
{"id":2649,"date":"2018-12-10T15:52:48","date_gmt":"2018-12-10T14:52:48","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2649"},"modified":"2018-12-10T16:21:16","modified_gmt":"2018-12-10T15:21:16","slug":"was-sind-menschenrechte","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/12\/10\/was-sind-menschenrechte\/","title":{"rendered":"Geschichte(n) aktuell: Was sind Menschenrechte?"},"content":{"rendered":"<h1>Was sind Menschenrechte?<\/h1>\n<p><strong>Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, stimmte die gro\u00dfe Mehrheit der Vereinten Nationen f\u00fcr die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte. Unser Autor, der Historiker Robert Kluth, erkl\u00e4rt, wie es zu der Deklaration kam und fragt sich, warum diese wertvolle Errungenschaft nur so wenigen Menschen in Deutschland bekannt ist.<\/strong><\/p>\n<p>Von den Menschenrechten hat beinahe die H\u00e4lfte der deutschen Bev\u00f6lkerung kaum oder gar keine Ahnung. Bei einer aktuellen, repr\u00e4sentativen <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/889653\/umfrage\/weltweite-umfrage-zum-wissen-ueber-die-menschenrechte\/\" target=\"_blank\">Umfrage<\/a> gaben 48 Prozent der Befragten an, \u201enur ein geringes oder gar kein Wissen zu den Menschenrechten&#8220; zu haben.<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\"><\/a> Gleichzeitig werden zu aktuellen Debatten immer wieder die Menschenrechte benannt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2650\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2650\" class=\"wp-image-2650 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/ZD040302-1024x753.jpg\" alt=\" Transparent der Initiative &quot;Moabit hilft&quot;, von einer Demonstration auf dem Gel\u00e4nde der LaGeSo (Senatsverwaltung f\u00fcr Gesundheit und Soziales), Berlin, Januar 2016 \u00a9 DHM\" width=\"956\" height=\"703\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/ZD040302-1024x753.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/ZD040302-300x221.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/ZD040302-768x565.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/ZD040302.jpg 1469w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-2650\" class=\"wp-caption-text\">Transparent der Initiative &#8222;Moabit hilft&#8220;, von einer Demonstration auf dem Gel\u00e4nde der LaGeSo (Senatsverwaltung f\u00fcr Gesundheit und Soziales), Berlin, Januar 2016 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Wieso aber sprechen wir\u00a0 \u00fcber etwas, wor\u00fcber mehr als die H\u00e4lfte der Deutschen nach eigenen Angaben eigentlich nichts wei\u00df?<\/p>\n<h3>Der einzelne Mensch ist wichtiger als der Staat oder die Gemeinschaft<\/h3>\n<p>Vor genau 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) die Deklaration der allgemeinen Menschenrechte.<\/p>\n<div id=\"attachment_2652\" style=\"width: 524px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2652\" class=\"size-large wp-image-2652\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/D2A02819-514x1024.jpg\" alt=\"Flugschrift mit dem Text der &quot;Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte&quot;, verk\u00fcndet durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948, Schweiz, 10.12.1948 \u00a9 DHM\" width=\"514\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/D2A02819-514x1024.jpg 514w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/D2A02819-150x300.jpg 150w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/D2A02819-768x1531.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/D2A02819.jpg 1244w\" sizes=\"auto, (max-width: 514px) 100vw, 514px\" \/><p id=\"caption-attachment-2652\" class=\"wp-caption-text\">Flugschrift mit dem Text der &#8222;Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte&#8220;, verk\u00fcndet durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948, Schweiz, 10.12.1948 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.un.org\/depts\/german\/menschenrechte\/aemr.pdf\" target=\"_blank\">Erkl\u00e4rung<\/a> stellte in Artikel 1 fest:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eAlle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde und Rechten geboren.&#8220; <\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Menschsein ist ein hinreichender Grund f\u00fcr Gleichbehandlung, egal, wo er oder sie herkommt, egal, welchen Geschlechts, egal, welches Alter er oder sie hat. Menschenrecht bedeutet, so der Journalist Martin Klingst, \u201edass jeder Mensch sein eigenes Leben f\u00fchren und eigene Entscheidungen treffen darf. Kurzum: Er hat das Recht, ein eigener Mensch zu sein.&#8220; Die drei\u00dfig Artikel der Deklaration schreiben darum unter anderem das Recht auf Leben, Freiheit, Asyl, freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Religionsfreiheit, Privatsph\u00e4re, Gesundheit, Ern\u00e4hrung, angemessenen Wohnraum aber auch auf Arbeit und Urlaub fest. Die gro\u00dfe Mehrheit der UNO-Vollversammlung stimmte f\u00fcr die Deklaration mit 48 Ja-Stimmen und 8 Enthaltungen. Damit stimmten die Regierungen zu, ihrer eigenen Macht Grenzen zu setzen.<\/p>\n<p>Bis zum Zweiten Weltkrieg war es v\u00f6lkerrechtlicher Konsens, dass Staaten sich nicht in die Belange von anderen einzumischen haben. Der einzelne Staat galt als souver\u00e4n. Doch die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/zweiter-weltkrieg\/holocaust\" target=\"_blank\">Verbrechen Nazi-Deutschlands und des Zweiten Weltkriegs<\/a> hatten deutlich gemacht, dass der Nationalstaat als Garant von B\u00fcrgerrechten versagt hatte. Die Deklaration von 1948 stellte darum eine radikale Z\u00e4sur im V\u00f6lkerrecht dar. Zum ersten Mal wurde das Individuum als Tr\u00e4ger von Rechten und Pflichten festgestellt. Die Menschenrechte sch\u00fctzen den einzelnen Menschen vor dem eigenen Staat.<\/p>\n<h3>Woher kommt das Menschenrecht, wenn kein Mensch es macht?<\/h3>\n<p>Historisch gesehen sind die Menschenrechte westlichen Ursprungs. Zwar finden sich \u00e4hnliche Prinzipien auch in allen Weltreligionen, aber die Menschenrechte selbst wurden erst Ende des 18. Jahrhunderts in der amerikanischen und franz\u00f6sischen Revolution ausformuliert. Die Franz\u00f6sische Revolution im Jahr 1789 mit der Erkl\u00e4rung der Allgemeinen Menschenrechte \u00e4nderte alles \u2013 auch in Deutschland. Lange str\u00e4ubte man sich gegen diese Rechte.<\/p>\n<p>Radikal neu an der Idee der Menschenrechte waren zwei grundlegende \u00dcberlegungen. Erstens: der einzelne Mensch, das Individuum, geht der Gemeinschaft voraus. Die Gemeinschaft entsteht erst logisch nach dem einzelnen Individuum. Und zweitens: Es ist vern\u00fcnftig, ein allgemeines Menschenrecht anzunehmen, da es ansonsten kein friedliches Zusammenleben geben kann.<br \/>\nDie entscheidenden philosophischen Gedanken stammen aus dem 17. Jahrhundert, aus der Zeit der Aufkl\u00e4rung. Kurz nach der englischen \u201eGlorious Revolution&#8220; erschien 1690 das Buch <em>\u00dcber die Regierung <\/em>des Philosophen John Locke.<\/p>\n<div id=\"attachment_2654\" style=\"width: 509px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2654\" class=\"size-full wp-image-2654\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/GR107447.jpg\" alt=\"Portr\u00e4t des Philosophen John Locke, 1651\/1675 \u00a9 DHM\" width=\"499\" height=\"885\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/GR107447.jpg 499w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/GR107447-169x300.jpg 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><p id=\"caption-attachment-2654\" class=\"wp-caption-text\">Portr\u00e4t des Philosophen John Locke, 1651\/1675 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Hierin denkt Locke \u00fcber die <em>Natur des Menschen<\/em> nach: Was ist der Mensch <em>eigentlich<\/em> und was macht ihn aus? Den Menschen stellt er sich dabei im \u201eNaturzustand&#8220; vor, ohne Herrschaft, soziale Bindungen oder Staat. In diesem Zustand sind nach Locke alle Menschen frei und gleich. Diese urspr\u00fcngliche Freiheit und Gleichheit nennt Locke \u201eNaturrecht&#8220;. Da im Naturzustand jedoch keine Regelverst\u00f6\u00dfe geahndet werden k\u00f6nnen, ist es f\u00fcr Locke vern\u00fcnftig, dass die Menschen den Naturzustand verlassen und sich \u201ezu einer Gesellschaft zusammenzuschlie\u00dfen&#8220;.<\/p>\n<p>Die entstehende Gemeinschaft &#8211; der Staat &#8211; ist daf\u00fcr da, die Naturrechte f\u00fcr jeden Einzelnen zu garantieren: In ihm werden Leben, Gesundheit, Freiheit und Besitz der Mitmenschen respektiert und gesch\u00fctzt. Kommt es zum Regel\u00fcbertritt wird dieser nun von der h\u00f6heren Gerichtsbarkeit gekl\u00e4rt und bestraft. Der Staat ist nur ein Vehikel, um die Naturrechte zu sichern. Die Naturrechte gehen jeder Staatlichkeit und auch jeder Kultur voraus &#8211; sie liegen, laut Locke, in der Natur des Menschen begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Bis heute sind Lockes Gedanken f\u00fcr die Menschenrechte konstitutiv: Seine Philosophie des Naturrechts ist <em>das <\/em>Vorbild f\u00fcr die \u201eDeclaration of Rights\u201c der USA aus dem Jahr 1776. Jede Bewohnerin oder jeder Bewohner der entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika sollte diese Idee verstehen. Darum wurde f\u00fcr die deutschsprachigen Einwandererinnen und Einwanderer die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung auch in Deutsch gedruckt und verbreitet. Einer dieser Erstdrucke <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/archiv\/magazine\/unabhaengig\/\" target=\"_blank\">der deutschen Erkl\u00e4rung<\/a> ist in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/?nomobile=1\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums zu sehen.<\/p>\n<h3>Ein &#8211; zwei &#8211; viele &#8211; Menschenrechte<\/h3>\n<p>Nach ihrer Deklaration 1948 wurden die Menschenrechte zur \u201epolitisch m\u00e4chtigsten Idee der Gegenwart&#8220;, so der Staatsrechtler Josef Isensee. 1993, auf der UN-Weltmenschenrechtstagung, unterzeichneten 171 von 186 UN-Mitgliedern den Satz<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>\u201eAlle Menschenrechte sind universal, unteilbar, bedingen einander und bilden einen Sinnzusammenhang&#8220;.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Mittlerweile sind die Menschenrechte umfangreich geworden. Die sogenannten Abwehrrechte gegen\u00fcber dem Staat &#8211; von denen Locke sprach -, gelten heute als Mindeststandard: Wenn ein Mensch seiner Freiheit beraubt wird, also ins Gef\u00e4ngnis kommt, muss dies begr\u00fcndet werden. Mit der Idee des Kommunismus entstanden die Menschenrechte der \u201ezweiten Generation&#8220;. Sie schreiben kulturelle und soziale Teilhaberechte f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger fest. Heute gelten sie oft als Angelegenheit der Staaten gegen\u00fcber ihren B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern. Mit der Dekolonisierung und dem Versuch, die desolate Lage der Entwicklungsl\u00e4nder zu \u00fcberwinden, entstand eine Debatte um Recht auf Entwicklung, Frieden und Selbstbestimmung. Sie gingen als Menschenrechte der \u201edritten Generation&#8220; in den 1960er Jahren in die Bestimmungen mit ein.<\/p>\n<p>Obwohl die Menschenrechte seit den 1980er Jahren zum \u201eV\u00f6lkergewohnheitsrecht&#8220; (Riedel) geworden sind, werden sie in Frage gestellt. Stets lassen sich Gr\u00fcnde finden, warum es keine Gleichbehandlung von Menschen geben solle. So argumentiert der neu aufflammende Nationalismus, dass jenes Volk eine andere Natur habe als dieses: ein einheitliches Naturrecht f\u00fcr alle Menschen g\u00e4be es nicht. Der Nationalismus rechtfertigt damit die ungleiche Behandlung von Menschen und stellt die Gemeinschaft vor die Rechte des einzelnen Individuums. Regionale Mehrheiten werden gegen universelle Rechte ausgespielt, so dass Menschenrechte pl\u00f6tzlich als utopische Spinnerei gelten. Deshalb scheint die derzeitige politische Weltlage keinen Platz f\u00fcr Menschenrechte zu haben.<\/p>\n<h3>Menschenrechte hei\u00dft Geschichte erz\u00e4hlen<\/h3>\n<p>Was die eigentliche \u201eNatur des Menschen&#8220; ist, bleibt umstritten. Die Geschichte hingegen lehrt uns, dass es triftig und klug ist, Menschen so zu behandeln, als seien sie alle gleich und frei. Diese Idee hat, jenseits aller Kultur, frei gemacht zur Diskussion und eine Vielfalt von Meinungen gef\u00f6rdert. Wer durch die Dauerausstellung streift, erkennt, dass Geschichte auch bedeutet, dass alles auch ganz anders sein k\u00f6nnte, als es jetzt ist. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat darum gefordert, nicht l\u00e4nger nach der Natur des Menschen zu forschen, um die Menschenrechte zu begr\u00fcnden. Vielmehr m\u00fcsse man die Sympathien f\u00fcr diese Rechte f\u00f6rdern, indem man die richtigen Geschichten erz\u00e4hlt. Die deutsche Geschichte h\u00e4lt f\u00fcr solche Erz\u00e4hlungen gen\u00fcgend Stoff bereit.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/RobertKluth.jpg\" width=\"140\" \/><br \/>\n<sup>\u00a9 Privat<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Robert Kluth<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Robert Kluth ist Historiker und Ausstellungskurator und hat u. a. f\u00fcr deutsche und amerikanische Museen gearbeitet. Er hat Geschichte und Philosophie an einem Berliner Gymnasium unterrichtet. Erreichbar ist er via <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/twitter.com\/Zickzackzuck\" target=\"_blank\">Twitter<\/a>.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Was sind Menschenrechte?<span><\/h2>\n<p>Vor 70 Jahren, am 10. 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