
{"id":310,"date":"2016-08-17T14:33:45","date_gmt":"2016-08-17T12:33:45","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=310"},"modified":"2016-12-09T14:38:11","modified_gmt":"2016-12-09T13:38:11","slug":"geschichte-der-tischmanieren","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/08\/17\/geschichte-der-tischmanieren\/","title":{"rendered":"Geschichte der Tischmanieren"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">SELBSTVERST\u00c4NDLICH?! WARUM GABELN EINST TEUFELSZEUG WAREN<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>Messer rechts, Gabel links: Die Auswahl der Esswerkzeuge ist bei kultivierten Europ\u00e4ern heute alternativlos. Wir erkl\u00e4ren, warum unsere Vorfahren mit feinem Besteck nichts anfangen konnten \u2013 und woher der Ausdruck \u201eden L\u00f6ffel abgeben\u201c stammt.<\/b><\/p>\n<p>Um sich in einem feinen Restaurant unserer Zeit einmal richtig zu blamieren, reicht ein Handgriff: Man verzichte einfach auf Messer und Gabel und bearbeite das Filet oder die Kart\u00f6ffelchen mit dem Suppenl\u00f6ffel. Ger\u00fcmpfte Nasen und absch\u00e4tzige Blicke der anderen G\u00e4ste sind garantiert.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Generationen waren solche All\u00fcren unbekannt. F\u00fcr Gabeln hatten unsere Vorfahren lange Zeit keine Verwendung. Denn vom Mittelalter bis zur fr\u00fchen Neuzeit war der Speiseplan der meisten Menschen sehr \u00fcbersichtlich. Morgens: Brei. Mittags: Brei. Abends: Brei. Auf den Tisch kam in der Regel ein gro\u00dfer Topf mit gekochtem Getreide. Mitessen konnte nur, wer einen L\u00f6ffel hatte. Er war die Lebensversicherung. Die Leute trugen ihn best\u00e4ndig bei sich \u2013 egal ob im Gasthaus oder auf Reisen. \u201eDen L\u00f6ffel abgeben\u201c stand damals nicht nur sprichw\u00f6rtlich f\u00fcr den sicheren Tod.<\/p>\n<p>In seiner Form gleicht der L\u00f6ffel einer sch\u00f6pfenden Hand und ist eines der urt\u00fcmlichsten Werkzeuge des Menschen. Schon aus der Altsteinzeit sind L\u00f6ffel aus Holz und Knochen bekannt, sp\u00e4ter brannte man sie aus Ton. Mit der metallverarbeitenden Industrie kam im 15. Jahrhundert die professionelle L\u00f6ffelmacherei auf: Ein Betrieb schmiedete am Tag bis zu 40 L\u00f6ffel aus rohem Metall. Drei Jahrhunderte sp\u00e4ter schnitten die Handwerker die L\u00f6ffel dann schneller und effizienter aus Blech.<\/p>\n<p>Der L\u00f6ffel blieb in Mitteleuropa bis ins 19. Jahrhundert das wichtigste Esswerkzeug. Das Messer, ebenfalls ein treuer Begleiter, diente vor allem zum Zerteilen der Mahlzeit.<\/p>\n<h2>GOTTLOSE FORKE<\/h2>\n<p>Heute liegt in der westlichen Welt auch die Gabel ganz selbstverst\u00e4ndlich auf dem Tisch. Anders als L\u00f6ffel und Messer musste sie sich ihren Platz neben dem Teller aber erst erstreiten.<\/p>\n<p>Der Ruf der Miniatur-Forke war fr\u00fch ruiniert. Nicht ihre Ab-, sondern ihre Anwesenheit war ein gesellschaftliches No-Go. Obwohl schon die alten R\u00f6mer Gabeln gekannt hatten, war das gezackte Esswerkzeug n\u00f6rdlich der Alpen lange verp\u00f6nt. Schon Hildegard von Bingen, meinungsstarke Mystikerin des 12. Jahrhunderts, soll die Gabel als gottlos gebrandmarkt haben. Zum Massenph\u00e4nomen reichte es mit diesem Stigma zun\u00e4chst nicht. Zum Image- kam das bereits geschilderte Konkurrenzproblem: Die Gabel schaffte es lange nicht, mit dem L\u00f6ffel gleichzuziehen. Die Menschen brauchten kein zweites Esswerkzeug, das Nahrung vom Teller zum Mund bef\u00f6rderte.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4t begann der Aufstieg der Gabel. Die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts brach mit dem Aberglauben vom Teufelsger\u00e4t. Im gleichen Jahrhundert fanden Obst- oder Konfektgabeln den Weg auf europ\u00e4ische Esstische. Franz\u00f6sische und italienische Damen sch\u00e4tzten sie als distinguiertes Accessoire.<\/p>\n<p>Die Gegnerschaft blieb zun\u00e4chst jedoch gro\u00df und gewichtig. <a class=\"textlink internal\" title=\"Zur Ausstellung \" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/vorschau\/der-luthereffekt.html\" target=\"_blank\">Martin Luther<\/a> und Erasmus von Rotterdam verspotteten die Gabel als weibische Mode. \u201eGott beh\u00fcte mich vor G\u00e4belchen&#8220;, soll Luther gesagt haben.<\/p>\n<h2>DIE GABEL: LUXUS UND WEIBISCHE MODE<\/h2>\n<p>Ein nachhaltiger Imagewandel gelang der Gabel in unseren Breiten im 18. Jahrhundert: Das einst verschm\u00e4hte Werkzeug wurde in Adelskreisen zum Symbol f\u00fcr Luxus und Kultiviertheit. Die handgefertigte Besteckgarnitur f\u00fcr zw\u00f6lf Personen aus dem Besitz der Herz\u00f6ge von Anhalt, die in der <a class=\"textlink internal\" title=\"Zur Dauerausstellung\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist, veranschaulicht diese Ver\u00e4nderung. Mit der industriellen Revolution wurde das Besteck inklusive Gabel zum Massenph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Mit der Machart des Bestecks hat sich Jahrhunderte sp\u00e4ter auch der Umgang damit ver\u00e4ndert. Ein grob geschnitzter L\u00f6ffel liegt anders in der Hand als eine filigran gearbeitete Tischforke. Der heutzutage angemessene Umgang ist in der Benimmbibel Knigge genau definiert: Wir sollen Gabel oder L\u00f6ffel nicht wie Hammer oder Bohrmaschine halten, sondern elegant am Ende fassen und f\u00fchren. Eine der wichtigsten Regeln: Gabel, Messer und L\u00f6ffel lege man nach der Mahlzeit parallel auf den Teller. Der Gabelr\u00fccken weist nach unten und das Messer liegt mit der Schneide zur Gabel. Fertig.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SELBSTVERST\u00c4NDLICH?! WARUM GABELN EINST TEUFELSZEUG WAREN Messer rechts, Gabel links: Die Auswahl der Esswerkzeuge ist bei kultivierten Europ\u00e4ern heute alternativlos. Wir erkl\u00e4ren, warum unsere Vorfahren mit feinem Besteck nichts anfangen konnten \u2013 und woher der Ausdruck \u201eden L\u00f6ffel abgeben\u201c stammt. 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