
{"id":2128,"date":"2018-07-11T11:12:20","date_gmt":"2018-07-11T09:12:20","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2128"},"modified":"2018-07-16T13:27:34","modified_gmt":"2018-07-16T11:27:34","slug":"europa-und-das-meer","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/07\/11\/europa-und-das-meer\/","title":{"rendered":"Blogparade: &#8222;Europa und das Meer&#8220; \u2013 J\u00fcrgen Elvert #DHMMeer"},"content":{"rendered":"<h1>Europa und das Meer<\/h1>\n<p><strong>Das Meer trennt Europa vom Rest der Welt und verbindet es zugleich mit ihm. J\u00fcrgen Elvert, <a href=\"http:\/\/histsem2.phil-fak.uni-koeln.de\/370.html\" target=\"_blank\">Professor am Historischen Institut der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln<\/a>, beschreibt im Rahmen der <a href=\"\/blog\/2018\/06\/20\/blogparade-europa-und-das-meer-was-bedeutet-mir-das-meer-dhmmeer\/\" target=\"_blank\">Blogparade #DHMMeer<\/a> die enge Beziehung, die die Europ\u00e4er seit Jahrhunderten zum Meer pflegen und die besonders sp\u00fcrbar in den Hafenst\u00e4dten Europas ist.<\/strong><\/p>\n<p>Als ein von den Geschichtswissenschaften bis heute geradezu str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigter Raum bietet sich das Meer als alternative Zugangsm\u00f6glichkeit zur europ\u00e4ischen Geschichte an. Schlie\u00dflich sind etwa 70% der Erde von Wasser bedeckt, 80% der Weltbev\u00f6lkerung lebt an oder in der N\u00e4he von Meeren (bei steigender Tendenz) und ca. 90% des Welthandels wird \u00fcber See transportiert. Bezogen auf das Verh\u00e4ltnis von \u00fcber 110.000 km K\u00fcstenl\u00e4nge zu einer Grundfl\u00e4che von rund 10,5 Millionen km\u00b2 ist Europa der zudem maritimste aller Kontinente. Europa wurde in der Antike vom Meer her erschlossen, als Seefahrer und Kaufleute vom Mittelmeer durch die S\u00e4ulen des Herakles in den Atlantik fuhren und von dort aus weiter in Richtung Norden segelten. Das Meer trennt Europa vom Rest der Welt und verbindet es zugleich mit ihm. Es nimmt gewisserma\u00dfen die Rolle eines Bindeglieds zwischen Europa und der Welt ein, denn von Europa aus wurde die Welt von See her erschlossen, zum anderen wurden die in \u00dcbersee gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen \u00fcber See nach Europa transportiert, um hier wiederum wirksam zu werden und die \u201ealte Welt\u201c und ihre Bewohner selber zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<div id=\"attachment_2136\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2136\" class=\"size-full wp-image-2136\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/1.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"551\" \/><p id=\"caption-attachment-2136\" class=\"wp-caption-text\">Europa auf dem Stier, 500\u2013475 v. Chr. \u00a9 bpk \/ Antikensammlung, SMB \/ Johannes Laurentius<\/p><\/div>\n<h3>Hafenst\u00e4dte als Knotenpunkte in einem Netzwerk zur Welt<\/h3>\n<p>Das Meer als Bindeglied zwischen Europa und der Welt erm\u00f6glicht es, neue Perspektiven aufzuzeigen und daraus neue Fragestellungen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sei beispielsweise auf die Bedeutung von Hafenst\u00e4dten und H\u00e4fen verwiesen. Hafenst\u00e4dte waren und sind die Knotenpunkte in einem Netzwerk, das Europa und die Welt miteinander verbindet. Sie waren und sind nicht nur Umschlagpl\u00e4tze von Menschen und G\u00fctern, sondern auch Zentren maritimen Wissens. Hafenst\u00e4dte sind die Orte, in denen Informationen aus dem Hinterland gesammelt wurden, wo man sie diskutierte, gegebenenfalls modifizierte oder sogar transformierte, bevor diese dann in alle Teile der Welt weiterverbreitet wurden. Umgekehrt trafen Informationen aus \u00dcbersee zun\u00e4chst in den europ\u00e4ischen Hafenst\u00e4dten ein, wo sie ausgewertet werden konnten, bevor sie ins Hinterland weitergeleitet wurden. Sie konnten daher insbesondere in Hafenst\u00e4dten ihre erste Wirkung entfalten. Und auch wenn deren Bedeutung als Schnittpunkte globaler Kommunikationslinien durch die Einf\u00fchrung moderner Kommunikationstechniken zur\u00fcckgegangen ist, treffen Import- und Exportg\u00fcter weiterhin in Hafenst\u00e4dten direkt aufeinander. Die typisch hafenst\u00e4dtische Infra- und Sozialstruktur, die sich im Zuge der Entwicklung der europ\u00e4ischen Moderne herausgebildet hatte, bietet nach wie vor den am besten geeigneten Rahmen f\u00fcr den Umschlag dieser G\u00fcter und profitiert so weiterhin erheblich von dieser Rolle.<\/p>\n<div id=\"attachment_2137\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2137\" class=\"size-full wp-image-2137\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/5.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"378\" \/><p id=\"caption-attachment-2137\" class=\"wp-caption-text\">Ansicht von Sevilla, um 1600, unbekannter spanischer K\u00fcnstler \u00a9 Museo Nacional del Prado<\/p><\/div>\n<p>Schon von ihrer Funktion her m\u00fcssen Hafenst\u00e4dte weltoffen angelegt sein. Diese Weltoffenheit spiegelt sich auch im Verhalten der hafenst\u00e4dtischer Bev\u00f6lkerung. Deren Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und dieses in vorhandene Strukturen, Denk- und Verhaltensmuster zu integrieren, ist in der Regel ausgepr\u00e4gter als im Hinterland. Nicht von ungef\u00e4hr haben sich zuv\u00f6rderst Hafenst\u00e4dte in der Geschichte immer wieder als Keimzellen intellektueller und kultureller Avantgarden erwiesen. Hafenst\u00e4dte sind Orte des Handels, der Kommunikation, des Wissenstransfers, des Kulturaustauschs, aber auch der politischen und \u00f6konomischen Macht. An ihrem Beispiel lassen sich so kurz\u2013, mittel\u2013 und langfristige Entwicklungsprozesse und r\u00e4umliche wie sachliche Zusammenh\u00e4nge herausarbeiten, die zugleich der Bedeutung des Maritimen angemessen Rechnung tragen.<\/p>\n<h3>Einfl\u00fcsse aus \u00dcbersee<\/h3>\n<p>Hafenst\u00e4dte sind die Orte, wo Importe aus \u00dcbersee erstmals in Europa eintrafen. Hier begann der Siegeszug der au\u00dfereurop\u00e4ischen Dinge, die Europa so nachhaltig ver\u00e4ndern sollten. So sorgte der Import von Nutzpflanzen in Europa nicht nur f\u00fcr neue Ern\u00e4hrungs- und Konsumgewohnheiten, sondern auch f\u00fcr eine nachhaltig ver\u00e4nderte europ\u00e4ische Kulturlandschaft insgesamt. Ich denke hier zum Beispiel an die verschiedenen Formen des Orientalismus als Modeerscheinung, an die Entwicklung der europ\u00e4ischen Tee- oder Kaffeehauskultur oder an die mit dem Tabakkonsum verbundenen kulturgeschichtlichen Folgen. Wer denkt bei dem Anblick von Tomaten schon an Amerika?<\/p>\n<p>Hafenst\u00e4dte verbinden das Meer und die K\u00fcste mit dem Hinterland. Von hier aus gelangten Waren aus Au\u00dfereuropa tief hinein in die \u201ealte Welt\u201c, wo sie teilweise verbl\u00fcffende Wirkung erzielten. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die Knopfindustrie in Th\u00fcringen, die sich darauf spezialisierte, Perlmutt aus Ozeanien zu Kn\u00f6pfen zu verarbeiten. Oder an die Schmieden in Solingen, wo ein Gro\u00dfteil der Macheten gefertigt wurden, mit denen Sklaven in der \u201eneuen\u201c Welt Zuckerrohr schnitten.<\/p>\n<div id=\"attachment_2139\" style=\"width: 532px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2139\" class=\"size-full wp-image-2139\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/9.jpg\" alt=\"\" width=\"522\" height=\"800\" \/><p id=\"caption-attachment-2139\" class=\"wp-caption-text\">Grundriss, Seitenansicht und Transaktionen des Sklavenschiffes Marie-S\u00e9raphique, um 1770 \u00a9 Ch\u00e2teau des ducs de Bretagne \u2013 Mus\u00e9e d\u2019histoire de Nantes<\/p><\/div>\n<p>Die Menschen und ihr Handeln formten die europ\u00e4ische Zivilisation, wie wir sie heute kennen. Ebenso nachhaltig beeinflussten sie den Verlauf der Weltgeschichte, jedoch nicht im Sinne einer \u201eEurop\u00e4isierung\u201c der Welt, sondern als Akteure in einem jahrhundertelangen, zumeist \u00fcber das Meer gef\u00fchrten Austauschprozess. Dieser erscheint als eine Art Dialog zwischen Europa und der Welt, welcher die Gestalt der Welt dabei ebenso formte und pr\u00e4gte wie die Europas, und dergestalt Europa und die Welt in ein neues Verh\u00e4ltnis zueinander stellte, einander n\u00e4her brachte. Das Meer diente dabei als das verbindende Element, welches die ehemals r\u00e4umlich weitgehend voneinander getrennten Erdteile vernetzte und das Schicksal der auf ihnen lebenden Menschen miteinander verkn\u00fcpfte. Dieser Globalisierungsprozess l\u00e4sst nicht nur die europ\u00e4ische Zivilisation, sondern alle daran beteiligten Zivilisationen auf der Erde als maritime Zivilisationen erscheinen. Heute scheint diese Erkenntnis anderswo auf der Welt deutlicher pr\u00e4sent zu sein als in Europa selbst.<\/p>\n<h3>Das Meer als Grenzerfahrung<\/h3>\n<p>Thomas Mann hat das Meer einmal als eine Erfahrung der Ewigkeit bezeichnet. Hier liegt wohl ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Faszination, die das Meer auf so viele Menschen gerade in Europa insbesondere seit der Romantik ausge\u00fcbt hat und immer noch aus\u00fcbt. Hinzu kommt das Spannungsfeld aus dem Wissen um das Meer und der Mischung von Gef\u00fchlen, das bei der Betrachtung des Meeres ganz unterschiedliche Reaktionen ausl\u00f6st, immer aber anziehend wirkt. Dabei d\u00fcrfte auch der Aspekt der Grenzerfahrung eine wichtige Rolle spielen. Dieser kann in vielerlei Gestalt daherkommen \u2013 als Empfindung einer vermeintlichen Grenzenlosigkeit des Meeres oder angesichts seiner unz\u00e4hmbaren Urgewalt, die vom Menschen niemals v\u00f6llig geb\u00e4ndigt werden kann. Wieder andere sehen das Meer als Br\u00fccke zu weit entfernten Ufern, wo es sich viel besser und freier leben l\u00e4sst als in der Enge europ\u00e4ischer Normen und Konventionen.<\/p>\n<p>Diese und andere Gr\u00fcnde haben Millionen von Menschen bewogen, Schiffe zu besteigen und von Europa aus \u00fcber das Meer zu fremden K\u00fcsten zu streben. Sofern sie die Seefahrt \u00fcberlebten, trugen sie europ\u00e4ische Werte und Konventionen, Wissen und Lebensweisen in alle Welt. Wer zur\u00fcckkehrte, tat dies mit Erkenntnissen und Erfahrungen, die er in der Fremde gesammelt hatte, und trug dazu bei, Wissen und Wohlstand in Europa zu mehren. Er hatte aber auch gelernt, Europa von au\u00dfen, mit den Augen der anderen zu sehen, was den Europ\u00e4ern allm\u00e4hlich zu einem besseren Verst\u00e4ndnis von sich selbst und den anderen verhalf. Europa entdeckte die Welt \u00fcber das Meer und lernte sich zugleich selber kennen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Elvert_c-privat.jpg\" width=\"140\" \/><br \/>\n<sup>\u00a9 Privat<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">J\u00fcrgen Elvert<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">J\u00fcrgen Elvert, geboren 1955, lehrt als Universit\u00e4tsprofessor Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind die Europ\u00e4ische Geschichte, die Geschichte der Europ\u00e4ischen Integration sowie die Kulturgeschichte des Meeres und der Seefahrt. Mehrere seiner B\u00fccher gelten als Standardwerke. F\u00fcr sein Projekt \u201eEuropean History in Global Context\u201c, in dem er die europ\u00e4ische Geschichte als Teil einer globalen maritimen Kulturgeschichte sieht, wurde ihm 2013 von der Europ\u00e4ischen Kommission der Ehrentitel eines Jean-Monnet-Professors f\u00fcr Europ\u00e4ische Geschichte verliehen.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Europa und das Meer<span><\/h2>\n<p>Das Meer trennt Europa vom Rest der Welt und verbindet es zugleich mit ihm. J\u00fcrgen Elvert, Professor am Historischen Institut der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln, beschreibt im Rahmen der Blogparade #DHMMeer die enge Beziehung, die die Europ\u00e4er seit Jahrhunderten zum Meer pflegen und die besonders sp\u00fcrbar in den Hafenst\u00e4dten Europas ist.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2034,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[486,1511,1058,1507,255,1509,1134],"class_list":["post-2128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-ausstellung","tag-blog","tag-blogparade","tag-dhmmeer","tag-europa","tag-europa-und-das-meer","tag-meer"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2128"}],"version-history":[{"count":13,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2404,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2128\/revisions\/2404"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2034"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}