
{"id":1669,"date":"2018-03-08T10:38:42","date_gmt":"2018-03-08T09:38:42","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1669"},"modified":"2018-03-08T10:38:42","modified_gmt":"2018-03-08T09:38:42","slug":"kolumne-heraus-zum-8-maerz","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/03\/08\/kolumne-heraus-zum-8-maerz\/","title":{"rendered":"Kolumne: Heraus zum 8. M\u00e4rz!"},"content":{"rendered":"<h1>Heraus zum 8. M\u00e4rz!<\/h1>\n<p><strong>Erstmals fand der Frauentag in Deutschland 1911 statt, seit 1921 wird er am 8. M\u00e4rz begangen und 1977 erkl\u00e4rten auch die Vereinten Nationen den 8. M\u00e4rz zum Tag f\u00fcr die Rechte der Frau. Veza Clute-Simon vom <a href=\"https:\/\/digitales-deutsches-frauenarchiv.de\" target=\"_blank\">Digitalen Deutschen Frauenarchiv<\/a> formuliert die diesj\u00e4hrigen Forderungen der Frauenverb\u00e4nde und -gruppen zum Paragraphen 219a und wirft daf\u00fcr einen Blick in die Geschichte der Abtreibungsregelungen.<\/strong><\/p>\n<p>In den kommenden Monaten wird in Deutschland 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert. Frauen machen Geschichte, ist die Botschaft des Jubil\u00e4ums und auch das Motto feministischer Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen, die im <a href=\"http:\/\/www.ida-dachverband.de\/ddf\/\" target=\"_blank\">i.d.a.-Dachverband<\/a> organisiert sind. Gegr\u00fcndet im Zuge der Neuen Frauenbewegung erg\u00e4nzen sie Geschichte nicht einfach um Frauen, sondern bringen eine neue Geschichtsschreibung in emanzipatorischer Absicht hervor:<\/p>\n<p style=\"text-align: left; padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>&#8222;Es sind (\u2026) die jeweiligen Konfliktkonstellationen der Gegenwart, die uns veranlassen, in die Vergangenheit zu blicken. Wir wollen die Vorgeschichte (\u2026) kennenlernen, um zu M\u00f6glichkeiten einer \u00dcberwindung zu gelangen&#8220;,<\/em> <\/strong><\/span><\/p>\n<p>skizzierte die Philosophin Herta Nagl-Docekal den Ansatz.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Eine solche Konfliktkonstellation wurde am 22. Februar 2018 im Deutschen Bundestag verhandelt.<\/p>\n<h3>#wegmit219a<\/h3>\n<p>Im Parlament steht aktuell die k\u00f6rperliche Selbstbestimmung von Frauen zur Debatte. Es geht um eine Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs, von dem viele meinen, er sei in Deutschland legal. Doch tats\u00e4chlich steht er im Strafgesetzbuch, bleibt aber unter besonderen Voraussetzungen straffrei. Die Formel &#8222;illegal aber straffrei&#8220; hat schwerwiegende Folgen f\u00fcr Frauen, die Hilfe suchen und ihr Recht in Anspruch nehmen wollen. Ein Abbruch nach aktuellstem medizinischem Standard geh\u00f6rt nicht zur Grundausbildung von Gyn\u00e4kolog*innen. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5393898\" target=\"_blank\">Krankenh\u00e4user gerieten mehrfach in die Schlagzeilen<\/a>, weil sie Frauen aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden die medizinische Versorgung verwehrten. Medizinische Hilfe ist so oft nur schwer zu finden. Aber selbst sachliche Informationen im Internet gibt es kaum: Im November 2017 wurde eine \u00c4rztin verurteilt, weil sie online \u00fcber Schwangerschaftsabbr\u00fcche informierte. Doch seit diesem Urteil formiert sich Protest, er fordert #wegmit219a und erreichte nun den Bundestag.<\/p>\n<h3>Historischer R\u00fcckblick<\/h3>\n<p>Der Blick zur\u00fcck zeigt, wie lange dieser Kampf um k\u00f6rperliche Selbstbestimmung schon andauert. Ein Plakat zum Frauentag 1924 titelt: &#8222;\u00a7218 mordet j\u00e4hrlich 40.000 Frauen. Hinweg mit dem Schandparagraphen!&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_1671\" style=\"width: 1328px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1671\" class=\"size-full wp-image-1671\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/XP994183.jpg\" alt=\"Plakat zum Internationalen Frauentag, gegen den Abtreibungsparagraphen 218, 1924\/1933 \u00a9 DHM\" width=\"1318\" height=\"496\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/XP994183.jpg 1318w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/XP994183-300x113.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/XP994183-768x289.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/XP994183-1024x385.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1318px) 100vw, 1318px\" \/><p id=\"caption-attachment-1671\" class=\"wp-caption-text\">Plakat zum Internationalen Frauentag, gegen den Abtreibungsparagraphen 218, 1924\/1933 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Aus dem gleichen Jahr stammt auch das Plakat mit einer Grafik von K\u00e4the Kollwitz: &#8222;Nieder mit den Abtreibungsparagraphen!&#8220; Die KPD forderte auch im Reichstag mehrfach die Aufhebung der Paragraphen 218 bis 222.<\/p>\n<div id=\"attachment_1672\" style=\"width: 707px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1672\" class=\"size-full wp-image-1672\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/PLI01404_klein.jpg\" alt=\"Plakat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) f\u00fcr die Streichung des \u00a7 218 Strafgesetzbuch, K\u00e4the Kollwitz, 1924 \u00a9 DHM\" width=\"697\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/PLI01404_klein.jpg 697w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/PLI01404_klein-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 697px) 100vw, 697px\" \/><p id=\"caption-attachment-1672\" class=\"wp-caption-text\">Plakat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) f\u00fcr die Streichung des \u00a7 218 Strafgesetzbuch, K\u00e4the Kollwitz, 1924 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Es ist nicht schwer, in der Zeichnung das k\u00f6rperliche Leiden, die existenzielle Not, die eine (weitere) ungewollte Schwangerschaft f\u00fcr Frauen bedeuten konnte, zu erkennen. Denn nicht nur professionelle Schwangerschaftsabbr\u00fcche, auch zuverl\u00e4ssige Verh\u00fctungsmittel gibt es in den 1920ern nicht. Eine gro\u00dfe Kinderzahl f\u00fchrt in vielen Familien zu existenzieller Armut. Also treiben Frauen trotz des gesetzlichen Verbots ab und sind der doppelten Gefahr von unsicheren Abtreibungsmethoden einerseits und einer m\u00f6glichen Strafverfolgung andererseits ausgesetzt.<\/p>\n<p>Die beiden Plakate von 1924 formulieren schon damals zwei der zentralen Argumente, die auch im Protest 2018 zu h\u00f6ren sind: Schwangerschaftsabbr\u00fcche zu verbieten, f\u00fchrt nicht zu einer Reduzierung von Abbr\u00fcchen, sondern erh\u00f6ht nur deren Unsicherheit. Informationen zu verbieten, f\u00fchrt nicht zur Reduzierung von Abbr\u00fcchen, sondern verschlimmert die Notlage von Frauen.<\/p>\n<h3>Nationalsozialistischer Geist<\/h3>\n<p>Nach einer Reform 1926, der zufolge abtreibenden Frauen und denjenigen, die ihnen helfen, &#8222;nur&#8220; noch bis zu zwei Jahren Haft drohen und nicht mehr Zuchthaus, wird das Abtreibungsverbot 1933 von den Nationalsozialisten versch\u00e4rft und \u00a7219a eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bis heute verbietet \u00a7219a die &#8222;Werbung&#8220; f\u00fcr Schwangerschaftsabbr\u00fcche. Dabei untersagt ihre Berufsordnung deutschen \u00c4rzt*innen anpreisende Werbung ohnehin, erlaubt aber sehr wohl die sachliche, berufsbezogene Information. Nur beim Schwangerschaftsabbruch sind genau solche Informationen kaum zu bekommen, solange der \u00a7219a im Strafgesetzbuch dazu genutzt wird, \u00c4rzt*innen vor Gericht zu bringen, wo sachliche Information mit der Brille des Strafgesetzbuches als Werbung (miss)interpretiert wird.<\/p>\n<p>Dass es um die Selbstbestimmung von Frauen in Deutschland schon einmal besser bestellt war, zeigt die <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">DHM-Dauerausstellung<\/a> mit einem Gesetzblatt der DDR:<\/p>\n<div id=\"attachment_1673\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1673\" class=\"size-full wp-image-1673\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/D2Z07229.jpg\" alt=\"\" width=\"704\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/D2Z07229.jpg 704w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/D2Z07229-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 704px) 100vw, 704px\" \/><p id=\"caption-attachment-1673\" class=\"wp-caption-text\">Gesetzblatt der DDR mit dem Gesetz \u00fcber die Unterbrechung der Schwangerschaft vom 9. M\u00e4rz 1972 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Am 9. M\u00e4rz 1972 beschloss die DDR-Volkskammer das Gesetz \u00fcber die Unterbrechung der Schwangerschaft. Erstmals d\u00fcrfen Frauen in den ersten zw\u00f6lf Wochen nun selbst \u00fcber einen Abbruch entscheiden. Kein Wunder, dass ostdeutsche Frauen gegen die drohende Unterordnung unter bundesdeutsches Recht z.B. im April 1990 demonstrierten. Der Kompromiss, der bis heute gilt, brachte f\u00fcr ostdeutsche Frauen letztlich eine Verschlechterung. Der Paragraf von 1933 gilt noch immer.<\/p>\n<h3>Quelle<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> In: &#8222;Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, feministische Philosophie. Ein Gespr\u00e4ch zwischen Herta Nagl-Docekal, Edith Saurer, Ulrike D\u00f6cker und Gabriella Hauch&#8220;. In: \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaften, 6 (1995), 2, S. 276.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Veza_Clute-Simon_Foto-Stefan-R\u00f6hl.jpg\" width=\"140\" \/><\/p>\n<p><sup>Urheber: Stephan R\u00f6hl. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Veza Clute-Simon<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Veza Clute-Simon studiert Soziokulturelle Studien und ist in der queerfeministischen Aktionsgruppe she*claim aktiv. Im Rahmen ihres Humanity in Action Fellowships schreibt sie aktuell f\u00fcr den Blog des <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/digitales-deutsches-frauenarchiv.de\/blog\" target=\"_blank\">Digitalen Deutschen Frauenarchivs<\/a>. In ihren Beitr\u00e4gen erz\u00e4hlt sie von Fundst\u00fccken aus den Best\u00e4nden feministischer Archive, wie z.B. eine Kiste mit Material zum <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/digitales-deutsches-frauenarchiv.de\/blog\/wir-lesben-sind-ueberall\" target=\"_blank\">Lesbischen Aktionszentrum West-Berlin<\/a>, das im Lesbenarchiv Spinnboden lagert, oder \u00fcber <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/digitales-deutsches-frauenarchiv.de\/blog\/kommunistin-lesbe-widerstandskaempferin-aktivistin\" target=\"_blank\">Briefe von Hilde Radusch<\/a>, deren Nachlass sich im Besitz des FFBIZ \u2013 feministisches Archiv e.V. befindet.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Heraus zum 8. M\u00e4rz!<span><\/h2>\n<p>Erstmals fand der Frauentag in Deutschland 1911 statt, seit 1921 wird er am 8. M\u00e4rz begangen und 1977 erkl\u00e4rten auch die Vereinten Nationen den 8. M\u00e4rz zum Tag f\u00fcr die Rechte der Frau. Veza Clute-Simon vom Digitalen Deutschen Frauenarchiv formuliert die diesj\u00e4hrigen Forderungen der Frauenverb\u00e4nde und -gruppen zum Paragraphen 219a und wirft daf\u00fcr einen Blick in die Geschichte der Abtreibungsregelungen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1677,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[701],"tags":[1310,1036,1304,1308,1306],"class_list":["post-1669","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne","tag-abtreibung","tag-frauen","tag-frauenmachengeschichte","tag-frauenrechte","tag-frauentag"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1669"}],"version-history":[{"count":3,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1676,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions\/1676"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1677"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}