
{"id":1740,"date":"2018-03-28T14:54:59","date_gmt":"2018-03-28T12:54:59","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1740"},"modified":"2019-04-16T13:58:36","modified_gmt":"2019-04-16T11:58:36","slug":"der-wodka-im-exil","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/03\/28\/der-wodka-im-exil\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Der Wodka im Exil"},"content":{"rendered":"<h1>Der Wodka im Exil<\/h1>\n<p><strong>In der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/1917-revolution.html\" target=\"_blank\">&#8222;1917. Revolution. Russland und Europa&#8220;<\/a> findet sich im Bereich Auswanderung und Exil auch eine Flasche der Marke Wodka Gorbatschow. Im Zuge der Februarrevolution 1917 flohen viele Russen in den Westen, darunter auch die Familie Gorbatschow. Julia Franke, Kuratorin der Ausstellung, beschreibt, wie sich die neuen Machthaber in Russland auch dem Kampf gegen den Alkohol verschrieben, und der Wodka Gorbatschow schlie\u00dflich im Berliner Exil hergestellt wurde.<\/strong><\/p>\n<p>Wussten Sie, dass die Wodka-Marke &#8222;Wodka Gorbatschow&#8220; so rein gar nichts mit <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/michail-gorbatschow.html\" target=\"_blank\">Michail Gorbatschow<\/a> zu tun hat? Ja, dass es sich nicht einmal um eine russische, sondern um eine 1921 in Berlin gegr\u00fcndete Marke handelt, die, als Michail Gorbatschow die politische Weltlage so radikal ver\u00e4ndern sollte, l\u00e4ngst zum Wiesbadener Henkell-Konzern geh\u00f6rte? Ehedem von, nun ja, Revolutionsverlierern im deutschen Exil gegr\u00fcndet, sollte mindestens die Marke &#8222;Wodka Gorbatschow&#8220; nach 1989 also zu einem Revolutionsgewinner werden.<\/p>\n<p>Aber der Reihe nach: Was also hat die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\/kriegsverlauf\/russische-revolution.html\" target=\"_blank\">Russische Revolution<\/a> mit der Marke &#8222;Wodka Gorbatschow&#8220; zu tun? Tats\u00e4chlich ist die Gr\u00fcndung dieser Spirituosenmarke unmittelbar mit jenem revolution\u00e4ren Prozess verkn\u00fcpft, in dessen Folge weit mehr als eine Million Menschen ab Februar 1917 Russland verlassen sollten. Denn mit der Februarrevolution, der Abdankung des Zaren und dem Herrschaftsantritt der Bolschewiki im Oktober 1917 sahen sich zahlreiche gesellschaftliche Gruppen Verfolgung, Enteignung und Repressionen ausgesetzt \u2013 darunter auch das gerade noch prosperierende Unternehmertum einer auch in Russland keimenden Industrialisierung, zumal den Produzenten von Brandweinen. Denn die Bolschewiki verboten direkt nach ihrer Macht\u00fcbernahme die Produktion und den Verkauf von Alkohol. N\u00fcchternheit galt ihnen als Bedingung f\u00fcr eine erfolgreiche Revolution.<\/p>\n<h3>Staatsfeind Alkohol<\/h3>\n<p>Die Produzenten des hochprozentigen W\u00e4sserchens kamen also gleich in doppelter Weise mit dem sich ab Oktober 1917 etablierenden Herrschaftssystem der Bolschewiki in Konflikt: Zum einen sah die neue Wirtschaftsordnung der Bolschewiki, die sozialistische Planwirtschaft, eine Verstaatlichung der Produktionsmittel vor. Selbstst\u00e4ndiges Unternehmertum lag dem Kommunismus per definitionem fern. Zum anderen war auch ihr Produkt, der Wodka, im revolution\u00e4ren Russland nicht mehr opportun. Bereits Zar Nikolaus II. hatte mit der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg den Verkauf und Konsum von Wodka 1914 per Dekret verboten. Obwohl der Handel mit Alkohol der russischen Staatskasse einerseits hohe Einnahmen einbrachte, \u00fcberwogen die schlechten Erfahrungen aus dem Russisch-Japanischen Krieg 1904-05, in dem die Trinkorgien der russischen Soldaten die Moral der Truppe nachhaltig beeintr\u00e4chtigt hatten.<\/p>\n<p>Auch die Bolschewiki kn\u00fcpften bei der Konsolidierung ihrer Herrschaft an das Alkoholverbot an. Ohnehin hatten Vertreter der russischen Linken, unter ihnen etwa <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-leo-d-trotzki.html\" target=\"_blank\">Leo Trotzki<\/a>, schon in vorrevolution\u00e4ren Zeiten immer wieder betont, dass der Zarismus den Alkoholkonsum der Arbeiter und Bauern Russlands vors\u00e4tzlich f\u00f6rdere, um deren Willen zum Aufbegehren und zur Emanzipation zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<h3>Wein in die Newa<\/h3>\n<p>Das Bewusstsein \u00fcber die eigene auch physische St\u00e4rke aber galt den Bolschewiki als Grundvoraussetzung f\u00fcr das Klassenbewusstsein der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und daher sahen sie N\u00fcchternheit als Pr\u00e4misse f\u00fcr das Gelingen der Revolution an. Dies bekamen etwa jene Soldaten der revolution\u00e4ren Truppen zu sp\u00fcren, die w\u00e4hrend des Oktoberumsturzes abgestellt worden waren, um den Weinkeller des Zaren im Winterpalais in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, zu bewachen. Dass diese durchaus auch am Wein nippten, war Revolutionsf\u00fchrer <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-wladimir-i-lenin.html\" target=\"_blank\">Lenin<\/a> ein unerh\u00f6rter, konterrevolution\u00e4rer Akt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8222;Diese Schurken ertr\u00e4nken die Revolution im Wein! Ich habe angeordnet, die Schurken an Ort und Stelle zu erschie\u00dfen.&#8220;<\/strong> <\/span><\/em><\/p>\n<p>Der Vorsitzende des Petrograder Sowjets, Leo Trotzki befahl daraufhin, alle Weinvorr\u00e4te in der Stadt zu vernichten. In seinen Erinnerungen beschrieb er, dass &#8222;der Wein durch die Gossen direkt in die Newa floss und den Schnee durchtr\u00e4nkte. Die Betrunkenen leckten ihn direkt aus den Gossen auf.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Gewalt gegen Alkohol konsumierende B\u00fcrger zog sich durch die gesamte Konsolidierungsphase der bolschewistischen Herrschaft und war nicht nur auf Petrograd begrenzt. Die Bolschewiki gingen mit drakonischen Strafen gegen Trunkenheit vor: Schwarzbrenner wurden zu &#8222;Volksfeinden&#8220; erkl\u00e4rt, ihnen drohten Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren, die Konfiszierung ihres Eigentums und Zwangsarbeit. In der im Februar 1918 gegr\u00fcndeten Roten Armee stand auf Trunkenheit gar die Todesstrafe. Durch die bis 1925 andauernde Prohibition emigrierten zahlreiche Spirituosen-Produzenten aus Russland. Sie brachten das Getr\u00e4nk sowie das Wissen um seine Herstellung nach Europa und Nordamerika. Und so wurde die Marke &#8222;Wodka Gorbatschow&#8220; 1921 unter dem Namen &#8222;L. Gorbatschow &amp; Co. GmbH \u2013 Russischer Wodka und russische Lik\u00f6re&#8220; in Berlin gegr\u00fcndet.<\/p>\n<div id=\"attachment_1745\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1745\" class=\"wp-image-1745 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Wodka.jpg\" alt=\"Flasche der Marke Wodka Gorbatschow, Berlin 2018 \u00a9 DHM\" width=\"750\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Wodka.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Wodka-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><p id=\"caption-attachment-1745\" class=\"wp-caption-text\">Flasche der Marke Wodka Gorbatschow, Berlin 2018 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der Wodka im Exil<span><\/h2>\n<p>In der Ausstellung &#8222;1917. Revolution. 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