
{"id":289,"date":"2016-09-09T14:00:00","date_gmt":"2016-09-09T12:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=289"},"modified":"2016-12-09T14:01:56","modified_gmt":"2016-12-09T13:01:56","slug":"mokick-fuer-den-millionsten-gastarbeiter","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/09\/09\/mokick-fuer-den-millionsten-gastarbeiter\/","title":{"rendered":"Mokick f\u00fcr den millionsten &#8222;Gastarbeiter&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">MOKICK F\u00dcR DEN MILLIONSTEN \u201eGASTARBEITER\u201c<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>\u201eViva Portugal! Viva Espa\u00f1a!\u201c, t\u00f6nt es am 10. September 1964 kurz vor 10 Uhr auf dem K\u00f6ln-Deutzer Bahnhof. ln zwei Sonderz\u00fcgen von der iberischen Halbinsel sitzen 1.106 k\u00fcnftige <a class=\"textlink internal\" title=\"Zur Ausstellung \" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/archiv\/2016\/immer-bunter.html\" target=\"_blank\">\u201eGastarbeiter\u201c<\/a>. Unter den 173 Portugiesen ist auch der 38-j\u00e4hrige Zimmermann Armando Rodrigues de S\u00e1 aus dem kleinen nordportugiesischen Dorf Vale de Madeiros.<\/b><\/p>\n<p>Rodrigues de S\u00e1 ahnt nichts Gutes, als er nach 48-st\u00fcndiger Bahnfahrt seinen Namen aus den Lautsprechern h\u00f6rt. Er versteckt sich zun\u00e4chst in der Menge, da er f\u00fcrchtet, wieder nach Hause zur\u00fcckgeschickt zu werden. Aber die anderen schieben ihn nach vorne.<\/p>\n<p>\u201eWir haben ihn!\u201c, ruft der Pressechef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb\u00e4nde (BDA). Werner M\u00fchlbradt: Armando Rodrigues de S\u00e1 wei\u00df nicht, dass die Beauftragten des BDA vor Einfahrt des Zuges durch blindes Tippen auf die Namenslisten der angeworbenen Arbeitskr\u00e4fte gerade ihn als millionsten Gastarbeiter ausgew\u00e4hlt haben. Es dauert eine Weile, bis sein Schreck nachl\u00e4sst und er mit Hilfe eines Dolmetschers die Situation versteht: Ihm gilt der gro\u00dfe Bahnhof mit Musik, Festreden, wehenden Fahnen, Blitzlichtgewitter und surrenden Kameras. Der BDA \u00fcberreicht ihm als Willkommensgeschenk Blumen, ein Diplom und ein <a class=\"textlink external\" title=\"Zum Objekt auf LeMO\" href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/bestand\/objekt\/technisches-geraet-moped-millionster-gastarbeiter.html\" target=\"_blank\">Mokick<\/a> der Marke Z\u00fcndapp Sport Combinette. Die Ankunft des millionsten \u201eGastarbeiters\u201c wird 1964 in der Bundesrepublik zum Medienereignis. Zugleich r\u00fcckt dieser Empfang auch das Leben vieler anderer ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte in das \u00f6ffentliche Interesse.<\/p>\n<p>Wie Millionen anderer \u201eGastarbeiter\u201c l\u00e4sst sich Armando Rodrigues de S\u00e1 von einer Verbindungsstelle der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeitsvermittlung anwerben, um in Deutschland f\u00fcr ein besseres Leben in der Heimat Geld zu verdienen. Als Hilfsarbeiter auf dem Bau f\u00fchrt ihn die Arbeit von Stuttgart \u00fcber Blaubeuren nach Sindelfingen und Mainz. ln Portugal betr\u00e4gt der Lohn des gelernten Tischlers 1964 etwa 620 Escudos pro Monat\u00a0\u2013 aufgrund seiner Sparsamkeit kann er aus Deutschland bald 550 DM monatlich nach Hause schicken, das entspricht in dieser Zeit etwa 4.000 Escudos.<\/p>\n<p>Dreimal im Jahr besucht Armando Rodrigues de S\u00e1 seine Familie in Portugal. Das Mokick bringt er schon nach drei Monaten zum ersten Weihnachtsurlaub mit, w\u00e4hrend der Aufenthalte in der Heimat ist es sein ganzer Stolz. Gerne f\u00e4hrt er damit durch den Ort und besucht Verwandte und Freunde. Von seinen Ersparnissen kauft er in Portugal ein Haus und Grundst\u00fccke f\u00fcr seine Familie. Schon 1970 kehrt Rodrigues de S\u00e1 nach einem Arbeitsunfall nach Vale de Madeiros zur\u00fcck. Eine schwere Erkrankung zehrt gro\u00dfe Teile des angesparten Verm\u00f6gens auf. Er wei\u00df nicht, dass er Anspruch auf Leistungen aus der deutschen Krankenversicherung hat. 1979 stirbt er im Alter von 53 Jahren. Seiner Familie bleiben vom \u201eGastarbeiter\u201c-Traum das H\u00e4uschen und das geschenkte Mokick.<\/p>\n<p>Das Bild des millionsten Gastarbeiters mit seinen Willkommensgeschenken hat sich durch unz\u00e4hlige Ver\u00f6ffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, in B\u00fcchern und im Fern sehen in das Bewusstsein der deutschen Bev\u00f6lkerung eingepr\u00e4gt. Das Mokick erinnert im <a class=\"textlink internal\" title=\"Zum Haus der Geschichte\" href=\"https:\/\/www.hdg.de\/\" target=\"_blank\">Haus der Geschichte<\/a> stellvertretend an die Begr\u00fc\u00dfung vieler Ausl\u00e4nder seit Mitte der 1950er Jahre, die mit ihrer Arbeit zum wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben.<\/p>\n<p><i>Bettina Citron<\/i><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MOKICK F\u00dcR DEN MILLIONSTEN \u201eGASTARBEITER\u201c \u201eViva Portugal! Viva Espa\u00f1a!\u201c, t\u00f6nt es am 10. 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