
{"id":281,"date":"2016-09-19T13:27:13","date_gmt":"2016-09-19T11:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=281"},"modified":"2016-12-09T13:37:15","modified_gmt":"2016-12-09T12:37:15","slug":"ein-tag-im-berlin-der-goldenen-zwanziger","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/09\/19\/ein-tag-im-berlin-der-goldenen-zwanziger\/","title":{"rendered":"Ein Tag im Berlin der Goldenen Zwanziger"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">TANZ AUF DEM VULKAN. EIN TAG IM BERLIN DER GOLDENEN ZWANZIGER<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Untergang des Kaiserreichs bricht in der deutschen Hauptstadt eine <a class=\"textlink internal\" title=\"Zum Epochenbereich in der Dauerausstellung\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung\/epochenbereiche\/1918-1933.html\" target=\"_blank\">neue \u00c4ra<\/a> an. In Zeiten politischer Unruhen geben sich viele Berliner dem Vergn\u00fcgen hin \u2013 und wagen im rasenden Tempo der 4-Millionen-Metropole einen Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der Zwanziger ist eine Stadt der Gegens\u00e4tze. Bis heute ist es ein Sehnsuchtsort geblieben. Wie w\u00e4re es, diese schillernde Gro\u00dfstadt noch einmal zu erleben, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nach und nach verschwand? Unser Autor hat die Zeitreise gewagt.<\/b><\/p>\n<p>Eine ferne Uhr schl\u00e4gt zw\u00f6lf Uhr Mittag, als ich durch die Neue Sch\u00f6nhauser Stra\u00dfe in Berlin-Mitte spaziere. Seit wenigen Augenblicken erst befinde ich mich in der Hauptstadt der Weimarer Republik, doch schon jetzt umgibt mich eine allgemeine Rastlosigkeit. Der Schritt der Menschen ist schnell, das Grollen der Busse und Bahnen unaufh\u00f6rlich. Angezogen von diffusem L\u00e4rm und Get\u00f6se biege ich in die Rosenthaler Stra\u00dfe ab und bleibe abrupt stehen: Nur wenige Meter entfernt fliegen F\u00e4uste, erklingen Schreie, aus der Ferne heulen die Sirenen. Wo ich ein Volksfest vermutet habe, tobt eine Stra\u00dfenschlacht. Das Viertel ist in Aufruhr.<\/p>\n<h2>TEMPO, TECHNIK UND TRISTESSE: DER ALEXANDERPLATZ<\/h2>\n<p>Nur wenige hundert Meter entfernt, am verkehrsumtosten <a class=\"textlink internal\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/kunst-und-kultur\/alfred-doeblin-berlin-alexanderplatz.html\" target=\"_blank\">Alexanderplatz<\/a>, ist von der Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten nicht viel zu sp\u00fcren. Monumental wirkt der Platz mit seinen Menschenmengen, seinen Stra\u00dfenbahnen und Warenh\u00e4usern. Im prachtvollen Kaufhaus Wertheim, das wie so viele Gesch\u00e4fte der Stadt j\u00fcdische Besitzer hat, gibt es Produkte aus nahezu allen Winkeln der Erde zu kaufen.<\/p>\n<p>Das Publikum bei Wertheim ist ein anderes als auf dem vorgelagerten Platz: vornehm gekleidet und kultiviert. Die Damen tragen Bubikopf, ihre Warenk\u00f6rbe sind prall gef\u00fcllt. Ich bezahle meinen Einkauf und verlasse das Geb\u00e4ude Richtung Untergrundbahn. Am Eingang in die Unterwelt sitzt ein Einbeiniger und bettelt. In seiner Linken h\u00e4lt er f\u00fcr alle gut sichtbar sein Eisernes Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Am unterirdischen Verkehrsknotenpunkt Alexanderplatz flie\u00dfen Menschenstr\u00f6me durch ein Labyrinth aus Leuchtreklamen und Bahnsteigen. \u00dcberall wird gebaut, gebohrt, gearbeitet. Ebene um Ebene gr\u00e4bt sich die Technik in die Tiefe. Unter ohrenbet\u00e4ubendem Gekreische rauscht die U-Bahn in die Station, saugt mich auf und spuckt mich in einem besseren Viertel wieder aus.<\/p>\n<h2>WELTSTADTFLAIR AM KURF\u00dcRSTENDAMM<\/h2>\n<p>Am Wittenbergplatz lasse ich das Kaufhaus des Westens hinter mir und folge dem steten Fluss der Passanten. Sie alle scheinen nur ein Ziel zu haben: den Kurf\u00fcrstendamm \u2013 Champs-\u00c9lys\u00e9es, Broadway, Piccadilly Circus der Reichshauptstadt. Ich streune \u00fcber den Boulevard mit seinen Boutiquen und Schaufenstern, lese die Werbeplakate an den Litfa\u00dfs\u00e4ulen und schaue den Frauen in ihren wehenden Kleidern hinterher. Die Atmosph\u00e4re auf den Terrassen der Bistros ist durchtr\u00e4nkt von Champagner und weltst\u00e4dtischer L\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<h2>AUF EINEN DRINK MIT DER BOH\u00c8ME IM ROMANISCHEN CAF\u00c9<\/h2>\n<p>Als ich am sp\u00e4ten Nachmittag das Romanische Caf\u00e9 an der Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche betrete, herrscht dort reges Treiben. M\u00e4nner in teuren Anz\u00fcgen stehen in Gespr\u00e4che vertieft an der Bar, ein helles Frauenlachen erf\u00fcllt den Saal. Der Ober nimmt gesch\u00e4ftig die Bestellungen entgegen. \u201eBittesch\u00f6n, Herr D\u00f6blin\u201c, sagt er zu einem Gast, der in sein Notizbuch vertieft am Fenster sitzt, und stellt ein Glas Wei\u00dfwein auf dessen Tisch. An der Theke bestelle ich ein Bier, sauge Dialogfetzen und Worte in mich auf. In Berlin, so entnehme ich den Gespr\u00e4chen, gibt es samstagabends nur zwei Optionen: das Theater oder das <a class=\"textlink internal\" title=\"Kino und Film in den 20er Jahren\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/kunst-und-kultur\/film-und-kino.html\" target=\"_blank\">Lichtspielhaus<\/a>.<\/p>\n<h2>IMPOSANTES BILDSPEKTAKEL IM UFA-PALAST<\/h2>\n<p>Meine Wahl f\u00e4llt auf den Ufa-Palast am Zoo, mit 2.165 Pl\u00e4tzen das gr\u00f6\u00dfte Kino der Republik und nur wenige Schritte vom \u201eRomanischen\u201c entfernt. Schon auf dem B\u00fcrgersteig vor dem Lichtspielhaus dr\u00e4ngen sich die Menschen in gro\u00dfen Trauben. Heute wird ein Film gezeigt, der die Stadt seit Wochen in Atem h\u00e4lt: Walther Ruttmanns <i>Berlin. Die Sinfonie der Gro\u00dfstadt<\/i>. \u201eDer m\u00e4chtige Rhythmus der Arbeit, der rauschende Hymnus des Vergn\u00fcgens, der Verzweiflungsschrei des Elends und das Donnern der steinernen Stra\u00dfen \u2013 alles wurde vereinigt zur Sinfonie der Gro\u00dfstadt\u201c, wirbt der Verleiher. Auch ich will eine Karte ergattern.<\/p>\n<p>Zu sp\u00e4t. Die Vorstellung sei restlos ausverkauft, verr\u00e4t mir der Herr im Kassenh\u00e4uschen. Stattdessen empfiehlt er mir den j\u00fcngsten Film von Fritz Lang. \u201eNicht sehr beliebt, aber ein Geheimtipp.\u201c F\u00fcr 75 Pfennig erwerbe ich ein Billett und finde mich kurze Zeit sp\u00e4ter in einem halbleeren Saal wieder. Als das Licht erlischt, bricht ein d\u00fcster-imposantes Spektakel \u00fcber mich herein. Metropolis erz\u00e4hlt die Geschichte einer ungleichen Zukunftsgesellschaft \u2013 und zieht mich mit gewaltigen Bildern und einem monumentalen Soundtrack in seinen Bann.<\/p>\n<h2>DURCH DIE NACHT AM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE<\/h2>\n<p>Wieder auf dem gl\u00e4nzenden Kurf\u00fcrstendamm angekommen, bittet mich eine Frau um Feuer. Das Ticket in ihrer Hand verr\u00e4t mir, dass auch sie Metropolis gesehen hat. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie hei\u00dft Claire, stammt aus Breslau und ist K\u00fcnstlerin. Rund um den Bahnhof Friedrichstra\u00dfe seien die Variet\u00e9s und Caf\u00e9s bis sp\u00e4t in die Nacht ge\u00f6ffnet, sagt sie. Ob ich nicht mitkommen m\u00f6ge? Ich z\u00f6gere noch, doch meine neue Begleiterin hat schon ein Taxi herangewinkt. W\u00e4hrend die Lichter an uns vorbeirauschen, das wilde Funkeln und Fauchen der Gro\u00dfstadt, schlie\u00dfe ich f\u00fcr einen Moment die Augen. Ein Traum muss es sein, in dieser wundersamen Stadt zu leben.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ AUF DEM VULKAN. EIN TAG IM BERLIN DER GOLDENEN ZWANZIGER Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Untergang des Kaiserreichs bricht in der deutschen Hauptstadt eine neue \u00c4ra an. In Zeiten politischer Unruhen geben sich viele Berliner dem Vergn\u00fcgen hin \u2013 und wagen im rasenden Tempo der 4-Millionen-Metropole einen Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":161,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[210,214,212,216],"class_list":["post-281","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-berlin","tag-geschichte","tag-goldene-zwanziger","tag-grossstadt"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=281"}],"version-history":[{"count":1,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":282,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281\/revisions\/282"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/161"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}