
{"id":2356,"date":"2018-08-22T13:57:44","date_gmt":"2018-08-22T11:57:44","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2356"},"modified":"2018-08-22T14:35:55","modified_gmt":"2018-08-22T12:35:55","slug":"geschichten-aktuell-alles-fisch-oder-was","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/08\/22\/geschichten-aktuell-alles-fisch-oder-was\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Alles Fisch oder was?"},"content":{"rendered":"<h1>Alles Fisch oder was?<\/h1>\n<p><strong>Seit 2007 gibt es offiziell den Tag der Fische. Seitdem wird weltweit allj\u00e4hrlich am 22. August auf die bedrohten Fischarten und auf M\u00f6glichkeiten f\u00fcr deren Schutz aufmerksam gemacht. Auch unsere <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/europa-und-das-meer.html\">Ausstellung \u201eEuropa und das Meer\u201c<\/a> thematisiert die Rolle des Fisches als Ressource der Europ\u00e4er und als Gegenstand der Meeresforschung. Thomas Eisentraut, Kurator der Ausstellung, schreibt anl\u00e4sslich des Tags der Fische f\u00fcr den DHM-Blog. Neben der historischen Bedeutung des Fischfangs kommen dabei auch die \u00f6kologischen Probleme zur Sprache, die heute mit der \u00dcberfischung und der Verm\u00fcllung der Meere einhergehen.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Europ\u00e4er spielte der Fisch durch alle Jahrhunderte hindurch eine zentrale Rolle. Bereits vor mehr als 100.000 Jahren angelten sie in Fl\u00fcssen, Seen und Meeren. Fisch war in gro\u00dfen Mengen vorhanden, kosteng\u00fcnstig beziehbar und galt daher als \u201eArme-Leute-Essen\u201c. Seit dem <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/epochenbereiche\/500-1500.html\" target=\"_blank\">Mittelalter<\/a> kam dem Fisch zudem als Fastenspeise gro\u00dfe Bedeutung zu: In den katholischen Gebieten Europas war an Fastentagen \u2013 etwa 180 bis 200 Tage im Jahr \u2013 der Konsum von Fleisch verboten, was zu einer enormen Steigerung des Fischkonsums f\u00fchrte. Fisch wurde zur wertvollen Ressource. Der Fischfang entwickelte sich zu einem lukrativen Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<div id=\"attachment_2357\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2357\" class=\"size-large wp-image-2357\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Fleisch-und-Fischmarkt-im-Winter-Frankfurt-a.-M.-nach-1595-Deutsches-Historisches-Museum-Berlin-1024x632.jpg\" alt=\"\" width=\"956\" height=\"590\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Fleisch-und-Fischmarkt-im-Winter-Frankfurt-a.-M.-nach-1595-Deutsches-Historisches-Museum-Berlin-1024x632.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Fleisch-und-Fischmarkt-im-Winter-Frankfurt-a.-M.-nach-1595-Deutsches-Historisches-Museum-Berlin-300x185.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Fleisch-und-Fischmarkt-im-Winter-Frankfurt-a.-M.-nach-1595-Deutsches-Historisches-Museum-Berlin-768x474.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-2357\" class=\"wp-caption-text\">Lucas van Valckenborch (1535\u20131597): Fleisch- und Fischmarkt im Winter, Frankfurt a. M., nach 1595 \u00a9 Deutsches Historisches Museum, Berlin<\/p><\/div>\n<h3>Nordeuropa als Vorreiter: Fischfangmethoden und Konservierung<\/h3>\n<p>Die Fischfangmethoden in Europa unterscheiden sich stark regional und sind von den jeweiligen Besonderheiten der Gew\u00e4sser abh\u00e4ngig. Bis heute gelten die nordeurop\u00e4ischen Gew\u00e4sser als besonders fischreich. Viele Europ\u00e4er verbringen ihren Sommerurlaub in Norwegen und erfreuen sich an den gro\u00dfen Lachsfischen, die sie spielerisch leicht angeln k\u00f6nnen. Die legend\u00e4ren Heringsschw\u00e4rme wurden in den fr\u00fchneuzeitlichen Schriftquellen gar als \u201eSilber des Meeres\u201c bezeichnet. Bereits im 16. Jahrhundert dokumentierte der schwedische Bischof Olaus Magnus (1490\u20131557) die schier unvorstellbar riesigen Fischfanggr\u00fcnde rings um Skandinavien. In seiner \u201eBeschreibung der V\u00f6lker des Nordens\u201c berichtete er \u00fcber die verschiedenen Fangmethoden und die Besonderheiten einiger Fischarten und lie\u00df diese visuell mittels zahlreicher Holzstiche festhalten. Unser Wissen \u00fcber den nordeurop\u00e4ischen Fischfang in der Fr\u00fchen Neuzeit stammt gr\u00f6\u00dftenteils aus seinen Beschreibungen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2358\" style=\"width: 727px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2358\" class=\"size-large wp-image-2358\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Holzstich-\u00bbVon-gesaltzenen-gedruckneten-vnd-gereuchten-Fischen\u00ab-Rom-1555-Nasjonalbiblioteket-Oslo-717x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Holzstich-\u00bbVon-gesaltzenen-gedruckneten-vnd-gereuchten-Fischen\u00ab-Rom-1555-Nasjonalbiblioteket-Oslo-717x1024.jpg 717w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Holzstich-\u00bbVon-gesaltzenen-gedruckneten-vnd-gereuchten-Fischen\u00ab-Rom-1555-Nasjonalbiblioteket-Oslo-210x300.jpg 210w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Holzstich-\u00bbVon-gesaltzenen-gedruckneten-vnd-gereuchten-Fischen\u00ab-Rom-1555-Nasjonalbiblioteket-Oslo-768x1098.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><p id=\"caption-attachment-2358\" class=\"wp-caption-text\">Olaus Magnus (1490\u20131557): Holzstich \u00bbVon gesaltzenen, gedruckneten vnd gereuchten Fischen\u00ab, Rom, 1555 \u00a9 Nasjonalbiblioteket, Oslo<\/p><\/div>\n<p>Der frisch gefangene Fisch musste f\u00fcr den Transport ins Hinterland und den dortigen Verkauf haltbar gemacht werden. Verschiedene Konservierungsmethoden konnten sich schlie\u00dflich durchsetzen: Der gesalzene, der luftgetrocknete und der ger\u00e4ucherte Fisch.<\/p>\n<h3>Vom Stockfisch zu den Kabeljaukriegen<\/h3>\n<p>Insbesondere der an der Luft getrocknete Stockfisch \u2013 vorrangig Kabeljau, Schellfisch, Seelachs oder Lengfisch \u2013 wird seit dem 8. Jahrhundert in einem immer gleichen Verfahren auf den norwegischen Lofoten verarbeitet. Jeweils zwei Fische wurden paarweise an den Schwanzflossen zusammengebunden und an einem Holzger\u00fcst (norwegisch stokk) aufgeh\u00e4ngt. Die klimatischen Verh\u00e4ltnisse auf den Lofoten eigneten sich hervorragend f\u00fcr dieses Verfahren, boten sie doch konstante Wetterbedingungen mit ausreichend Sonnenschein, Wind und gleichbleibenden Temperaturen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2359\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2359\" class=\"size-large wp-image-2359\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Aufgeh\u00e4ngter-Kabeljau-der-durch-Trocknen-zu-Stockfisch-wird-Reine-1024x772.jpg\" alt=\"\" width=\"956\" height=\"721\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Aufgeh\u00e4ngter-Kabeljau-der-durch-Trocknen-zu-Stockfisch-wird-Reine-1024x772.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Aufgeh\u00e4ngter-Kabeljau-der-durch-Trocknen-zu-Stockfisch-wird-Reine-300x226.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Aufgeh\u00e4ngter-Kabeljau-der-durch-Trocknen-zu-Stockfisch-wird-Reine-768x579.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-2359\" class=\"wp-caption-text\">Aufgeh\u00e4ngter Kabeljau, der durch Trocknen zu Stockfisch wird, Reine (Lofoten, Norwegen), 1924 \u00a9 The Norwegian Fisheries Museum, Bergen<\/p><\/div>\n<p>Nach mehreren Wochen war der Fisch gut konserviert und bis zu f\u00fcnf Jahre haltbar. Stockfisch lie\u00df sich stapeln und war daher kosteng\u00fcnstig zu transportieren. Bereits die Wikinger liebten und a\u00dfen ihn in gro\u00dfen Mengen, galt er doch als nahrhafte Bordspeise auf den langen Seefahrten. Doch auch die Hanseaten erkannten den wirtschaftlichen Wert des Stockfisches. Sie erhielten das k\u00f6nigliche Monopol f\u00fcr den Stockfischhandel und verschifften den Fisch von der norwegischen Hafenstadt Bergen nach ganz Europa.<\/p>\n<p>Wie wichtig der Fischfang sowohl aus nahrungstechnischen als auch aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden ist, zeigt sich daran, dass zeitweise Krieg um Fischfanggebiete gef\u00fchrt wurde. In Erinnerung geblieben sind die sogenannten Kabeljaukriege in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1958 und 1975 kam es mehrfach zum Konflikt zwischen Island und dem Vereinigten K\u00f6nigreich. Anlass der Streitigkeiten war die Ausweitung der isl\u00e4ndischen Fischereigrenzen zu Ungunsten ausl\u00e4ndischer Fischer. Island gelang es schrittweise seine Ausschlie\u00dfliche Wirtschaftszone (AZW) von vier Seemeilen auf 200 Seemeilen auszuweiten. Seit dem Seerechts\u00fcbereinkommen der Vereinten Nationen im Dezember 1982 gilt international die 200-Seemeilen-Zone als Fischereigrenze. Die Fischfanggr\u00fcnde wurden folglich stetig ausgeweitet.<\/p>\n<h3>Die Zukunft der weltweiten Fischbest\u00e4nde \u2013 bald mehr Plastik als Fisch?<\/h3>\n<p>Der nat\u00fcrliche Lebensraum der Fische verkleinert sich zunehmend. Heute ist die Menschheit theoretisch in der Lage s\u00e4mtliche Fischbest\u00e4nde in den Meeren zu fangen. Dazu beigetragen hat die Erfindung von modernen technischen Fangger\u00e4ten. Riesige Schleppnetze zerst\u00f6rten dabei jedoch die Flora und Fauna in den Meeren auf lange Sicht. Fischschw\u00e4rme werden heute mittels Sonartechnik gezielt gesucht und gejagt. Forscher ermittelten f\u00fcr das Jahr 2013, dass 31 Prozent der weltweiten Meeresfische \u00fcberfischt waren, 58 Prozent vollst\u00e4ndig befischt und nur 10 Prozent der Fischbest\u00e4nde noch nicht \u00fcber ihre Grenzen befischt worden waren.<\/p>\n<p>Zudem schwimmen jeden Tag mehr und mehr Plastikabf\u00e4lle in den Meeren. Wissenschaftliche Studien besagen, dass im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch in den Weltmeeren schwimmen k\u00f6nnte. Neben der \u00f6kologischen Aquakultur wird auf lange Sicht nur ein nachhaltiger Fischfang daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnen, dass die Artenvielfalt und die maritime Ressource Fisch erhalten bleibt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Foto-Thomas.jpg\" width=\"140\" \/><br \/>\n<sup>\u00a9 Privat<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Thomas Eisentraut<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Der Historiker Thomas Eisentraut, M.A. studierte Geschichte und Skandinavistik an den Universit\u00e4ten Greifswald und Kiel und ist Kurator der <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/europa-und-das-meer.html\" target=\"_blank\">Ausstellung \u201eEuropa und das Meer\u201c<\/a>.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Alles Fisch oder was?<span><\/h2>\n<p>Seit 2007 gibt es offiziell den Tag der Fische. Seitdem wird weltweit allj\u00e4hrlich am 22. August auf die bedrohten Fischarten und auf M\u00f6glichkeiten f\u00fcr deren Schutz aufmerksam gemacht. Auch unsere Ausstellung \u201eEuropa und das Meer\u201c thematisiert die Rolle des Fisches als Ressource der Europ\u00e4er und als Gegenstand der Meeresforschung. Thomas Eisentraut, Kurator der Ausstellung, schreibt anl\u00e4sslich des Tags der Fische f\u00fcr den DHM-Blog. Neben der historischen Bedeutung des Fischfangs kommen dabei auch die \u00f6kologischen Probleme zur Sprache, die heute mit der \u00dcberfischung und der Verm\u00fcllung der Meere einhergehen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2361,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1507,1509,1574,1134,1572],"class_list":["post-2356","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-dhmmeer","tag-europa-und-das-meer","tag-fisch","tag-meer","tag-tag-der-fische"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2356"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2373,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2356\/revisions\/2373"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2361"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}