
{"id":1602,"date":"2018-02-19T13:47:30","date_gmt":"2018-02-19T12:47:30","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1602"},"modified":"2018-02-19T15:15:18","modified_gmt":"2018-02-19T14:15:18","slug":"mit-flugblaettern-gegen-die-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/02\/19\/mit-flugblaettern-gegen-die-diktatur\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Mit Flugbl\u00e4ttern gegen die Diktatur"},"content":{"rendered":"<h1>Mit Flugbl\u00e4ttern gegen die Diktatur \u2013 Die &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220; und der 18. Februar 1943<\/h1>\n<p><strong>Er habe nur seine Pflicht getan, sagte der ehemalige Hausmeister der M\u00fcnchner Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t, Jakob Schmid, als er vor dem N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal zu seinem Handeln am 18. Februar 1943 befragt wurde. Auf seiner Runde durch das Haus sah er an jenem Donnerstagvormittag die zwei Studierenden Sophie Scholl und ihren Bruder Hans, die Flugbl\u00e4tter in den Lichthof des Uni-Geb\u00e4udes regnen lie\u00dfen. Es war das letzte Flugblatt der Widerstandsgruppe &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220;. <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/sammlungen00\/dokumente\/kontakt.html?nomobile=1\" target=\"_blank\">Sammlungsleiter Thomas Jander<\/a> schildert, wie die Geschwister Scholl und ihre Unterst\u00fctzer vor 75 Jahren mit Hilfe von Flugbl\u00e4ttern gegen die Diktatur aufbegehrten.<\/strong><\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/widerstand-im-zweiten-weltkrieg\/die-weisse-rose.html\" target=\"_blank\">&#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220;<\/a> hatte viele Mitwisser und Unterst\u00fctzer. Ihren inneren Zirkel bildeten anfangs und vor allem die Medizinstudenten <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-hans-scholl.html\" target=\"_blank\">Hans Scholl<\/a> und Alexander Schmorell, die sich einig waren in ihrer Ablehnung des nationalsozialistischen Staates und seiner Politik. In k\u00fcrzester Zeit \u2013 vom 27. Juni bis 12. Juli 1942 \u2013 verfassten sie vier von insgesamt sechs Flugbl\u00e4ttern. Hans Scholl trug dabei den L\u00f6wenanteil: Das erste und das vierte schrieb er allein und das zweite und dritte je zur H\u00e4lfte. Er hatte einen Vervielf\u00e4ltigungsapparat gekauft, mit dem sie die von Schmorell zu Matrizen abgetippten Flugbl\u00e4tter jeweils in etwa 100 Exemplaren abzogen. Per Post gingen diese an Empf\u00e4nger, die, aus dem M\u00fcnchner Telefonbuch ausgew\u00e4hlt, zur b\u00fcrgerlichen, intellektuellen Oberschicht geh\u00f6rten. Die mit durchaus elit\u00e4rem Anspruch formulierten Texte richteten sich auch inhaltlich an Gebildete, die Zitate von Schiller, Goethe und Aristoteles einzuordnen wussten und sich auch vom sprachlichen Duktus nicht abschrecken lie\u00dfen. Dar\u00fcber hinaus bekamen auch Wirtsh\u00e4user Post von der &#8222;Wei\u00dfen Rose&#8220;, denn in den Kneipiers hofften die Studenten Multiplikatoren zu finden. Im Kern riefen Scholl und Schmorell zu passivem Widerstand und zur Sabotage auf, wollten gegen die &#8222;Diktatur des B\u00f6sen&#8220; geistig aufr\u00fctteln. Mit der Abkommandierung der Studentenkompanie am 23. Juli 1942 nach Russland, der Scholl, Schmorell und andere des Kreises, wie Willi Graf angeh\u00f6rten, fanden die Widerstandsaktivit\u00e4ten, vorl\u00e4ufig, ein abruptes Ende.<\/p>\n<h3>Radikalisierung des Widerstands<\/h3>\n<p>Die Kompanie war zur medizinischen Versorgung eingesetzt und gleichzeitig diente der Einsatz als Feldfamulatur. Auf ihrem Marsch kamen sie durch Warschau und wurden Augenzeugen der verbrecherischen Willk\u00fcr gegen\u00fcber den Juden des Ghettos. Sie erlebten die Grausamkeit des Krieges, kamen aber auch russischen Einwohnern nahe. Diese pr\u00e4genden Erfahrungen f\u00fchrten zu einer Radikalisierung der Widerstandshaltung.<\/p>\n<p>Als die Studentenkompanie am 6. November 1942 zur\u00fcck nach M\u00fcnchen kam, erweiterte sich der engere Kreis um Christoph Probst, ein guter Freund Schmorells, Kurt Huber, Professor f\u00fcr Philosophie an der M\u00fcnchner Universit\u00e4t und schlie\u00dflich auch um <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-sophie-scholl.html\" target=\"_blank\">Sophie Scholl<\/a>, die zwar eingeweiht, aber noch nicht aktiv beteiligt war. Gemeinsam mit Huber wurde Ende Januar 1943 das f\u00fcnfte Flugblatt der Gruppe verfasst. Anders als zuvor, rief die &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220; nun nicht mehr nur M\u00fcnchner Intellektuelle zu passivem Widerstand auf, sondern wandte sich in klarer Sprache &#8222;An alle Deutschen!&#8220;, mit dem Nationalsozialismus zu brechen und das Regime zu st\u00fcrzen. Diesmal wurden vermutlich mehr als 5.000 Abz\u00fcge hergestellt. Auch die Verteilung bekam andere Dimensionen: Zus\u00e4tzlich zur nunmehr \u00fcberregional praktizierten Versendung als Brief, wurden n\u00e4chtliche Per-Hand-Verteilungen in M\u00fcnchen vorgenommen.<\/p>\n<p>Diese Methode war zwar weitreichender und wirksamer, aber auch viel gef\u00e4hrlicher. Noch gef\u00e4hrlicher indes waren die folgenden Aktionen, bei denen Scholl, Schmorell und Graf fast zehn N\u00e4chte lang &#8222;Freiheit&#8220; und &#8222;Nieder mit Hitler!&#8220; an zahlreiche M\u00fcnchner Hausw\u00e4nde schrieben.<\/p>\n<h3>Das letzte Flugblatt<\/h3>\n<p>Bereits am 12. Februar 1943 entstand das sechste, das letzte Flugblatt. Diesmal waren die Adressaten die Studierenden der deutschen Universit\u00e4ten selbst: &#8222;Kommilitoninnen! Kommilitonen!&#8220; lautet die \u00dcberschrift, unter der vor dem Hintergrund der Niederlage von Stalingrad und der drohenden Vernichtung weiterer abertausender Menschenleben zu offenem Aufstand in den H\u00f6rs\u00e4len der deutschen Hochschulen aufgerufen wurde. Eine H\u00e4lfte der 2.000 bis 3.000 Flugbl\u00e4tter wurde erneut mit der Post verschickt. Die andere trugen die Geschwister Scholl an jenem verh\u00e4ngnisvollen Donnerstag in das Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude. Kurt Huber hielt gerade eine Vorlesung, die Flure waren leergefegt, und so legten sie die Bl\u00e4tter aus und steckten sie in die Taschen der aush\u00e4ngenden M\u00e4ntel. Aber als w\u00e4re das nicht schon riskant genug gewesen, warfen sie das kompromittierende Papier in Massen von der Galerie in den Lichthof und wurden schlie\u00dflich von jenem Hausdiener Schmid gesehen, gestellt und festgehalten. Dieser alarmierte die Gestapo und kurz darauf erschienen die Beamten, verhafteten die Scholls und brachten sie auf die M\u00fcnchner Leitstelle, wo sie nach zahlreichen Verh\u00f6ren bald gestanden und alle Verantwortung jeweils auf sich nahmen. Bald darauf flog der Kreis der Gruppe und ihrer Unterst\u00fctzer auf.<\/p>\n<p>Nach nur wenigen Tagen, am 22. Februar 1943, waren die Ermittlungen abgeschlossen. Vor dem <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/innenpolitik\/volksgerichtshof\" target=\"_blank\">Volksgerichtshof<\/a> wurde Anklage wegen Hochverrats erhoben, Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst zum Tode verurteilt und das Urteil noch am selben Tag, um f\u00fcnf Uhr abends im Gef\u00e4ngnis Stadelheim vollstreckt. Alexander Schmorell, nach erfolglosem Fluchtversuch festgenommen, wurde, ebenso wie Kurt Huber, am 13. Juli 1943 hingerichtet. Am 12. Oktober 1943 folgte die Ermordung Willi Grafs.<\/p>\n<h3>Historische Bedeutung<\/h3>\n<p>Es ist bis heute Anlass von Spekulationen, wie und warum es zu der hoch riskanten Aktion wie zur v\u00f6llig widerstandslosen Festnahme der beiden jungen und k\u00f6rperlich kr\u00e4ftigen Menschen durch einen \u00e4lteren Mann kommen konnte. Ob es am Ende bewusste Selbstopferung, Ermattung durch wochenlanges Arbeiten bei Tag und Nacht und Schlafmangel durch m\u00f6glichen Konsum von Aufputschmitteln oder eine Schicksalsergebenheit durch die \u00dcberw\u00e4ltigung des Augenblicks war, bleibt am Ende ungekl\u00e4rt, spielt aber auch nur eine Nebenrolle. Die historische Bedeutung, die der Widerstand der Gruppe &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220; gegen das verbrecherische NS-Regime heute zukommt, ist unumstritten: Sie zeigten Mut, wo die meisten anderen Deutschen keinen hatten und sprachen aus, wor\u00fcber der gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung schwieg.<\/p>\n<div style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full\" src=\"https:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/lemo\/images\/679_1.jpg\" alt=\"Britisches Abwurfflugblatt, das Ausz\u00fcge aus dem sechsten Flugblatt der \" width=\"1024\" height=\"1638\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Britisches Abwurfflugblatt, das Ausz\u00fcge aus dem sechsten Flugblatt der &#8222;Wei\u00dfen Rose&#8220; enth\u00e4lt, Gro\u00dfbritannien, 1943 \u00a9 Deutsches Historisches Museum, Berlin<\/p><\/div>\n<p>Eine letzte Flugblattaktion, die vom Wirken der Geschwister Scholl und ihres Kreises Kenntnis gab, erreichte eine enorme Auflage. Im Juli 1943 warfen Bomber der Royal Air Force unter anderem \u00fcber K\u00f6ln, Frankfurt, Hamburg und dem Ruhrgebiet insgesamt mehr als 5 Millionen Bl\u00e4tter ab, die den Titel trugen: &#8222;Ein deutsches Flugblatt [\u2026] Das Manifest der M\u00fcnchner Studenten&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Mit Flugbl\u00e4ttern gegen die Diktatur \u2013 Die &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220; und der 18. Februar 1943<span><\/h2>\n<p>Er habe nur seine Pflicht getan, sagte der ehemalige Hausmeister der M\u00fcnchner Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t, Jakob Schmid, als er vor dem N\u00fcrnberger Milit\u00e4rtribunal zu seinem Handeln am 18. Februar 1943 befragt wurde. Auf seiner Runde durch das Haus sah er an jenem Donnerstagvormittag die zwei Studierenden Sophie Scholl und ihren Bruder Hans, die Flugbl\u00e4tter in den Lichthof des Uni-Geb\u00e4udes regnen lie\u00dfen. Es war das letzte Flugblatt der Widerstandsgruppe &#8222;Wei\u00dfe Rose&#8220;. Sammlungsleiter Thomas Jander schildert, wie die Geschwister Scholl und ihre Unterst\u00fctzer vor 75 Jahren mit Hilfe von Flugbl\u00e4ttern gegen die Diktatur aufbegehrten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1609,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1210,1258,1260,1262],"class_list":["post-1602","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-flugblatt","tag-geschwister-scholl","tag-weisse-rose","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1602","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1602"}],"version-history":[{"count":4,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1602\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1614,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1602\/revisions\/1614"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1609"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}