
{"id":1909,"date":"2018-06-05T14:22:06","date_gmt":"2018-06-05T12:22:06","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1909"},"modified":"2018-06-05T17:23:33","modified_gmt":"2018-06-05T15:23:33","slug":"geschichten-aktuell-der-spaete-aufstieg-der-gabel","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/06\/05\/geschichten-aktuell-der-spaete-aufstieg-der-gabel\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Der sp\u00e4te Aufstieg der Gabel"},"content":{"rendered":"<h1>Der sp\u00e4te Aufstieg der Gabel<\/h1>\n<p><strong>Noch bis 5. Juni rufen die Schl\u00f6sser und G\u00e4rten Deutschland zur <a href=\"https:\/\/www.sgd-zu-tisch.de\/de\/blogparade-schlossgenuss\/\">Blogparade #SchlossGenuss <\/a>auf. Wir nehmen sie zum Anlass, auf die Geschichte des Bestecks einzugehen und zu erkl\u00e4ren, warum die Gabel zun\u00e4chst verschm\u00e4ht, dann in Adelskreisen zum Symbol f\u00fcr Luxus und Kultiviertheit und schlie\u00dflich ebenso wie L\u00f6ffel und Messer zum Massenph\u00e4nomen wurde.<\/strong><\/p>\n<p>Um sich in einem feinen Restaurant in Europa einmal richtig zu blamieren, reicht ein Handgriff: Man verzichte einfach auf Messer und Gabel und bearbeite das Filet oder die Kart\u00f6ffelchen mit dem Suppenl\u00f6ffel. Ger\u00fcmpfte Nasen und absch\u00e4tzige Blicke der anderen G\u00e4ste sind garantiert.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Generationen waren solche All\u00fcren unbekannt. F\u00fcr Gabeln hatten unsere Vorfahren lange Zeit keine Verwendung. Denn vom Mittelalter bis zur fr\u00fchen Neuzeit war der Speiseplan der meisten Menschen sehr \u00fcbersichtlich. Morgens: Brei. Mittags: Brei. Abends: Brei. Auf den Tisch kam in der Regel ein gro\u00dfer Topf mit gekochtem Getreide. Mitessen konnte nur, wer einen L\u00f6ffel hatte. Er war die Lebensversicherung. Die Leute trugen ihn best\u00e4ndig bei sich \u2013 egal ob im Gasthaus oder auf Reisen. \u201eDen L\u00f6ffel abgeben\u201c stand damals nicht nur sprichw\u00f6rtlich f\u00fcr den sicheren Tod.<\/p>\n<p>In seiner Form gleicht der L\u00f6ffel einer sch\u00f6pfenden Hand und ist eines der urt\u00fcmlichsten Werkzeuge des Menschen. Schon aus der Altsteinzeit sind L\u00f6ffel aus Holz und Knochen bekannt, sp\u00e4ter brannte man sie aus Ton. Mit der metallverarbeitenden Industrie kam im 15. Jahrhundert die professionelle L\u00f6ffelmacherei auf: Ein Betrieb schmiedete am Tag bis zu 40 L\u00f6ffel aus rohem Metall. Drei Jahrhunderte sp\u00e4ter schnitten die Handwerker die L\u00f6ffel dann schneller und effizienter aus Blech.<\/p>\n<div style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1910\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"311\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur.jpg 479w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur-300x195.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Besteckgarnitur f\u00fcr 12 Personen aus dem Besitz der Herz\u00f6ge von Anhalt, 36 Teile in originaler Kassette, um 1740 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Der L\u00f6ffel blieb in Mitteleuropa bis ins 19. Jahrhundert das wichtigste Esswerkzeug. Das Messer, ebenfalls ein treuer Begleiter, diente vor allem zum Zerteilen der Mahlzeit.<\/p>\n<h3>Gottlose Forke<\/h3>\n<p>Heute liegt in der westlichen Welt auch die Gabel ganz selbstverst\u00e4ndlich auf dem Tisch. Anders als L\u00f6ffel und Messer musste sie sich ihren Platz neben dem Teller aber erst erstreiten.<\/p>\n<p>Der Ruf der Miniatur-Forke war fr\u00fch ruiniert. Nicht ihre Ab-, sondern ihre Anwesenheit war ein gesellschaftliches No-Go. Obwohl schon die alten R\u00f6mer Gabeln gekannt hatten, war das gezackte Esswerkzeug n\u00f6rdlich der Alpen lange verp\u00f6nt. Schon Hildegard von Bingen, meinungsstarke Mystikerin des 12. Jahrhunderts, soll die Gabel als gottlos gebrandmarkt haben. Zum Massenph\u00e4nomen reichte es mit diesem Stigma zun\u00e4chst nicht. Zum Image- kam das bereits geschilderte Konkurrenzproblem: Die Gabel schaffte es lange nicht, mit dem L\u00f6ffel gleichzuziehen. Die Menschen brauchten kein zweites Esswerkzeug, das Nahrung vom Teller zum Mund bef\u00f6rderte.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4t begann der Aufstieg der Gabel. Die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts brach mit dem Aberglauben vom Teufelsger\u00e4t. Im gleichen Jahrhundert fanden Obst- oder Konfektgabeln den Weg auf europ\u00e4ische Esstische. Franz\u00f6sische und italienische Damen sch\u00e4tzten sie als distinguiertes Accessoire.<\/p>\n<p>Die Gegnerschaft blieb zun\u00e4chst jedoch gro\u00df und gewichtig. Martin Luther und Erasmus von Rotterdam verspotteten die Gabel als weibische Mode. \u201eGott beh\u00fcte mich vor G\u00e4belchen&#8220;, soll Luther gesagt haben.<\/p>\n<h3>Die Gabel: Luxus und weibische Mode<\/h3>\n<p>Ein nachhaltiger Imagewandel gelang der Gabel in unseren Breiten im 18. Jahrhundert: Das einst verschm\u00e4hte Werkzeug wurde in Adelskreisen zum Symbol f\u00fcr Luxus und Kultiviertheit. Die handgefertigte Besteckgarnitur f\u00fcr zw\u00f6lf Personen aus dem Besitz der Herz\u00f6ge von Anhalt, die in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\">Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums<\/a> zu sehen ist, veranschaulicht diese Ver\u00e4nderung. Mit der industriellen Revolution wurde das Besteck inklusive Gabel zum Massenph\u00e4nomen und ist heute Standard auf den Tischen der westlichen Welt.<\/p>\n<div style=\"width: 1900px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1915\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur_um1740_2.jpg\" alt=\"\" width=\"1890\" height=\"1260\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur_um1740_2.jpg 1890w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur_um1740_2-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur_um1740_2-768x512.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Besteckgarnitur_um1740_2-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1890px) 100vw, 1890px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Gedeckte Tafel in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Blogparade \u2013 nach #SchlossGenuss ist vor #DHMMeer<\/h3>\n<p>Wie grundlegend Europa durch das Meer gepr\u00e4gt wurde und welche gegenseitigen Einfl\u00fcsse aber auch Abgrenzungen zu anderen L\u00e4ndern und Sitte \u00fcber das Meer nach Europa kamen, zeigt die Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/vorschau\/europa-und-das-meer.html\">Europa und das Meer<\/a>, die ab 13. Juni im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist. Auch dazu wird es ab dem 20. Juni eine Blogparade geben, zu der alle herzlich eingeladen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der sp\u00e4te Aufstieg der Gabel<span><\/h2>\n<p>Noch bis 5. Juni rufen die Schl\u00f6sser und G\u00e4rten Deutschland zur Blogparade #SchlossGenuss auf. 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