
{"id":2670,"date":"2018-12-18T10:55:37","date_gmt":"2018-12-18T09:55:37","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=2670"},"modified":"2018-12-18T11:22:21","modified_gmt":"2018-12-18T10:22:21","slug":"wie-revolutionen-enden","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2018\/12\/18\/wie-revolutionen-enden\/","title":{"rendered":"Kolumne: Wie Revolutionen enden"},"content":{"rendered":"<h1>Wie Revolutionen enden<\/h1>\n<p><strong>Heute vor 140 Jahren wurde Josef Stalin geboren. PeterLicht besch\u00e4ftigt sich in seiner Kolumne mit einem der m\u00e4chtigsten Menschen des 20. Jahrhunderts und seinem Tod. <\/strong><\/p>\n<p>Jede Revolution ist das Ende von etwas, das es <em>vor<\/em> der Revolution einmal gegeben hatte. Oft, das muss man sagen, ist es ein vielfaches Ende. Und oft sind es <em>Menschen<\/em>, die enden. Also man k\u00f6nnte auch sagen: diese Menschen sind dann tot. In der <a href=\"\/blog\/2017\/11\/07\/die-revolution-die-eine-weltrevolution-werden-sollte-jedoch-nicht-wurde\/\" target=\"_blank\">russischen Revolution<\/a> zum Beispiel Zar Nikolaus II. und noch gesch\u00e4tzt weitere acht Millionen andere. Die waren dann tot. Das ist furchtbar. Was man beobachten kann: irgendwann enden auch die Revolutionen. Oft enden sie mit den Menschen, die die Revolution betrieben haben. Also man kann sagen, diese Menschen sind dann <em>auch<\/em> tot. Revolutionen sind ein Gro\u00dfph\u00e4nomen des Verschwindens. Man weiss nicht so recht, wann die russische Revolution verschwand. Mmmh was soll man sagen? Also was man sagen kann: irgendwann endete Lenin. Dann \u00fcbernahm Stalin. Man k\u00f6nnte vielleicht sagen, dann ging es erst richtig los. Aber als Stalin dann verschwand &#8211; das war dann schon ein Ende.<\/p>\n<p>Interessant ist, wie die Leute enden, mit deren Ende dann auch die Revolutionen enden. Also wie die Leute enden, die Revolutionen betreiben und die dazugeh\u00f6rige Beendigung der anderen Menschen. Also zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/josef-stalin\" target=\"_blank\">Stalin<\/a>.<\/p>\n<p>Stalin hatte einen Herzinfarkt. Und er lebte noch. Er lag in seinem grossen Bett im Diktatorenschlafzimmer seiner Prunkdatscha, draussen vor den Toren seiner Hauptstadt (Moskau). Niemand traute sich zu ihm ins Zimmer. Denn man wusste: wer das Falsche tat, war tot. Viele Menschen hatte Stalin t\u00f6ten lassen, weil sie das Falsche getan hatten. <em>Was <\/em>das Falsche war, das aber wusste niemand. Deshalb ging niemand rein ins Zimmer zum sterbenden geliebten Arbeiterf\u00fchrer. Wen man auch fragen w\u00fcrde, was das Falsche sei, keiner h\u00e4tte es einem sagen k\u00f6nnen. Klar war nur: danach zu <em>fragen<\/em> konnte auch schon das Falsche sein. Also lie\u00df man es vielleicht besser und blieb draussen vor der T\u00fcr. Denn eins war auch klar: wusste man schon beim <em>gesunden<\/em> Diktator nicht, was das FALSCHE war, so konnte man beim <em>kranken<\/em> Diktator, der jetzt ja auch noch eine t\u00f6dliche Krankheit\u00a0 an der Backe hatte (Herzinfarkt), noch nicht einmal <em>ahnen,<\/em> was das FALSCHE war. (Man wusste es nicht: vielleicht war der Diktator <em>unzufrieden<\/em> mit seinem Infarkt und er w\u00fcrde sein Herz <em>falsch<\/em> finden und sich bei jedem und allem <em>falsch<\/em> <em>f\u00fchlen<\/em>, was zur T\u00fcr hereink\u00e4me. Also zum Beispiel auch bei einem selber, wenn man derjenige w\u00e4re, der ins Diktatorenschlafzimmer hereingelaufen k\u00e4me). Vielleicht w\u00e4re jeder, der zur T\u00fcr reink\u00e4me ein FALSCHER und m\u00fcsste wieder richtig gemacht werden. Also tot. Das war der Grund, warum alle einfach besser drau\u00dfen warteten <em>vor<\/em> der T\u00fcr zum Schlafzimmer, in dem das gro\u00dfe Bett stand mit dem Diktator drin und seinem gebrochenen Herzen.<\/p>\n<p>Also alle warteten drau\u00dfen vor der T\u00fcr. Man hatte schon l\u00e4nger nichts mehr geh\u00f6rt drinnen. Keine Ger\u00e4usche. Kein \u00c4chzen oder St\u00f6hnen. Die Zeit dehnte sich. Man stand beieinander: die Leibwachen, die Leib\u00e4rzte, die Diener, die Zofen, irgendwelche Beamte und Milit\u00e4rs, die ganze Diktatoren-Posse. Und, \u00dcberraschung, mittendrin: Ich. <em>H\u00e4h?! <\/em>Ich hatte keine Ahnung warum. Aber ich stand da. Was auch immer es damit auf sich hatte: Ich war inmitten der Dikatoren-Posse. Ok. Wartend vor der T\u00fcr, durch die man in das Zimmer gelangen konnte, in dem ein immer stiller werdender Diktator und Massenm\u00f6rder lag. Also wenn man reingegangen w\u00e4re, in das Zimmer.<\/p>\n<p>Ich weiss nicht mehr genau, wer es sagte, aber irgendwer sagte, dass jetzt mal jemand reingehen sollte um nachzuschauen, was so Sache sei. Die Situation wurde zunehmend unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Mmmh ahh ok \u00e4hh, wer h\u00e4tte Lust reinzugehen zum Stalin<\/em>? <em>Mhhm mhhm mhhhmm<\/em>.<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Niemand.<\/p>\n<p>Alle, die an der T\u00fcre versammelt waren, blickten unbestimmt in die Tapeten und Kronleuchter. Ehrlich gesagt weiss ich nicht mehr, ob tats\u00e4chlich jemand die Frage gestellt hatte oder ob es nur eine kollektive Vorstellung war. Vermutlich sprach niemand die Frage aus. Sie hing wohl einfach in der Luft.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>Also wer jetzt? Wer geht rein? H\u00f6rt mal Leute, da drinnen liegt der Stalin mit seinem Herzinfarkt rum, vielleicht braucht der was!?<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Jetzt war es schon ziemlich l\u00e4nger sehr ruhig drinnen im Herzinfarktzimmer. Man k\u00f6nnte sagen, es war totenstill. Aber trotzdem wollte niemand derjenige sein, welcher. Die Zeit verging. Irgendwann beschloss man dann, dass der Mutigste reingehen m\u00f6ge. Das wurde aber auch nicht so richtig ausgesprochen. Auch das ergab sich so.<\/p>\n<p>Also gut, es war so:\u00a0 Als sich l\u00e4nger \u00fcberhaupt gar nichts mehr regte im Stalinschlafzimmer, wurde der Mutigste vorangeschickt. Ich weiss nicht mehr warum, aber das war: ICH. (Ich weiss nicht, warum). Der Mutigste \u00f6ffnete sachte die T\u00fcr und betrat das Zimmer. Dort stand er, also ich, alleine und schwei\u00dfgebadet mit klopfendem Herzen vor einer Leiche mit Schn\u00e4uzer. <em>Ui-jui-jui, jetzt nur nicht das Falsche machen!, d<\/em>achte ich mir. Ich nahm die Hand.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Ah Gottseidank, tot isser. Puh, Gl\u00fcck muss man haben! Der Diktator is aus.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ja, das also war das Ende der Geschichte des gro\u00dfen Diktators und der grossen Revolution. Der Rest ist Geschichte. Die Geschichte hie\u00df dann Chruschtschow oder Breschnew, sp\u00e4ter Gorbatschow und Jelzin. Mittlerweile hei\u00dft die Geschichte Putin. Oder Trump oder Saddam oder Assad oder Kim Jong-Un oder wie sie alle heissen. Niemand traut sich zu ihnen ins Zimmer. Erst wenn sich drinnen l\u00e4nger nichts mehr regt, wird jemand hineingeschickt. Es ist dann der Mutigste, der sachte die T\u00fcrklinke runterdr\u00fcckt und vorsichtig den Raum betritt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/PeterLicht.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">PeterLicht<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Der Musiker, Autor, Dramatiker und Kolumnist PeterLicht bewegt sich in seiner Arbeit zwischen den Polen: Utopie, Pop, Drama, soziale Skulptur, Kapitalismus und Schn\u00e4ppchenmarkt \u00bbwobei am Ende was rauskommen soll, was vielleicht sch\u00f6n ist\u00ab.<br \/>\nPeterLichts Kolumnen f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung erschienen unter dem Titel \u201eLob der Realit\u00e4t\u201c. Sein letztes Theaterst\u00fcck f\u00fcr das Theater Basel wurde zur Biennale 2017 nach Venedig eingeladen. 2018 wurde ihm die Liliencron-Poetikdozentur verliehen. Sein neues Album hei\u00dft \u201eWenn Wir Alle Anders Sind\u201c. Mehr unter <a style=\"color: white;\" href=\"http:\/\/www.peterlicht.de\" target=\"_blank\">www.peterlicht.de<\/a><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wie Revolutionen enden<span><\/h2>\n<p>Heute vor 140 Jahren wurde Josef Stalin geboren. PeterLicht besch\u00e4ftigt sich in seiner Kolumne mit einem der m\u00e4chtigsten Menschen des 20. 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