
{"id":1688,"date":"2018-03-12T12:25:09","date_gmt":"2018-03-12T11:25:09","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1688"},"modified":"2018-03-12T15:36:15","modified_gmt":"2018-03-12T14:36:15","slug":"der-anschluss-oesterreichs-an-deutschland-1938","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/03\/12\/der-anschluss-oesterreichs-an-deutschland-1938\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Der Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland 1938"},"content":{"rendered":"<h1>Der Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland 1938<\/h1>\n<p><strong>Bereits vor den Novemberpogromen 1938 spitzte sich die Situation der deutschsprachigen J\u00fcdinnen und Juden zu. So steigt mit dem Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 die Gewalt und \u00f6ffentliche Diskriminierung gegen\u00fcber Juden in \u00d6sterreich stark an. Die Historikerin Miriam Bistrovic vom Berliner B\u00fcro des Leo Baeck Instituts New York zeichnet die Ereignisse dieser Tage in ihrem Blog-Artikel nach. In dem von ihr mitbetreuten virtuellen Kalender <a href=\"https:\/\/www.lbi.org\/1938projekt\/de\" target=\"_blank\">1938Projekt \u2013 Posts from the Past<\/a> k\u00f6nnen Sie nachlesen, welche Erfahrungen J\u00fcdinnen und Juden in diesen Tagen machen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Der Herr Bundespr\u00e4sident beauftragt mich, dem \u00f6sterreichischen Volke mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen!&#8220; verk\u00fcndete <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/kurt-schuschnigg\" target=\"_blank\">Kurt Schuschnigg<\/a> am Abend des 11. M\u00e4rz 1938 in seiner Radioansprache. Aussagen, dass Unruhen stattgefunden h\u00e4tten oder die Regierung nicht Herr der Lage sei, wies er hingegen entschieden zur\u00fcck. Wenige Stunden zuvor war er als \u00f6sterreichischer Bundeskanzler zur\u00fcckgetreten und bat nun das Milit\u00e4r und die Bev\u00f6lkerung im Falle eines deutschen Einmarsches keinerlei Widerstand zu leisten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1694\" style=\"width: 5090px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1694\" class=\"size-full wp-image-1694\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panorama-Wien.jpg\" alt=\"Panorama Wien, Leo Baeck Institute \u2013 New York | Berlin, Vienna Jewish Community Collection AR 2432, F 24082.\" width=\"5080\" height=\"3727\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panorama-Wien.jpg 5080w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panorama-Wien-300x220.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panorama-Wien-768x563.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panorama-Wien-1024x751.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 5080px) 100vw, 5080px\" \/><p id=\"caption-attachment-1694\" class=\"wp-caption-text\">Panorama Wien, Leo Baeck Institute \u2013 New York | Berlin, Vienna Jewish Community Collection AR 2432, F 24082.<\/p><\/div>\n<p>In den zur\u00fcckliegenden Monaten war \u00d6sterreich zunehmend unter Druck geraten. Im Berchtesgadener Abkommen vom 12. Februar 1938 hatte Adolf Hitler die Einsetzung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/arthur-inquart-seyss\" target=\"_blank\">Arthur Sey\u00df-Inquarts<\/a> als Innen- und Sicherheitsminister durchgesetzt und eine Einbindung der \u00f6sterreichischen Nationalsozialisten in die Regierung gefordert. Trotzdem hatte Kurt Schuschnigg am 24. Februar 1938 im Wiener Parlament unter frenetischem Jubel der Zuh\u00f6renden die \u00f6ster\u00adreichi\u00adsche Un\u00adab\u00adh\u00e4ngig\u00adkeit verteidigt und dabei die martialische Losung ausgegeben: &#8222;Darum Kameraden: bis in den Tod: Rot-Wei\u00df-Rot&#8220;. Die angespannte au\u00dfenpolitische Situation zwischen Deutschland und \u00d6sterreich eskalierte, als Kurt Schuschnigg am 9. M\u00e4rz 1938 bekannt gab, am darauffolgenden Sonntag eine Volksabstimmung \u00fcber die zuk\u00fcnftige Unabh\u00e4ngigkeit des Landes abhalten zu wollen. Durch die dabei begangenen Verfahrensfehler bot er seinen Gegnern die Gelegenheit, in Aktion zu treten. Deutschland stellte \u00d6sterreich ein befristetes Ultimatum, die Regierung nach den Vorschl\u00e4gen der deutschen Reichsregierung zu bestellen und drohte bei Zuwiderhandlung mit Entsendung von Truppen. Wie die im \u00f6sterreichischen Rundfunk (RAVAG) ausgestrahlte Rede verdeutlichte, bezweifelten weder Kurt Schuschnigg noch Bundespr\u00e4sident Wilhelm Miklas die Entschlossenheit Adolf Hitlers, diese Drohung in die Tat umzusetzen. Schuschnigg beendete seine eindringliche Rede am 11. M\u00e4rz 1938 daher mit dem innigen Wunsch: &#8222;Gott sch\u00fctze \u00d6sterreich&#8220;. W\u00e4hrend der ehemalige Bundeskanzler noch seine Landsleute beschwor, &#8222;die Entscheidungen der n\u00e4chsten Stunden abzuwarten&#8220;,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> \u00fcbernahmen \u00f6sterreichische Nationalsozialisten bereits die Kontrolle \u00fcber den \u00f6ffentlichen Raum. Im vorauseilenden Gehorsam hissten sie Hakenkreuzflaggen an \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden und griffen Juden auf offener Stra\u00dfe an. &#8222;Nun haben wir einen neuen Trauertag in den Annalen unserer Geschichte&#8220;, notierte der 1913 in Wien geborene j\u00fcdische Jura-Student Paul Steiner am gleichen Abend in seinem Tagebuch.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_1692\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1692\" class=\"size-full wp-image-1692\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tagebuch-Paul-Steiner.jpg\" alt=\"Tagebuch Paul Steiner, Leo Baeck Institute \u2013 New York | Berlin, Paul Steiner Collection AR 25208, Diary No. 7, February 2, 1938 \u2013 April 18, 1939.\" width=\"1000\" height=\"609\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tagebuch-Paul-Steiner.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tagebuch-Paul-Steiner-300x183.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tagebuch-Paul-Steiner-768x468.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1692\" class=\"wp-caption-text\">Tagebuch Paul Steiner, Leo Baeck Institute \u2013 New York | Berlin, Paul Steiner Collection AR 25208, Diary No. 7, February 2, 1938 \u2013 April 18, 1939.<\/p><\/div>\n<h3>Deutsche Truppen \u00fcberqueren die \u00f6sterreichische Grenze<\/h3>\n<p>Der Marschbefehl an das deutsche Milit\u00e4r war zu dem Zeitpunkt bereits erfolgt. Noch in der Nacht zum 12. M\u00e4rz 1938 \u00fcberquerten deutsche Truppen die Grenzen \u00d6sterreichs. Der R\u00fccktrittsrede Kurt Schuschniggs entsprechend leistete das \u00f6sterreichische Heer keine Gegenwehr. Doch auch gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung begegneten der Wehrmacht ohne Widerstand. Stattdessen wurden die eintreffenden Soldaten laut Augenzeugenberichten freudig begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<h3>Gewalteskalation und \u00f6ffentliche Diskriminierung<\/h3>\n<p>Am 13. M\u00e4rz 1938 wurde nach Eintreffen Adolf Hitlers in Linz das &#8222;Gesetz \u00fcber die Wiedervereinigung \u00d6sterreichs mit dem Deutschen Reich&#8220; (RGBl. I 1938, S. 237) vorgelegt. Wilhelm Miklas verweigerte dessen Beurkundung und trat zur\u00fcck, wodurch die Verf\u00fcgungsgewalt an den inzwischen zum Bundeskanzler ernannten Arthur Sey\u00df-Inquart \u00fcberging. Durch seine Unterschrift wurde das Gesetz rechtskr\u00e4ftig verabschiedet. Der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/aussenpolitik\/anschluss-oesterreich-1938.html\" target=\"_blank\">&#8222;Anschluss&#8220; \u00d6sterreichs<\/a> war offiziell vollzogen.<\/p>\n<p>Bereits unmittelbar danach erfolgten \u00dcbergriffe auf J\u00fcdinnen und Juden. Es kam zu Pl\u00fcnderungen und &#8222;wilden Arisierungen&#8220;, in denen j\u00fcdische Eigent\u00fcmer ihrer Gesch\u00e4fte und ihres privaten Besitzes beraubt wurden. Betriebe und Kaufh\u00e4user warben ab Mitte M\u00e4rz in Zeitungsannoncen damit, nun &#8222;arisch&#8220; zu sein \u2013 langj\u00e4hrige j\u00fcdische Mitarbeiter wurden kurzerhand entlassen. Mit dem &#8222;Gesetz f\u00fcr Vereidigung der Angeh\u00f6rigen des \u00f6ffentlichen Dienstes&#8220; vom 15. M\u00e4rz 1938 wurden im Zuge des &#8222;Anschlusses&#8220; s\u00e4mtliche Personen, die auf Grund der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/nuernberger-gesetze-1935.html\" target=\"_blank\">N\u00fcrnberger Gesetze<\/a> als Juden galten, vom Staatsdienst ausgeschlossen und verloren somit ihre vermeintlich sichere finanzielle Lebensgrundlage. K\u00f6rperliche Gewalt und \u00f6ffentliche Dem\u00fctigung wurden zu einer &#8222;Alltagserfahrung&#8220; j\u00fcdischer \u00d6sterreicherinnen und \u00d6sterreicher. Die Zahl der Suizide stieg sprunghaft an. Vor allem die ber\u00fcchtigten &#8222;Reibpartien&#8220;, bei denen sie gezwungen wurden, mit B\u00fcrsten oder blo\u00dfen H\u00e4nden und aggressiver Lauge die Stra\u00dfen zu putzen, brannten sich den \u00dcberlebenden ins Ged\u00e4chtnis. Diese Aktionen fanden vor den Augen h\u00e4mischer Zuschauer und h\u00e4ufig im unmittelbaren Umfeld des Wohnorts oder Gesch\u00e4ftes der Betroffenen statt. Mitunter waren die Initiatoren ebenfalls Anwohner und kannten somit die Gedem\u00fctigten, die sie teilweise auf der Stra\u00dfe abfingen und spontan zu den &#8222;Reibpartien&#8220; zwangen.<\/p>\n<div style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full\" src=\"http:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/lemo\/images\/20011299.jpg\" alt=\"Wahlwerbung der NSDAP zum \" width=\"1024\" height=\"1503\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Wahlwerbung der NSDAP zum &#8222;Anschluss&#8220; \u00d6sterreichs, Berlin 1938 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Am 10. April 1938 wurde in der letzten Reichstagswahl zu einer Abstimmung \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit \u00d6sterreichs aufgerufen. Das Votum war eindeutig: mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit bef\u00fcrworteten 99% der deutschen und 99,7% der \u00f6sterreichischen Abstimmenden nachtr\u00e4glich den &#8222;Anschluss&#8220;.<\/p>\n<h3>Verweise<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Letzte Rundfunkansprache als \u00d6sterreichischer Bundeskanzler von Kurt Schuschnigg am 11. M\u00e4rz 1938; <a href=\"http:\/\/www.mediathek.at\/atom\/015C6FC2-2C9-0036F-00000D00-015B7F64\">http:\/\/www.mediathek.at\/atom\/015C6FC2-2C9-0036F-00000D00-015B7F64<\/a> (zuletzt abgerufen am 12.2.2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Tagebuch Paul Steiner, Paul Steiner Collection AR 25208, Box 1, Folder 7, <a href=\"http:\/\/www.lbi.org\/digibaeck\/results\/?qtype=pid&amp;term=476154\">http:\/\/www.lbi.org\/digibaeck\/results\/?qtype=pid&amp;term=476154<\/a> (zuletzt abgerufen am 12.2.2018).<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Miriam Bistrovic<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Dr. Miriam Bistrovic ist Historikerin und Kunstwissenschaftlerin. Seit Ende 2013 leitet sie die Berliner Repr\u00e4sentanz des Leo-Baeck-Institute New York|Berlin und koordiniert dessen Aktivit\u00e4ten in Deutschland. J\u00fcngstes Projekt ist der Online-Kalender und die zugeh\u00f6rige Wanderausstellung <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/www.lbi.org\/1938projekt\/\" target=\"_blank\">&#8222;1938Projekt \u2013 Posts from the Past&#8220;<\/a>.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland 1938<span><\/h2>\n<p>Bereits vor den Novemberpogromen 1938 spitzte sich die Situation der deutschsprachigen J\u00fcdinnen und Juden zu. So steigt mit dem Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 die Gewalt und \u00f6ffentliche Diskriminierung gegen\u00fcber Juden in \u00d6sterreich stark an. Die Historikerin Miriam Bistrovic vom Berliner B\u00fcro des Leo Baeck Instituts New York zeichnet die Ereignisse dieser Tage in ihrem Blog-Artikel nach. In dem von ihr mitbetreuten virtuellen Kalender &#8222;1938Projekt \u2013 Posts from the Past&#8220; k\u00f6nnen Sie nachlesen, welche Erfahrungen J\u00fcdinnen und Juden in diesen Tagen machen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1698,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[816,1323,818,490],"class_list":["post-1688","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-antisemitismus","tag-hitler","tag-juedische-geschichte","tag-oesterreich"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1688","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1688"}],"version-history":[{"count":7,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1688\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1706,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1688\/revisions\/1706"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1698"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}