
{"id":1541,"date":"2018-02-06T12:26:56","date_gmt":"2018-02-06T11:26:56","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1541"},"modified":"2018-02-06T12:26:56","modified_gmt":"2018-02-06T11:26:56","slug":"zensur-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/02\/06\/zensur-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Zensur in Deutschland"},"content":{"rendered":"<h1>Zensur in Deutschland<\/h1>\n<p><strong>Seit einigen Wochen diskutieren Presse und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber eine m\u00f6glicherweise neue Form der Zensur in Deutschland. Ausl\u00f6ser ist das umstrittene <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/netzdg\/BJNR335210017.html\" target=\"_blank\">&#8222;Netzwerkdurchsetzungsgesetz&#8220;<\/a>, das zum Jahreswechsel vollst\u00e4ndig in Kraft trat. Das Gesetz enth\u00e4lt keine neuen Tatbest\u00e4nde, sondern soll eine effektivere Ahndung bereits zuvor strafbarer \u00c4u\u00dferungen wie etwa Beleidigung und Volksverhetzung nun auch im Internet erm\u00f6glichen. Leider f\u00fchrte es dazu, dass die Betreiber einiger sozialer Netzwerke bereits am zweiten Geltungstag des Gesetzes viele v\u00f6llig legale Meinungs\u00e4u\u00dferungen l\u00f6schten. W\u00e4hrend die Gelehrten debattieren, ob es sich dabei um eine staatliche Zensur oder eine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Selbstzensur der betroffenen Plattformen handele, blickt der Historiker und Medienwissenschaftler Benjamin Mortzfeld zur\u00fcck auf die unstreitige historische Zensur.<\/strong><\/p>\n<h3>Fake-News und schl\u00fcpfrige Bilder<\/h3>\n<p>In Deutschland herrschte zu den meisten Zeiten eine strenge \u00dcberwachung der Presse. Bereits im Jahr 1548 verpflichtete der Augsburger Reichstag die Obrigkeit im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation &#8222;nichts drucken zu lassen, was der katholischen Lehre widerw\u00e4rtig sei oder Unruhe Anlass geben k\u00f6nnte. Solche B\u00fccher, Schriften, Gem\u00e4lde, Abg\u00fcsse und Geschnitztes oder Gemachtes sollen weggenommen und so viel m\u00f6glich, unterdr\u00fcckt werden.&#8220;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Zweihundertdrei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter hatte sich daran wenig ge\u00e4ndert.<\/p>\n<div id=\"attachment_1549\" style=\"width: 675px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1549\" class=\"size-full wp-image-1549\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/VLT07689.jpg\" alt=\"Zensuredikt f\u00fcr das K\u00f6nigreich Preu\u00dfen, 19. Dezember 1788 \u00a9 DHM\" width=\"665\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/VLT07689.jpg 665w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/VLT07689-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><p id=\"caption-attachment-1549\" class=\"wp-caption-text\">Zensuredikt f\u00fcr das K\u00f6nigreich Preu\u00dfen, 19. Dezember 1788 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Im &#8222;Erneuerte[n] Zensur-Edict f\u00fcr die Preu\u00dfischen Staaten exclusive Schlesien&#8220; von 1788 begr\u00fcndete K\u00f6nig Friedrich Wilhelm II. die neuen Ma\u00dfnahmen damit, &#8222;was f\u00fcr sch\u00e4dliche Folgen eine g\u00e4nzliche Ungebundenheit der Presse hervorbringe, und wie h\u00e4ufig dieselbe von unbesonnenen oder gar boshaften Schriftstellern, zur Verbreitung praktischer Irrth\u00fcmer \u00fcber die wichtigen Angelegenheiten der Menschen, zum Verderbni\u00df der Sitten durch schl\u00fcpfrige Bilder und lockende Darstellungen des Lasters, zum h\u00e4mischen Spott und boshaften Tadel \u00f6ffentlicher Anstalten und Verf\u00fcgungen&#8220; genutzt werde. Der K\u00f6nig benannte Probleme, die bis heute als Argumente f\u00fcr staatliche Eingriffe dienen: Die Medien seien voll von Falschnachrichten (&#8222;Fake-News&#8220;), Pornografie und Regierungskritik und gef\u00e4hrdeten damit die gesellschaftliche Stabilit\u00e4t. Daher wachten die staatlichen Zensoren in Preu\u00dfen \u00fcber alle Ver\u00f6ffentlichungen und jedes Druckerzeugnis, egal ob Bild oder Text, musste vor der Publikation bei der &#8222;Vorzensur&#8220; eingereicht und genehmigt werden. W\u00e4hrend es f\u00fcr wissenschaftliche Werke Freir\u00e4ume gab, waren kritische \u00c4u\u00dferungen politischer und religi\u00f6ser Art nicht erw\u00fcnscht. Die politische Karikatur und Satire hatte daher in Deutschland \u00fcber weite Zeitr\u00e4ume kaum eine M\u00f6glichkeit, sich zu entwickeln.<\/p>\n<h3>Die kurze Bilderfreiheit<\/h3>\n<p>Erst nach der Thronbesteigung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-friedrich-wilhelm-iv.html\" target=\"_blank\">Friedrich Wilhelms IV.<\/a> im Jahr 1840 deuteten sich neue Handlungsspielr\u00e4ume an. Der Monarch verordnete am 28. Mai 1842 eine Bilder- und Karikaturenfreiheit: Die Vorzensur war abgeschafft und die Zeichner nutzten die Gunst der Stunde. Innerhalb weniger Monate erschienen um die achtzig politische Karikaturen, von denen einige die Zensur selbst thematisierten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1548\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1548\" class=\"wp-image-1548 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/NN002990.jpg\" alt=\"Der Eintritt der Censur in Deutschland, Johann Richard Seel, Julius Springer (Verleger), Berlin 1842 \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"657\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/NN002990.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/NN002990-300x197.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/NN002990-768x505.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1548\" class=\"wp-caption-text\">Der Eintritt der Censur in Deutschland, Johann Richard Seel, Julius Springer (Verleger), Berlin 1842 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend das Spottblatt &#8222;Der Eintritt der Zensur in Deutschland&#8220; von Johann Richard Seel auf die repressiven Zensurma\u00dfnahmen der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/vormaerz-und-revolution\/deutscher-bund\/karlsbader-beschluesse-1819.html\" target=\"_blank\">&#8222;Karlsbader Beschl\u00fcsse&#8220;<\/a> von 1819 zur\u00fcckblickte, feierte das Blatt &#8222;Der letzte Censor&#8220; aus dem Berliner Verlag von Wilhelm Hermes den Sieg der b\u00fcrgerlichen Druckerpresse \u00fcber den Zensor.<\/p>\n<div id=\"attachment_1547\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1547\" class=\"wp-image-1547 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/GR002385.jpg\" alt=\"&quot;Der letzte Censor&quot;, Wilhelm Hermes (Verleger), Berlin 1842 \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"839\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/GR002385.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/GR002385-300x252.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/GR002385-768x644.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1547\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der letzte Censor&#8220;, Wilhelm Hermes (Verleger), Berlin 1842 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Bereits im <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/jahreschronik\/chronik-1843.html\" target=\"_blank\">Februar 1843<\/a> endete die kurze Pressefreiheit jedoch. Der K\u00f6nig verf\u00fcgte neue Zensurbestimmungen und lie\u00df viele der frechen Karikaturen durch nachtr\u00e4gliche Zensur beschlagnahmen. Die abgebildeten Exemplare sind der Vernichtung entgangen und Teil der aktuellen Sonderausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/gier-nach-neuen-bildern.html?nomobile=1\" target=\"_blank\">&#8222;Gier nach neuen Bildern \u2013 Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip&#8220;<\/a> zur Fr\u00fchgeschichte der Bildpresse, die viele weitere Beispiele aus den Bereichen der scharfen politischen Satire und Propaganda, der sensationellen Neuigkeiten und der Bildung und humorvollen Unterhaltung pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<h3>Zensur damals, Zensur heute?<\/h3>\n<p>Mit dieser kurzen Episode der &#8222;Bilderfreiheit&#8220; war ein Anfang gemacht, aber es dauerte noch lange, ehe sich die aufkl\u00e4rerischen Ideen der Presse- und Meinungsfreiheit in den deutschen Staaten endg\u00fcltig durchsetzten. Vorreiter waren zun\u00e4chst England, Frankreich und die neu gegr\u00fcndeten Vereinigten Staaten von Amerika. In Deutschland hat die Pressefreiheit erst mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik vom 24. Mai 1949 Verfassungsrang erhalten. Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass selbst innerhalb des Grundgesetzes die &#8222;Nachzensur&#8220; weiterhin m\u00f6glich ist. Verst\u00f6\u00dft eine Ver\u00f6ffentlichung gegen geltende Gesetze, dann kann das Werk verboten und der Autor oder der Verleger gegebenenfalls juristisch belangt werden. Betroffen sind haupts\u00e4chlich verfassungsfeindliche, ehrverletzende sowie jugendgef\u00e4hrdende Inhalte. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verlagert jedoch die Entscheidung \u00fcber die Strafbarkeit einer \u00c4u\u00dferung im sozialen Netzwerk von einer staatlichen Stelle hin zu einem Mitarbeiter des Betreibers und unterwirft sie dessen wirtschaftlichen Interessen. Das ist aus meiner Sicht h\u00f6chst problematisch und das Gesetz sollte zur\u00fcckgenommen oder zumindest gr\u00fcndlich \u00fcberarbeitet werden.<\/p>\n<p><strong>Verweis<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zit. nach Kunze, Horst: Gef\u00e4hrlicher Bilderdruck. Zur Bilderzensur, besonders im 16. und 17. Jahrhundert. In: Jahrbuch der deutschen B\u00fccherei, Jg. 19, Festgabe f\u00fcr Helmut R\u00f6tzsch zum 60. Geburtstag, Leipzig 1983, S. 78f.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/benjamin-mortzfeld-foto.1024x1024.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Benjamin Mortzfeld<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Benjamin Mortzfeld, geb. 1984, freier Autor, Historiker und Medienwissenschaftler, zuletzt Kurator der Ausstellung &#8222;Gier nach neuen Bildern \u2013 Flugblatt, Bilderbogen, Comictrip&#8220; f\u00fcr das Deutsche Historische Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Zensur in Deutschland<span><\/h2>\n<p>Seit einigen Wochen diskutieren Presse und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber eine m\u00f6glicherweise neue Form der Zensur in Deutschland. Ausl\u00f6ser ist das umstrittene &#8222;Netzwerkdurchsetzungsgesetz&#8220;, das zum Jahreswechsel vollst\u00e4ndig in Kraft trat. Das Gesetz enth\u00e4lt keine neuen Tatbest\u00e4nde, sondern soll eine effektivere Ahndung bereits zuvor strafbarer \u00c4u\u00dferungen wie etwa Beleidigung und Volksverhetzung nun auch im Internet erm\u00f6glichen. Leider f\u00fchrte es dazu, dass die Betreiber einiger sozialer Netzwerke bereits am zweiten Geltungstag des Gesetzes viele v\u00f6llig legale Meinungs\u00e4u\u00dferungen l\u00f6schten. W\u00e4hrend die Gelehrten debattieren, ob es sich dabei um eine staatliche Zensur oder eine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Selbstzensur der betroffenen Plattformen handele, blickt der Historiker und Medienwissenschaftler Benjamin Mortzfeld zur\u00fcck auf die unstreitige historische Zensur.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1543,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[167,807,987,1227,1225,1223],"class_list":["post-1541","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-deutschland","tag-fake-news","tag-presse","tag-pressefreiheit","tag-satire","tag-zensur"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1541"}],"version-history":[{"count":4,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1553,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1541\/revisions\/1553"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1543"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}