
{"id":2495,"date":"2018-10-12T11:08:14","date_gmt":"2018-10-12T09:08:14","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2495"},"modified":"2018-10-15T10:18:13","modified_gmt":"2018-10-15T08:18:13","slug":"geschichten-aktuell-der-tag-des-kolumbus","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/10\/12\/geschichten-aktuell-der-tag-des-kolumbus\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Der Tag des Kolumbus"},"content":{"rendered":"<h1>Geschichte(n) aktuell: Der Tag des Kolumbus<\/h1>\n<p><strong>Am 12. Oktober 1492 landete Christoph Kolumbus auf der Insel Guanahani, die heute zu den Bahamas geh\u00f6rt. Warum dieser Tag noch immer erinnert wird und in Spanien Nationalfeiertag ist, erz\u00e4hlt die Historikerin Christiana Brennecke, die in unserer Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/europa-und-das-meer.html\" target=\"_blank\"><em>Europa und das Meer<\/em><\/a> die Sektion zur europ\u00e4ischen Expansion kuratiert hat.<\/strong><\/p>\n<p>Klein und unscheinbar liegt er da, der erste Brief, den Christoph Kolumbus \u00fcber seine Entdeckungen im Atlantik verfasste. Der lateinische Erstdruck des in spanischer Sprache geschriebenen Briefes aus dem Jahre 1493 markiert in der Ausstellung <em>Europa und das Meer<\/em> den Moment, in dem die Nachricht von der europ\u00e4ischen Entdeckung Amerikas in Europa publik wurde und sich dank des florierenden Buchdrucks in gro\u00dfer Geschwindigkeit verbreitete. Von \u201eAmerika\u201c bzw. einem neuen Kontinent ist hier zwar noch keine Rede, da Kolumbus bis zu seinem Tod 1506 glaubte, in Asien gewesen zu sein. Auch wissen wir heute, dass Kolumbus keineswegs der Erste war, der jenseits des Atlantiks auf Land traf. Doch die Bedeutung der ersten Kolumbus-Reise und ihrer schnellen Bekanntmachung ist unumstritten, wirkten die Nachrichten doch als wesentlicher Katalysator f\u00fcr das weitere Ausgreifen Europas in die Welt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2497\" style=\"width: 697px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2497\" class=\"wp-image-2497 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/RA000148.jpg\" alt=\"Epistola de insulis nuper inventis: Brief des Christoph Kolumbus an Luis de Sant\u00e1ngel, Verwalter der Privatschatulle Ferdinands von Spanien, nach dem 23.4.1493, Inv. Nr. R 53\/2894, \u00a9 DHM\" width=\"687\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/RA000148.jpg 687w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/RA000148-206x300.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 687px) 100vw, 687px\" \/><p id=\"caption-attachment-2497\" class=\"wp-caption-text\">Epistola de insulis nuper inventis: Brief des Christoph Kolumbus an Luis de Sant\u00e1ngel, Verwalter der Privatschatulle Ferdinands von Spanien, nach dem 23.4.1493, Inv. Nr. R 53\/2894, \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Der 12. Oktober 1492 im Spiegel der Zeit<\/h3>\n<p>In seinem Buch \u201eKolumbus und der Tag von Guanahani. 1492: Ein Wendepunkt der Geschichte\u201c hat der Historiker Stefan Rinke, Professor am Lateinamerika-Institut der Freien Universit\u00e4t Berlin, die Bedeutung des 12. Oktober 1492 f\u00fcr die Weltgeschichte nachgezeichnet und untersucht, wie das Ereignis von den Zeitgenossen und nachfolgenden Generationen interpretiert wurde. Das Bewusstsein, dass am 12. Oktober 1492 etwas \u201eNeues\u201c begann, das mit den althergebrachten Weltvorstellungen nur schwer in Einklang zu bringen war, ist bereits fr\u00fch in europ\u00e4ischen Quellen zu finden. Eine wichtige Best\u00e4tigung fand es durch die Erkenntnis von Amerigo Vespucci (1451-1512), dass es sich bei den entdeckten Gebieten um einen neuen Kontinent handelte. Die Wahrnehmung und Einordnung der Geschehnisse als Epochenwende entstand jedoch erst im Laufe der Jahrhunderte und war eng an das Fortschreiten der europ\u00e4ischen Expansion und ihre weitgreifenden Folgen gekoppelt. Kolumbus selbst geriet dabei zun\u00e4chst eher in Vergessenheit. Als Namenspatron f\u00fcr den neuen Kontinent setzte sich Amerigo Vespucci durch. Dar\u00fcber hinaus \u00fcberlagerten bereits vor Kolumbus\u2018 fr\u00fchem Tod drei weniger erfolgreiche Expeditionen die Erfolgsnachrichten seiner ersten Reise. Doch mit der Zeit \u2013 und mit zunehmender \u00d6ffnung der spanischen Archive \u2013 kehrte Kolumbus zur\u00fcck ins \u00f6ffentliche Bewusstsein und wurde weltweit zum Sinnbild f\u00fcr die europ\u00e4ische Expansion des 15. und 16. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die Bewertung seiner Figur und seiner Leistung hing dabei nicht nur vom Wissensstand ab. Sie war an den jeweiligen Zeitgeist und politischen Kontext gebunden. W\u00e4hrend die Vereinigten Staaten von Amerika mit der Unabh\u00e4ngigkeit von der britischen Krone ihr eigenes Narrativ entwickelten und Kolumbus in ihre Nationalmythen integrierten, war die Auseinandersetzung in Europa und in Mittel- und S\u00fcdamerika eng mit dem Blick auf die spanische Expansion an sich verkn\u00fcpft. Sp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung von Bartolom\u00e9 de Las Casas Schrift <em>Kurzgefasster Bericht von der Verw\u00fcstung der Westindischen L\u00e4nder<\/em> (Sevilla, 1552), die die Kolonialmacht Spanien an den Pranger stellte, waren Kolumbus und der 12. Oktober nicht mehr losgel\u00f6st von den Folgen der Expansion zu betrachten. Zur Interpretation des Geschehens als spanische, europ\u00e4ische oder christliche Erfolgsgeschichte gesellten sich seitdem immer wieder auch kritische Stimmen, die die Legitimit\u00e4t der Expansion in Frage stellten. Es sollte jedoch noch lange dauern, ehe diese Kritik breit und \u00f6ffentlich diskutiert wurde. Letztlich setzten erst im Zusammenhang mit den Vorbereitungen f\u00fcr die 500-Jahr-Feier 1992 heftige Auseinandersetzungen \u00fcber die eurozentrische Interpretation des Geschehens und \u00fcber Begrifflichkeiten wie \u201eEntdeckung Amerikas\u201c ein.<\/p>\n<div id=\"attachment_2505\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2505\" class=\"size-full wp-image-2505\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/R554087.2.jpg\" alt=\"Bartolom\u00e9 de Las Casas: Bericht \u00fcber die gewaltsame Eroberung S\u00fcdamerikas durch die Spanier, Heidelberg, 1665, R55\/4087.2 \u00a9 DHM\" width=\"673\" height=\"899\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/R554087.2.jpg 673w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/R554087.2-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 673px) 100vw, 673px\" \/><p id=\"caption-attachment-2505\" class=\"wp-caption-text\">Bartolom\u00e9 de Las Casas: Bericht \u00fcber die gewaltsame Eroberung S\u00fcdamerikas durch die Spanier, Heidelberg, 1665, R55\/4087.2 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Columbus Day, Indigenous Peoples Day und Fiesta Nacional de Espa\u00f1a \u2013 wie heute an den 12. Oktober erinnert wird<\/h3>\n<p>Die sich wandelnde Interpretation des 12. Oktobers 1492 spiegelt sich bis heute in der Existenz ganz unterschiedlich bezeichneter Gedenktage wieder. In den USA, wo der 12. Oktober seit Beginn des 20. Jahrhunderts als \u201eKolumbus Tag\u201c (<em>Columbus Day<\/em>) begangen wurde, wird heute in vielen Regionen mit der Bezeichnung \u201eTag der Indigenen V\u00f6lker\u201c (<em>Indigenous Peoples Day<\/em>) an die Rechte der indigenen V\u00f6lker erinnert, die infolge des 12. Oktobers 1492 unterdr\u00fcckt oder gar ausgel\u00f6scht wurden. In Mittel- und S\u00fcdamerika wiederum wurde der Tag zu Beginn des 21. Jahrhunderts vom \u201eTag der Rasse\u201c (<em>D\u00eda de la Raza<\/em>) zum \u201eTag der Begegnung zweier Welten\u201c (<em>D\u00eda del Encuentro de Dos Mundos<\/em>), zum \u201eTag des indigenen Widerstandes\u201c (<em>D\u00eda de la Resistencia Ind\u00edgena<\/em>) oder zum \u201eTag des Respekts vor der kulturellen Diversit\u00e4t\u201c (<em>D\u00eda del Respeto a la Diversidad Cultural<\/em>) \u2013 um nur einige der heute existierenden Bezeichnungen f\u00fcr den 12. Oktober zu nennen.<\/p>\n<p>Und in Spanien? Auch die einstige Kolonialmacht, in deren Auftrag Kolumbus 1492 seine Reise antrat, blickt inzwischen differenzierter auf ihre Vergangenheit. Die Bedeutung des 12. Oktober 1492 f\u00fcr die spanische Monarchie schl\u00e4gt sich jedoch bis heute dergestalt nieder, dass Spanien am 12. Oktober seinen Nationalfeiertag (<em>Fiesta Nacional de Espa\u00f1a<\/em>) begeht. Auch hier firmierte der Tag lange unter der Bezeichnung \u201eTag der Rasse\u201c oder \u201eTag der Hispanit\u00e4t\u201c (<em>D\u00eda de la Hispanidad<\/em>), um die gemeinsamen Wurzeln mit den inzwischen unabh\u00e4ngigen Kolonien in Amerika zu betonen. Per Gesetz vom 7. Oktober 1987 wurde er dann offiziell zum Nationalfeiertag umbenannt. Die Begr\u00fcndung hierf\u00fcr nimmt \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 Bezug auf den historischen Jahrestag, spiegelt allerdings allein die spanische Perspektive: Ohne auf die gravierenden Folgen der Expansion einzugehen, hei\u00dft es hier leicht abstrakt, der 12. Oktober 1492 symbolisiere den Moment, in dem der sich formierende spanische Nationalstaat einen Prozess der linguistischen und kulturellen Projektion jenseits der europ\u00e4ischen Grenzen anst\u00f6\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Geschichte(n) aktuell: Der Tag des Kolumbus<span><\/h2>\n<p>Am 12. 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