
{"id":3037,"date":"2019-05-21T13:07:32","date_gmt":"2019-05-21T11:07:32","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3037"},"modified":"2019-05-23T14:56:33","modified_gmt":"2019-05-23T12:56:33","slug":"blogparade-sich-selbst-regieren-koennen-goethe-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2019\/05\/21\/blogparade-sich-selbst-regieren-koennen-goethe-im-interview\/","title":{"rendered":"Blogparade: \u201eSich selbst regieren k\u00f6nnen\u201c \u2013 Goethe im Interview"},"content":{"rendered":"<h1>\u201eSich selbst regieren k\u00f6nnen\u201c \u2013 Goethe im Interview<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Damian Mallepree | 21. Mai 2019<\/span><\/p>\n<p><strong>Darf ich Euch zu einem fiktiven Interview mit Goethe einladen?<br \/>\nFiktives Datum ist der 11. Juni 1786. Seit 10 Jahren \u00fcbt der Geheimrat Goethe seine amtlichen T\u00e4tigkeiten aus. Wir wollten wissen, was seine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft sind.<\/strong><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong class=\"wp-image-3040 size-large\">Herr Geheimrat von Goethe, wir kennen Sie als Dichter und als Politiker. Was macht Ihnen eigentlich mehr Freude, das Dichten oder das Regieren?<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ich sag Ihnen mal, was ich in mein Tagebuch geschrieben habe, vor fast 10 Jahren, mit 27 Jahren: \u201eRegieren!\u201c Ja, ich kann sagen, dass mich meine \u00c4mter schon ausf\u00fcllen. Aber, wie sagt man so sch\u00f6n, Herrschen ist leicht, Regieren schwer.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Spricht da eine gewisse Amtsm\u00fcdigkeit aus Ihnen?<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Nein, ich w\u00fcrde sagen, Realit\u00e4tssinn. Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, dass meine jugendliche Begeisterung ein wenig eingeschlafen ist. Die meisten Politiker w\u00fcrden sowas ja nie zugeben. Wissen Sie, ich m\u00f6chte Regieren, also ich meine, ich m\u00f6chte die gesellschaftlichen Entwicklungen immer im Blick haben und entsprechend handeln. Wenn man einfach nur herrscht wie ein absolutistischer Herrscher eben, dann kann es zu Revolutionen kommen. Das kennen wir doch aus der Geschichte, dass\u2026<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>\u2026da m\u00fcssen wir mal kurz einhaken. Carl August, der Herzog, ist aber doch so etwas wie ein Herrscher.<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ja, ich, wei\u00df, ihr Hauptstadtjournalisten redet immer nur von Demokratie. Sehen Sie, Carl August war 19 Jahre alt als er sein Amt als Herzog antrat. Was h\u00e4tte er machen sollen? Sehen Sie, unser Herzogtum ist doch eines von hunderten innerhalb unseres Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation. Und da sollen wir einfach die B\u00fcrger mitbestimmen lassen? Ich halte da \u00fcberhaupt nichts von.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Wenigstens eine klare Position. Laut dem Rechercheverbund von S\u00fcddeutscher Zeitung und Le Globe werden die Rufe nach Mitbestimmung aber immer lauter. \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c sind als popul\u00e4re Forderungen von Seiten der sogenannten Rotm\u00fctzen-Bewegung bekannt.<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ich kenne diese Forderungen, m\u00f6chte aber weiterhin zur Besonnenheit aufrufen. Dazu geh\u00f6rt auch die Frage: Freiheit auf allen Gebieten der Gesellschaft? Besser nicht im Bereich der Wirtschaft! Freiheit f\u00fcr das kulturelle Leben, das ist wichtig und richtig. Und das f\u00f6rdert auch Carl August. Was meinen Sie, in einigen Jahrzehnten schon wird man von Weimar als kulturellem Zentrum sprechen.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Was ist mit Br\u00fcderlichkeit?<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ihre Frage ist mir zu abstrakt. Sie sollten Friedrich Schiller fragen. Letztes Jahr hat er doch die Ode \u201eAn die Freude\u201c geschrieben. Das \u201ealle Menschen werden Br\u00fcder\u201c gef\u00e4llt mir. Ein konkretes Beispiel von mir: Als ich vor ein paar Jahren an der \u201eIphigenie\u201c sa\u00df, in Apolda war das, hatte ich eine Schreibblockade. Ja, ich musste hehre Gedanken und hohe Worte formulieren und wusste aber gleichzeitig, dass die Strumpfwirker dort hungerten. Auch wenn man es mir nicht immer abnimmt, ich sehe aber die sozialen N\u00f6te der Handwerker.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Noch mal zur\u00fcck zu Carl August. Sie k\u00f6nnten die Reformen von Carl August doch st\u00e4rker unterst\u00fctzen.<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ich bin sein engster Berater und auch sein Freund. Das hei\u00dft, ich darf auch mal anderer Meinung als er sein. Carl August strebt eine neue Verfassung an. Da wird auch von Pressefreiheit und Meinungsfreiheit fabuliert. Nein, ich will das nicht weiter kommentieren. Das sind sonst auch kurzfristige Erscheinungen. <em>(Anmerkung der Red.: Carl August wird seine Reformen tats\u00e4chlich nach dem Wiener Kongress wieder zur\u00fccknehmen m\u00fcssen, auch Presse- und Meinungsfreiheit werden nach kurzer Zeit wieder stark eingeschr\u00e4nkt). <\/em>Wissen Sie, was mich aber tats\u00e4chlich besch\u00e4ftigt?<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Legen Sie los.<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Da ich ja auch Wegebauminister bin, m\u00f6chte ich nicht nur gerne gescheite Stra\u00dfen haben, sondern auch die Verbindungen interessieren mich. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass mein Reisekoffer alle deutschen Staaten unge\u00f6ffnet passieren kann. Ich w\u00fcnsche mir, dass der Pass eines Weimarer B\u00fcrgers in Hessen nicht f\u00fcr den Pass eines Ausl\u00e4nders gehalten wird. Ich w\u00fcnsche mir, dass von Inland und Ausland unter deutschen Staaten keine Rede mehr ist. Und ich w\u00fcnsche mir, dass besonders die Literatur und Kultur global vernetzt wird. \u201eWeltliteratur\u201c w\u00e4re doch ein passendes Stichwort.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>H\u00f6rt sich sch\u00f6n an. Erscheint mir aber auch elit\u00e4r. Der Handwerker in Apolda wird davon auch nicht satt.<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Ihr wollt mich nicht verstehen. Wo fangen wir denn an? Mit Almosenverteilen? Ja, das auch. Mit Bildung? Ja, ganz besonders. Und besonders mit weniger Ausgaben f\u00fcr die Soldaten. Und das sage ich als Kriegsminister. Sollen die jungen Menschen besser eine Ausbildung anfangen. Dann weiter Lernen und sich Fortbilden. Gerne auch meine Werke lesen (schmunzelt). Im Ernst, ich schreibe doch nicht umsonst von der Autokratie eines jeden.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Also, was meinen Sie damit, Herr Geheimrat?<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Sich selbst regieren k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte alle Menschen darin best\u00e4rken, dass sie von oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum, sich selbst also, zumuten und so den h\u00f6chsten Grad von T\u00e4tigkeit in der Realisierung der sich selbst gestellten Aufgaben hervorbringen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Gestatten Sie mir zum Schluss noch eine pers\u00f6nliche Frage an den Dichter: wann k\u00f6nnen wir ein neues Werk von Ihnen lesen?<\/em> <\/strong><\/span><\/p>\n<p>Damit Sie wieder etwas haben zum Verriss? Nein, danke. Man kennt mich doch schon als den Dichter des \u201eWerther\u201c, ber\u00fchmt bin ich schon. Ich muss umso mehr als K\u00fcnstler mich bilden. Der S\u00fcden zieht mich magisch an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3040\" style=\"width: 585px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3040\" class=\"wp-image-3040 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Freiheitsbaum-02-575x1024.jpg\" alt=\"Eine Zeichnung von Goethe von dem Freiheitsbaum mit einer Jakobinerm\u00fctze. Entstanden 1792.\" width=\"575\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Freiheitsbaum-02-575x1024.jpg 575w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Freiheitsbaum-02-168x300.jpg 168w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Freiheitsbaum-02-768x1369.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Freiheitsbaum-02.jpg 1616w\" sizes=\"auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px\" \/><p id=\"caption-attachment-3040\" class=\"wp-caption-text\">Goethes Zeichnung von dem Freiheitsbaum mit einer Jakobinerm\u00fctze, 1792. (c) Goethe-Museum, D\u00fcsseldorf.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Beitrag wurde im Rahmen der <a href=\"\/blog\/2019\/04\/30\/blogparade-was-bedeutet-mir-die-demokratie-dhmdemokratie\/\" target=\"_blank\">Blogparade #DHMDemokratie<\/a> von Damian Mallepree, M.A., Goethe-Museum D\u00fcsseldorf, verfasst.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Volker Ebersbach: Carl August. Goethes Herzog und Freund. K\u00f6ln 1988.<\/p>\n<p>Ekkehart Krippendorf: Goethe. Politik gegen den Zeitgeist. Frankfurt 1999.<\/p>\n<p>Ekkehart Krippendorf: Staat. In: Bernd Witte et al. (Hrsg.): Goethe-Handbuch 4\/2. Stuttgart, Weimar 2004.<\/p>\n<p>Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen. Frankfurt a. M. 2010.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Blogparade: \u201eSich selbst regieren k\u00f6nnen\u201c \u2013 Goethe im Interview<span><\/h2>\n<p>Darf ich Euch zu einem fiktiven Interview mit Goethe einladen?<br \/>\nFiktives Datum ist der 11. Juni 1786. 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