
{"id":1930,"date":"2018-06-06T14:31:36","date_gmt":"2018-06-06T12:31:36","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1930"},"modified":"2019-05-22T10:47:45","modified_gmt":"2019-05-22T08:47:45","slug":"geschichten-aktuell-die-wappensaeule-von-cape-cross-drei-laender-drei-geschichten-eine-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/06\/06\/geschichten-aktuell-die-wappensaeule-von-cape-cross-drei-laender-drei-geschichten-eine-vergangenheit\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Die Wappens\u00e4ule von Cape Cross \u2013 drei L\u00e4nder, drei Geschichten, eine Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<h1>Die Wappens\u00e4ule von Cape Cross \u2013 drei L\u00e4nder, drei Geschichten, eine Vergangenheit<\/h1>\n<p><strong>Am 7. Juni findet im Deutschen Historischen Museum das <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/symposien-workshops\/die-saeule-von-cape-cross.html\">Symposium zur Wappens\u00e4ule von Cape Cross<\/a> statt. Dr. Claudia Buchwald hat an der inhaltlichen Konzeption und Ausrichtung der Tagung mitgearbeitet. F\u00fcr den DHM-Blog zeichnet sie die Geschichte der Wappens\u00e4ule nach, umrei\u00dft die verschiedenen Perspektiven auf die S\u00e4ule und erkl\u00e4rt, warum das DHM dieses Symposium veranstaltet.<\/strong><\/p>\n<p>In den alten Weltkarten ist sie eingezeichnet: die Wappens\u00e4ule von Cape Cross. Ihre Geschichte beginnt mit den gro\u00dfen Entdeckungsfahrten der Fr\u00fchen Neuzeit. Im Auftrag des portugiesischen K\u00f6nigs segelte Diogo C\u00e3o die Westk\u00fcste Afrikas entlang, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Indien \u2013 das versprach den lukrativen Handel mit Gew\u00fcrzen, Seidenstoffen und Sklaven, der Weg dorthin die Entdeckung ferner L\u00e4nder und ihre Kolonialisierung in christlicher Mission.<\/p>\n<div style=\"width: 1416px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1934\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Karte_komplett_hoch.jpg\" alt=\"\" width=\"1406\" height=\"435\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Weltkarte, Martin Waldseem\u00fcller, um 1500<\/p><\/div>\n<p>Als Markierung des Herrschaftsanspruchs und als Seezeichen f\u00fcr andere Schiffe wurden S\u00e4ulen aus Kalkstein aufgestellt, mit Kreuzaufsatz, portugiesischem Wappen und Inschrift, auch <em>Padr\u00e3o<\/em> genannt. 1486 lie\u00df C\u00e3o eine dieser S\u00e4ulen an der K\u00fcste des heutigen Namibia errichten. Der Ort wurde Cabo de Padr\u00e3o genannt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahrhunderte verwitterte der Stein, die S\u00e4ule neigte sich in Schr\u00e4glage und war von See nur schwer auszumachen. Gelegentlich wurde sie von vorbeifahrenden Schiffen gesichtet. 1893 entdeckte der deutsche Kapit\u00e4n Gottlieb Becker vom Kreuzer \u201eFalke\u201c eher zuf\u00e4llig die S\u00e4ule, als er w\u00e4hrend einer Vermessungsfahrt auf Wassersuche war, nahm sie an Bord und lie\u00df sie zum Reichsmarinehafen Kiel verschiffen. Das Gebiet geh\u00f6rte seit 1884 zu \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c und war damit Teil des deutschen Kolonialreiches.<\/p>\n<p>\u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c versprach privaten Unternehmern Kupfer, Diamanten, Guano und Ertr\u00e4ge aus der Robbenjagd, den Siedlern vor allem Land f\u00fcr die Viehzucht und den deutschen Kolonialherren die Partizipation an wilhelminischen Gro\u00dfmachtphantasien. Als Teil der Flottenpropaganda des deutschen Kaisers wurde die S\u00e4ule in seinem Prestigeunternehmen, dem Berliner Institut und Museum f\u00fcr Meereskunde, pr\u00e4sentiert. Wilhelm II. lie\u00df am mittlerweile Kreuzkap genannten Ort eine neue S\u00e4ule mit Reichsadler und deutscher Inschrift aufstellen. Das Original gelangte schlie\u00dflich ins Zeughaus Unter den Linden, wo es seit 2006 in der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\">Dauerausstellung <\/a>gezeigt wird.<\/p>\n<div style=\"width: 919px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1932\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-S\u00e4ule.jpg\" alt=\"\" width=\"909\" height=\"1417\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-S\u00e4ule.jpg 909w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-S\u00e4ule-192x300.jpg 192w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-S\u00e4ule-768x1197.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-S\u00e4ule-657x1024.jpg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 909px) 100vw, 909px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Stone Cross of Cape Cross , 1486 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Asymmetrie kolonialer Begegnungen<\/h3>\n<p>Soweit die Geschichte der S\u00e4ule aus der eurozentrischen Perspektive erz\u00e4hlt. Was in dieser Darstellung vollkommen fehlt, ist die Seite der einheimischen Bev\u00f6lkerung, die Bedeutung der Geschichte, die mit der S\u00e4ule einherging, und damit die dramatischen Folgen der Kolonisierung. Heute, im Zeitalter des Postkolonialismus, fordern afrikanische Staaten die Aufarbeitung dieser Vergangenheit ein und emanzipieren sich von einer eurozentrischen Deutungsmacht. In den letzten Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Asymmetrien und Komplexit\u00e4t kolonialer Begegnungen herausgearbeitet, aber auch Handlungsspielr\u00e4ume und Widerst\u00e4nde lokaler Herrscher dargestellt. Museen haben die Thematik aufgegriffen, j\u00fcngst auch das Deutsche Historische Museum in seiner Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/archiv\/2016\/deutscher-kolonialismus.html\">Deutscher Kolonialismus \u2013 Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart<\/a>.<\/p>\n<p>Dennoch bleiben viele Fragen offen. Kaum k\u00f6nnen wir uns die ersten Begegnungen zwischen den Herero und europ\u00e4ischen Seefahrern vorstellen, bei denen Vieh gegen Messer, Kalebassen und Rohstoffe getauscht wurden. In Deutschland ist wenig bekannt \u00fcber Samuel Maharero und Hendrik Witbooi, die F\u00fchrer der Herero und Nama, die zun\u00e4chst mit den Kolonialherren Allianzen bildeten, und sich dann in einem Krieg um Kolonialherrschaft und Landbesitz gegen diese auflehnten. Ber\u00fcchtigt sind dagegen der Vernichtungsfeldzug Lothar von Trothas gegen die Herero, bei dem \u00dcberlebende in der W\u00fcste verdursteten, und die Einrichtung von Konzentrationslagern f\u00fcr Herero und Nama. Zehntausende starben. Dieser traurige H\u00f6hepunkt des Aufbegehrens wird mittlerweile als Genozid bezeichnet. Die Tageb\u00fccher von Witbooi, die \u201eWitbooi-Papers\u201c, sind UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die erinnerungspolitische Debatte in der \u00d6ffentlichkeit hat Fahrt aufgenommen.<\/p>\n<div style=\"width: 688px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1946\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/witbooi.jpg\" alt=\"\" width=\"678\" height=\"980\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/witbooi.jpg 678w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/witbooi-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Nama-F\u00fchrer Hendrik Witbooi in Rehoboth, um 1900 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Parallel dazu bewegt europ\u00e4ische Museen eine weitere Diskussion: die Kontroverse um die R\u00fcckgabe kolonialer Objekte. 2017 hat der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron in Burkina Faso die Herausgabe aller afrikanischen Artefakte aus franz\u00f6sischen Museen angek\u00fcndigt. K\u00fcrzlich hat der Deutsche Museumsbund einen Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten herausgegeben. Seit dem 1. Juni 2017 liegt der deutschen Regierung eine diplomatische Note vor, in der Namibia die Restitution der S\u00e4ule verlangt \u2014 was eben auch den ver\u00e4nderten Umgang mit der gemeinsamen Geschichte anzeigt.<\/p>\n<h3>Historische Gerechtigkeit<\/h3>\n<p>Koloniale Objekte repr\u00e4sentieren ihre Geschichte. Die Geschichte des Wappenkreuzes ist bekannt, aber die unterschiedlichen Blickwinkel darauf m\u00fcssen aufgearbeitet, nebeneinandergestellt, verhandelt und in ihrer Bedeutung f\u00fcr die S\u00e4ule bestimmt werden. Daran schlie\u00dfen sich Fragen der Pr\u00e4sentation in den Ausstellungen und des Umgangs mit diesen Objekten zwischen den Kontinenten an. Doch jedes Objekt ist anders, und jede Geschichte besonders. Die Wappens\u00e4ule von Cape Cross ist kein afrikanisches Kunstwerk. Damit st\u00f6\u00dft sie Fragen an, wie man ihr im Dialog der Nachlebenden aus Europa und Afrika historisch gerecht werden kann. Selbst wenn es keine v\u00f6lkerrechtliche Grundlage geben sollte, schlie\u00dft das die Diskussion einer m\u00f6glichen R\u00fcckgabe der S\u00e4ule an Namibia mit ein. Das Symposium im Deutschen Historischen Museum thematisiert diese Fragen und sucht den Austausch der unterschiedlichen Perspektiven.<\/p>\n<div style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1933\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-heute.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-heute.jpg 800w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-heute-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cape-Cross-heute-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Cape Cross, Namibia, 2018 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die Wappens\u00e4ule von Cape Cross \u2013 drei L\u00e4nder, drei Geschichten, eine Vergangenheit<span><\/h2>\n<p>Am 7. Juni findet im Deutschen Historischen Museum das Symposium zur Wappens\u00e4ule von Cape Cross statt. Dr. Claudia Buchwald hat an der inhaltlichen Konzeption und Ausrichtung der Tagung mitgearbeitet. 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