
{"id":2529,"date":"2018-10-30T11:57:38","date_gmt":"2018-10-30T10:57:38","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2529"},"modified":"2019-04-16T12:21:58","modified_gmt":"2019-04-16T10:21:58","slug":"das-sparbuch-der-anna-gleiss","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/10\/30\/das-sparbuch-der-anna-gleiss\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Das Sparbuch der Anna Glei\u00df"},"content":{"rendered":"<h1>Das Sparbuch der Anna Glei\u00df<\/h1>\n<p><strong>In der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/sparen?nomobile=1\" target=\"_blank\">\u201eSparen \u2013 Geschichte einer deutschen Tugend\u201c<\/a>, die noch bis zum 4. November 2018 zu sehen ist, findet sich das scheinbar unspektakul\u00e4re Sparbuch der Anna Sophia Henriette Glei\u00df. Wieso es aber ein wichtiges Zeugnis der fr\u00fchen Sparbewegung ist, erl\u00e4utert Maike Schimanowski in der Rubrik <a href=\"\/blog\/tag\/Wozu-das-denn\/\" target=\"_blank\">\u201eWozu das denn?\u201c<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Woran hat die kleine Anna Sophia Henriette von Glei\u00df wohl gedacht, als sie mit zehn Jahren von ihrem Vater ein Sparbuch geschenkt bekam? Eingezahlt waren bereits 10 Mark, was h\u00e4tte sie sich davon alles kaufen k\u00f6nnen, damals 1826? Doch sie sparte und ihr Vater, ein Mit-Gr\u00fcnder der Pl\u00f6ner Sparkasse, zahlte jedes Jahr Geld auf dieses Sparbuch ein.<\/p>\n<div id=\"attachment_2536\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2536\" class=\"wp-image-2536 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_2.jpg\" alt=\"Sparbuch der Spar- und Leihkasse Pl\u00f6n f\u00fcr Anna Sophia Henriette Glei\u00df, 1826\u20131847 \u00a9 Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum\" width=\"1000\" height=\"764\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_2.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_2-300x229.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_2-768x587.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-2536\" class=\"wp-caption-text\">Sparbuch der Spar- und Leihkasse Pl\u00f6n f\u00fcr Anna Sophia Henriette Glei\u00df, 1826\u20131847 \u00a9 Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum<\/p><\/div>\n<p>Als 1826 die Sparkasse im damaligen d\u00e4nischen Herzogtum Schleswig-Holstein-Pl\u00f6n von privaten Aktion\u00e4ren gegr\u00fcndet wurde, hie\u00df es im \u201ePlan zur Gr\u00fcndung einer Spar- und Leih-Kasse in der Stadt Pl\u00f6n\u201c:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>\u201eDie Sparkasse soll jedem Einwohner der Stadt Ploen und Umgegend, ohne Unterschied des Standes und Alters, Gelegenheit geben, seinen Sparpfennig bey ihr niederzulegen.\u201c<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Gerade die Wenig-Verdienenden, Gewerbetreibenden und anderweitigen Geldbed\u00fcrftigen waren demnach willkommen und aufgerufen das Beiseite-Gelegte nicht mehr zu horten, also unangetastet beiseite zu legen, sondern institutionell zu sparen. Dabei lag der besondere Vorteil der Er\u00f6ffnung eines Sparkontos darin, mit dem Eingezahlten Zinsen zu erwirtschaften.<\/p>\n<p>Die \u00dcberzeugung, die sich zwischen den Zeilen des Gr\u00fcndungsplans herauslesen l\u00e4sst, ist, dass es jede Menge Kleinverdiener \u2013 \u201eUnbemittelte\u201c \u2013 gab, die einen finanziellen \u00dcberschuss erarbeiteten und diesen bisher nur in ihren Sparstr\u00fcmpfen aufbewahrten. Eine Annahme, die sich in den Gr\u00fcndungsakten mehrerer fr\u00fcher Sparkassen findet, Armut nicht mehr als gottgegebenes Schicksal versteht. Der vernunftbegabte Mensch sei nach Immanuel Kant in der Lage, sich selbst\u00e4ndig und selbstverantwortlich aus einer misslichen Lage zu emanzipieren und so eine individuelle finanzielle Vorsorge anzulegen. Der soziale Aufstieg sollte also in Aus\u00fcbung von Flei\u00df und Sparsamkeit \u2013 den b\u00fcrgerlichen Tugenden \u2013 erreichbar werden. Die Unterst\u00fctzung der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten basierte auf einer grundlegenden Erwartung, \u201ewobey man hoffet, da\u00df sie (die \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten) diese ihnen verschaffte Bequemlichkeit sich zur Aufmunterung gereichen lassen m\u00f6gen, um durch Flei\u00df und Sparsamkeit dem Staate n\u00fctzlich und wichtig zu werden\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Annas Mutter starb nach schwerer Krankheit schon 1832. Mit nur 16 Jahren sorgte das M\u00e4dchen von nun an wahrscheinlich f\u00fcr die Geschwister und den Vater. Im M\u00e4rz des Jahres 1836 schlie\u00dflich starb auch der Vater, der Zollverwalter Caspar Diedrich von Glei\u00df, nach achtt\u00e4giger Krankheit an der \u201egaloppierenden Schwindsucht\u201c \u2013 der Lungentuberkulose. \u00a0Anna und ihre Geschwister wurden nun zwei Jahre lang vormundschaftlich von der Stadt Neustadt in Holstein betreut und erhielten finanzielle Unterst\u00fctzung. Die Stadt erlebte Anfang des 19. Jahrhunderts durch den Hafen und Getreidehandel einen wirtschaftlichen Aufschwung.<\/p>\n<p>Nach dem Ende der Vormundschaft ab 1838 waren die Glei\u00df\u2018schen Kinder auf sich alleine gestellt. Trotzdem dauerte es noch rund 10 Jahre, bis Anna Sophia Henriette von Glei\u00df am 7. Juli 1847 an ihren \u201eNotgroschen\u201c in H\u00f6he von 98,90 Mark gehen musste. Das Fr\u00e4ulein von Glei\u00df war 31 Jahre alt und lebte mittlerweile wahrscheinlich ledig im aufstrebenden Neustadt. Sie hatte in den zehn Jahren nach dem Tod ihres Vaters keine einzige Mark von ihrem Lohn auf das Sparkonto einzahlen k\u00f6nnen. Anzunehmen ist, dass sie auch die knapp hundert Mark sorgf\u00e4ltig einteilen musste.<\/p>\n<div id=\"attachment_2537\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2537\" class=\"wp-image-2537 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_3.jpg\" alt=\"Sparbuch der Spar- und Leihkasse Pl\u00f6n f\u00fcr Anna Sophia Henriette Glei\u00df, 1826\u20131847 \u00a9 Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum\" width=\"1000\" height=\"763\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_3.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_3-300x229.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Conto-Buch-Ploen-1826_3-768x586.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-2537\" class=\"wp-caption-text\">Sparbuch der Spar- und Leihkasse Pl\u00f6n f\u00fcr Anna Sophia Henriette Glei\u00df, 1826\u20131847 \u00a9 Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum<\/p><\/div>\n<p>Nach der Pariser Februarrevolution 1848 kam es in ganz Europa zu politischen Unruhen, und in vielen deutschen Staaten brach die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/vormaerz-und-revolution\/revolution-1848.html\" target=\"_blank\">M\u00e4rz-Revolution<\/a> aus. Auch im d\u00e4nischen Gesamtstaat \u00fcberschlugen sich die Ereignisse: Im Juli 1848 begann die Schleswig-Holsteinische Erhebung der deutschen Nationalbewegung in den Herzogt\u00fcmern Schleswig und Holstein mit dem K\u00f6nigreich D\u00e4nemark. Not, Gl\u00fcck oder Voraussicht hatten Anna Glei\u00df dazu bewegt, ein Jahr vor Beginn des dreij\u00e4hrigen Krieges gegen das K\u00f6nigreich D\u00e4nemark ihr Geld von der Bank abzuheben und das Konto aufzul\u00f6sen. Zinsen in H\u00f6he von 35 Mark und 10 Schilling hatte sie erhalten. Ihr geringer Lohn erlaubte es ihr wahrscheinlich nicht, das Konto weiterzuf\u00fchren. \u00a0Mit der Kontoschlie\u00dfung verlieren sich die Spuren der Anna Henriette Sophie Glei\u00df.<\/p>\n<h3>Nachweise<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Stadtarchiv Pl\u00f6n, Akte 701: P.S. Sch\u00f6nfeldt (k\u00f6nigl. privil. Buchdrucker): Plan zur Gr\u00fcndung einer Spar- und Leih-Kasse in der Stadt Ploen, Itzehoe 1825, S. 5 \u00a7 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zit. Nach Josef Wysocki: Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der deutschen Sparkassen im 19. Jahrhundert (Forschungsberichte der Gesellschaft zur F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Forschung \u00fcber das Spar- und Girowesen e.V., Bd. 11), Stuttgart 1980, S. 198.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Das Sparbuch der Anna Glei\u00df<span><\/h2>\n<p>In der Ausstellung \u201eSparen \u2013 Geschichte einer deutschen Tugend\u201c, die noch bis zum 4. November 2018 zu sehen ist, findet sich das scheinbar unspektakul\u00e4re Sparbuch der Anna Sophia Henriette Glei\u00df. 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