
{"id":1956,"date":"2018-06-12T15:40:13","date_gmt":"2018-06-12T13:40:13","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=1956"},"modified":"2018-06-12T16:38:02","modified_gmt":"2018-06-12T14:38:02","slug":"geschichten-aktuell-juni-1938-juni-aktion-und-aktion-arbeitsscheu","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/06\/12\/geschichten-aktuell-juni-1938-juni-aktion-und-aktion-arbeitsscheu\/","title":{"rendered":"Geschichten aktuell: Juni 1938: &#8222;Juni-Aktion&#8220; und &#8222;Aktion Arbeitsscheu&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>Juni 1938: \u201eJuni-Aktion\u201c und \u201eAktion Arbeitsscheu\u201c<\/h1>\n<p><strong>1938 spitzt sich die Situation der deutschsprachigen J\u00fcdinnen und Juden zu. Nach dem Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 steigt die Gewalt und \u00f6ffentliche Diskriminierung gegen\u00fcber Juden in \u00d6sterreich stark an. Im Juni 1938 starten die Nazis die so genannte \u201eJuni-Aktion\u201c und die \u201eAktion Arbeitsscheu\u201c. <a href=\"https:\/\/www.lbi.org\/about\/staff-directory\/dr-frank-mecklenburg\/\">Dr. Frank Mecklenburg, Forschungs- und Archivleiter des Leo Baeck Institute New York | Berlin<\/a>, schildert, wie diese Ma\u00dfnahmen zu einer Art Labor f\u00fcr eine neue Stufe der Brutalit\u00e4t und Gewalt der Nationalsozialisten wurden.<\/strong><\/p>\n<p>Im Juni 1938 startete von den Nationalsozialisten eine neue Welle der Gewalt sowohl gegen Juden als auch gegen Nicht-Juden. In der Jewish Telegraphic Agency (JTA) in New York war hierzu zu lesen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eBERLIN (17. Juni). Nach Ausschreitungen und Massenverhaftungen durch die Polizei erwartete die ver\u00e4ngstigte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Berlins heute neue \u00dcbergriffe. Im Zuge der restriktiven Ma\u00dfnahmen wurden insbesondere j\u00fcdische Gesch\u00e4ftsinhaber schikaniert. Dutzende j\u00fcdischer L\u00e4den blieben geschlossen und j\u00fcdische Caf\u00e9s waren leer, da die \u201eNicht-Arier\u201c der Hauptstadt versuchten, sich vor einer Wiederholung der \u00dcberf\u00e4lle, Verhaftungen und Unruhen der vergangenen Nacht zu sch\u00fctzen. Die Berliner Judenheit beschrieb diese Vorf\u00e4lle als die schlimmsten 24 Stunden seit Beginn der Nazi-Herrschaft.\u201c<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> <\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<h2>Wien als Testgel\u00e4nde einer anti-j\u00fcdischen Politik<\/h2>\n<p>Bereits seit dem <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/aussenpolitik\/anschluss-oesterreich-1938.html\">\u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs<\/a> am 12. M\u00e4rz waren die Wiener Juden mit dieser neuen Stufe extremer Ma\u00dfnahmen konfrontiert worden, da die Nazis die Stadt als Testgel\u00e4nde f\u00fcr ihre anti-j\u00fcdische Politik nutzten. Wenige Tage sp\u00e4ter \u2013 noch im M\u00e4rz 1938 \u2013 traf <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/adolf-eichmann\">Adolf Eichmann<\/a> in Wien ein. Mit der \u201eJuni-Aktion\u201c konzentrierte sich die Aufmerksamkeit jedoch wieder auf die Juden in Deutschland. Die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/aktion-arbeitsscheu-reich-1938.html\">\u201eAktion Arbeitsscheu\u201c<\/a>, die bereits Anfang 1938 geplant und im April in Gang gesetzt worden war, um Personen zu verhaften, die von der Nazi-Regierung als \u201earbeitsscheu\u201c eingestuft wurden (und die fast jeden einschloss, der als sozial unerw\u00fcnscht galt), erfuhr im Juni eine deutliche antisemitische Auspr\u00e4gung, als in Berlin und anderen deutschen St\u00e4dten etwa 2.300 Juden festgenommen wurden. Erich Seligmann, der nach seiner Entlassung als Direktor des Wissenschaftlichen Instituts des Hauptgesundheitsamts Leiter des J\u00fcdischen Krankenhauses in Berlin wurde, z\u00e4hlte zu den vielen Zeugen dieser Ereignisse. In seinem Tagebucheintrag vom 15. Juni beschreibt er die damalige Situation und vermittelt einen Eindruck davon, wie die Juden diese neue und erschreckende Entwicklung erlebten:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eTiefste Depression \u00fcber der Berliner Judenheit. Razzien in Lokalen und auf Stra\u00dfen, Verhaftungen zu Hunderten, zwangsweise Auswanderungen, in Wien erprobte Methoden nach Berlin verpflanzt; viel Schreckliches, das nicht nachzupr\u00fcfen ist.\u201c\u00b9<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> <\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<div style=\"width: 1069px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1957\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Seligmann-Tagebuch_web.jpg\" alt=\"\" width=\"1059\" height=\"1347\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Seligmann-Tagebuch_web.jpg 1059w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Seligmann-Tagebuch_web-236x300.jpg 236w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Seligmann-Tagebuch_web-768x977.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Seligmann-Tagebuch_web-805x1024.jpg 805w\" sizes=\"auto, (max-width: 1059px) 100vw, 1059px\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Eine Seite aus Erich Seligmanns Tagebuch, Juni 1938 \u00a9 Leo Baeck Institute<\/p><\/div>\n<p>Mit jedem Monat, der verging, versuchten mehr Juden, aus Deutschland und \u00d6sterreich zu entkommen, in der Hoffnung auf einen sicheren Zufluchtsort. F\u00fcr jene, die blieben, wurden zuverl\u00e4ssige Informationsquellen immer rarer, und umso wichtiger waren unabh\u00e4ngige\/internationale Nachrichtenagenturen wie die JTA. Anfang Juni berichtete sie:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eWIEN (3. Juni). Den zahlreichen j\u00fcdischen Frauen, die sich im Gef\u00e4ngnis Rossauer L\u00e4nde und auf der Polizeihauptwache nach dem Schicksal inhaftierter Angeh\u00f6riger erkundigten, wurde heute mitgeteilt, dass alle Personen, die in der vergangenen Woche in das Konzentrationslager Dachau deportiert worden sind, dort als Arbeitskr\u00e4fte beim Ausbau des Lagers eingesetzt w\u00fcrden.\u00ab<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> <\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Diese Zwangsarbeit war ein weiteres Mittel zur Unterdr\u00fcckung der Juden, aber das Hauptziel bestand darin, sie aus Deutschland und den deutschsprachigen Gebieten zu vertreiben. Zu diesem Zweck wurden einzelne Personen sowie die j\u00fcdische Gemeinschaft insgesamt eingesch\u00fcchtert und drangsaliert. Um die Dem\u00fctigung noch zu verst\u00e4rken, f\u00fchrte man die Ma\u00dfnahmen gegen die Juden gezielt an j\u00fcdischen Feiertagen durch, zum Beispiel zu Schawuot am 6. Juni, wenn an den Empfang der Tora auf dem Berg Sinai erinnert wird. Auch der \u201eAnschluss\u201c am 12. M\u00e4rz fiel auf einen j\u00fcdischen Feiertag, den Schabbat.<\/p>\n<h2>Massenverhaftungen und massenhafte Selbstmorde<\/h2>\n<p>Die Verhaftungen in den ersten Junitagen lassen sich nur schwer von dem Chaos trennen, das mit dem Anschluss im M\u00e4rz begonnen hatte, als die Nazis erkannten, dass sie problemlos wesentlich radikalere und brutalere \u00dcbergriffe vornehmen konnten. Die Massenverhaftungen und anschlie\u00dfenden massenhaften Selbstmorde nach dem 12. M\u00e4rz in Wien lie\u00dfen nicht nach, wie den t\u00e4glichen Berichten der JTA zu entnehmen ist. W\u00e4hrend eine chronologisch orientierte Geschichtsschreibung versucht, sich auf bedeutende Daten wie dieses zu konzentrieren, ergibt sich bei Betrachtung des breiteren Zusammenhangs ein weitaus komplexeres und dynamischeres Bild. Statt auf ein ereignisorientiertes Narrativ weist die Situation der Juden in Deutschland und in der Folge auch in \u00d6sterreich auf ein st\u00e4rker verflochtenes Szenario von \u201eAltreich\u201c und \u201eOstmark\u201c sowie auch darauf hin, dass Wien nach dem \u201eAnschluss\u201c als ein Labor f\u00fcr eine neue Stufe der Brutalit\u00e4t und Gewalt diente, die sp\u00e4ter in allen von den <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/epochenbereiche\/1933-1945.html\">Nationalsozialisten<\/a> beherrschten Gebieten Anwendung fand.<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p>\u00b9 <a href=\"http:\/\/www.lbi.org\/digibaeck\/results\/?qtype=pid&amp;amp;term=1369060\">Eintrag aus Erich Seligmanns Tagebuch Nr. 3<\/a>, Erich Seligmann Collection AR 4104, Box 1, Folder 2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Juni 1938: \u201eJuni-Aktion\u201c und \u201eAktion Arbeitsscheu\u201c<span><\/h2>\n<p>1938 spitzt sich die Situation der deutschsprachigen J\u00fcdinnen und Juden zu. Nach dem Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 steigt die Gewalt und \u00f6ffentliche Diskriminierung gegen\u00fcber Juden in \u00d6sterreich stark an. Im Juni 1938 starten die Nazis die so genannte \u201eJuni-Aktion\u201c und die \u201eAktion Arbeitsscheu\u201c. Dr. Frank Mecklenburg, Forschungs- und Archivleiter des Leo Baeck Institute New York | Berlin, schildert, wie diese Ma\u00dfnahmen zu einer Art Labor f\u00fcr eine neue Stufe der Brutalit\u00e4t und Gewalt der Nationalsozialisten wurden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1961,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1481,1487,210,1483,677,1485],"class_list":["post-1956","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-1481","tag-aktion-arbeitsscheu","tag-berlin","tag-juni-aktion","tag-nationalsozialismus","tag-wien"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1956"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1970,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1956\/revisions\/1970"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1961"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}