
{"id":267,"date":"2016-09-30T09:20:02","date_gmt":"2016-09-30T07:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=267"},"modified":"2016-12-09T14:54:46","modified_gmt":"2016-12-09T13:54:46","slug":"die-sprache-der-wende","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/09\/30\/die-sprache-der-wende\/","title":{"rendered":"Die Sprache der Wende"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">DIE SPRACHE DER WENDE<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>W\u00e4hrend der deutschen Teilung entfernten sich die B\u00fcrger aus Ost- und Westdeutschland nicht nur ideologisch, sondern auch sprachlich voneinander. Manch einer prognostizierte gar eine Trennung der deutschen Sprache. Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ist davon nur noch wenig zu sp\u00fcren. Wissenschaftler sind \u00fcberzeugt, dass dies vor allem der Anpassungsf\u00e4higkeit der Ostdeutschen zu verdanken ist.<\/b><\/p>\n<p>46 Jahre ist es her, dass der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, eine baldige Teilung des Deutschen in eine Ost- und eine Westvariante prophezeite. \u201eSogar die einstige gemeinsame Sprache ist in Aufl\u00f6sung begriffen\u201c, sagte Ulbricht 1970 vor dem 13. Zentralkomitee der DDR und spielte damit darauf an, dass es bei Wortschatz und Sprechweise durchaus Unterschiede zwischen den beiden deutschen Staaten gab. Heute, 26 Jahre nach der Wiedervereinigung, hat sich die Sprache in den neuen und alten Bundesl\u00e4ndern fast vollst\u00e4ndig angeglichen. Der Linguist Manfred Hellmann zeigte sich schon 2004 \u00fcberzeugt, dass der sprachliche Ausgleich geschafft sei \u2013 vor allem dank der Anpassungsf\u00e4higkeit der Ostdeutschen.<\/p>\n<h2>WESTDEUTSCHE BEGRIFFE EROBERN DIE NEUEN BUNDESL\u00c4NDER<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend zahlreiche in der DDR gel\u00e4ufige Begriffe, insbesondere aus der Arbeitswelt oder dem offiziellen Sprachgebrauch, nach der Wende sang- und klanglos verschwanden, liegt die Zahl der \u00fcbernommenen Vokabeln aus dem Westen bei 2.000 bis 3.000 W\u00f6rtern. Statt <i>Feinfrost<\/i>, <i>Kollektiv<\/i> und <i>Kaufhalle<\/i> hie\u00df es fortan <i>Tiefk\u00fchlkost<\/i>, <i>Team<\/i> und <i>Supermarkt<\/i>. Im Osten unbekannt waren Begriffe wie <i>Konfirmation<\/i>, <i>Spielothek<\/i> und <i>Hamburger<\/i> sowie eine Vielzahl im Westen g\u00e4ngiger Anglizismen wie <i>Kids<\/i> oder <i>Outfit<\/i>. Umorientieren mussten sich die Ostdeutschen auch in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Hier wich der ideologisch gepr\u00e4gte DDR-Staatsjargon pl\u00f6tzlich einer neuen West-Fachsprache.<\/p>\n<p>Die ehemaligen DDR-B\u00fcrger hatten auf dem Gebiet der Sprache eine enorme Anpassungs- und Integrationsleistung zu bew\u00e4ltigen. Anders die Westdeutschen: Nur ungef\u00e4hr 14 ehemals ostdeutsche Begriffe gingen in den gesamtdeutschen Wortschatz \u00fcber \u2013 darunter <i>abnicken<\/i>, <i>andenken<\/i>, <i>Exponat<\/i> oder <i>Fakt ist<\/i>. <i>Plaste<\/i> und<i> Elaste<\/i> hingegen, die alten DDR-Begriffe f\u00fcr harte und weiche Kunststoffe, wurden im Westen ebenso ignoriert wie Hunderte weitere.<\/p>\n<h2>VERST\u00c4NDIGUNGSPROBLEME NACH DEM MAUERFALL<\/h2>\n<p>Verst\u00e4ndigungsprobleme zwischen ost- und Westdeutschen hatten ihre Ursache in den ersten Jahren nach dem <a class=\"textlink internal\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/epochenbereiche\/1949-1994.html\" target=\"_blank\">Mauerfall<\/a>auch in den vielen unterschiedlichen Bezeichnungen. Eine Herausforderung war dies vor allem f\u00fcr die Ostdeutschen, die laut Sprachforscher Hellmann viele Begriffe aus der Bundesrepublik und vor allem deren Bedeutung wie bei einer Fremdsprache neu erlernen mussten, weil sie Vorg\u00e4nge oder Einrichtungen bezeichneten, die in der DDR unbekannt gewesen waren, z.B. Lohnsteuerjahresausgleich oder Sozialversicherungsnummer. Noch 1993, drei Jahre nach der Einheit, richtete das Germanistische Institut der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle ein Sprachberatungstelefon ein, das in den neuen Bundesl\u00e4ndern regen Zuspruch fand.<\/p>\n<p>Trotz der Unterschiede im allt\u00e4glichen Gebrauch gab es keineswegs zwei unterschiedliche deutsche Sprachen. Immerhin waren von circa 10.000 Worten im Allgemeinwortschatz der DDR-B\u00fcrger 94 Prozent gesamtdeutsch. Au\u00dferdem war in der DDR der Unterschied zwischen offiziellem und privatem Sprachgebrauch sehr ausgepr\u00e4gt. Im Privaten redeten die Ostdeutschen kaum anders als im Westen. Schon vor der Wende waren die Ostdeutschen \u2013 im Unterschied zu den Westdeutschen \u2013 in der Lage, ihren Wortschatz in einem gesamtdeutschen Kontext zu verorten. Sie wussten in der Regel weit besser \u00fcber die Lebensverh\u00e4ltnisse und die Sprache in der Bundesrepublik Bescheid als Westdeutsche \u00fcber das Leben und den Sprachgebrauch in der DDR.<\/p>\n<h2>NEUE SPRACHE DER EINHEIT<\/h2>\n<p>Zwar passten sich die Westdeutschen sprachlich nur wenig an ihre neuen Mitb\u00fcrger an. Doch auch in den alten Bundesl\u00e4ndern erweiterte sich nach der Wende das Vokabular. W\u00e4hrend der staatlichen Einigung entstanden viele W\u00f6rter, die f\u00fcr die Menschen in West und Ost neu waren und unmittelbar mit den Ver\u00e4nderungen der Zeit verbunden waren. Beispiele sind Begriffe wie <i>Abwicklung<\/i>, <i>Begr\u00fc\u00dfungsgeld<\/i>, <i>Montagsdemo<\/i>,<i> runder Tisch<\/i> oder <i>Solidarbeitrag<\/i>, aber auch abwertende Neusch\u00f6pfungen wie <i>Besserwessi <\/i>und <i>Jammerossi<\/i>. Diese und andere Ausdr\u00fccke geh\u00f6ren inzwischen l\u00e4ngst zum gesamtdeutschen Wortschatz.<\/p>\n<p>In vielen Bereichen haben sich die neuen und alten Bundesl\u00e4nder in den vergangenen 26 Jahren angen\u00e4hert. Gleichzeitig gibt es noch immer Unterschiede, die exakt entlang der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West verlaufen \u2013 etwa in den Bereichen Wirtschaftskraft, Familienstrukturen oder Verm\u00f6gen. Auch Stereotype \u00fcber \u201eden Wessi\u201c oder \u201eden Ossi\u201c geh\u00f6ren noch nicht der Vergangenheit an: Laut einer Studie des Berliner Instituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerung und Entwicklung werde es noch eine weitere Generation brauchen, bis sich die Einheit auch in den K\u00f6pfen durchgesetzt hat. In den M\u00fcndern der Deutschen ist sie l\u00e4ngst angekommen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE SPRACHE DER WENDE W\u00e4hrend der deutschen Teilung entfernten sich die B\u00fcrger aus Ost- und Westdeutschland nicht nur ideologisch, sondern auch sprachlich voneinander. Manch einer prognostizierte gar eine Trennung der deutschen Sprache. Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ist davon nur noch wenig zu sp\u00fcren. 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