thron&#8220;, zeigte sich als k\u00fchler Machtpolitiker und lie\u00df schon vor seiner Ablehnung der ihm vom Paulskirchenparlament angetragenen Kaiserkrone die Revolution ins Leere laufen. Vom Tr\u00e4umer, als den ihn auch dieses regierungskritische Blatt verspottet, war da pl\u00f6tzlich gar nichts mehr.<\/p>\n<p>Getr\u00e4umt wird auf dem zweiten Bild der Sequenz, im Sinne eines Schlafs der Vernunft \u00e0 la Goya: Augen zu vor dem, was man nicht sehen mag. Dieses zweite Bild ist gleichsam der erste Blickfang: mit K\u00f6nig und K\u00f6nigin von Preu\u00dfen zwischen den Fronten, symbolisiert durch die schwarzwei\u00dfen Landesfarben links und das schwarzrotgoldene Banner der Revolution rechts. Ganz links sind erst die Massen auf dem Schlossplatz versammelt, ganz rechts geht es schon mit der Beschie\u00dfung der Werderstra\u00dfe zur Sache. Das war die Folge der vom K\u00f6nig am 18. M\u00e4rz befohlenen R\u00e4umung des Schlossplatzes, in deren Folge die Lage in der Hauptstadt eskalierte. Wir k\u00f6nnen es auf dem Bilderbogen verfolgen: Beschie\u00dfung der Konditorei, Barrikade in der J\u00e4gerstra\u00dfe, der wehrlose Kaufmann Bendix von Soldaten \u00fcberfallen, Erst\u00fcrmung des Landwehrzeughauses und so weiter. Mitten drin dann der K\u00f6nig auf der zweiten Darstellung, die ihn zeigt, wie er angesichts der Unruhen um ihn \u2013 und sie sind als Bilder ja buchst\u00e4blich um ihn \u2013 sagt: &#8222;Sehen Sie, diese Stra\u00dfe geh\u00f6rt mir.&#8220; Das aber sieht nur er. Die insgesamt drei Dialogpassagen des Bilderbogens beginnen also mit Hybris. Die beiden weiteren dokumentierten Ausspr\u00fcche repr\u00e4sentieren aus dem Munde eines bedachten B\u00fcrgers Vernunft \u2013 &#8222;Haltet einen Augenblick inne&#8220; \u2013 und aus dem eines arroganten Offiziers Kadavergehorsam: &#8222;Wenn der K\u00f6nig befiehlt, schie\u00dfen wir u. gern.&#8220; Welcher dieser drei Haltungen die Sympathien des anonymen Zeichners dieser Szenen galten, ist \u00fcberdeutlich. Wer mag dieser K\u00fcnstler gewesen sein? Die Berliner Lokalhistorikerin Margret Dorothea Minkels vermutet Julius von Minutoli als Urheber des Bilderbogens. Das w\u00e4re spektakul\u00e4r, denn bei Minutoli handelt es sich um keinen Geringeren als den damaligen Polizeipr\u00e4sidenten von Berlin, dessen moderate Haltung gegen\u00fcber den M\u00e4rz-Aufst\u00e4ndischen ihn beim K\u00f6nig in Ungnade fallen lie\u00df, weshalb er seinen Posten zur Verf\u00fcgung stellen musste, als drei Monate sp\u00e4ter die n\u00e4chste gro\u00dfe revolution\u00e4re Erhebung stattfand: der Sturm auf das Berliner Zeughaus, also just auf jenes Geb\u00e4ude, in dem wir uns gerade aufhalten. Minutoli verlie\u00df Preu\u00dfen und ging nach Unterfranken in ein dreij\u00e4hriges Exil, wo er unter anderem seine Erinnerungen an die turbulenten Ereignisse des Jahres 1848 aufzeichnete.<\/p>\n<p>&#8222;Aufzeichnen&#8220; muss man bei ihm w\u00f6rtlich nehmen, denn Minutoli war ein begabter Zeichner, und was Frau Mingels in ihren B\u00fcchern von ihm zeigt, hat in der Tat gewisse \u00c4hnlichkeit mit unserem Bilderbogen, vor allem beim Rahmenwerk der Bilder, das als illusionistische Balkenkonstruktion angelegt ist. Da bekommt das Comiccharakteristikum der Seitenarchitektur tats\u00e4chlich einen fr\u00fchen Ansto\u00df. Und zugleich war die Handlung damit eingefriedet, worin wir aber leider keinen Hinweis auf Befriedung sehen d\u00fcrfen, sondern vielmehr eine Umz\u00e4unung, die wieder einhegt, was kurzfristig frei zu werden schien. So zeigt sich in der Komposition des Bilderbogens das historische Dilemma seines Gegenstands. Bilder wissen nicht selten mehr als ihr Urheber, und wir wissen deshalb meist mehr \u00fcber sie als \u00fcber ihn.<\/p>\n<h3>Der Spanische B\u00fcrgerkrieg: Picasso inszeniert Franco im Kampf gegen die republikanische Regierung<\/h3>\n<div id=\"attachment_1506\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1506\" class=\"size-full wp-image-1506\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/02a_01360137.jpg\" alt=\"Sueno y Mentira de Franco (Planche I-II), Pablo Picasso, Paris 1937 \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"339\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/02a_01360137.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/02a_01360137-300x102.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/02a_01360137-768x260.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1506\" class=\"wp-caption-text\">Sueno y Mentira de Franco (Planche I-II), Pablo Picasso, Paris 1937 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Es gibt Ausnahmen. Dies ist eine, ihr Sch\u00f6pfer ist viel bekannter als das Werk, und das zeigt sich auch sofort. Pablo Picasso ist in der Ausstellung vertreten mit zwei Aquatinta-Bl\u00e4ttern aus dem Jahr 1937, die von &#8222;Traum und L\u00fcge Francos&#8220; erz\u00e4hlen \u2013 als k\u00fcnstlerische Stellungnahme zum B\u00fcrgerkrieg in seiner spanischen Heimat. Doch zu den beiden Bilderb\u00f6gen geh\u00f6rt ein drittes Blatt, und das wird so gut wie nie gezeigt oder auch nur erw\u00e4hnt, weil es ein reines Textpapier ist mit einem in drei Sprachen abgedruckten Gedicht, in dem Picasso im Stil einer surrealistischen &#8222;\u00e9criture automatique&#8220; ohne jedes Satzzeichen vor sich hin assoziierte. Nur der Anfang davon: &#8222;Fandango von Eulen Marinade von Schwertern von unheilverk\u00fcndenden Tintenfischen ein Lappen aus Haaren von Tonsuren aufrecht inmitten der Bratpfanne splitternackt auf der Waffelt\u00fcte von Gefrorenem aus Stockfisch Gebratenem in der Kr\u00e4tze seines Ochsenherzens&#8220; und so weiter. Das klingt r\u00e4tselhaft, und deshalb erspart man es uns meist und zeigt lieber, was wir als gezeichnete Bilder zug\u00e4nglicher empfinden als diese Wortbilder. Doch darunter leide ich nicht nur als Literaturredakteur, sondern auch als gieriger Liebhaber neuer Bilder, denn Picasso hatte sich 1937 um eine \u00e4sthetische Verbindung von Bild und Wort bem\u00fcht, die gerade befremden sollte. Wenn wir sie aus ikonographischer Bequemlichkeit aufl\u00f6sen, geben wir das Neue gerade wieder preis.<\/p>\n<h3>Drastische Darstellungen: Kritik am preu\u00dfischen Expansionsstreben<\/h3>\n<div id=\"attachment_1507\" style=\"width: 677px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1507\" class=\"size-full wp-image-1507\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/03_0126_GR102962.jpg\" alt=\"&quot;LE GRAND \u00d4GRE ALLEMAND.&quot;, Pinot &amp; Sagaire (Verlag), \u00c9pinal 1866\/1871 \u00a9 DHM\" width=\"667\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/03_0126_GR102962.jpg 667w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/03_0126_GR102962-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 667px) 100vw, 667px\" \/><p id=\"caption-attachment-1507\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;LE GRAND \u00d4GRE ALLEMAND.&#8220;, Pinot &amp; Sagaire (Verlag), \u00c9pinal 1866\/1871 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Das Nebeneinander von Text und Bild statt eines In- und damit wirklichen Miteinanders, wie es dann der Comic als Gestaltungsprinzip verwirklichen wird, ist eine saure Frucht der Reformation, als das Wort gegen\u00fcber dem Bild drastisch aufgewertet wurde. So wesentlich der Glaubenskampf mittels Flugschriften die Gier nach neuen Bildern befeuerte, so dauerhaft besch\u00e4digte er das fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndliche Ineinander von Bild und Text, wie man es aus religi\u00f6sen Darstellungen kannte \u2013 etwa der Biblia paupera, den Kirchenfenstern, den Messgeschirren. Die Karikatur \u00fcbernahm diese Trennung, w\u00e4hrend sie durch Drastik der Darstellung neues Terrain erschloss. Schon Francos Traum war ja nicht gerade ein gezeichnetes Schlummerlied, aber schauen sie erst einmal auf diesen Herrn aus den Zeiten der sich zuspitzenden deutsch-franz\u00f6sischen Rivalit\u00e4t vor dem Krieg von 1870\/71. Unschwer zu erkennen, dass es sich um Wilhelm I. handelt, der seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV., jenem schwarzen &#8222;Romantiker auf dem Thron&#8220;, der sich schlie\u00dflich in der eigenen geistigen Umnachtung verloren hatte, im Amt des preu\u00dfischen K\u00f6nigs gefolgt war. Unschwer auch zu erkennen, was dem heute unbekannten Zeichner als Vorbild diente: Goyas sp\u00e4tes \u00d6lgem\u00e4lde des die eigenen Kinder verschlingenden Saturn.<\/p>\n<p>Der &#8222;alte Kaiser Wilhelm&#8220;, wie er sp\u00e4ter einmal vom Volksmund verniedlicht werden sollte, nimmt hier als junger Monarch den eigenen Mund ganz sch\u00f6n voll, und zwar mit einer Zwischenmahlzeit aus seiner Kiepe, in der er all die deutschen F\u00fcrsten eingesammelt hat, deren L\u00e4ndereien Preu\u00dfen 1866 einkassiert hatte, also etwa Hannover, Hessen-Kassel oder Nassau. So ein Blatt konnte man im damals gegr\u00fcndeten Norddeutschen Bund oder auch in den f\u00fcr kurze Zeit noch selbst\u00e4ndig gebliebenen s\u00fcddeutschen Staaten nicht publizieren. Aber in Frankreich konnte man es, und der Titel &#8222;le grand ogre allemand&#8220; \u2013 der gro\u00dfe deutsche Menschenfresser \u2013 erwies sich als prophetisch, denn wenige Jahre sp\u00e4ter schluckte das neue Deutsche Reich die franz\u00f6sischen Provinzen Elsa\u00df und Lothringen und setzte Wilhelm die Kaiserkrone auf.<\/p>\n<h3>F\u00fcr und Wider den Krieg: Das furchtbare Preu\u00dfen-Gehirn<\/h3>\n<div id=\"attachment_1508\" style=\"width: 780px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1508\" class=\"size-full wp-image-1508\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/04_0120_GR102518.jpg\" alt=\"&quot;PILORI-PHR\u00c9NOLOGIE. \/ S.S. GUILLAUME-LE-BOUCHER.&quot;, Andr\u00e9 Belloguet (Zeichner), Marchandeau (Verleger), Paris 1870 \u00a9 DHM\" width=\"770\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/04_0120_GR102518.jpg 770w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/04_0120_GR102518-231x300.jpg 231w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/04_0120_GR102518-768x997.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><p id=\"caption-attachment-1508\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;PILORI-PHR\u00c9NOLOGIE. \/ S.S. GUILLAUME-LE-BOUCHER.&#8220;, Andr\u00e9 Belloguet (Zeichner), Marchandeau (Verleger), Paris 1870 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Der Krieg, der diese reiche Beute bot, brachte auch eine weitere blutr\u00fcnstige Karikatur hervor, die abermals Wilhelm von Preu\u00dfen zeigt: Gezeichnet 1870 von Andr\u00e9 Belloquet, einem \u00fcberzeugten franz\u00f6sischen Republikaner, war diese Darstellung von &#8222;Wilhelm dem Schl\u00e4chter&#8220;, wie der Titel lautet, Teil einer Lithographienserie, die den Namen &#8222;Pilori-phr\u00e9nologie&#8220; tr\u00e4gt: Pranger-Gehirnlehre. Obduziert und kartographiert wird hier der preu\u00dfische Absolutismus, dem der Name Ludwigs XVIII. auf der Sch\u00e4deldecke geschrieben steht, also jenes franz\u00f6sischen K\u00f6nigs, der nach der revolution\u00e4ren \u00c4ra die Bourbonen-Herrschaft restituiert hatte. Der Kriegsfeind Preu\u00dfen hat das Erbe des Volksfeinds Ludwig angetreten. Und das des gr\u00f6\u00dften Widersachers, den Frankreich in seiner Geschichte bis dato erlebt hatte: des englischen K\u00f6nigs Heinrich V. aus dem Hundertj\u00e4hrigen Krieg, der hier als &#8222;Henry V&#8220; auf der Stirn des preu\u00dfischen Herrschers vermerkt ist. Vor Wilhelms Mund ist ein Verschluss angebracht, der die Aufschrift &#8222;Vorh\u00e4ngeschloss der Demokratie&#8220; tr\u00e4gt \u2013 die Redefreiheit hat ausgedient. Aus den in Adlerk\u00f6pfen auslaufenden Schnauzbartspitzen tropft Blut, und auf der Nasenwurzel sitzt dem deutschen Feind eine Priesterhaube \u2013 Zeichen des unaufgekl\u00e4rten Herrschers. Belloquet zeichnete eine Horrorgestalt und litt doch selbst offenbar noch mehr unter Horror vacui, denn er lie\u00df keinen Quadratzentimeter seines Schm\u00e4hblatts unbeschrieben. Hier sind Wort und Bild tats\u00e4chlich untrennbar.<\/p>\n<h3>Aktuelle Satire: Charlie Hebdo und der politisch-religi\u00f6se Konflikt<\/h3>\n<div id=\"attachment_1509\" style=\"width: 796px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1509\" class=\"size-full wp-image-1509\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/05_0203_ZD036433.jpg\" alt=\"&quot;TOUT EST PARDONN\u00c9 \/ JE SUIS CHARLIE&quot;, Luz (R\u00e9nald Luzier), Paris, 14. Januar 2015 \u00a9 DHM\" width=\"786\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/05_0203_ZD036433.jpg 786w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/05_0203_ZD036433-236x300.jpg 236w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/05_0203_ZD036433-768x977.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 786px) 100vw, 786px\" \/><p id=\"caption-attachment-1509\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;TOUT EST PARDONN\u00c9 \/ JE SUIS CHARLIE&#8220;, Luz (R\u00e9nald Luzier), Paris, 14. Januar 2015 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Wie auch anderthalb Jahrhunderte sp\u00e4ter auf einer der j\u00fcngsten Karikaturen, die die Ausstellung zeigt, zugleich als Titelblatt der mit mehr als acht Millionen meistverkauften Ausgabe einer Zeitschrift das wohl verbreitetste Werk ihres Genres \u2013 und ganz gewiss das umstrittenste. Gezeichnet hat es Renald Luzier alias Luz f\u00fcr das erste Heft der Satirezeitschrift &#8222;Charlie Hebdo&#8220;, das nach dem Massaker an deren Redaktion vom 7. Januar 2015 erschien. Luz war dem Tod entgangen, weil er am 7. Januar Geburtstag hatte und deshalb sp\u00e4ter als \u00fcblich in der Redaktion eintraf. Er wurde als Zeichner f\u00fcr das Cover der Ausgabe nach dem Attentat ausgew\u00e4hlt, weil au\u00dfer seinem verletzten und deshalb arbeitsunf\u00e4higen Kollegen Riss mit Charb, Cabu und Tignous alle anderen etatm\u00e4\u00dfigen Titelbildzeichner tot waren. Riss erinnerte sich ein Jahr sp\u00e4ter an die Umst\u00e4nde der eilig zusammengestellten Ausgabe:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>&#8222;Was wir alles seit 23 Jahren erlebt hatten, das gab uns die notwendige Wut. Niemals zuvor hatten wir so gro\u00dfe Lust, alle zum Schweigen zu bringen, die von unserem Verschwinden getr\u00e4umt hatten. Es sollte diesen beiden kleinen maskierten Trotteln nicht gelingen, unsere lebenslange Arbeit in alle Winde zu zerstreuen, all die wunderbaren Momente mit jenen, die gestorben waren. Denen sollte es nicht gelingen, &#8222;Charlie&#8220; zu begraben.&#8220;<\/em> <\/strong><\/span><\/p>\n<p>Das klingt unvers\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Deshalb ist \u00fcber die Botschaft des Titelblatts viel ger\u00e4tselt worden: &#8222;Tout est pardonn\u00e9&#8220;, aber wer vergab hier wem? Die Redaktion dem Islam, dessen Repr\u00e4sentant sich auf die Seiten der Sympathisanten von &#8222;Charlie&#8220; schl\u00e4gt? Der Prophet der Zeitschrift? Oder war etwa eine g\u00f6ttliche Generalamnestie f\u00fcr die M\u00f6rder dargestellt? Diese Vieldeutigkeit \u00fcberforderte etliche Betrachter, die entweder die \u00fcberlebenden Redakteure vor dem Islam zu Kreuze kriechen sahen oder aber eine weitere Provokation kritisierten, weil doch wieder einmal der Prophet abgebildet worden war, und das auch noch mit einer Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung f\u00fcr die bei Islamisten verhasste Zeitschrift. Dass hier aber \u00fcberhaupt Mohammed dargestellt sein sollte, ergibt sich gar nicht aus dem Begleittext. Zwar ist der Hintergrund des Blattes in Gr\u00fcn gehalten, der Farbe des Propheten, und die Ikonographie der Figur folgt mit Bart und Turban den seit dem d\u00e4nischen Karikaturenstreit von 2005 g\u00e4ngigen Mohammed-Klischees, doch das wei\u00dfe Gewand weist den Dargestellten eher als eine jener geistlichen Stellvertreterfiguren f\u00fcr den extremistischen Islam aus, wie &#8222;Charlie Hebdo&#8220; sie zuvor in zahlreichen Karikaturen entwickelt hatte, die auch schon meist bewusst im Unklaren lie\u00dfen, ob auf ihnen denn nun tats\u00e4chlich Mohammed selbst abgebildet war.<\/p>\n<h3>Bild und Wort: Die Macht des B\u00fcndnisses<\/h3>\n<p>Solche Er\u00f6rterungen stehen uns als zivilisierten Museumsbesuchern gut an, doch vermeiden werden wir den Missbrauch unserer Bilderfindungen damit nicht. Die Gier nach neuen Bildern mag gro\u00df sein, die Mordgier der Fanatiker ist noch gr\u00f6\u00dfer. Aber nicht so gro\u00df wie die Macht der Bilder selbst; deshalb haben Religionen so flei\u00dfig Bilderverbote erlassen. Der Konflikt von Aufkl\u00e4rung und Religion ist der Geschichte wesentlich, die diese Ausstellung erz\u00e4hlt \u2013 auch mit antisemitischen Darstellungen, die sich darin immer wieder finden und die heute wieder scheu\u00dfliche Urst\u00e4nd feiern. Die Frontlinie zwischen den neuen Bildern und den alten \u00dcberzeugungen zieht sich mitten durch die Kunstgeschichte.<\/p>\n<div id=\"attachment_1510\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1510\" class=\"size-full wp-image-1510\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/06_0387_97004944.jpg\" alt=\"Bildtafeln im Unterricht, Daniel Chodowiecki, 1774 \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"764\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/06_0387_97004944.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/06_0387_97004944-300x229.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/06_0387_97004944-768x587.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1510\" class=\"wp-caption-text\">Bildtafeln im Unterricht, Daniel Chodowiecki, 1774 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Daniel Chodowiecki, der gr\u00f6\u00dfte satirische Kupferstecher der preu\u00dfischen Aufkl\u00e4rung \u2013 und in Personalunion sowohl einer der am meisten von Konkurrenten um seine Ideen betrogenen als auch wiederum selbst die Konkurrenten bestehlenden K\u00fcnstler \u2013, wusste nur zu gut, warum er 1774 eine Gruppe Sch\u00fcler zeigte, die von ihrem Lehrer mittels damals moderner Bildtafeln unterrichtet wurden. Der Finger des Schulmeisters allerdings weist auf traditionell geschriebenes Wort: &#8222;Buch des Lebens und der Sitten&#8220; lesen wir da und &#8222;Buch der Religion&#8220;. Der Konflikt zwischen Glaube und Aufkl\u00e4rung, Ernst und Spott, Wort und Bild ist alt; auch diese Ausstellung wird ihn nicht l\u00f6sen. Aber sie zeigt, was das Bild alles bewegt hat \u2013 und zwar am nachdr\u00fccklichsten, wenn es ein B\u00fcndnis mit dem Wort eingegangen ist. Gegen das allein selig machen wollende Wort.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DHM-28.9.2017\u00a9Siesing.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Andreas Platthaus<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Andreas Platthaus wurde am 15. Februar 1966 in Aachen geboren. Nach einer Banklehre in K\u00f6ln, dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in seiner Heimatstadt und der Lekt\u00fcre ungez\u00e4hlter Donald-Duck-Geschichten verlor er die Lust, in der freien Wirtschaft zu re\u00fcssieren, und studierte in T\u00fcbingen Rhetorik, Philosophie und Geschichte, um zumindest an Wissen reich zu werden. Zum Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stie\u00df er 1997. Er ist dort verantwortlicher Redakteur f\u00fcr Literatur und literarisches Leben. Neben dieser T\u00e4tigkeit engagiert er sich bei den Donaldisten, deren Ehrenmitglied er seit 2007 ist. Seit 1998 erschienen mehrere B\u00fccher, darunter die Biographie &#8222;Alfred Herrhausen \u2013 Eine deutsche Karriere&#8220; (2006), der Roman &#8222;Freispiel&#8220; (2009) und 2013 seine historische Studie &#8222;1813 \u2013 Die V\u00f6lkerschlacht und das Ende der alten Welt&#8220;.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die Macht des Bildes<span><\/h2>\n<p>In unserer Kolumne ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Andreas Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die er zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung &#8222;Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip&#8220; am 28. September 2017 im Schl\u00fcterhof des Deutschen Historischen Museums hielt. Die Ausstellung ist noch bis zum 8. April 2018 zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1501,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[701],"tags":[1212,1208,1214,1210,1195],"class_list":["post-1496","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne","tag-bilderbogen","tag-charlie-hebdo","tag-comic","tag-flugblatt","tag-gier-nach-neuen-bildern"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1496","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1496"}],"version-history":[{"count":9,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1496\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1524,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1496\/revisions\/1524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1501"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1496"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1496"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1496"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}