
{"id":1832,"date":"2018-05-03T17:14:12","date_gmt":"2018-05-03T15:14:12","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1832"},"modified":"2018-05-03T17:22:54","modified_gmt":"2018-05-03T15:22:54","slug":"queer-history","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/05\/03\/queer-history\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Queer History"},"content":{"rendered":"<h1>Queer History<\/h1>\n<p><strong>Im Mai findet in Berlin der Queer History Month statt. Er l\u00e4dt dazu ein, sich mit der Lebensweise von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*- und intergeschlechtlichen Menschen in Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Was es damit auf sich hat und wie queer die deutsche Geschichte ist, erl\u00e4utern Florian Wieler und Katja Hauser vom <a href=\"https:\/\/museenqueerenberlin.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Netzwerk &#8222;Museen Queeren Berlin&#8220;<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Das kleine W\u00f6rtchen &#8222;queer&#8220;! Seit einigen Jahren taucht es in den Medien und der Politik immer wieder auf. \u00dcbersetzt hei\u00dft es so viel wie &#8222;sonderbar&#8220; oder &#8222;verr\u00fcckt&#8220;. Im englischen Sprachraum galt es lange Zeit als abwertende Bezeichnung f\u00fcr Menschen, die dem vorherrschenden Bild von &#8222;Mann, Frau und heterosexuellem Begehren&#8220; nicht entsprechen. Sp\u00e4testens seit Ende des 20. Jahrhundert erlebte der Begriff einen Aneignungs- und Umdeutungsprozess. Sowohl als positive Selbstbezeichnung wie auch im Kontext eines wissenschaftlichen und politischen Aktivismus steht &#8222;queer&#8220; selbstbewusst f\u00fcr Jede*n und Alles, was von der vermeintlichen Norm abweicht und stellt diese so infrage. Dabei spielt der Blick in die Geschichte eine wichtige Rolle. Das Sichtbarmachen queerer Lebensweisen in der Vergangenheit, zeigt, dass die Gesellschaft schon immer vielf\u00e4ltiger war als sie aus der &#8222;hegemonialen&#8220; das hei\u00dft herrschenden, heteronormativen Perspektive erscheint. Der Queer History Month soll nun, genauso wie auch der Black History Month im Februar, einen Anlass bieten, Geschichten zu erz\u00e4hlen, die sonst nur wenig Beachtung finden. Auch in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums finden wir Exponate und Geschichten, in denen sich die queere Seite der deutschen Vergangenheit zeigt.<\/p>\n<h3>Wie schwul war Friedrich der Gro\u00dfe?<\/h3>\n<div id=\"attachment_1836\" style=\"width: 755px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1836\" class=\"size-full wp-image-1836\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/K1000122-Friedrich-II.-K\u00f6nig-von-Preu\u00dfen-1740-1786-als-Feldherr.jpg\" alt=\"Antoine Pesne, Friedrich II., K\u00f6nig von Preu\u00dfen (1740-1786), als Feldherr, um 1745 \u00a9 DHM\" width=\"745\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/K1000122-Friedrich-II.-K\u00f6nig-von-Preu\u00dfen-1740-1786-als-Feldherr.jpg 745w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/K1000122-Friedrich-II.-K\u00f6nig-von-Preu\u00dfen-1740-1786-als-Feldherr-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 745px) 100vw, 745px\" \/><p id=\"caption-attachment-1836\" class=\"wp-caption-text\">Antoine Pesne, Friedrich II., K\u00f6nig von Preu\u00dfen (1740-1786), als Feldherr, um 1745 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Die Frage nach der Sexualit\u00e4t Friedrichs II. taucht in seinen Biografien immer wieder auf. Da sexuelle Handlungen meist im Privaten stattfinden, kann \u00fcber Friedrichs Neigungen oft nur spekuliert werden. Manche Biograph*innen verteidigen seine Heterosexualit\u00e4t regelrecht und heben seine wenigen Beziehungen zu Frauen hervor. Seit 1733 war Friedrich mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern verheiratet. Das eheliche Verh\u00e4ltnis war distanziert und blieb kinderlos. Einige Indizien deuten darauf hin, dass sich Friedrich ebenso wie sein eher offen homosexuell lebender Bruder Heinrich zum m\u00e4nnlichen Geschlecht hingezogen f\u00fchlte. Ein Briefwechsel zwischen Friedrich und seinem Bruder zeugt beispielsweise von der Konkurrenz um den von beiden begehrten Pagen Johann Friedrich von Marwitz. Zudem beschimpfte ihn sein autorit\u00e4rer Vater Friedrich Wilhelm I. als Sodomiten und lie\u00df Hans Hermann von Katte, den eine innige Beziehung mit Friedrich II. verband, nach einem gescheiterten Fluchtversuch seines Sohnes, hinrichten.<\/p>\n<p>Betrachtungen solcher Art lassen h\u00e4ufig vergessen, dass sexuelle Identit\u00e4t nicht zu jeder Zeit das war, was wir uns heutzutage darunter vorstellen. Die gesellschaftliche Unterscheidung der Menschen in hetero- und homosexuell hat ihren Ursprung in den medizinischen Diskursen im Europa des 19. Jahrhunderts. Zu Zeiten Friedrichs II. galten gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwar als lasterhaft und konnten, gefasst unter dem religi\u00f6s gepr\u00e4gten Begriff der Sodomie, mit dem Tode bestraft werden. Dabei waren \u00e4rmere Teile der Gesellschaft deutlich st\u00e4rker der Verfolgung ausgesetzt. Sie wurden jedoch als allgemein-menschliches Verhalten betrachtet und keiner bestimmten Kategorie von Menschen zugeordnet.<\/p>\n<p>Die Annahme, dass gleichgeschlechtliches Begehren ein angeborenes, unver\u00e4nderliches Wesensmerkmal und somit &#8222;unausweichlich&#8220; sei, galt den Vork\u00e4mpfer*innen der Homosexuellen-Emanzipationsbewegung wie Karl Heinrich Ulrichs oder Karl Maria Kertbeny als Argument f\u00fcr die Forderung nach Straffreiheit. Der \u00f6sterreichisch-ungarische Schriftsteller Kertbeny brachte 1869 zum ersten Mal den von ihm erfundenen Begriff &#8222;Homosexualit\u00e4t&#8220; in die \u00f6ffentliche Diskussion ein, der sich dann gegen\u00fcber anderen Bezeichnungen, wie beispielsweise den von Ulrichs gepr\u00e4gten Begriff des &#8222;Uranismus&#8220;, durchsetzen sollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_1835\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1835\" class=\"size-full wp-image-1835\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0001471.jpg\" alt=\"Hugo Reinhold Karl Johann H\u00f6ppener, Lichtgebet, 1894 \u00a9 DHM\" width=\"673\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0001471.jpg 673w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0001471-202x300.jpg 202w\" sizes=\"auto, (max-width: 673px) 100vw, 673px\" \/><p id=\"caption-attachment-1835\" class=\"wp-caption-text\">Hugo Reinhold Karl Johann H\u00f6ppener, Lichtgebet, 1894 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Der Kampf gegen den \u00a7143 der preu\u00dfischen Gesetzgebung und sp\u00e4ter gegen den \u00a7175 des Reichstrafgesetzbuches war wegbereitend f\u00fcr die Entstehung der ersten Homosexuellen-B\u00fcrgerrechtsbewegung. Im Jahr 1897 gr\u00fcndete sich mit dem sogenannten &#8222;Wissenschaftlich-humanit\u00e4ren Komitee&#8220; in Berlin die weltweit erste Organisation mit dem Zweck sexuelle Handlungen zwischen M\u00e4nnern zu entkriminalisieren. Es folgte die Gr\u00fcndung zahlreicher weiterer Verb\u00e4nde, Gruppen und Zeitschriften, die sich sowohl dem politischen Aktivismus als auch der Unterhaltung widmeten. In dieser Zeit treten mit den Frauenrechtlerinnen Johanna Elberskirchen und Anna R\u00fcling auch die ersten Vork\u00e4mpferinnen einer Lesbenbewegung politisch in Aktion.<\/p>\n<p><strong>\u00a0&#8222;Vollkommen m\u00e4nnlich&#8220; &#8211; &#8222;mehr weiblich&#8220; &#8211; &#8222;gemischt&#8220;<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_1834\" style=\"width: 609px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1834\" class=\"size-full wp-image-1834\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0000059.jpg\" alt=\"Lotte Laserstein, Der Motorradfahrer, 1929 \u00a9 DHM\" width=\"599\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0000059.jpg 599w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/G0000059-180x300.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><p id=\"caption-attachment-1834\" class=\"wp-caption-text\">Lotte Laserstein, Der Motorradfahrer, 1929 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Eine zentrale Figur in dieser Entwicklung war der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. In seiner Arbeit zu den von ihm so benannten &#8222;sexuellen Zwischenstufen&#8220; von Frauen und M\u00e4nnern machte er anhand k\u00f6rperlicher Merkmalen, Charakter und Begehren eine unendliche Anzahl von &#8222;Sexualtypen&#8220; aus. Dabei verstand er die unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen nicht als krankhafte Abweichungen von einer Norm und kann deshalb aus heutiger Sicht als ein Pionier des Konzepts sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gesehen werden. Hirschfeld pr\u00e4gte zudem den Begriff des &#8222;seelischen Transsexualismus&#8220; f\u00fcr Menschen, die sich auch k\u00f6rperlich dem anderen Geschlecht angleichen wollen und das Umfeld des von ihm 1919 gegr\u00fcndeten Instituts f\u00fcr Sexualwissenschaft setzte sich f\u00fcr juristischen Schutz und Anerkennung von Trans*personen ein.<\/p>\n<p>Im Laufe der 1920er Jahre entwickelte sich aus den verschiedenen Homosexuellen-Organisationen eine Massenbewegung. Teil dieser Entwicklung war eine lebendige schwule und lesbische Subkultur, die in Berlin ihr Zentrum hatte. Lesben und Schwulen standen hier zahlreiche Bars, Clubs und Caf\u00e9s wie das legend\u00e4re &#8222;Eldorado&#8220; zur Verf\u00fcgung. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten wurde die Bewegung zerst\u00f6rt. Schwules und lesbisches Leben wurde unterdr\u00fcckt; homosexuelle M\u00e4nner verfolgt, verurteilt und ermordet. Erst durch die Abschw\u00e4chung des \u00a7175 im Jahr 1969 entwickelte sich die zweite Homosexuellenbewegung im Kontext der neuen sozialen Bewegungen zu einer vielf\u00e4ltigen Schwulen- und Lesbenbewegung. Wissen um die Pioniere der ersten Bewegung gab es zu dieser Zeit kaum. Eine Aufarbeitung begann erst in den darauf folgenden Jahrzehnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1833\" style=\"width: 716px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1833\" class=\"size-full wp-image-1833\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/20035762.jpg\" alt=\"Plakat zu einem Film von Rosa von Praunheim \u00fcber homosexuelle Lebensformen, 1971 \u00a9 DHM\" width=\"706\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/20035762.jpg 706w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/20035762-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 100vw, 706px\" \/><p id=\"caption-attachment-1833\" class=\"wp-caption-text\">Plakat zu einem Film von Rosa von Praunheim \u00fcber homosexuelle Lebensformen, 1971 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p><em>Das Netzwerk Museen Queeren Berlin hat sich im Jahr 2016 im Kontext der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/archiv\/2015\/homosexualitaet-en.html\" target=\"_blank\">Ausstellung &#8222;Homosexualit\u00e4t_en&#8220;<\/a> des Schwulen Museums* Berlin und des Deutschen Historischen Museums gegr\u00fcndet. Als Forum des Austauschs und der Information m\u00f6chte es eine Museumspraxis bef\u00f6rdern, die sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gerecht wird und so gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen entgegenwirkt. <\/em><\/p>\n<p><em>Anl\u00e4sslich des Queer History Month beleuchtet Florian Wieler <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/kalender\/terminansicht.html?tx_cal_controller%5Bview%5D=event&amp;tx_cal_controller%5Btype%5D=tx_cal_phpicalendar&amp;tx_cal_controller%5Buid%5D=4479&amp;tx_cal_controller%5Blastview%5D=view-list%7Cpage_id-45&amp;tx_cal_controller%5Byear%5D=2018&amp;tx_cal_controller%5Bmonth%5D=05&amp;tx_cal_controller%5Bday%5D=16&amp;cHash=d3d105313cb10d681ec931d67f685b24\" target=\"_blank\">am 16. Mai<\/a> in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums verschiedene Lesarten ausgew\u00e4hlter Objekte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Queer History<span><\/h2>\n<p>Im Mai findet in Berlin der Queer History Month statt. Er l\u00e4dt dazu ein, sich mit der Lebensweise von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*- und intergeschlechtlichen Menschen in Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Was es damit auf sich hat und wie queer die deutsche Geschichte ist, erl\u00e4utern Florian Wieler und Katja Hauser vom Netzwerk &#8222;Museen Queeren Berlin&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1837,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[863,1394,1396,1398],"class_list":["post-1832","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-museum-de","tag-queer","tag-sexualitaet","tag-sexuelle-selbstbestimmung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1832"}],"version-history":[{"count":2,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1847,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1832\/revisions\/1847"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1837"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}