
{"id":1896,"date":"2018-06-01T14:56:43","date_gmt":"2018-06-01T12:56:43","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1896"},"modified":"2025-04-02T12:40:03","modified_gmt":"2025-04-02T10:40:03","slug":"wozu-das-denn-das-fahrrad-von-fritz-teufel","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/06\/01\/wozu-das-denn-das-fahrrad-von-fritz-teufel\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Das Fahrrad von Fritz Teufel"},"content":{"rendered":"<h1>Das Fahrrad von Fritz Teufel<\/h1>\n<p><strong>Am 3. Juni wird allj\u00e4hrlich an die umweltfreundlichste und ges\u00fcndeste Form der Fortbewegung appelliert: das Radfahren. <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/sammlungen00\/alltagskultur\/kontakt.html\">Sabine Witt, Sammlungsleiterin f\u00fcr den Bereich Alltagskultur<\/a>, nimmt diesen Tag zum Anlass, ein besonderes Fahrrad aus ihrer Sammlung f\u00fcr unsere Blog-Rubrik \u201eWozu das denn?\u201c vorzustellen.<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Jahren gelangte ein Fahrrad in die <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/\">Sammlung des Deutschen Historischen Museums<\/a>. Keines dieser schnittigen Rennr\u00e4der oder heute so beliebten Pedelecs mit Hilfsmotor, sondern ein ganz klassisches Herrenrad. Mit R\u00fccktritt, aber ohne Gangschaltung, mit Vorder- und R\u00fccklicht, einem guten Ledersattel mit Federung, einem Gep\u00e4cktr\u00e4ger mit Korb und mit deutlichen Gebrauchs-, Rost- und auch Reparaturspuren. Ein Drahtesel eines gem\u00fctlichen Radlers also? Mitnichten, dieses Rad geh\u00f6rte dem Politaktivisten Fritz Teufel (1943\u20132010). Aus der schw\u00e4bischen Heimat zog es ihn Mitte der 1960er Jahre zum Studium nach Berlin. Aktiver jedoch war er in der Studentenbewegung und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, zusammen mit Rudi Dutschke. Zu Jahresbeginn 1967 gr\u00fcndete der sanfte, liebesbed\u00fcrftige Teufel zusammen mit Dieter Kunzelmann (\u2020 09.05.2018), Rainer Langhans und anderen die \u201eKommune 1\u201c. Deren provokante Aktionen erregten Aufmerksamkeit, doch war der langhaarige \u201eB\u00fcrgerschreck\u201c Teufel eher ein Spa\u00dfguerillero, der ein Attentat auf den US-Vizepr\u00e4sidenten Humphrey mit Pudding- und Mehlbomben plante und noch 1982 Bundesfinanzminister Matth\u00f6fer mit Zaubertinte nass spritzte.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfdemonstration gegen den Schah-Besuch in Berlin am 2. Juni 1967 wurde f\u00fcr Teufel zu einem Wendepunkt. W\u00e4hrend der Polizist \u2013 und wie sp\u00e4ter bekannt wurde Stasi-Agent \u2013 Karl-Heinz Kurras, der am Rande der Demo den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, aber freigesprochen wurde, sa\u00df der Kommunarde Teufel wegen eines vermeintlichen Steinwurfs fast ein halbes Jahr in Haft. Zum gefl\u00fcgelten Wort wurde seine Antwort auf die Aufforderung des Richters, sich vor dem Gericht zu erheben: \u201eWenn\u2019s der Wahrheitsfindung dient.\u201c In den folgenden Jahren radikalisierte sich Fritz Teufel in der terroristischen \u201eBewegung 2. Juni\u201c, bewegte sich im Umfeld der <a href=\"\/blog\/2017\/08\/31\/der-terror-und-die-oeffentlichkeit\/\">RAF <\/a>und verbrachte bis 1980 mehrere Jahre in Haft.<\/p>\n<h3>Freiheit auf zwei R\u00e4dern<\/h3>\n<p>Wieder in Freiheit, entdeckte der Anarchist seine neue gro\u00dfe Liebe: das Radfahren. F\u00fcr Teufel war es nicht nur eine angenehme und zutiefst menschliche Art der Fortbewegung, sondern zeitweilig auch sein Beruf: 1992 gr\u00fcndete er den Fahrradkurierdienst Moskito mit und \u00fcbernahm als Fahrer auch selbst viele Touren. Kurierfahrer war schon damals ein ziemlich gef\u00e4hrlicher Job in einer Stadt wie Berlin und finanziell alles andere als lukrativ. Doch f\u00fcr Teufel z\u00e4hlte der Spa\u00df. In einem Interview kurz vor seinem Tod im Juli 2010 sprach Teufel \u00fcber sein bewegtes Leben, auch auf zwei R\u00e4dern. Er schw\u00e4rmte, wie m\u00fchelos und leicht man von A nach B gelangt.<\/p>\n<div style=\"width: 7256px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1897\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Witt_Fahrrad_web.jpg\" alt=\"\" width=\"7246\" height=\"5434\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Witt_Fahrrad_web.jpg 7246w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Witt_Fahrrad_web-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Witt_Fahrrad_web-768x576.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Witt_Fahrrad_web-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 7246px) 100vw, 7246px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Fahrrad von Fritz Teufel, Deutsches Historisches Museum, um 1980, AK 2016\/11 \u00a9 DHM, Sebastian Ahlers<\/p><\/div>\n<p>Das Fahrrad, das sich heute im Museum befindet, nutzte Fritz Teufel freilich nicht als Kurierfahrer. Er schien damit aber bereits Anfang der 1980er Jahre eine Radtour durch Schweden und Finnland unternommen zu haben, wie ein etwas unscharfes Foto aus dieser Zeit belegt. Gefertigt wurde das Rad vermutlich schon Jahr(zehnt)e zuvor von der Traditionsfirma Baronia, die von 1921 bis 1973 in Bielefeld, Einbeck und Rahden Zweir\u00e4der produzierte. An bewegte Zeiten erinnert auch der etwas verblichene Aufkleber \u201eAtomkraft \u2013 nein danke\u201c am Rahmen.<\/p>\n<p>An die umweltfreundlichste und ges\u00fcndeste Form der Fortbewegung appelliert seit 1998 der Europ\u00e4ische Tag des Fahrrades, der allj\u00e4hrlich am 3. Juni begangen wird. Nach Sch\u00e4tzungen des Bundesverkehrsministeriums k\u00f6nnten pro Jahr 7,5 Millionen Tonnen CO<sub>2\u00a0<\/sub>eingespart werden, wenn 30 Prozent aller Kurzstrecken unter sechs Kilometern per Rad statt mit dem PKW zur\u00fcckgelegt werden w\u00fcrden. Diese Distanzen machen rund die H\u00e4lfte des st\u00e4dtischen PKW-Verkehrs aus. Das Rad von Fritz Teufel rollt an diesem Tag nicht mehr, allen anderen sei nicht nur am 3. Juni ein beherzter Tritt in die Pedale gew\u00fcnscht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Das Fahrrad von Fritz Teufel<span><\/h2>\n<p>Am 3. Juni wird allj\u00e4hrlich an die umweltfreundlichste und ges\u00fcndeste Form der Fortbewegung appelliert: das Radfahren. 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